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Die Wahrheit · 1931-09-04 · Heft 36 (4.9.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 36 (4.9.1931)
Date
1931-09-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Aron Leidesdorff zog mit seinem Vater Mendel ben Säbel, dem Vorsteher der alten, frommen, jüdischen Gemeinde in Preßburg, in den Siebzigerjahren des 18. Jahrhunderts nach Wien und erwarb hier bald nach seiner Uebersiedlung die Toleranz, jedoch nur für unbestimmte Zeit, so daß er stets die Abschaffung aus Wien, auch ohne daß ein Grund zu dieser vorliegen mußte, zu besorgen hatte. Nach der nach der letzten Austreibung der Juden aus Wien im Jahre 1771 allmählich erfolgenden Rückekhr durften Juden nur mit besonderer Bewilligung der Behörden, das ist nach erlangter Toleranz, welche nur jedem. Bittsteller besonders verliehen wurde, Aufenthalt in Wien nehmen. Diese Toleranz wurde nur selten gewährt, so daß im Jahre 1826 sich insgesamt nur 112 sogenannte „tolerierte Juden" in Wien befanden. Diese sogenannten tolerierten Juden bildeten gewissermaßen eine Kaste, selbst auf ihren Grabsteinen wollten sie sich als Tolerierte bezeichnen. Sie hatten ein ungemein entwickeltes Ehrgefühl und waren, wie uns ein Chronikschreiber dieser Zeit erzählt, sorgsam bedacht, daß keinem Tolerierten irgend eine Uebertretung zur Last fallen dürfe, welche die Achtung vor den tolerierten Juden herabmindern könnte. Den anderen in Wien wohnhaften Juden war der Aufenthalt nur als im Dienste der Tolerierten oder der Gemeinde stehend gestattet Um diesen Kreis möglichst zu vergrößern, wurden die abenteuerlichsten Beschäftigungen erfunden, so der Fleischaussalzer, der Kerzenauszieher usw. Aron Leidesdorff beschäftigt sich schon bald nach seiner Niederlassung in Wien mit den Angelegenheiten der Gemeinde, insbesondere hat er seit dem Jahre 1774 der Leitung des Spitals angehört Sein Bild hat auch deshalb in unserem Gemeindespital einen Ehrenplatz gefunden. Das Spital befand sich damals auf den Gründen des gegenwärtigen Versorgungshauses der Kultusge- - meinde in der Seegasse, allerdings bestand es nur in wenigen Zimmern. Es verdankte seine Errichtung dem Samuel Oppenheim, dessen Bildnis wir gleichfalls in unserem Sitzungssaale sehen und der auch für die Geschichte des damaligen Oesterreich von ungemeiner Bedeutung war, weil er gewissermaßen der ungekrönte Finanzminister Oesterreichs war. Er war einer der ersten Juden, welche nach der Judenaustreibung wieder nach Wien zurückkehrten, mit seiner Seßhaftigkeit beginnt eine neue Aera der Geschichte der Juden in Wien. Nachdem die Juden Wiens nach der ausdrücklichen Bestimmung des Toleranz-Patents vom Jahre 1781 keine Gemeinde bilden durften, so ergaben sich mannigfache Schwierigkeiten des Verkehrs mit den Behörden, welche selbst auf ein Mittel dachten, welches sie der Notwendigkeit enthob, ihre die ganze Judenschaft betreffenden Verordnungen und Erlässe jedem einzelnen Juden bekanntzumachen. So hat die Regierung nach längeren verwandtschaftlichen Beziehungen gelang es ihm im Jahre 1733 die Toleranz in Wien zu erhalten. Diese Stelle als Magazineur vertauschte Karl Stern später mit der Stelle eines Leiters des Geschäftes des Ritter von Sichrowsky, welcher an der Begründung der ersten Bahn in Oesterreich, nämlich der k. k. priv. Kaiser Ferdinands-Nordbahn hervorragend beteiligt war. Dem Ehepaare Karl und Katharina Stern und auch unserer Gemeinde wurde am 29. August 1831 ein Sohn geschenkt, der nachmalige Präsident unserer Gemeinde, welcher bei seiner Aufnahme ins Judentum den Namen bxiNr p JTIK erhielt. Wir können rückschauend diesen Namen als Vorbedeutung für sein Leben ansehen, denn er wurde wie Ahron ein Hohepriester des Judentums und wie Ahron im Kampfe gegen Amaiek den Arm seines Bruders Moses stützte, so war er die Stütze seiner Glaubensbrüder im Kampfe gegen Amaiek, das bekanntlich nie ausstirbt gegen alle Bedränger, Widersacher und Feinde unseres Volkes. Und er war selbst ein Jisroel, weil er ein Kämpier war für Gott für die Gottidee und für das Gottesvolk. Nun wollen wir das Milieu, in welchem Alfred Stern aufwuchs, näher schildern. Die Juden litten in jener Zeit bis 1848 und auch noch später unter tiefstem Druck und Verfolgung. Schmach und Verachtung war ihr Los. Alle Bemühungen der Wiener Juden, Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern oder doch zumindest eine Besserstellung gegenüber ihrer damaligen Lage zu erlangen, scheiterten trotz der wiederholten zahlreichen Petitionen der Wiener Juden an dem Widerstande des kleinlichsten aller Habsburger, Franz L, und seines schwachsinnigen Nachfolgers Ferdinand und dessen Beraters, des Staatskanzlers Metternich. Der treibende Geist bei allen solchen Aktionen ist der Vertreter der Judenschaft der große Prediger der Gemeinde, Isak Noe Mannheimer, der dem noch bestehenden Verbote des Toleranzpatentes entsprechend nicht einmal den Titel Rabbiner führen durfte. Und so sah Alfred Stern seine Volksgenossen verachtet und verfolgt ohne jede Sicherung ihrer Existenz. Denn er wußte wohl, daß die Häscher der Polizeioberdirektion, der damaligen Oberbehörde für die Juden, oft und oft inmitten der Nacht die jüdischen Bewohner aufstörten und ihre Ausweispapiere abforderten und die Juden, welche solche Papiere nicht besaßen oder die gestattete Dauer des Aufenthaltes überschritten hatten — viele erhielten eine sogenannte Bolette nur drei Tage — mitleidlos zum Stadttore hinausbeförderten. Oft griffen die betroffenen Juden zur List um diesen Quälereien zu entgehen, sie stellten sich, wenn die Polizeischergen kamen, tot um aus ihrem Todesschlafe wieder zu erprmg^»g .'•.•<x; ^irlfefes;^mtMmi^A\ VORNEHflE fAMILItN - PENSION |RistaoritioD,HaffeBliBDS täglich 5-Uhr-Tee ISEMNERING TELEPHON 11 [Hochstraße 43 _ neben Hotel Panhans H Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts jg Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser fü in jedem Zimmer. m Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer Bei dem Ende der Siebzigerjahre zwischen der damaligen privaten Tramwaygesellschaft und der Gemeinde Wien tobenden Streite verfocht er nachdrücklichst in Artikeln und schließlich in einer Broschüre „Zur Tramwayfrage" das Recht der Gemeinde an dem Straßengrunde. Er legte in zwingender Weise dar, daß diese Straßen, wenn sie auch ein öffentliches Gut bilden, dem vollkommen freien Verfügungsrechte unterliegen, wie wenn sie in deren Privateigentum stehen würden. Der Verwaltungsgerichtshof hat gewiß in Kenntnis dieser Broschüre dieses Recht der Gemeinde anerkannt und so verdankt die Gemeinde Wien auch dem Eintreten des Dr. Alfred Stern die freie Verfügung über ihre Straßen. Zum. Danke für diese Verteidigung der Rechte der Gemeinde wurde er bald in den Gemeinderat berufen, welchem er bis 1900 angehörte. Er trat dem fortschrittlichen Parteiverbande des Gemeinderates bei, in welchem er stets für freiheitliche Grundsätze eintrat. Er war auch mit dem großen Juden A. F i s c h h o f, dem Weisen von Emersdorf, der seinerzeit ein Bewohner unseres Amtshauses in der Seitenstettengasse war und mehrere Jahre auch als Arzt unseres Spitales tätig war, in innigster Freundschaft verbunden. Dr. Alfred Stern wurde Mitglied der Rechtssektion und anderer Sektionen, insbesondere auch der Finanzsektion, in welcher Eigenschaft er schließlich Generalberichterstatter über das schon damals sehr verwickelte Budget der Gemeinde wurde. Er kannte jede Ziffer des Budgets, er war vertraut mit allen Erfordernissen der Gemeinde und mit ihren Einnahmsquellen. Kurze Zeit nach seinem Eintritte erhob der "Antisemitismus in seinen widerwärtigsten und rüdesten Formen sein Haupt. Vetter, Haufler, Pater Latschka, Berufen Sie sich auf die .»Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt Verhandlungen im Jahre 1796 gestattet daß die Juden Wiens als ihre Repräsentanten sogenannte Vertreter wählen können. Schon bei der ersten Wahl wurde Aron Leidesdorff in die Vertreterversammlung berufen. Die Enkelin des Aron Leidesdorff, Katharina (Gittel). Tochter der Judith Leidesdorff, welche sich mit Nathan Wottitz aus Neuhaus vermählte, ehelichte Karl Stern. Di» Familie Stern dürfte wohl nicht denselben sozialen Rang eingenommen haben wie die Familie Leidesdorff. Unter den Unterzeichnern des ersten Statutes des Tempels in der Seitenstettengasse, welches anläßlich der Zentenar-Feier für dieses Gotteshaus vom Kultusvorstande in seiner alten Gestalt neu herausgegeben wurde, sehen wir die Unterschrift des Karl Stern nicht Er war wohl kein tolerierter Jude und wenn er sich in Wien aufhalten konnte, so war ihm dies nur in seiner Eigenschaft als Magazineur des Ignatz Ritter von Liebenberg möglich. Dieser, dessen Bild auch unsere Ahnengalerie in diesem Saale ziert, hat von geringen Anfängen sich zum privilegierten Großhändler, welcher in Oesterreich die Tuchfabrikation auf Schafwolle im Großen einführte, aufgeschwungen. Er war einer von jenen Vielen, von denen manche durch ihre Bildnisse in unserem Sitzungssaale uns immer in Erinnerung zurückgerufen werden, durch deren Arbeit der Agrarstaat Oesterreich in den Industriestaat umgewandelt wurde. Liebenberg, der ursprünglich I. Liebmann hieß, wurde wegen seiner Verdienste um die Hebung der Industrie zuerst geadelt und dann in den Ritterstand mit dem Namen Liebenberg erhoben. Er heiratete eine Tochter des Aron Leidesdorff, eine Nichte des Markus Ritter von Neu wall, dessen Bild wir gleichfalls in diesem Saale sehen. Durch diese Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmger ^■■■^^■■■■■■■■^■■^■■■^^^■^^ L, Rotenfurmsfraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 -Telephon A 47-2-40 wachen, sobald die lästigen Besucher sich aus der Wohnung entfernt hatten. Gar manchmal mußte der Jude die Stadt bei dem einen Tore verlassen, aber es gelang ihm, sie wieder dank der Nachsicht eines freundlich gestimmten Torwächters bei einem anderen Tore zu ber treten. Und der junge Stern erlangte gewiß auch Kenntnis von gar manchen anderen Schikanen, Zurücksetzungen, Ungerechtigkeiten und Willkürakten, auch der untersten behördlichen Organe, die das Schicksal von vielen Judenfamilien entschieden. Dann kam der Völkerfrühling des Jahres 1848, in welchem die Sonne der Freiheit und der Gleichberechtigung endlich nach so vielen Jahren des Druckes auch für die Juden erstrahlte. Aber gar bald erlosch sie wieder, 1849 kam, die Reaktion mit allen ihren Schrecken von neuem. Und wenn auch die Lage der Juden gegenüber der Zeit vor 1848 erleichtert war, so blieb noch genug der Zurücksetzung Und der Bedrückung übrig. In der über Ersuchen der Handelskammer in Wien verfaßten Autobiographie erzählt Dr. Stern ein köstliches Stücklein des Geistes der damaligen Verwaltung. Nachdem er das Doktorat der Rechte erlangt hatte, bewarb er sich, da er sich der Advokatur widmen wollte, um die Zulassung zur Gerichtspraxis, welche ihm zuteil wurde, aber nur, weil übersehen worden war, daß seinem Ansuchen kein Taufschein beigeschlossen war. Er erschien nun zur Angelobung vor dem versammelten Richter- Gremium, aber siehe da, nun erst wurde das Uebersehen von dem Vorsitzenden, Freiherrn von Mitis, zu seinem und seiner Kollegen Schreck entdeckt aber die einmal bewilligte Zulassung konnte nicht mehr zurückgenommen werden, jedoch wurde verlautbart, daß die Zulassung des Dr. Stern kein Präjudiz für andere jüdische Bewerber bilden solle. Wir können uns wohl denken, daß solch schmachvolle Zustände in einem Manne von Selbstachtung und Selbst- und Ehrgefühl den Vorsatz erwecken und festigen mußten, daß er mit unerschrockenem Mute sich an die Seite seiner Volksgenossen stellen und sie verteidigen werde gegen jeden Angriff und gegen jede Gewalt Es ist so, wie wir von unserem großen Lehrer Moses lesen, daß er sein volles Herz seinem Volke erschloß, als er sah, wie seine Volksgenossen bedrängt und bedrückt in Sklavenbanden schmachteten. Wir lesen in unserer Pessachbagadah die Worte: WRlb OKI l&ÖJ? MK Und Er, Gott sali unser Elend, unsere Mühsal und unsere Not und Gott sendete die Hilfe in tiefster Not entweder selbst oder durch auserwählte Menschen. Wir wollen aber zunächst die Tätigkeit Dr. Alfred Sterns in anderen öffentlichen Stellungen betrachten, weil auch diese dem Judentum zur hohen Ehre gereichte und weil er auch auf jedem Gebiete dieser seiner öffentlichen Tätigkeit sich immer offen und mutig als Jude bekannte. Gregorig, der sogenannte Kettenhund Luegers, und Purscht waren seine Vertreter. Dr. Stern fehlte niemals und ergriff immer das Wort, um auf Angriffe, Beschimpfungen und Verleumdungen der Judenschaft zu antworten. Seiner oft zündenden, von tiefster Ueberzeugung getragenen Beredsamkeit ist es wiederholt gelungen, einsichtige Antisemiten von der Haltlosigkeit und Frivolität solcher Anwürfe zu überzeugen. (Fortsetzung folgt.) „Dr. Adolf Jellinek, sein Leben und Schaffen." Von Dr. M. Rosenmann. Herr Dr. M Rosenmann hat dem Wiener Judentum mit seinem obangeführten Buche eine große Freude bereitet. Ein glanzvolles Zeitalter zieht vor unserem geistigen Auge vorüber; wir schwelgen förmlich im Hochgenuß beim Lesen dieses köstlichen Buches. Da steht vor allem der redegewaltige Prediger in seiner Mächtigkeit vor uns, seine Worte wie ausgesuchte Perlen aneinander reihend. Heil den Menschen, die das Glück hatten, seinen hochinteressanten und belehrenden Predigten im Seitenstetten-Tempel zu lauschen. Jellineks weltberühmte Apologetik und Predigten, welche in alle Weltsprachen übersetzt wurden, bilden monumentale Quadersteine der jüdischen Literatur. Selten ist ein Buch mit so viel Sach- und Fachkenntnis, mit so viel Fleiß und Liebe verfaßt worden, wie diese Biographie Jellineks von Dr. Rosenmann. Jedermann würde sich selbst ehren, wenn er dieses Kleinod seiner Bibliothek einverleibte. Ich halte dieses Werk auch für besonders geeignet, es zur Bar-mizwa-Feier dem Konfirmanden als Geschenk zu verabreichen, damit der neue Pflichtjude seine jüdisch-geistige Nahrung daraus schöpfe und sodann in ihm der Wunsch angeregt werde, selbst dazu beizutragen, daß auch wir eine ähnliche Epoche des Glanzes erleben, wie sie die Zeit des Wirkens des unvergeßlichen Dr. Adolf Jellinek darstellt. Jacob S. Straßberg.

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