Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 35 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Uit WAHRHEIT Seite 7 anderen hessischen Orte, in E c h z e 11, der jüdische Friedhof geschändet. * In verhältnismäßig kurzer Zeit ist es gelungen, die an der frevelhaften Schändung des jüdischen Friedhofs in Memel Beteiligten zu verhaften. Es handelt sich um vier noch im jugendlichen Alter stehende Angestellte, bzw. Arbeiter, die sämtlich aus Litauen stammen. Die Beweggründe zu der, wie das „Memeler Dampfboot" meldet, „geradezu viehischen Tat", bei der viele wertvolle Grabsteine zerstört wurden und zahlreiches sonstiges Friedhofsgut beschädigt wurde, sind noch ungeklärt. Nur zu wahr. In der Wochenschrift „Das Wort der Frau", dem gut geleiteten Organe der „Oesterreichischen Frauen-Partei", finden wir einen „Brief aus Ischl" von Hilde Strauß- Gut m a n n, in dem die Verfasserin ihre Eindrücke aus dem lieblichen Kurort an der Traun wiedergibt. Sie erzählt u. a. von einer Bekanntschaft mit einem amerikanischen Ehepaar, mit dem sie auf der Esplanade ins Gespräch kam. Die Amerikaner äußerten die Absicht, nächstes Jahr wieder nach Europa zu kommen, aber nicht nach Wien, sondern nach Paris. Als Grund für diese Ablehnung Wiens gaben sie den Umstand an, daß sie es nicht ertragen können, in Wien so viel Armut zu sehen. Frau Hilde Strauß-Gutmann klärte als „Vollblutösterreicherin" das amerikanische Ehepaar über die Situation Oesterreichs auf, das wohl „tief im Elend steckt, aber nicht aus eigener Schuld". Das Gespräch nahm nun eine Wendung, die vom jüdischen Standpunkt besonders interessant ist. Der amerikanische Gatte motivierte nämlich seine Aversion gegen Oesterreich noch mit folgendem Grund: Ich bin Jude, mein Vater war Prag er und ist nach Amerika ausgewandert, er hat es dort zu Wohlstand gebracht. Wir reisen aus alter Heimatliebe alljährlich nach Oesterreich. Aber nirgends in der Welt treibt der Antisemitismus solche Blüten — vielleicht noch in Deutschland, sehr zu Unrecht! Warum sollen wir einer Nation helfen, die so engstirnig ist, die Hilfe beansprucht und dabei Angehörige einer anderen Nation so hart verfolgt und beleidig t!" Leidenschaftlich wurden diese Worte hervorgestoßen. Und eine eiserne Hand preßt mir das Herz zusammen, daß es schmerzt, denn ich weiß: das alles ist wahr. Ein wichtiges Urteil des deutschen Reichsgerichtes. Wir haben an dieser Stelle mehrfach Fälle erörtert, in denen im Gegensatz zur höchstrichterlichen Rechtsprechung und zu den bestehenden ministeriellen Anordnungen jüdischeRichterin Deutschland wegen ihres Glaubensbekenntnisses abgelehnt worden sind. Nunmehr hat das deutsche Reichsgericht erneut in einem Urteil ausdrücklich die Ablehnung jüdischer Richter wegen ihres Glaubensbekenntnisses als unzulässig gebrandmarkt. Das Urteil ist in der Zeitschrift „Das Recht" veröffentlicht. Das Reichsgericht führt aus, daß auch in politischen Prozessen die Religions- und Parteizugehörigkeit keinen Ablehnungsgrund bilde. Im einzelnen äußert sich das höchste deutsche Gericht wie folgt: Die Gründe, mit denen die Ablehnung des Vorsitzenden der Strafkammer zurückgewiesen worden ist, stehen mit der Rechtsprechung des Reichsgerichts im Einklang. An der bisherigen Rechtsprechung ist festzuhalten. Von ihr abzugeben rechtfertigt auch der Umstand nicht, daß seit dem Anwachsen der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei die Angriffe gegen die Juden lebhafter und schärfer geführt werden. Für die gegenüber einer solchen Sachlage bestehende Pflicht des jüdischen Richters gilt dasselbe, was der erkennende Senat in einer Sache wegen Vergehens gegen die Religion in dem Urteil vom 11. März 1930 ausgesprochen hat: „Die allgemeinen Ausführungen, die die Gefahr einer Befangenheit eines katholischen Richters dartun sollten, könnten die Ablehnung nicht rechtfertigen, denn für den Richter besteht die Pflicht, unbeirrt durch die Rücksicht auf sein Glaubensbekenntnis die Staatsgesetze anzuwenden, so daß er, vor einen Gewissensstreit gestellt, von sich aus für den fraglichen Fall von der Ausübung des Richteramtes absehen müßte. Wenn also der Richter erkläre, sich nicht befangen zu fühlen, könne auch von dem verständigen Standpunkte eines Angeklagten aus kein Grund bestehen, in eine unvoreingenommene Ausübung des Richteramtes durch diesen Richter Zweifel zu setzen." MÄNNÄ~MHiliDI!Kra im Glas und ohne Glas, ununterbrochene 30stündige Brenndauer Ii babeo in alles einschlägigen EescbäfltB „MANNA" FABRIK CHEMISCHER PRÄPARATE WIEN II., TABORSTRASSE 22 TELEPHON R 40-6-14 Erinnerungen an Jud Süß. Nicht von jenem berühmt-berüchtigten Minister Württembergs will ich reden, sondern von dem großen Geologen Eduard Süß. dem Verfasser des „Antlitzes der Erde", dem Gesunder Wiens, der Tausende von Menschenleben durch die Schöpfung der Wasserleitung gerettet hat und dessen 100. Geburtstag sich vorige Woche jährte. Auf einem Geologenkränzchen, dessen Ehrenpräsident Süß war. wagte mein Vater, der die Distanz, welche die christlichen Professoren schon immer zwischen sich und den jüdischen zogen, stets sehr respektierte, aber nur mit Eduard Süß eine Ausnahme machte, denn erstens war Süß ein gar zu liebenswürdiger Mensch, zweitens zogen sie beide vom Leder, d. h. waren sie Söhne von in inniger Verbindung stehenden Lederfabrikanten, die Bemerkung: „Wenn ich Ihr durchgeistigtes Christusantlitz anblicke, kann ich mich nie der Vermutung entschlagen, daß Sie vom Jud Süß abstammen." Süß mochte sich „Jud Süß" nur unter dem unsympathischen Bilde vorstellen, das Hauff von ihm entworfen hat. denn er protestierte lebhaft gegen diesen Zusammenhang: „Hat Ihnen denn Ihr Vater nie erzählt, daß ich der Sohn eines protestantischen Theologen bin, des Hofmeisters der Brüder meiner Mutter?" Aber sofort fügte er hinzu: „Ihr anthropologischer Scharfblick hat Sie dennoch nicht getäuscht, meine Mutter war ja die Tochter eines jüdischen Großindustriellen und ich bin sozusagen im Exil in London geboren, weil mein Großvater meine Eltern quasi in eine Londoner Filiale verbannte." Beim Begräbnis eines jüdischen Universitätsprofessors hat mir Süß erzählt, wie das ganze jüdische Prag seinen Großvater. Ritter von Zdekauer, zu Grabe geleitet hat und welchen tiefen Eindruck es auf ihn als kleinen Knaben gemacht hat, als der längst ausgesöhnte und zum Mitchef ernannte ehemalige Theologe nach altjüdischer Sitte den Sarg des Schwiegervaters mit den Söhnen trug. Nach dem Begräbnis sagte der Väter zum kleinen Eduard, der schon Zeichen hoher Begabung zeigte: „Was Du auch vielleicht im Leben erreichen wirst, merke Dir. daß es auf der Lebensarbeit dieses schlichten alten Mannes beruht, der rastlos ein Leben lang für die Seinen gearbeitet hat." Clotilde Benedikt. Gemeinde - 'Chronik Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden läßt soeben einen Aufruf an die jüdischen Gemeinden in Deutschland ergehen, dessen auch für Oesterreich gültige Grundgedanken nachstehend folgen: „In schwerer Stunde richten wir an die jüdischen Gemeinden in Deutschland den Ruf: Haltet die Wohlfahrtspflege aufrecht! 1. Keine Gemeindeaufgabe ist in dieser Not notwendiger als Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. 2. Helft, daß überall die unentbehrlichen Heime, die Kindergärten, Horte, Jugendheime offen bleiben. Vermehrt die Speisungen. Aber vermeidet und verhindert rücksichtslos alle Doppelarbeit, jeden Leerlauf. 3. Erhaltet der Arbeit alle Berufskräfte. Sie leisten schwerste, verantwortungsvolle Arbeit. Sie bringen das Vielfache von dem herein, was sie kosten. 4. Ermutigt den Helferwillen jedes einzelnen! Gewinnt freiwillige Mitarbeiter! Weckt die Nachbarschaftshilfe! Schafft „Pfundsammlungen"! 5. Stärkt in der Arbeit die Gemeinschaft mit den anderen konfessionellen und interkonfessionellen Organisationen und mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege. Gemeinden und Vereine schließt euch enger zusammen! Erhaltet und stärkt das Werk der jüdischen Wohlfahrtspflege." Todesfall. Ein prächtiger, grundgütiger Mensch ist plötzlich in allzu frühen Jahren seiner Familie und dem großen Kreise seiner Anhänger und Verehrer entrissen worden. Am 21. d. M. ist Herr Hugo Weiß, Oberverwalter des Spitals der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, im 52. Lebensjahre jäh dahingeschieden. In dem Verblichenen verliert die Witwe Vally Weiß und ihr Kind Walt er, den liebevollen Familienvater, die Wiener Kultusgemeinde einen pflichtbewußten treuen Beamten, die gewaltige Schar seiner Freunde einen fürsorglichen Berater in allen Angelegenheiten, die mit dem von ihm durch viele Jahre hingebungsvoll verwalteten Spital im Zusammenhang standen. Wer immer sich an ihn um Rat und Hilfe wandte, für jeden wußte er Bescheid und half, wo nur Hilfe möglich war. So erwarb er sich in allen Kreisen Verehrer und sein würdiges Leichenbegängnis am 23. d. M. gab Zeugnis für diese ungemein große Beliebtheit. Rabbiner Dr. I. Taglicht entwarf ein lebensgetreues Bild des wackeren Schaffens und Wirkens des Heimgegangenen, an der Bahre sprachen ferner Präsident Professor Dr. Alois P i c k für die Kultusgemeinde, Professor Gold Schmidt für die Aerzte des Spitals, Inspektor I. O e h 1 e r für die Angestellten der Gemeinde, Kultusvorsteher Wolf Pappenheim und ein Vertreter der öffentlichen Angestellten überaus herzliche Abschiedsworte. Die kantorale Funktion versah Oberkantor H. Fischer. Das Andenken dieses edlen Menschen und wahrhaft guten Juden wird stets gesegnet sein. Henriette Fürth 70 Jahre. Am 15. August beging die bekannte Vorkämpferin der deutschen Frauenbewegung, Henriette Fürth, ihren 70. Geburtstag. Henriette Fürth, die 1861 in Gießen geboren wurde, ist eine der Mitbegründerinnen der Mütterschutzbewegung. In den Jahren 1919 bis 1924 war sie sozialistische Stadtverordnete in Frankfurt a. M. Als eine der ersten machte sie den Versuch volkwirtschaftlicher Erfassung der einzelnen Hauswirtschaft in ihren Schriften über „Ein mittelbürgerliches Budget vor und nach dem Kriege". Bekannt sind auch ihre sozialpolitischen Arbeiten über „Das Pflegekinderwesen", „Die Fabriksarbeit der verheirateten Frau", „Das Bevölkerungsproblem in Deutschland" und „Die Regelung der Nachkommenschaft". Seit 1890 betätigte sie sich auf dem Gebiete des jüdischen öffentlichen Lebens und setzte sich inbesondere für die Arbeit des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ein, dessen Frankfurter Ortsgruppe sie seit der Gründung angehört. Die Stadt Frankfurt hat Frau Henriette Fürth anläßlich ihres 70. Geburtstages in dankbarer Anerkennung ihrer sozialen Leistungen die Graumannsche Ehrenplakette überreicht. Malmonldes-Institut, Praterstraße 11. Samstag, 29. August, 4 Uhr nachmittags, Wiederbeginn der Sabbat-Vorträge (Rabb. Dr. A. K a m i n k a). Medizinalrat Dr. J. L. Braun ist von seinem Urlaub zurückgekehrt und ordiniert Wien II., Große Stadtgutgasse Nr. 7 (Telephon R 45-3-43). Der Bethausverein Machslke Thora. V.. Wiedner Hauptstraße 83. veranstaltet heuer wie alljährlich anläßlich der hohen Feiertage einen feierlichen Gottesdienst in den „Drei Engel Sälen", IV.. Große Neugasse 36. Die kantoralen Funktionen versehen erstklassige Vorbeter. Die Festpredigt hält Rabbiner Aron Jeruchem. Karten erhältlich täglich ab 7 Uhr abends im Vereinslakai. V.. Wiedner Hauptstraße 83. Trauung. Sonntag, den 30. August, findet um 3 Uhr nachm. im Stadttempel die Trauung des Frl. Anna Friedmann, Tochter des Herrn Berthold Friedmann (Inhaber des Residenz-Atelier für moderne Photographie) mit Herrn Hans Löffler, Wien IX., statt. Jüdischer Abend In Gleichenberg. Zu dem einzigen in dieser Saison veranstalteten Jüdischen Abend in Gleichenberg vereinigten sich der bekannte Oberkantor S. P o s t o 1 o w und der lyrische Tenor Herr Alexander Blankst ein und ernteten reichen Beifall. Während Oberkantor Postolow mit jüdischen und hebräischen Liedern das Publikum entzückte und zu Zugaben bewegt wurde, brachte Herr Blankstein gesangstechnisch schwierige Arien wie die „Siziliana" aus „Cavalleria" und eine Arie aus dem „Perlenfischer" usw. vortrefflich zum Vortrag, so daß auch er zur Draufgabe der spanischen Romanze „Ay ay ay" veranlaßt wurde. Ein „Jüdisches Hans" in Danzig. Der jüdische Philanthrop I. Grünbaum hat ein Haus erworben, das zu einem Zentralheim für jüdische Institutionen umgebaut werden soll. Das neue „Jüdische Haus" soll eine große Synagoge, eine Talmud Thora- Schule. einen Lesesaal und eine Volksküche enthalten. Außerdem sollen in dem Hause alle in Danzig befindlichen jüdischen und judaistischen Bibliotheken sowie die Amtsräume verschiedener jüdischer Institutionen untergebracht werden.