Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 35 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Samuel, 1902 als Liberaler ins Unterhaus gewählt, trat 1909 als Kanzler des Herzogtums Lancaster zum erstenmal in ein Kabinett ein. Von 1910 bis 1914, dann von 1915 bis 1916 war er Generalpostmeister, dazwischen Handelsminister, und von 1916 bis 1917 Innenminister. Im Jahre Jahre 1920 in den Ritterstand versetzt, erhielt er — der strenggläubige Jude — das Amt eines Oberkommissärs von Palästina, wo er die seit der militärischen Besetzung im Jahre 1918 installierte Militärverwaltung ablöste. Im Juni 1925 kehrte Samuel nach England zurück. Er betätigte sich durch Jahre im Organisationsausschuß der liberalen Partei und ist Vertreter Lloyd Georges in ihrer Führung. Die Lage der Juden in Polen. Am IL August fand im Schalom Aleichem-Klub, Berlin, unter dem Vorsitz des Präsidenten der Zentralverwaltung „ORT*. Dr. Leo Bramson, ein vom Gemeinschaftlichen Hilfskomitee ORT-OSE-EMIG- DIREKT veranstalteter Vortragsabend statt, auf dem Vertreter der großen jüdischen sozialen Organisationen in Polen über die augenblickliche Lage der jüdischen Bevölkerung dieses Landes in wirtschaftlicher, sozial-hygienischer und kultureller Hinsicht sprachen. In seiner Eröffnungsrede hob Dr. Bramson die Bedeutung der Arbeit des Gemeinschaftlichen Hilfskomitees hervor, das in 15 Ländern Sammlungen zugunsten der in ihm vereinigten Organisationen eingeleitet. und so auch auf die lokalen Sammlungen der nach dem Prinzip „Aufbau durch Selbsthilfe" arbeitenden Verbände anregend gewirkt hat Der Vorsitzende der ORT-Organisation in Polen Dr. M. Silberfarb. ehemaliger Minister für jüdische Angelegenheiten in der Ukraine, erstattete ein Referat über die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen. Er wies einleitend darauf hin. daß zur Beantwortung der Frage, worin das besondere jüdische Moment in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in Polen, die mit der Weltwirtschaftskrise in Zusammenhang steht zu suchen sei, eine gesonderte Betrachtung der Probleme, die mit der ökonomischen Struktur zusammenhängen, erfolgen müsse, wenn auch Fragen der Konjunktur gelegentlich auf solche der Struktur wirken und umgekehrt Der Tiefstand der Preise für landwirtschaftliche Produkte einerseits und die hohen Preise für die Industrieprodukte anderseits haben in Polen, das 66 Prozent bäuerliche Bevölkerung hat zu emem starken Sinken der Kaufkraft der breiten Massen geführt so daß im Hinblick darauf, daß eine Spanne von 28 bis 35 Prozent zwischen Detail- und Engrospreisen besteht, das Bestreben der Wirtschaftskreise sich immer mehr auf die Ausschaltung des Zwischenhandels richtet Da die Vermittlerberufe in Polen zu 75 Prozent in jüdischen Händen liegen, sind die Juden durch diesen Ausschaltungsprozeß aufs schwerste betroffen. Die Bildung von Trusts und Syndikaten einerseits, von kooperativen Konsumentenorganisationen, die den Alleinvertrieb von Monopolartikeln wie Salz und Tabak haben, und so die gesamte Kundschaft leicht an sich ziehen können, anderseits wirkt sich, obwohl sie keineswegs auf antisemitische Motive zurückzuführen ist, infolge der besonderen Wirtschaftsstruktur, der polnischen Judenheit in erster Linie gegen diese aus. Aehnliche Folgen hat der sogenannte Etatisjüdischen landwirtschaftlichen Bevölkerung von etwa 150.000 Seelen schließen läßt In den von ORT in Polen geschaffenen landwirtschaftlichen Kooperationen sind etwa 1000 jüdische Familien vereinigt Besondere Bedeutung kommt der Errichtung von Webereikooperativen in Lodz zu, wo noch 4000 Juden unter unerträglichen Verhältnissen als Handweber tätig sind. Der außerordentliche Erfolg der von ORT errichteten Weber-Kooperativgenossenschaft „Progress" hat dazu geführt, daß gegenwärtig eine zweite Kooperativgenossenschaft gebildet wird. Auf diese Weise habe ORT die Methoden entwickelt mit deren Hilfe eine Gesundung des jüdischen Wirtschaftslebens in Polen herbeigeführt werden kann. Es hänge nur von dem Umfang der zur Verfügung gestellten Mittel ab, daß das Aufbauwerk auf dem von ORT vorgezeichneten Wege erfolgreich fortgeführt werden könne. Dr. L. Wulm an von der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden TOZ zeigte in seinem Vortrag über das Thema „Der drohende Niedergang der Volksgesundheit" die besonderen Symptome einer durch die Wirtschaftskrise bedingten allgemeinen Verschlechterung des Gesundheitszustandes der jüdischen Bevölkerung auf. Er legte dar. daß die ungünstigen Lebensverhältnisse bei der jüdischen Bevölkerung nicht wie bei der nicht jüdischen Bevölkerung vermehrte Sterblichkeit zur Folge haben, sondern verschärfte Nervosität seelische Angst rasche Ermüdung, Kleinwüchsigkeit Häufigkeit von konstitutionellen Krankheiten wie Diabetes usw. Diese besondere Reaktion der jüdischen Bevölkerung rechtfertige neben der hohen therapeutischen Bedeutung einer der Kranken psychisch adäquaten Umgebung die Notwendigkeit des Bestehens einer besonderen jüdischen Gesundheitsorganisation, die wie TOZ in Polen und OSE in den anderen osteuropäischen Ländern jüdische Ambulatorien, Heilanstalten, Tuberkulosefürsorgestellen, Mütterberatungsstellen usw. unterhält Die jüdische Oeffentlichkeit dürfe es daher nicht zulassen, daß diese Anstalten wegen Mangel an Mitteln geschlossen werden müssen. Dadurch würde der Prozeß der physischen Gesundung der jüdischen Massen um Jahrzehnte zurückgeworfen werden. Der Vertreter des Verbandes für Waisenhilfe in Polen, L. Neustadt"sprach -über die Notwendigkeit, dem bedrohten jüdischen Schulwerk in Polen, das als Ergänzung des staatlichen Schulwesens stets eine hervorragende Rolle gespielt hat, beizustehen. Er wies auf :®Sltili: w ^^imSSB^äi |D01H^ jjVOßNEIinE FAMILIEN-PENSION |Hestauratiofl,naffßeliaus | täglich 5-Uhr-Tee SENMERING TELEPHON 11 iHochstraße 43 _ neben Hotel Panhans g Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts f§ Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. §§ Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer iiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiM die Gefahren hin, die den Schulen der Tarbuth und der jüdischen Schulorganisation Zischo infolge der 60prozentigen Rückganges der Subventionen drohen, sowie auf die verzweifelte Lage der jüdischen Lehrerschaft die unter schwierigsten Verhältnissen ihre Pflicht erfülle. Als letzter Redner hob A. G o 1 d i n die Bedeutung der Arbeit des Verbandes für Waisenhilfe hervor, durch den 10.000 Waisen versorgt werden, was ein Jahresbudget von 5 bis 6 Millionen Zlotys erfordere. Ein zahlreiches Publikum folgte den Ausführungen der Redner mit lebhaftem Interesse und dankte Ihnen durch reichen Beifall. * * Ein allgemeiner polnisch-jüdischer Kongreß. Angesichts der sich von Tag zu Tag verschlechternden Wirtschaftlage der Juden Polens wird gegenwärtig in der polnisch-jüdischen Presse der Plan, einen allgemeinen polnisch-jüdischen Kongreß einzuberufen, der Maßnahmen zur Rettung der polnischen Judenheit aus ihrer verzweifelten Lage treffen soll, lebhaft erörtert. Den jüdischen Mitgliedern des Sejm wird nahegelegt, die Initiative zur Einberufung des Kongresses, an dem alle jüdischen Organisationen Polens teilnehmen sollen, zu ergreifen. Auf der Tagung, in der man das einzige Mittel zu einer Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte zu einer energischen Selbsthilfeaktion erblickt, sollen sämtliche lebenswichtigen Probleme der polnischen Judenheit zur Erörterung gelangen. Man wird sich mit der Frage befassen müssen, wie die Existenz der zugrundegerichteten jüdischen Händler und Handwerker wieder aufgebaut werden kann, welche Maßnahmen zur Erleichterung der drückenden Steuerlast getroffen werden können, wie die jüdische Landsiedlungsbewegung in Polen im großen Maßstabe durchgeführt werden und wie eine Steigerung der Wiedereinstellungen arbeitsloser jüdischer Arbeiter erzielt werden könnte. Die Blätter weisen darauf hin, daß das Problem der Eingliederung der jüdischen Massen in die Produktion im Mittelpunkt der Beratungen des Kongresses stehen müßte, und daß dieser Kongreß das einzige Mittel wäre, die polnische Judenheit moralisch und wirtschaftlich zu beleben. Berufen Sie sich auf die „Union bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt mus, der sich die Förderung der Exportsyndikate gegenüber dem privaten Handel zur Aufgabe gesetzt hat Auch auf die Lage des jüdischen Handwerkerstandes wirkt sich das Sinken der Konsumkraft der Bevölkerung verheerend aus. Hier ist es besonders notwendig, daß die Konkurrenzfähigkeit des jüdischen Handwerks gegenüber dem vielfach besser ausgebildeten christlichen Handwerker dadurch gehoben werde, daß durch die Ausbildung hochqualifizierter Arbeiter in den Werkstätten des ORT die Qualität der jüdischen Handwerksprodukte gesteigert wird. Große Bedeutung kommt auch der Tätigkeit der Einkaufsgesellschaft von ORT zu, die es den jüdischen Handwerkern durch Belieferung mit Maschinen ermöglicht ihre Betriebe zu rationalisieren und so mit den nichtjüdischen Betrieben, denen die Rationalisierungsmaßnahmen der Regierung in erster Reihe zugute kommen, Schritt zu halten. Schließlich wies Dr. Silberfarb darauf hin, daß es nicht Aufgabe des ORT sein könne, die Produktivierung der jüdischen Massen im Osten selbst durchzuführen. Er könne nur durch Errichtung von Musterbetrieben beispielgebend wirken. Diese Aufgabe erfülle er in Polen auch in der Landwirtschaft in der 87.000 Juden aktiv tätig sind, was auf eine Gesamtzahl der Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmger h, Rotenturmsfraße 23 Telephon O 25-5-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon A 47-2-40 Die Kalenderreform-Frage. Nachdem der offizielle Bericht über die Juni- Sitzung des vorbereitenden Komitees für die vierte „Allgemeine Konferenz für Verkehr und Transit" nunmehr vorliegt, läßt sich, wie der Frankfurter „Israelit" schreibt, die weitere geschäftliche Behandlung der Kalenderreform-Frage einigermaßen übersehen. Dieses am 13. Juni in Genf zusammengetretene vorbereitende Komitee setzte sich nicht etwa aus Vertretern von Regierungen zusammen, sondern aus RepräsentantenderverschiedenenNationalkomiteesfürdieKalenderreform, zumeist Angehörigen des Handels, der Industrie und von Verkehrsorganisationen. Das Komitee sollte die Berichte der Nationalkomitees sichten und die allgemeine Konferenz für Verkehr und Transit, die Ende Oktober d. J. in Genf stattfinden soll, vorbereiten. Was nun die religiöse Seite des Kalenderreform-Problems betrifft, so werden die Autoritäten der verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften zwar das Recht haben, zu der Oktoberkonferenz sogenannte „Beobachter" zu entsenden. Indessen ändert das nichts an der Tatsache, daß die Konferenz selber sich, wie sich schon aus ihrem Namen und erst recht aus der Natur ihrer Zusammensetzung ergibt, keineswegs die Kompetenz zuerkennen kann, das größere oder geringere Gewicht der von den Religionsgemeinschaften etwa geltend gemachten Gesichtspunkte ihrerseits zu werten und zu prüfen. Es liegt ja auf der Hand, daß man den Vertretern von Handelskammern, Statistikern, Sozialpolitikern, Eisenbahndirektoren usw. nicht zumuten kann, sich über schwerwiegende religiöse und weltanschauliche Probleme den Kopf zu zerbrechen. Die Konferenz wird also lediglich die Aufgabe haben, sich über die Vorzüge und Nachteile technischer und wirtschaftlicher Art zu äußern, die den beiden Plänen,, die für die Reform vorgeschlagen sind, innewohnt. Die Gutachten, Einwendungen und Forderungen der religiösen Autoritäten werden alsdann, so darf man wohl annehmen, vomRate des Völkerbundes selber gewürdigt und bei' der Prüfung des Berichtes der Konferenz für Verkehr und Transit entsprechend berücksichtigt werden. Vielleicht ist es auf diese, den Häuptern der katholischen Kirche und der evangelischenKirchen wohlbekannte Tatsache zurückzuführen, daß von diesen Seiten noch immer keine klaren und endgültigen Erklärungen über ihre Stellung zu der vorgeschlagenen Reform vorliegen. Ebensowenig hat sich bisher die astronomische Wissenschaft zu der ganzen Problematik geäußert, die durch die Einführung des Blankotages für Astronomie und Chronologie entsteht. Wir möchten glauben, daß der ungeheure Wirrwarr, den die Einführung von Tagen ohne Datum zur Folge haben muß, erst dann in voller Klarheit hervortreten wird, wenn sich die wissenschaftlichen Kreise einmal gründlicher mit den Konsequenzen der Blankotagidee beschäftigt haben' werden.