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Die Wahrheit · 1931-09-04 · Heft 36 (4.9.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 36 (4.9.1931)
Date
1931-09-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV1I. Jahrgang Wien, 4. September 1931 Nummer 36 Vor Schulbeginn, Schulbeginn steht vor der Türe, das große Ereignis der Kindheit wirft seine Schatten voraus. Fürsorgliche Eltern machen bereits die nötigen Anschaffungen. Schultaschen werden gekauft, Schulkleidchen vorbereitet. Für jüdische Eltern darf aber damit die Ausrüstung ihrer Kinder für den ersten Schultag noch nicht erledigt sein, sie haben ihren Kindern noch anderes, wichtigeres Rüstzeug mit auf den Weg zu geben als Ranzen, Schiefertafel und Griffel. Im allgemeinen hat ja die Schule viel von dem Schrecken verloren, den sie in pädagogisch rückständigeren Zeiten hatte. Es ist noch gar nicht lange her, da war dem Kinde gegenüber die Drohung beliebt: „Na warte nur, bis du in die Schule kommst!" Damals war der Lehrer mit dem Rohrstock das Schreckgespenst für die kindliche Vorstellung. Die Schulreform hat mit diesem Geisterspuk gründlich aufgeräumt. Ihr Prinzip ist die Entfaltung der gestaltenden Kräfte der kindlichen Phantasie. Da gibt es keine aufgezwungenen Schulaufgaben, frei aus sich heraus soll der kindliche Geist zum Bewältigen des Lehrstoffes angeregt werden — ohne Scheltworte, ohne Prügel. In Fröhlichkeit und kameradschaftlichem Zusammenwirken von Schülern und Lehrern wird der Gesamtunterricht durchgeführt. Und dennoch: Die Tränen des jüdischen Schulkindes fließen nach wie vor! Was nützt es, daß die moderne Schule so viel Trennendes zu beseitigen sucht: das Trennende zwischen Lehrer und Schüler, das Trennende zwischen den einzelnen Lehrfächern, die nicht mehr streng abgesondert von einander unterrichtet werden, ja sogar das Trennende zwischen den verschiedenen Geschlechtern, soweit die Koedukationsschule in Betracht kommt — eine Schranke konnte nicht beseitigt werden, sondern legt sich heute sogar noch mit verschärfter Wucht zwischen Altersgenossen mit sonst gleichen Leiden und Freuden. Das ist die Schranke zwischen den Konfessionen, besonders zwischen Christen und Juden. Diese Feststellung an sich bedeutet noch keinen Tadel. Die Treue zum angestammten Glauben, von uns Juden in noch schwierigeren Zeiten mit den ungeheuersten Blutopfern bewiesen, darf auch auf dem Altar der modernen Schulreform nicht geopfert werden. Beklagenswert ist es aber, daß in den wechselseitigen Beziehungen zwischen verschiedengläubigen Mitschülern nicht das einigende sittliche Band des Monotheismus hervorgehoben wird, sondern gerade die trennenden Momente mit besonderer Schärfe betont und als Saat dauernder Entfremdung voneinander in die zarten Kinderseelen verpflanzt werden. Gewiß, Scheltworte sind aus dem modernen Unterricht verbannt, aber schmerzlicher als jedes Schimpfwort brennt oft in der Seele des jüdischen Kindes die Bezeichnung „J ude!" Mangelhaft aufgeklärt über die ethischen und gefühlsmäßigen Werte, die dieser Begriff umspannt, empfindet das jüdische Kind das Wort, wie es ja meist auch von dem nichtjüdischen, das es ihm zuruft, gemeint ist: als Beleidigung. Das ist die Schuld der jüdischen Eltern, die es versäumt haben, ihrem Kinde das nötige seelische Rüstzeug auf den Schulgang mitzugeben. Der reichsdeutsche jüdische Fliegerheld Jakob Ledermann setzt sich für Einführung eines „Wehrunterrichts" für die jüdische Schuljugend ein. Er soll darin bestehen, daß im Rahmen des jüdischen Religionsunterrichtes auch die wichtigsten apologetischen Methoden und Abwehrschriften gegen die Irrlehren des Antisemitismus kundgetan werden. Dieser Vorschlag ist sehr zu begrüßen, kommt aber nur für die r e i f e r e Jugend in Betracht. Den Allerjüngsten tut es vielmehr not, daß die Eltern ihnen beibringen, die Zugehörigkeit zum Judentum sei nicht nur keine Schande, sondern im Gegenteil eine erhebende Ehre, da das Judentum der göttlichen Offenbarung gewürdigt und so in den Stand gesetzt worden ist, der ganzen Menschheit ihr höchstes Kleinod: die Bibel zu bescheren. Das wird den Kleinen einleuchten und bewirken, daß sie sich ihres Glaubens nicht nur nicht schämen, sondern sich mit Stolz zu ihm bekennen. Und dann wird manche Träne ungeweint bleiben, die sonst innere Hilflosigkeit fremdem Unverstand gegenüber dem jüdischen Kinderauge entpreßt. Diese notwendige Erziehungsarbeit darf aber nicht in Haß- und Verachtungspredigten gegen die Andersgläubigen ausarten. Es wäre der schwerste Fehler, wenn wir unsere Kinder mit all dem geistigen Gifte erfüllen würden, gegen dessen Auswirkungen seitens der christlichen Jugend wir sie schützen wollen. Eine Reinigung der religiösen Haßatmosphäre kann nicht durch das kriegerische Wechselspiel von Gift und Gegengift erfolgen, sondern ist nur von einer weifgehenden Entgiftung allerseits zu erwarten. Hier besteht ein Abrüstungsproblem, dessen Bewältigung die hehrste Aufgabe der Schule sein müßte. Zugleich ihre — leichteste, wenn es ehrlich angepackt wird. Denn die Lösung dieses Problems rührt nicht an so heikle, uralte Fragen wie die, ob der Krieg jemals aus der Geschichte der Menschheit verschwinden kann oder ob er zutiefst in der Psyche der Völker verwurzelt und daher unausrottbar ist. Die Grundlage der nationalen Organisation in der Urzeit der Völker war ja nicht die Moral (im Sinne einer absoluten, offenbarten Ethik), sondern der vom Selbsterhaltungstrieb diktierte Egoismus. „Der nationale Kampf ist der Kampf um den Futterplatz, der soziale der Kampf um den Futteranteil," sagt Werner Sombart. Ob diese Kämpfe mit geistigen oder mechanischen Waffen geführt werden, ist keine Frage des Prinzips, sondern nur der Methode. Ganz anders aber steht es mit der Religion. Gewiß wurde in der Urzeit der Menschheit auch der Glaube an höhere Wesen vom nationalen Kampf beeinflußt. Jedes Volk hatte seine eigenen Götter, denen es bedenkenlos die gefangenen Feinde, diese um jeden Preis auszuschaltenden Mitbewerber um die Früchte der Erde, zum Opfer brachte. Erst das Judentum hat den Begriff eines die objektive, d. h. für alle gültige Sittlichkeit wahrenden Gottes in die Weltgeschichte eingeführt. Mag dieser auch seinen Bund mit Israel geschlossen haben, so hat er doch keinen Zweifel darüber gelassen, daß seine sittlichen Gebote, zumindest in ihrer Auswirkung sich auch auf die Nichtjuden erstrecken. Das Gebot der Nächstenliebe ist ausdrücklich dahin kommentiert, daß es auch auf den Fremden angewendet werden muß (Lev. Cap. 19). Hier offenbart sich am deutlichsten die teilweise Gegensätzlichkeit zwischen Religion und Nationalität. Der Begriff der letzteren enthält immer ein Kampfmoment, das ständig Haß- und Rachegefühle latent erhält. Religion aber will diese Gefühle unterdrücken, ersetzt diese Urinstinkte durch das fortschrittlichere Gebot der Nächstenliebe. An die Stelle der nationalen Mobilisierung aller feindlich aufeinander anstürmender Egoismen soll die Erziehung zu allgemein menschlicher Güte treten. Wem obläge diese Erziehung eher als der Schule? Gewiß, die Schule kann keine Wirtschaftsfragen lösen. Konflikte, die aus unzweckmäßiger Verteilung des Warenvorrats entstehen, wie die jetzige Krise der Weltwirtschaft, sind nicht vom Schulkatheder aus zu beseitigen, vielleicht überhaupt nicht von irgend einem grünen Tische aus. Solange es Landes- und Zollgrenzen gibt, wird es auch Beschützer dieser Grenzen und somit latente Kriegsmomente geben. Welche Grenzen aber gilt es kriegerisch zu schützen zwischen den Bekennern des Alten und denen des Neuen Testaments? Ist es nicht widersinnig, wenn Menschen aufeinander losschlagen, nur weil jeder seine „Nächstenliebe" für besser im göttlichen Wort fundiert hält als die des andern? Jahrhunderte lang hat dieser Widersinn geherrscht. Seine Herrschaft schien gebrochen, als die Aufklärung, die Zunahme der allgemeinen Volksbildung ihr vielversprechendes Regime antrat. Statt dessen erleben wir jetzt das paradoxe Schauspiel, daß gerade die Schule den Boden für die schmachvollsten Ausschreitungen des religiösen Haders abgibt. In der Volksschule plappern die Kleinen nur geistig Unverdautes nach, das sie aus irgend einer trüben Quelle schöpfen. Auf der Hochschule aber hat sich diese geistige Nahrung be- Mitglieder und freunde der „Union" flherfragen Lebens- und flemenlar- Verslfflernngen der städtischen Versitiiernngsanstalt_

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