Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 36 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ME WAHRHEIT Seite .- währen sollte. Wir hoffen, daß dies der Fall sein wird, denn der Gedanke ist gut, nur muß es auch seine Ausführung sein. Und nun lassen wir .die interessanten Ausführungen des Rabbiners Doktor Prinz folgen: ... In der Arbeit einer jüdischen Studentenseelsorge, die ein absolutes Novum darstellt, ergeben sich die Schwierigkeiten bereits aus der Formulierung des Begriffes dieser besonderen Art von Seelsorge. Ja, schon die Frage, ob es ü b e r h a u p t eine jüdische Seelsorge gibt, ist mehrfach und mit guten Gründen bestritten worden. In der Tat. kann es innerhalb der jüdischen Religion eine Seelsorge im Sinne des Katholizismus nicht geben. Die Erlösung der Seele des einzelnen, die vom Erlösungswerk der Kirche her gesehen wird, ist ein Begriff, der dem Judentum fremd ist. Dennoch gibt es Berührungspunkte zwischen, der modernen Auffassung der protestantischen Seelsorge und einer noch zu begründenden jüdischen. Wenn der Protestantismus seine Seelsorge definiert als „das Bemühen, einem Menschen dadurch zu helfen, daß er Gott in seinem Leben wieder sehen, sein Wort wieder vernehmen, und seinen Willen wieder besser verstehen kann", so scheint uns das eine Bestimmung zu sein, der grundsätzlich auch die jüdische Religion zuzustimmen vermag. Zu diesem rein religiösen Bemühungen mag innerhalb der jüdischen Religion noch als starkes Moment die Betonung zweier Aufgaben hinzukommen: die soziale und die pädagogische. Es gehört zum Wesen der jüdischen Seelsorge, neben die Gewinnung der Menschen für die Aufgabe und die Anschauungen der Religion auch die Hilfeleistung und die Belehrung zu stellen. In einem so umschriebenen Kreis der Aufgabe läßt sich auch die Studentenseelsorge fassen. Es wird, um es an dieser Stelle kurz zu sagen, ihre Aufgabe sein, die jüdische Studentenschaft an den Fragen jüdischer Religiosität und jüdischen Lebens wieder innerlich zu beteiligen. Es wird ihre Aufgäbe sein, die Not des jüdischen Studenten zu lindern. Es wird endlich ihre Aufgabe sein, den jüdischen Studenten einen Zugang zum jüdischen Wissen zu verschaffen. Die Verwirklichung dieser hier nur skizzierten Aufgabe hat an der Berliner Universität begonnen. Freilich läßt das vergangene Semester noch keine endgültige Beurteilung der Möglichkeiten zu. Die Arbeit im vergangenen Semester beschränkte sich religiösen Unterricht, Friedhöfe, Arbeitsvermittlung, Armenhilfe. „ , Seitdem er am 1. Juli 1927 die Synagoge „Mekor Haiirn" in Oporto eingeweiht, ist er wiederholt durch die weglosen Qebirgsdörfer Nordportugals gezogen, nach Braganza, Macedo de Cavaleiros, Moncorvo; zuletzt (Juni 1928) nach Chaves, Rebordelo, Vinhaes. Am 22. Juni 1928 ist es ihm vergönnt, in Braganza, wo gegen 800 Maranen leben, eine Synagoge einzuweihen: sie hat den bezeichnenden Namen „Schaare Pidion" (Tore der Erlösung). Im Zusammenhange mit dieser Einweihung meldet Basto folgende wunderbare Begebenheit, welche „auf die zur Arbeiterklasse gehörenden Kryptojuden großen Eindruck gemacht: „Ich hatte die nötigen Kultusgeräte für die neue Synagoge nach Braganza geschickt . . . Herr Borges, ein untergeordneter Postbeamter, versieht in der neugegründeten Gemeinde die Funktionen eines Schammes (Tempeldieners). Einer seiner Kollegen im Postdienst, Augusto de Sa Peira, 51 Jahre alt, ein gläubiger Kryptojude, hat seit elf Jahren infolge einer Krankheit das Gehör verloren. (Dies wurde von Militärarzt Dr. Morgaho und von Dr. Vitor Teixeira, die ihn wiederholt untersucht, bestätigt.) Alle ärztlichen Heilungsversuche waren erfolglos. Am 14. Juni hatte er Borges bei der Installierung der Kultusgeräte geholfen, worauf er sich nach maranischem Brauch aufs Feld begab, um zu beten. Als Borges die „Ewige Lampe" (Ner Tamid) angebracht hatte, kam ein Gebet über seine Lippen: O, großer Gott. Adonai. wenn dtes Werk, das ich hier verrichtet, wohlgefällig ist in deinen Augen, gib mir ein Zeichen deiner Gnade und sende Heilung diesem armen, tauben Manne! Kurz darauf stürzte Pereira im Zustande höchster Erregung in das Haus Albino Borges und rief: „Albino, der große Gott Israels hat mich erhört: ich kann wieder hören", und der arme Mann lachte und weinte zugleich." Basto kämpft gegen ernste Schwierigkeiten: die Wege zu den Wohnstätten der Kryptojuden sind zum Teil unfahrbar; er hat keine Mitarbeiter; er verfügt über geringe Geldmittel (die ihm teilweise von dem im iahre 1926 in London gegründeten Pio-«laranos- Komitee zur Verfügung gestellt werden); und das Allerschwerste: er stößt immer wieder auf die Angst der Kryptojuden, ihr Judentum Öffentlich zu bekennen. Diese Angst, ein Erbe leidensreicher Jahrhunderte, ist sein bitterster Feind. Doch er läßt sich nicht entmutigen. Er glaubt an sich und an sein Werk: „Geduld und Ausdauer" ruft er in seinem Bericht immer wieder. Er besitzt beides. zum allergrößten Teil auf die persönliche Fühlungnahme mit den Studenten, auf ihre Beratung in den Sprechstunden und auf eine Anzahl von Aussprachen mit ihren Vertretern über die verschiedensten Gebiete studentischen Lebens. Das Wintersemester wird bereits in breiterem Rahmen die Wirksamkeit der Studentenseelsorge zeigen. Es soll in jedem Monat eine allgemeine jüdische Studenten-Versammlung abgehalten werden, bei der über die verschiedensten Fragen gesprochen werden soll. Die Fragen werden voraussichtlich gruppiert sein um das große Thema:. „Gegenwart und Judentum". Sie werden dazu bestimmt sein, dem jüdischen Studenten in seinem Gang in die heutige Wirklichkeit Wegweiser und Berater zu sein. Es gilt, die mannigfachen weltanschaulichen Fragen von heute in das Gefüge des Judentums einzuordnen. Daneben wird in stillerer Arbeit der Studentenseelsorger die Aufgabe haben, in den jüdischen Verbindungen und auch sonst in studentischen Kreisen jüdisches Wissen zu vermitteln. Wie wichtig diese Aufgabe ist, braucht an dieser Stelle nicht gesagt zu werden. Der jüdische Student, der nach dem Abiturium die Schule verläßt, verläßt zugleich auch in den allermeisten Fällen damit den Weg, der zu jüdischer Bildung und Fortbildung führt. Die Studentenseelsorge soll besonders den jüdischen Studenten helfen, die in keiner jüdischen Verbindung sind und keine Gelegenheit haben, ihr jüdisches Wissen zu erweitern. Auf das Große der Erhaltung des Judentums überhaupt gesehen, scheint uns die Studentenseelsorge eine dringende und notwendige Forderung unserer Zeit zu sein. Wir müssen in der akademischen Schicht noch immer die führenden Menschen unserer Gemeinden sehen. Es muß deshalb als eine Notwendigkeit angesehen werden, diese großen Schichten dem jüdischen Leben näherzubringen und sie auf die Stellung vorzubereiten, die sie einmal innerhalb des jüdischen Lebens einnehmen werden. In memoriam Dr. Alfred Stern. Noch lebt im Wiener Judentum die dankbare Erinnerung an die unvergänglichen Verdienste des im Jahre 1918 verblichenen langjährigen Präsidenten und Ehrenpräsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Gemeinderat Dr. Alfred Stern. a&U das mit dem Zeichen der sireng rituellen Erzeugung versehene KuneroL Das Verschlu&siegel bürgt Ihnen dafür, da§ Sie Kunerol ohne Bedenken genießen könnea Kunerol ist reines Kokosnufifeti und kann sowohl zur Zubereitung von Milchspeisen als auch zur Zubereitung von Fleischspeisen verwendet werden. & ÜNEROL 10035 REINES KOKOSNUSSFETT Kunerol Ist nur; edif in Orlglnainadfung! Yor täasthenden Nachahmungen wird _gewarnt!_ Noch gedenkt man seiner in lebhafter Frische als eines Mannes, der alle seine hohen Geistesgaben, all seine Tatkraft und Energie dem Wohle des Wiener Judentums und dem Aufschwünge seiner Kultusgemeinde gewidmet hat. In der Seitenstettengasse ist diese Erinnerung natürlich unauslöschbar, denn dort hat er volle drei Jahrzehnte im Dienste dieser Gemeinde gewirkt, in deren Ruhmesgeschichte er für alle Zeit ein besonderes Ehrenblatt sich erworben hat. Das pietätvolle Gedenken, das ihm seine Gemeinde bis auf den heutigen Tag bewahrt hat (und sicher auch noch weiter bewahren wird), bewies eine solenne Feier, die die Kultusgemeinde am 29. August anläßlich der hundertsten Wiederkehr des auf diesen Tag fallenden Geburtstages von Dr. Alfred Stern s. A. veranstaltete. Im Sitzungssaale, der durch das Bild seines eindrucksvollen Denkerkopfes geziert ist, versammelten sich im Rahmen einer Sitzung des verstärkten Vertreterkollegiums zahlreiche Festgäste. Die Sitzung wurde von dem derzeit mit der Führung der Gemeindegeschälte beauftragten Vizepräsidenten Dr. Jakob 0 r nstein geleitet. Er gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, vor allem die Mitglieder der FamilieDr. Sterns begrüßen zu können, die Kinder seiner beiden Nichten, denen er in geradezu väterlicher Liebe zugetan war, Dr. K1 i n g e r jr., den Sohn des selbst durch Ortsabwesenheit am Erscheinen verhinderten Obmannes der Schätzungskommission der Kultusgemeinde, Dr. Norbert K1 i n g e r, und Herrn und Fräulein G o 1 d b e rg e r, sowie den geliebten Neffen Dr. Sterns, Oskar S t r a u s s. Dr. Ornstein hatte ferner unter lebhaftem Beifall der Versammlung Gelegenheit, einen verehrten Gast zu begrüßen, nämlich Herrn Oberrabbiner Low aus Szegedin, dessen zufälliger Anwesenheit in Wien das Erscheinen dieses Freundes unserer Gemeinde zu verdanken war. Er hieß ferner die Mitarbeiter Dr. Sterns in den letzten Jahren seines Lebens, den seinerzeitigen Vizepräsidenten der Gemeinde, Dr. Wilhelm Pappenheim, und das ehemalige Mitglied des Kultusvorstandes, Hofrat Dr. Josef L ö w n e r, zugleich auch als Mitglieder der Chewra Kadischa, deren Ehrenpräsident Dr. Alfred Stern war, willkommen. Weiters begrüßte er den gewesenen Stadtrat und Mitglied des Gemeinderates der Stadt Wien, Dr. Oskar Hein, die anwesenden Mitglieder des Kultusvorstandes, die Vorstände der Bezirkskommissionen und Tempelvereine, Rabbiner und Gemeindebeamten. Nach der Begrüßung hielt Vizepräsident Doktor J. Ornstein die mit gespannter Aufmerksamkeit angehörte und mit lebhaftem Beifall aufgenommene Gedenkrede, mit deren genauer Wiedergabe wir im folgenden beginnen. Denn diese Rede, so reich an interessantem historischen Material aus der Geschichte des Wiener Judentums längst vergangener Tage und gekrönt durch die feine Charakteristik des Menschen und Juden Dr. Stern und seiner Arbeit, verdient, für immer festgehalten zu werden. Dr. O r nstein, der seine Ansprache mit begeisterndem Schwünge hielt, führte in derselben aus: Es ist uns ein Gebot der tiefen Dankbarkeit, eine Herzenssache, wenn wir an diesem Tage, an welchem genau vor 100 Jahren der nachmalige Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Herr Dr. Alired Stern das Licht der Welt erblickte, gerade in diesen Hallen, in welchen er durch 30 Jahre die reichen Gaben seines großen Geistes zum Nutzen und Frommen unserer Kultusgemeinde entfaltete, in welchen er durch 14 Jahre am Steuerruder unserer Gemeinde stand und mit kraftvoller Hand ihr Schiff durch die wachsende Brandung der Zeit, über bedrohliche Riffe und Klippen hinwegiiihrte, seiner in dankender Erinnerung zu gedenken. Wenn wir die Bedeutung dieses seltenen Mannes voll und ganz würdigen und erkennen wollen, so müssen wir abseits von allem Phrasengeklüngel ein Bild seines Lebens, seines Werdens und seines Wirkens und seines Schaffens entwerfen, und wenn Ihr Sprecher auch nicht als Biograph mit historischer Genauigkeit sein Lebenswerk von Jahr zu Jahr verfolgen kann, so müssen wir doch in längst vergangene Zeit weit zurückgreifen, nicht weil jeder Exkurs in fernabliegende Zeiten für uns. da er die Verbindung mit unseren Vorfahren wiederherstellt und uns ihr Leben und ihr Leiden in die Erinnerung zurückruft, von historischem Interesse ist, sondern weil jede Generation sich auf den ihr vorangegangenen Geschlechtern aufbaut, weil die Gedanken, die Auiiassungen und die Anschauungen, die wir in unserer Kindheit und Jugend bilden, bestimmend sind für die Bestrebungen und Ziele unseres Mannesalters und weil schon in unserer Jugendzeit die Ideale zu reifen beginnen, die wir in unserem Mannesalter verwirklichen sollen und die uns bis ins Greisenalter, bis zum Grabe begleiten. Dr. Alfred Stern ist ein Kind eines vornehmen jüdischen Geschlechtes, das zwar keinen Adelsbrief besaß, aber doch dem guten jüdischen Adel angehörte. Er ist der Urenkel des Aron Leidesdorff, dessen Bild unseren Sitzungssaal seit vielen Jahrzehnten ziert und welches wir aus Anlaß der heutigen Feier neben dem Bild des Dr. Alfred Stern befestigt haben.