Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064489--18523-3083563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 80 Groseben Felertags-Doppelnuiiunaer Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV1I. Jahrgang Wien, 11. September 1931 Nummer 37/38 Gerechtigkeit! Ein Mahnwort zum Rausch haschonoh 5692. Zweitägig ist Rausch haschonoh. Zwiefach scheint darum seine Bestimmung. „Der Kopf des Jahres" als Januskopf. Zu besinnlicher Rückschau auf die abendlich verdämmernde Vergangenheit der eine Tag. Der andere zu besonnener, um die Erfahrung eines Jahres reiferer Zielsetzung und Wahl des Weges in den Morgennebel der Zukunft. Auf der einen Seite Bilanz, Musterung des Gewinn- und Verlustkontos. Auf der anderen Errechnung neuer Erfolgsmöglichkeiten, klügeres Rechnen mit Risiko, Krisen und Konjunkturen. Das Ganze unter den Aspekt einer Vorsehung gestellt, kommt zu dem Rückblick und Ausblick noch der Aufblick zum Lenker der Welten. Dank für genossenes Glück oder, je nachdem, Trauer um verlorenes, wehmütige Klage mit dem Unterton einer Anklage gegen ein ungerechtes Geschick. Bei günstigem Jahresabschluß engerer Anschluß an Gott, jedenfalls aber Bitte um Leben und: Gesundheit und nicht zuletzt um Parnosso, Hilfe im schweren Kampfe um die Selbstbehauptung. Dies sind so die gewohnten und natürlichen Gedanken und Gefühle, Betrachtungen und Wünsche an diesem Meilensteine unseres Erdenwallens. * * * Ganz anders lautet in Wahrheit die Botschaft des Rausch haschonoh. „Malchijaus" ist sein erstes Wort. „Gott ist König und Richter, er war es und soll es sein in Ewigkeit." Vor Gott stehen wir heut. Aber nicht als Ankläger oder gar als Richter, dem nach dem Maßstab seines persönlichen Befindens und Empfindens ein Urteil zustünde, ob das verflossene Jahr gut oder schlecht, ob das Schicksal gegen ihn gerecht oder ihm Feind war. Und nicht Bangen ob der Ungewißheit unserer Zukunft ist die Grundstimmung, die der Bestimmung unseres. Festes entspricht. Nicht, ob das alte Jahr gut oder schlecht war, ist hier die Frage, sondern, ob wir in ihm Gutes oder Böses getan, gerecht oder ungerecht waren. Und nicht die Ungewißheit der Zukunft hat uns anzufechten. Unser selbst müssen wir vielmehr gewiß und sicher sein, daß wir mit fester Hand am Steuer sitzen werden auf der Fahrt durchs neue Jahr. Am „Jaum hadin", „am Tage des Gerichtes" richten nicht wir. Aus Gottes Hand nehmen wir vielmehr entgegen unser Urteil. Ob er gerecht befindet, nicht, was wir erlebt, sondern wie wir gelebt haben. Aus seiner Gegenwart, uns fühlbar nahe besonders an diesem Tage, können und sollen wir fürs neue Jahr neue Kraft schöpfen, ganz das zu sein, was wir als Juden restlos zu sein berufen sind: Werkzeug seines Willens, der da übt und fordert Gerechtigkeit. Was immer uns geschehen ist und geschehen kann und wird, heut ficht es uns nicht an. „Gott ist König" in Zeit und Ewigkeit. Er allein Herr unseres Schicksals. Wie immer er es bestimmt, es zu bejahen und uns absolut in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen, ist unseres Daseins Sinn und Zweck als Juden, dies unsere Auserwählung. Wozu sonst Judentum? Wozu das Martyrium des Golus, wenn nicht, um den Völkern vorzuleben unbedingte Gerechtigkeit, unanfechtbare Ehrbarkeit im Handel und Wandel? Auch Erleuchtete anderer Völker ahnten einen gerechten Gott hinter und über allem Weltgeschehen. Uns Juden hingegen, jedem unter uns, ist Gott nicht Gegenstand des Ahnens und Spekulierens, sondern das Allergewisseste. Vor und unmittelbar in aller Schöpfertat ist Gott, ist sein in Gerechtigkeit waltender Wille, als dessen Instrument sich Israel erkannt hat und erwählt fühlt. Kern und Stern aller Sittlichkeit und Menschenwürde die Gerechtigkeit! Unrecht ohnegleichen leiden und unbeirrt trotz allem immer und überall das Gerechte tun, dieses Erfülltsein vom Willen zur Gerechtigkeit, das strikte Erfüllen der Gesetze Gottes, das allein erhielt uns gegen alle Gesetze der Natur. Darin sehen wir Juden unsere Besonderheit unter den Berufen der Völker. Dieses Eigen sein als Eigensinn zu deuten, blieb vorbehalten nur den Toren der Vergangenheit und den Ueberklugen der Gegenwart. Echte Religion will erlebt, belebende Gottesgewißheit erkämpft sein. Schicksalsschläge rauben uns Mut und Glauben. Schon fühlen wir uns von Gott verworfen. Wir fügen uns drein. Wer wollte mit Gott rechten? Da geschieht uns ein Wunder. Und neue Kraft und neue Zuversicht durchströmt uns und schwemmt hinweg Zweifeln und Zagen. Wir fühlen uns gottbegnadet, begnadet von Gott m i t Gott. Welches Volk hätte mehr Ursache zu verzweifeln in dem, was ihm an Leiden beschieden, als wir Juden? Aber welches Volk hat mehr Grund an eine Vorsehung zu glauben, nach allen den Wundern, die uns so eindringlich zurufen: „Gott will, daß ihr erhalten bleibt. Nicht als Zeichen eines Fluches, sondern zum Segen berufen für die Völker, erwählt als sein Werkzeug, für die Gerechtigkeit zu kämpfen und zu leiden, die Erde zum Schauplatz der Gottesherrschaft zu gestalten." Der gerechte Gott herrscht in unserer jüdischen Geschichte. Durch unser Zutun, unser Tun und Leiden soll die Gerechtigkeit zur Herrschaft gelangen über die Menschheit, Mittelpunkt und Seele werden der Weltgeschichte. Dies unser Gelöbnis am Rausch haschonoh. Unser erneutes Bekenntnis, nicht ein Bekenntnis zur Einzigkeit Gottes als metaphysischer Erkenntnis. Das wäre heidnischer H e n o theismus, Sache der Logik, Angelegenheit der Arithmetik, die vielen Götter auf einen reduziert. Monothedsmus, Judentum, steht darüber wie der Himmel über der Erde, verankert in dem Wissen und Beseeltsein von dem Einen, der allein göttliche Verehrung verdient, weil er als Gottesdienst fordert unbedingte Gerechtigkeit. „Zedek zedek tirdauf!" Gerechtigkeit der Leitfaden für die Betrachtung der Vergangenheit, wie die leitende Gottesspur durch die Irrwege der Zukunft! Das ruft uns zu der Rausch haschonoh. Der Ruf des Richters weckt das Gewissen. „Sichraunaus". An Pflichten, Versäumnisse, Schulden erinnert der „Jaum hasikoraun", „der Tag des Gedenkens". Und wessen gedenkt der Jude zuerst? Der Familie. Wie teilte jener glückliche Arme, der an drei Groschen Tageslohn sein Genügen fand, diese drei Groschen ein? „Mit dem einen bezahle ich meine Schulden, den zweiten werfe ich ins Wasser, von dem dritten lebe ich mit meinem.Weibe. — In Schuld stehe ich bei meinen alten Eltern, die ich zu erhalten habe. Den zweiten Groschen werfe ich ins Wasser nach dem Worte Kohelets: „Wirf dein Brot ins Wasser, nach langer Zeit wirst du es zurückerhalten." Das ist, was mich die Kinder kosten, dies die Anlage fürs Alter. So können wir Eltern uns jetzt leichten Herzens einschränken mit dem letzten Groschen." Die Mahnung, sich einzuschränken, scheint für uns an diesem Neujahr nicht von nöten. Die Not der Zeit zwingt uns dazu. So mancher fühlte sich noch vor Jahresfrist unbeteiligt und hörte nur mit halbem Ohre hin, wenn der Unessanne taukef schauerlich an den Abstieg mahnte: „Umi jeoni", „Und wler verarmen soll" Heut sorgt er sich um Brot für morgen. Wohl ihm, wenn er sich einer Selbstanklage überhoben weiß. Wenn erimHerzen nicht verarmte, als er noch im Glanz desReicht u m e s sich sonnen durfte. Wenn er als jüdisches Kind treu zu seinen Eltern stand und den gleichen Geist jüdischer Pietät seinen Kindern emzuimpfen verstanden hat. Wenn der Geist der Auflösung, der heut alle sittlichen Bande lockert, sich nicht stärker erweist als die Bindung, die seines Kindes Herz ans Haus der Eltern fesselt. Wer am „Tage des Gedenkens" als Sohn und Vater reinen Gewissens vor Gott steht, dem wird Gott seine Pflichttreue und Gerechtigkeit gegen die Seinen gedenken und es ihm nicht fehlen lassen am letzten Groschen, an dem Glück, auch das Letzte teilen zu dürfen mit einem treuen Herzen. „Gerecht ist, wer Mitglieder and freunde der „Union" übertragen Lehensand Elementar- Verstdiernngen der St&dflsdien Versicherungsanstalt