Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEfl täglich für die Seinen sorgt" Auch dafür, für Innigkeit und Reinheit des Fainiü-eotebens, war der Jude Vorbild und sofl er es auch in Zukunft bleiben. * *• * „Schauforaus", der dritte Ruf des Festes, er gilt nicht sowohl dem einzelnen und nicht der Familie, er wendet sich an däe jüdische Gemeinschaft. Einig hörte das Volk den Schoiar an Sinai, eitrig stürmte es auf seinen Weckruf dem Feinde entgegen, einen soll er einst die Menschheit zu ewigem Frieden. Ein jüdischer Politiker sagte kürzlich, mit Sehofartönen habe man die Mauern Jerichos zu Falle gebracht. Doch daß man damit aufbauen könne, habe er nie gehört. Doch, doch. Die alte Sage erzählt ja von einem Meister der Töne, der mit seiner Kunst Steine fügsam zu machen und sie so zu Mauern zusammenzufügen verstanden habe. Es gibt Worte, die wie Tatten wirken. Worte, von Gottes Odem erfüllt haben die Welt geschaffen. Und gerade in diesen Tagen erleben wirs, wie Wortie von Mund zu Mund trennende Wände Jahrhunderte alter Völkerfehde stürzen und zum Neubau des Völkerfriedens den Grund zu mauern verheißen. Ob in diesem Bunde der Völker auch Israel ein selbständiges Erez Israel vertreten wird? Die leidigen Erfahrungen des letzten Jahres rechtfertigen die Frage. Sie bestätigen, so scheint es, das alte Waihrwort, das Golus JischmoeJ werde härter sein als das Golus Edom. Aber ein Menschheitsbund wird die Vereinigung der befriedeten Völker nur dann sein, wenn in ihrer Mitte auch zu Worte kommen werden die Enkel und Erben der Propheten, die mit der Schofarkraft ihres Pathos, mit der Sturmgewalt ihres Ethos immer und immer wieder die eine ewige Wahrheit in die Welt hinaus und den Völkern ins Gewissen riefen: „Kein Bau von Dauer ohne Gerechtigkeit"! Wie in Tora und Propheten, in unseren Sängern und Weisen religiöser Absolutheitsanspruch und konkreter nationaler Lebenswille sich unlösbar ineinander verschränken und so einst ein jüdisches Gemeinwesen auf eigenen Boden geschaffen und später bis heute die jüdischen Gemeinden als Religionsinseln inmitten meist feindlicher Umwelt erhalten haben, so hat jede Gemeinschaft der Völker ihr Dasein verwirkt, wenn sich in ihrem Bunde nicht verwirklicht die Versöhnung nationalen Eigenwillens mit der unbedingten Herrschaft der Gerechtigkeit „Mit Gerechtigkeit umgürtet muß der Messias sein." Den Mut und die Kraft diese Forderung der Gerechtigkeit im Rate der Völker wirksam zu vertreten, wird aber Israel nur dann finden, wenn es im eigenen Lager die Gerechtigkeit zum allwaltenden Leitstern in Führung und Verwaltung der Gemeinden macht. Nur so lassen sich die Kräfte sammeln und einheitlich auf das eine Ziel richten: „In dieser Zeit der Not erhaltet vor allem die Gemeinde! Erhaltet ihre durch Jahrzehnte segensreich bewährten ehrwürdigen Stätten jüdischer Lehre und jüdischer Uebung der Gerechtigkeit!" Unsere Geistigkeit und Freude am Wohltun standen stets hoch in der Achtung der Gerechten der Völker. „Zedokoh tazzil mimmowes". Nur Gerechtigkeit bewahrt vor dem Untergange! Die Warte der Gerechtigkeit muß über der Zinne jedes Sonderstrebens stehen. Was Ihr von den anderen fordert, Ihr müßt es erst üben in eigener Mitte: Gerechtigkeit! Hüten wir uns vor den politischen Methoden anderer Völker! Vor dem politischen Morde warnt der Tag nach Rausch haschonoli, der Zaum Gedialjoh. * * * In drei Phasen sieht ein deutscher Denker (Hegel) die Weltgeschichte sich entwickeln. Thesis, Antithesis, Synthesis folgen aufeinander — Vorstoß, Gegenstoß, Ausgleich. Auch unsere jüdische Geschichte zeigt diese Wiederkehr des Gleichen, nur immer in eine andere Tonart transponiert, etwa in Abständen von drei zu drei Jahrhunderten. An einer Stelle nahezu vernichtet, blüht jüdisches Leben an einer anderen auf. Es flutet zurück und befruch- Achtung! Die vorliegende Festnummer der „Wahrheit" Ist 16 Selten stark- Die nächste Nummer erscheint Freitag, 25. September tet von neuem das alte, nahezu erstorbene Stammgebiet. Aus Ost und West, Nord und Süd strömen einander anfangs fremde, wenn nicht gar feindliche Kräfte zusammen. Sie finden aber ihre Synthese und die Gemeinde ihr Gleichgewicht, wenn sie nebeneinander ihr Verhältnis zueinander regeln, nach dem alten heiligen jüdischen Grundsatz der Gerechtigkeit. Zu Gericht ruft vor den Thron Gottes am „Jaum teruoh", „am Tage des Schofarblasens" die einzelnen wie die Gemeinden der Schofar am Neujahrstage. Mögen sie gerecht befunden werden! Gleichfalls Hegel ist es, der in einem sinnigen Vergleich daran erinnert, daß erst, wenn es dunkel wird, der Vogel der Minerva auffliegt. Tiefe Schatten breiten sich um und über unser Judentum. Hoffen wir, daß in den Köpfen seiner Führer rechtzeitig aufsteige die Erkenntnis, in der alle jüdische Weisheit gipfelt: „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst (ht nachjagen!" „Es erfülle sich auch hier das Wort des Propheten „Und da es Abend werden will, wird es Morgen werden!" G. ■IMHINIIIIHIIIMIIIIMinillMIIIIIMI ««■«•■■••■■»»•#»■*■■»«•■»■■■••■•••*■•••••■•••••••*••**•«■•«■•«•■••*•••«••*■■* Falsche Pietät. Jomkippurgedanken. Von Dr. Ernst Feldsberg. Wie der Tibetaner seine GebetmüMe abwerkelt wie der Moslem die hundert Namen Allahs an seinem Rosenkranz herunterleiert, so üben viele Juden, in der Großstadt sogar sehr viele Juden, ihre sogenannte jüdische Pietät. Sie leiern unverstandene Gebetformeln herunter, sie eilen viermal im Jahr zu einer Trauerparade, vergießen dabei ein paar Tränen, spenden ein paar Schillinge für das Seelenheil, ein flüchtiger Gräberbesuch, ein in lateinischen Worten vorgeschriebener und heruntergeleierter Kaddisch, ein Tag im Jahre ohne Essen und Trinken im Stadtpark verbracht das bedeutet für diese Juden ihr Judentum und ihre jüdische Pietät. Diese Art jüdischer „Pietät" ist verurteilt zu sterben, weil diesen Juden jede wirkliche Kenntnis der Idee des Judentums fehlt, weil sie jüdische Literatur, jüdische Geschichte und vor allem jüdische Ethik nicht kennen. Es ist nur zu begreiflich, Feuilleton Erfüllung und Hoffnung. Ein Gruß zum Rausch-ha-schonoh-Feste 5692. Von Anna Mandel-Friedmann. Wien. Das Laub beginnt zu welken, in den Garten blühen noch in bunter Pracht Hortensien, Astern, Dahlien und Chrysanthemen, die spitzgezackten Blätter der wilden Weinranken an den Mauern der Villen schimmern rotbraun und künden das Nahen des Herbstes. Erfüllt scheint allerorten die Arbeit der Natur, die Früchte gereift, die Garben geschnitten — Wandersehnsucht, Wanderlust die unruhigen Wünsche der Menschen erfüllt und befriedigt. Sind sie wirklich erfüllt? Ist die Reife des Sommers in der Natur, die .Befriedigung einiger Wünsche des Menschenherzens auch schon Erfüllung? Sind denn alle Garben voller Körner, alle Früchte an den Bäumen, in den Wäldern zur erfüllten Reife gebracht? Ja, sind denn alle Blüten Früchte geworden? Wie viele schimmernde, zarte Blumenblätter haben Wind und Regen fortgeweht fortgespült Wie viele Früchte sind vom Hagelschlag, vom Sturme, vom Gewitter zur Erde gepeitscht, von den Tieren angenagt von den Würmern angefressen worden? Wieviele Hoffnungen sind zerstört, die der Landmann für seine Saat gehegt wie genügsam, wie bescheiden muß er oft werden, wenn er vor der Erfüllung, vor der Ernte steht! Und ist es mit der Sehnsucht mit den Wünschen der Menschen anders? Sind die aufsprossenden Talente, die beglückenden Hoffnungen immer zur Entfaltung gelangt? Werden nicht die zartesten Regungen der Seele so oft von Unverstand und Lieblosigkeit geknickt die heißesten Gefühle von Mißgunst Scheelsucht von Bitterkeit und Stolz überwuchert? Ach, wie viele Menschenblumen mäht der Schnitter Tod hinweg vor der Entwicklung zum Blühen, vor der Reife zur Frucht wie viele müssen im Glänze des Werdens, auf der Höhe des Lebens den Boden verlassen, dem sie entstammen, müssen gehen ohne das gelobte Land der Erfüllung zu sehen! Wie wenigen wird diese Erfüllung ihres Strebens zuteil, wie wenigen gibt das Leben, was sie von ihm erhoffen! Müßten wir da nicht verzweifeln, muß uns da nicht angst und bange werden angesichts dieses ewigen Wechsels, dieses ewigen Aufbaus und Niederganges, dieser steten Unsicherheit, in der wir Menschen uns befinden — so groß, so bedeutend die Arbeit scheint, die wir beherrschen? Da gibt es wohl nur einen Rettungswir beherschen? Da gibt es wohl nur einen Rettungsanker in dieser auf- und niederwogenden Flut der Ungewißheit, einen festen Punkt der unseren Blick erhellt und uns mit immer neuer Zuversicht zu erfüllen imstande ist — der Glaube an Gott an seine Weisheit an seine Güte! Dieser innige Glaube an unseren Gott dieses Erkenne« eines höheren Wesens, das trotz scheinbarer Schwankungen die Entwicklung der Natur festgesetzt hat das die Geschicke der Menschen lenkt das den Weg des jüdischen Volkes in so erstaunlicher, seltsamer, wunderbarer Weise durch die Jahrtausende, durch Fährnisse aller Art durch die wilden Wogen des Leidens, der Torturen, der Martern, gleich den aufschäumenden Wogen des Roten Meeres geleitet er vermag auch heute noch unser Herz mit Hoffnung zu erfüllen. Auch heute noch, in dieser an Bitternissen reichen Zeit, sollen wir nicht verzweifeln, sondern uns aufrichten im Gedanken an Gottes Allmacht und voll Optimismus, voll Zuversicht in die Zukunft blicken. Wohl ist auch in diesem letzten Jahre, das von einer noch nie dagewesenen Weltennot, von Elend und Untergang erzählt nur ganz Auserwählten Erfüllung ihrer Wünsche geworden, nur wenige konnten ihre Wanderlust und Sehnsucht befriedigen jetzt in der Blütenpracht des Sommers und im Verlaufe ihres Lebens. Wenigen nur ist es gegönnt heute, am Beginne eines „Neuen Jahres", am Rausch ha schbnoh beglückt und erfüllt vom Ergebnis ihrer Arbeit ihrer Wünsche vor Gott zu erscheinen, die meisten unserer Glaubensgenossen müssen sich mit einem kleinen Anteil daran genügen lassen und so stehen alle scheu, zaghaft beklommen vor den Pforten, die hineinführen in den dunklen, noch geheimnisvoll anmutenden Raum der Ewigkeit, vor dem Neuen Jahre und fragen bebend und zitternd, was es an Gutem und an Bösem für sie bereitet hat Wird ihnen in diesem Jahre endlich ihre Sehnsucht erfüllt, ihre Leiden gemildert ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt? Oder werden sie rastlos wetterarbeiten müssen, sich plagen, sorgen, ächzen, quälen, verfolgt werden von den Giftpfeilen der Feinde im Innern, der Bedrücker von außen? Wird das Judentum endlich aus dunkler Nacht in das Licht der Anerkennug der Freude, zur Morgenröte einer wirklichen Freiheit einer neuen Zeit des veredelten Menschentums ohne Haß und Neid erhoben werden? Stumm, scheu, zitternd und zagend stehen sie vor dem Richterstuhle Gottes und sie erbeben, so ganz sind sie von Angst erfüllt, wie die Antwort sein wird auf diese Fragen. Und es ist ganz dunkel in ihnen, es scheint kein Strahl, kein Hoffnungsschimmer leuchtet ihnen. Gebeugt unsicher, tastend blicken sie tief in sich hinein, erforschen ihr Herz, schürfen tief in das Innerste. Und da — und da ist es ihnen, als würde eine Binde von ihren Augen gezogen, als würden Gedanken lebendig, Gedanken und Taten, Wünsche und Begierden, Sehnsüchte und Bestrebungen wachsen und stehen da, ins Licht getaucht, hell, gleißend, daß sie zurückweichen, denn es sind Ankläger geworden in dieser ernsten Stunde. Und sie staunen, sie horchen, sie fassen nicht, daß dies ihre Gedanken, ihre Worte, ihre Taten sind. Und plötzlich erkennen sie, daß aus ihnen die Erfüllung nicht kommen konnte, daß es noch rastlosen Fleißes, unerschütterlicher Arbeit an ihrem Selbst bedarf, um zu der Erfüllung ihrer?Wünsche zu gelangen, ja daß sie selbst dieselbe jetzt noch nicht gewollt hätten, daß sie noch einen weiten Weg gehen müßten, bis dahin! Sie erkennen, daß ihre Gedanken, ihre Bestrebungen, ihre Taten oft selbstsüchtig, eitel, eigennützig waren, nicht in den Dienst Gottes und der Menschenliebe gestellt. Und da sie furchtsam zurückweichen vor den Gebilden ihres Herzens, da sie diese wieder in sich verschließen wollen, da sehen sie plötzlich schimmernd vor ihren Blicken sich ausbreiten ein blütenübersätes Eiiand. gleich einer Oase in der Wüste des Unmutes, der Angst, der Bedrückung. Und eine köstliche Frische entströmt dem noch frischen Grün der Hoffnung, ein herrlicher Duft umschmeichelt sie, der den Blüten des Glaubens, der Liebe entspringt, die so reich und buntfarbig den sammtenen Teppich verschönen. Und da sie sich vorbeugen, sehnend, lauschend, um dieses Paradies, das ihnen auf der Jagd nach der Erfüllung verloren gegangen, zu betreten, da dringt ein seltsamer, ein nie vergessener Laut an ihr Ohr, — der Schall der Posaune ertönt und erweckt in ihren Herzen gleich dem „Mosesstab" den verschütteten Quell der Hoffnung, Begeisterung, des Mutes und Aufopferungsfähigkeit für die Ideale des Judentums, für den Aufstieg zur Höhe des eigenen und des Lebens unserers Volkes.