Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 36 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHH1 reits zu einer „Weltanschauung" entwickelt. Die Schule selbst hat daran nur wenig aktiven Anteil: pädagogische Exzesse wie das berüchtigte Haßgebet des verflossenen Hakenkreuzministers in Thüringen konnten sich sogar im antisemitisch verseuchten Deutschland nicht durchsetzen. Aber die p a s s i v e Haltung der Schule, ihre Zurückhaltung auf einem Gebiete, dem der Wissensdurst der Jugend nun einmal in hervorragendem Grade gilt, hat es falschen Propheten ermöglicht; aus dem Befriedigen dieses Interesses ein trauriges Im Leitartikel der vorliegenden Nummer spricht der Autor anläßlich des bevorstehenden Schulbeginnes auch von der Forderung, die jüdische Jugend schon in ihrer frühesten Kindheit für den Kampf ums Dasein, der oft genug ein Kampf gegen antisemitischen Haß und Neid ist, vorzubereiten. Ob eine solche Vorbereitung schon im zarten Kindesalter möglich ist, darüber werden die Ansichten der Pädagogen sicherlich auseinandergehen. Darüber kann aber wohl keine Meinungsverschiedenheit herrschen, daß die erwachsene jüdische Jugend, und insbesondere die studentische, imstande ist, einen solchen „geistigen Wehrunterricht" aufzunehmen. Ein solcher Unterricht muß nicht unbedingt im Rahmen des Religionsunterrichtes erfolgen, die jüdische Jugend könnte auch sonst zu Gemeinschaften zusammengeschlossen werden, in denen unter bewährter fachmännischer Leitung die Vorbereitung für den jüdischen Lebenskampf geboten und fruchtbare religiöse und soziale Arbeit geleistet wird. Die Berliner jüdische Gemeinde hat in dieser Beziehung bereits eine Einrichtung geschaffen, die, wenn sie von jeglicher innerjüdischen Politisierung freigehalten wird, mustergültig für alle Gemeinden in jenen Ländern sein könnte, in denen der wirtschaftliche Kampf, verschärft durch den antisemitischen Boykott, die erwachsene jüdische Jugend allzu häufig dem angestammten Judentum entfremdet. „Die Zukunft der jüdischen Studierenden kann nur in Deutschland liegen", sagte in der interessanten Sitzung der Berliner Repräsentantenver- Peuitleton DieMaranen in Portugal. Von Dr. Markus Ehrenpreis, Stockholm. Ich sitze eines Abends im Bibliothekszimmer des Professors Amzaläk in Lissabon, der mir die spannungsvolle Lebensgeschichte des Kapitäns Basto erzählt Es ist ein religionspsychologischer Roman. Professor Amzaläk, Vorsitzender der ausgezeichnet organisierten jüdischen Gemeinde in Lissabon, ist ein fruchtbarer wissenschaftlicher Forscher von erstaunlicher Vielseitigkeit, Mitglied der portugiesischen Akademie und Eigentümer der großen Tageszeitung „0 Secolo". „Es war an einem Freitagabend", erzählt mir Prof. Amzalak, „als ich am Eingange unserer Synagoge einen bescheidenen jungen Mann in Militäruniform traf, der mich um die Erlaubnis bat, dem Gottesdienste beiwohnen zu dürfen. Ich habe ihn seither wiederholt in unserer Synagoge gesehen. Nach einiger Zeit bat er mich um eine Unterredung, in deren Verlauf er mir sein Geheimnis offenbarte. Seine Geschichte lautete ungefähr so: Meine Mutter ist Katholikin, mein Vater war Marrane, doch dies ist mir erst vor kurzem, nach seinem Tode, klar geworden. Mein Vater pflegte sich regelmäßig zu gewissen Zeiten, meist an Freitagabenden, in ein besonderes Zimmer zurückzuziehen; ich hatte das Gefühl, daß er dort Gebete verrichte, die ich jedoch nicht verstand. Er selbst hatte nie ein Wort über seine Religion gesprochen, und ich hatte den Verdacht, daß er Muselmann sei. Nach seinem Tode, der für mich ein unbeschreiblich harter Schlag war, war ich bemüht, mir Klarheit über seine Religion zu verschaffen. Es bohrte unausgesetzt in meinem Innern und ich konnte keine Ruhe finden. Die katholische Kirche war mir innerlich völlig fremd; ich suchte einen Weg zu Gott, und ich wollte am liebsten den Weg gehen, den mein Vater gegangen; denn ich liebte meinen Vater über alles in der Welt Erst in Ihrer Synagoge hier in Lissabon ist mir das Geheimnis blitzhaft aufgegangen. Sie sahen mich oft Ihrem Gottesdienste beiwohnen. Das war kein bloßes Zuhören, es war ein ahnungsvolles Horchen, ein Lauschen und Suchen und Graben mit der ganzen Seele und dem ganzen Herzen. Als ich immer wieder Ihre hebräischen Gebettexte im uralten, geheimnisvollen Rhythmus rezitieren hörte, als ich in der Mitte der Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs diese undefinierbare Luft atmete, die Luft der Jahrtausende, da erwachten dunkle Assoziationen in meiner Seele, etwas Rätselvolles. Fernes, kaum Faßbares, aber zugleich Unerbitt- Gevverbe zu machen, das im Trüben fischt. Diesem seelischen Kurpfuschertum muß die Schule das Handwerk legen. Das Judentum hat nichts zu verbergen. Seine grundlegenden Lehren sind allen zugänglich, die guten Willens sind. Pädagogen, die sich mit ehrlichem Bemühen in diese Literatur versenken, werden bald die falschen Propheten entlarven können, die von der konfessionellen Hetze leben und nicht nur das Judentum verleumden, sondern dem sittlichen Wesen aller Religionen Hohn sprechen. Dr. Hugo Spiegier. sämmlung, in der es zu einer Ablehnung einer Subventionierung der Hebräischen Universität kam, ein liberales Mitglied dieses Kollegiums. Die Berliner jüdische Gemeinde hat ganz im Sinne dieser berechtigten Forderung gehandelt, als sie vor einiger Zeit die jüdische Studentenseelsorge ins Leben rief und den Rabbiner Dr. Prinz als Studentenseelsorger bestellte. Wir haben über die erste Versammlung dieser neugeschaffenen Institution ausführlich geschrieben, in der Ministerialrat Dr..Badt und Dr. Friedrich Brodnitz über die Tagung des Internationalen Studentenwerkes in N y o n berichteten. Diese erste von Dr. Prinz abgehaltene Studentenversammluhg hat in der deutsch-jüdischen Presse ein lebhaftes Echo gefunden. Von liberaler Seite wurde wegen verschiedener jüdischnationaler Aeußerungen in der Versammlung gegen eine Politisierung der Studentenseelsorge Stellung genommen und richtig ausgeführt, daß eine solche Politisierung zugleich den Untergang dieser so . segensreich gedachten Institution bedeuten würde. Rabbiner Dr. Prinz, der in diesem Zusammenhang scharf angegriffen wurde, entwickelt nun in der letzten Nummer der Berliner „C. V.- Zeitung" jene Grundsätze, die seiner Ansicht, nach als Basis für die „Jüdische Studentenseelsorge" gelten könnten. Bei der Lektüre dieser Darlegungen, die wir im. folgenden auszugsweise wiedergeben, wird man tatsächlich anerkennen müssen, daß hier an ein fundamentales Werk gedacht wird, das bei richtiger Durchführung für liches und Unbesiegbares. Da rief es plötzlich in mir: Das ist die Religion deines toten Vaters, diese soll auch deine Religion werden! Und nun komme ich zu Ihnen mit der innigen Bitte: Helfen Sie mir, den Weg zur Religion meines Vaters zu finden. Bastos Entschluß war unwiderruflich, und .er hat ihn, allen Hindernissen zum Trotz, mit bewundernswerter Willenskraft durchgeführt Er widmete sich mit Ernst dem Studium der Religionsurkunden des Judentums sowie der hebräischen Sprache, die er jetzt beherrscht Nach dem Tode seiner Mutter konnte ihn keine Macht länger in der Kirche festhalten, die seiner Seele fremdwar. In Tanger trat er formell zum Judentum über, worauf er ein jüdisches Mädchen aus der Lissaboner Gemeinde zur Gattin nahm. Eine der Bedingungen für diese Eheschließung war, daß die Braut während der Verlobungszeit Hebräisch erlerne, was sie auch tat. Der Tag. da Basto ein Heim in Israel gründen durfte, war, wie er selbst berichtete, der glücklichste seines Lebens. Seine Träume waren nun in Erfüllung gegangen; er war wieder in den historischen Zusammenhang eingefügt; er war wieder Ring in der Kette. Jetzt begann für ihn ein neues Leben, ausgefüllt mit Arbeit für ein heiliges Ziel. Er sammelte um sich die Zerstreuten und versteckten Glaubens- und Schicksalsgenossen und mit ihrer Hilfe gründete er die erste Marranengemeinde in Oporto, wo er seit einem Jahrzehnt als Gefängnisdirektor und PressezenSor eine geachtete Stellung einnimmt. „Kapitän Basto," schließt mein Gewährsmann, „ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, ein geborener Verkünder und Missionar, erfüllt von apostolischem Eifer und unermüdlicher Arbeitskraft. Er wird noch von sich hören lassen." Seit jenem für mich denkwürdigen Abend in Lissabon (Sommer 1927) habe ich Arthur de Barros Basto nicht mehr aus den Augen verloren. Er läßt in der Tat viel und oft von sich hören. Mit steigender Verwunderung folge ich ihm auf seinem dornigen Apostelwege, und es gewährt mir Trost, zu wissen, daß ein solcher Mensch in meiner Zeit lebt und wirkt. Gleich einem legendenumflossenen Propheten geht er — ich hätte fast gesagt: schwebt er — einsam und unbeugsam seinen Schicksalsweg, mit glühender Seele, stolz und fest und freudig — mit der somnambulen Selbstgewißheit des Berufenen. Etwas Fernes, Mystisches, Asiatisches scheint über ihn gekommen zu sein; das Göttliche hat ihn berührt Nun ist er gleich Joseph ausgezogen, seine Brüder zu suchen. Während des letzten Jahres ist er wiederholt werbend und erobernd, durch die entlegenen Dörfer des nördlichen Portugal gezogen, die Flamme seiner Seele über Berge tragend: dort hat er Scheintotes zum Leben erweckt und in das Dunkel gepeinigter Seelen mit der Fackel seines neuen, alten Glaubens Hur bis Montag, den 7. September Ikönnen Sie die Heujahrsgratulation für unsere Rosch-Haschonoh-Festn ummer bestellen, da nur bis dahin einlangende Aufträge berücksichtigt werden können. Benützen Sie noch rasch den Bestellschein auf Seite 8 dieser Nummer! die studentische jüdische Jugend und für; das Judentum überhaupt von einschneidender Bedeutung sein würde. Allerdings birgt das Konzept des Berliner Studentenseelsorgers eine Gefahr in sich und auch die „C. V.-Zeitung" gibt dieser Befürchtung rückhaltslos Ausdruck, wenn sie in ihrer Einleitung zu den Darlegungen von Dr. Prinz folgendes schreibt: „Dr. Prinz spricht davon, daß allmonatlich allgemeine jüdische Studentenversammlungen abgehalten werden sollen, die den Gegenstand „Gegenwart und Judentum" zu behandeln haben. Hier liegt die Klippe. Wir fürchten, daß allzu leicht bei solchem Thema die Geister aufeinanderplatzen werden. Bei der berechtigten Frische der Jugend werden hier schnell Gegensätzlichkeiten aufgerührt, die ebenso rasch zu Schärfen führen, und die die jüdischen Studenten statt einander anzunähern, stark auseinanderbringen werden. Wir halten die Aufgabe religiöser, sozialer und wirtschaftlicher Natur für den Studentenseelsorger für so umfassend und arbeitsreich, daß es nicht nötig ist, sich auf Gebiete zu begeben, die das Vertrauen zu dem Seelsorger als religiöse Persönlichkeit, der ersten Voraussetzung erfolgreicher Wirksamkeit, zu gefährden geeignet sind." Dieser Verdacht einer Verschärfung des innerjüdischen Gegensatzes müßte wirklich von der „Jüdischen Studentenseelsorge" ferngehalten werden. Wir unterstreichen diese Forderung schon deshalb, weil es ja möglich wäre, daß die W i e n e r jüdische Gemeinde, in der die Verhältnisse ähnlich liegen wie in Berlin, an eine Nachahmung des Berliner Beispieles denken könnte, zumal dann, wenn sich dasselbe behineingeleuchtet. Er hat nicht vergebens gerufen; seine Botschaft kam vielen wie ein langersehnter Erlösungsruf und die Zahl derjenigen, die ihm folgen, wächst zusehends. Wo er erscheint, da entzünden sich die Lichter der altjüdischen Menorah, wachsen Synagogen aus dem steinigen Boden, ertönen längst verstummte hebräische Gesänge. Seine nüchternen Berichte über das Wachsen der marranischen Bewegung sind menschliche Dokumente von hohem Werte. Man kann das Gefühl nicht los werden, daß dort in den nordportugiesischen Bergen etwas Wunderbares geschieht: arme Menschen, von der Not des Tages erdrückt, sammeln sich freudig um den gotterfüllten Rufer, der die alte Fahne ihres Stammes vor ihnen aufrollt Mitten in unserer erdenschweren Zeit vollzieht sich eine religiöse Wiedergeburt vor unseren Augen, echt und von innen heraus, ganz unpolitisch und zweckfrei, verbunden mit mancherlei Begleiterscheinungen religiösen Erwachens: Märtyrertum, Wunderheilungen, Messiasrausch____ Aehnliches hat sich in Israels Geschichte seit der zweiten Rückkehr aus dem babylonischen Exil nicht zugetragen. In dieser Bewegung ist Basto alles in einer Person: Lehrer und Organisator, Uebersetzer, Forscher, Laienpriester. Vorbeter, Prediger. Zeitungsmann. Er redigiert und schreibt selbst die portugiesische Zeitschrift „Ha- Lapid" (Die Fackel), die er seit April 1927 als Organ des Maranentums herausgibt. „Ha-Lapid", von dem nunmehr zwölf Hefte "vorliegen, ist keine Zeitschrift im üblichen Sinne; vielmehr eine fortlaufende Sammlung von Lektionen in jüdischer Religion und Geschichte. Aus dem, was hier mitgeteilt wird, ist leicht zu ersehen, wieviel im Laufe der schmerzensreichen Jahrhunderte verloren gegangen. Man findet hier beispielsweise ein Stück, enthaltend die zehn Gebote in wörtlicher Uebersetzung. Andere Stücke enthalten: die von Maimonides formulierten Dreizehn Glaubenssätze, eine Sammlung der Lehren Hilleis, Vorschriften über die Sabbatruhe, ein Verzeichnis der religiösen Feste des Judentums, eine Aufzählung der vierundzwanzig Bücher des Alten Testaments, einen Auszug aus Manasse ben Israels Ritualnuch „Ozar ha-Dinim" u. a. Kurze Notizen am Schlüsse der Hefte informieren fortlaufend über die Ausbreitung der Bewegung. Basto verfaßt und übersetzt Gebetbücher, kleine Lehrbücher und andere religiöse Schriften. Im " verflossenen Jahre hat er u. a. erscheinen lassen eine Sammlung von Vorschriften über den Sabbat, eine Agende für den Freitagabendgottesdienst, die Sprüche der Väter und Gabirols „Königskrone" in portugiesischer Uebersetzung, eine portugiesische Haggadah schal Pessach, eine Agende für Beerdigungen mit Andachtsstücken für das Haus. Er gründet langsam, aber methodisch eine Gemeinde nach der anderen, eröffnet Synagogen, sorgt für ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■»—■»—»—■—■ •••••■•■■■■■■■■••■■■•■••■»•••»•»•■•■■■•■■■■•■■■■•■•■■•■■•■»• nuMMaanai Die Berliner jüdische Studentenseelsorge.