Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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EHE WAHRHEIT * daß diesen Juden, die vielleicht noch einen gewissen spezifisch-jüdischen Einschlag besitzen, ein letzter Rettungsanker in Form des Nationalismus zugeworfen werden kann. Vielleicht werden sie noch einmal zu einem Scheinjudentum zurückgeführt, vielleicht werden sie selbst noch vor der Taufe bewahrt. Allein die Erkenntnis und die Idee des Judentums den Kindern und Kindeskindern zu überliefern, sind sie nicht mehr imstande. Die Bibel und das jüdische Schrifttum, jüdische Ethik und jüdische Moral, lebendes Judenrum und jüdisches Leben haben Jahrtausende überdauert; die ägyptischen Könige, die Lehre Christi, der Koran, die blutige Inquisition, die Judenverfolgungen der Neuzeit und die Bestrebungen des Freidenkertums waren nicht imstande, dieses jüdische Leben niederzuringen. Unentwegt erkennen alle, die das Judentum als ein Leben erkennen und verstehen, die Ewigkeitsidee seines Seins. Es mag richtig sein, daß Unkenntnis und bewußte Ablehnung jüdischer Ideologie da und dort die Juden so weit vom Judentum entfernen, daß sie lediglich eine Art Götzendiener des Pietätsgedankens werden, jenes Pietätsgedankens, der mit den Oebetmühlen der Tibetaner und dem Leiern der Islamiten verglichen werden kann. Was bedeutet aber die Abkehr oder der Verlust dieser wenigen Menschen für die gewaltige Idee des Judentums: Nicht das Judentum, nicht die durch das Judentum großgezogene Idealgestalt ethischer Läuterung verliert durch die Abkehr dieser Juden an Glanz und Macht, sondern diese Juden verlieren ein gewaltiges Stück ihres Lebensidealismus. Wie traurig, wie klein und wie minderwertig stieht dieser Ewigkeitsidee des Judentums die Gleichgültigkeit der Moderne gegenüber. Immer aufs neue verlangt die Sehnsucht des Menschen nach einer Auseinandersetzung mit dem Göttlichen. Das Judentum ist nicht eine versteinerte, mumienhafte Religion, die als verwitterter Obelisk aus grauler Vorzeit in unsere Tage ragt. Das Judentum besitzt vielmehr nicht An die Jugend! Vom Vizepräsidenten der „Union" Dr. Karl Steiner. Jugend, dach grüße ich an dem Tage, da sich <®e Pforte öffnet, durch die wir einziehen in ein neues Jahr. Dir gelten meine Wünsche, auf dich setze ich meine Hoffnungen, du bist meine Zuversicht . . . Das Werk, von den Alten begonnen und fortgesetzt von ihren Nachfahren zum Segen des Judentums, in deine Hände wird es in nicht zu ferner Zeit gelegt werden, auf daß du es fortführtest. Bereite dich vor für diesen Tag, der bedteutungs- und verantwortungsvoll für dich sein wird, mit allem Ernste, dessen du fähig bist, mit allem Fleiße, den du bedarfst, mit aller Kraft, die du aufzubringen vermagst. Das vergangene Jahr war, wie schon so viele vor ihm, Erfüllt von schweren Leiden für das Judentum und nicht vermag unser Auge in eine lichterfüllte Zukunft zu sehen. Schwarze Wolken ziehen herauf und! immer mehr ballen sie sich zu dichtem, finsterem Gewölk. Gewitterschwer ist die Luft, atembektemmend. GefahrenvoU für uns Juden die Zeit, der wir entgegengehen . . . Kämpfer braucht das Judentum, aufrechte, mutige Kämpfer, die stolz ihr Judentum bekennen, die, fest wurzelnd in der Heimaterde, kraftvoll eintreten für sein Recht und seine Ehre. Nicht mit der Waffe in der Hand soll der Kampf geführt werden, nicht mit Feuer und Schwert, nur die Warfe des Geistes soll geschwungen werden wider Unvernunft und Verleumdung, wider Haß und Niedertracht. Wir müssen kämpfen um das verbürgte Recht, das unser ist wie aller anderen, um das Gesetz, für das einst warmes Blut auch aus Judenherzen! zur Erde rann, kämpfen um jüdische Würde und Ehre. Man zwingt uns, diesen heiHgjen Kampf um Recht und Gesetz, um Würde und Ehre zu führen, und wir müssen ihn mit aller Ohrt der Begeisterung aufnehmen, sollen wir uns nicht selbst aufgeben. Wir streben keine Sonderrechte für uns Juden an, so wie wir keine Sonderpflichten uns auferlegt wissen wollen, nur die uneingeschränkte Anerkennung unseres Vollbürgertums mit allen seinen Rechten und Pflichten begehren wir und diesem Ziele gilt unser Kampf . . . Für solchen Kampf sammelt und rüstet euch und suchet Mitkämpfer, dSe euren Mut beschwingen und eure reinen Seelen erheben. Findet euch in Einigkeit zusammen, Gleichgestimmte und Gleichgesinnte, bereit, im gegebenen Zeitpunkte die Fahne, die wir hochhalten, aus unseren dann schwach gewordenen Händen in eure starken zu übernehmen. Jetzt, da euch die goldenen Tage der Jugend leuchten, mehrt euer Wissen um das wahre Judentum, um sein innerstes Wesen und sein oberstes Gesetz, um seine ethische Tiefe und seine hohe Moral. Und wenn sich eure empfänglichen Herzen diesem Wissen erschlossen haben werden, dann werdet ihr euch eures Judentums bewußt werden, im stolzen Gefühle. Glieder dieser Gemeinschaft zu sein, dann werdet ihr das sein, das sein müssen, was wir von euch erwarten: Juden. Und Jude sein beißt Kämpfer sein. Kämpfer für wahre Freiheit und jüdische Ehre, für das Recht, das man ihm vorenthält, und für das Gesetz, das man ihm zu Leide so oft zu beugen sucht, Kämpfer nicht allein für sich, für alle, für die große Masse. Kämpfer für das gesamte Judentum. Jugend, auf dich setze ich meine Hoffnungen, du bist meine Zuversicht... Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt nur Leben, sondern auch Lebenskraft, die trotz jahrtausendelangem unsäglichen Martyrium imstande ist, aufs neue Menschen, die das Judentum zu erkennen versucht haben, zu begeistern. Diese durch Jahrtausende erwiesene und auch gegenwärtig unverrückte Erkenntnis jüdischer Kraft sollte alle jene Juden von der Ewigkeitsidee überzeugen, die ohne die Idee zu begreifen, ihre Gegner wurden. Ueberall, wo Juden aufhörten, nach der Erkenntnis des Judentums zu streben, überall, wo Eltern die Opfer scheuten, Kinder in jüdischem Sinne erzielten und unterrichten zu lassen, ist das jüdische Leben zusammengebrochen. Die großen mährischen Gemeinden, die durch die Oröße ihrer jüdischen Lehrer, durch das Verständnis ihrer jüdischen Bürger den Glanz ihrer geistigen Welt weit über die Grenzen ihres wirtschaftlichen Horizonts hinaustrugen, beginnen die letzten Atemzüge zu tun. Nicht vielleicht, weil die Juden verschwunden sind, sondern weil die Juden glaubten, der Moderne ihr Judentum opfern zu müssen. Die Großgemeinde Wien darf nicht das Schicksal der mährischen Gemeinden teilen. Die Großgemeinde Wien muß auf dem hohen jüdisch-geistigen Niveau, auf dem sie hiaute noch mit ihren Schulen und: jüdischen Institutionen steht, erhalten werden. Dem jüdischen Unterrichte in der Schule, der Erhaltung der Tempel, der Ausgestaltung der Bibelschulen und der jüdischen Erziehung der Jugend müssen die meisten Opfer gebracht werden. Die jüdische Erziehung der Jugend wird Früchte tragen, die in reicher Weise die Opfer bezahlen werden, dSe für die Saat gebracht wurden. Die Erkenntnis und die Erhaltung jüdischer Tradtion darf nicht Zwang, sondern muß Selbstzweck sein. Nicht Formalismus, nicht erzwungene Pietätsgefühle, nicht Orgelklang können die Idee des Judentums erhalten, sondern einzig und allein die Verlegung der Religionsidee in die. Sphäre des Geistes. . Judisches Neujahr. Der fetzte Tag des Jahres gibt dem ersten Tag des neuen Jahres die Hand — und so zieht sich, Jahr für Jahr, ein endlose Kette, an der sich das Einzelleben des Menschen und das Geschick des ganzen Menschengeschlechts aufreiht. Unmerklich, gleichmäßig, ohne Pause, ohne Eile tropft Sekunde für Sekunde, Stunde für Stunde, Tag für Tag in die Vergangenheit hinab, und so kommt der Tag, an welchem sich die letzte Sekunde des neuen Jahres unmerklich, ohne Eile, ohne Pause, an die letzte Sekunde des alten Jahres reiht. Die Reflexion des Menschen kann diese Gleichmut der Natur nicht ertragen. Mit dem Glase in der Hand steht am 31. Dezember nachts, gegen 12 Uhr, der Europäer, um die letzte Minute des alten Jahres gewissermaßen aufzufangen, und wenn die Mitternacht gekommen ist, reißen Glockengeläute, Böllerschüsse und „Prosit Neujahr"-Geschrei ein Loch in die Zeit — das alte Jahr ist tot, es lebe das neue Jahr! Pereat die entschwundene Zeit, die uns narrte, enttäuschte, unsere Wünsche unerfülli ließ; hoch die Zukunft, die unbekannte, der wir all unsere Hoffnungen, all unsere Illusionen anvertrauten dürfen! Und während giexhmäßig, ohne Eile, ohne Pause, von den ersten Stunden des neuen Jahres eine Sekunde nach der andern verrinnt, feiert Europa das Freudenfest des großen, des ewigen Traums von einer besseren, sorgenloseren Zukunft — das Neujahrsfest. Am 29. Elul, wenn sich die Sonne senkt, wenn dile Dämmerung beginnt, ist der Jude bereit, um mit dem Aufblitzen der ersten Sterne sein neues Jahr aus den Händen der Ewigkeit in Empfang zu nehmen. Roschhaschonoh — Beginn des Jahres! Dort, wo noch alte, echte, jüdische Religiosität herrscht, sind die Menschen wie verwandelt. Der Tag des neuen Jahres — es ist der Tag der großen Selbstbesinnung, der Tag der Abrechnung über die Geschichte der Menschen, der Tag, der auf nicht weniger als zehn Tage den alltäglichen Ablauf der Geschehnisse unterbricht und hinanführt zu dem „Sabbath der Sabbathe", dem großen Tage des Weitgerichts, dem Jc^nhakkipurim. Worte reichen nicht aus, um nachfühlen zu lassen, was dem innerlich bewegten, tief in seiner Religion wurzelnden Juden der Roschhaschanoh bedeutet. Aber nicht nur zu ihm kommt das jüdische Neujahr in seiner traditionellen Gestalt als ein Tag, der (gemeinsam mit dem Jomkippur) mit keinem anderen verglichen werden kann. Staunend sieht der Uneingeweihte an diesen Tagen Stätten des lebhaftesten Verkehrs verödet, Geschäfte geschlossen, Kontore versperrt. Unzählige Juden, die der jüdischen Lebensgemeinschaft völlig entfremdet scheinen, hält doch die Roschhaschanoh- und Jomkippur-Feier als ein letzter, dünner, aber sehr fester Faden an die Glaubensbrüderschaft gefesselt. Man mag spotten über den Tempelbesuch, der periodisch an jedem Roschhaschanoh auftritt, man mag sich lustig machen über das Fasten am Jomkippur, dem die religiöse oder vielmehr unreligiöse Haltung des ganzen übrigen Jahres nicht entspricht — ja, solchen Witzen und solchem Spott läßt sich gar nichts Vernünftiges entgegensetzen. Nur daß man hier mit rationalen Erwägungen nicht weiterkommt; es ist eben etwas Eigenes um dieses Fest des Jahresbeginnes, der mitten ins bürgerliche Jahr hineinfällt; Juden, die sich zwölf Monate lang keinen Augenblick um die jüdische Zeitrechnung kümmern, tun ihre Alltäglichkeit ab, wenn der Reigen dieser Monate wieder beginnt Es ist wie ein seelischer Stoß, wie eine plötzliche Mahnung: Von dort her, wo Judenrum und jüdische Lebensgemeinschaft noch in ihrem tief inneren Wert bestehen, kommt