Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 35 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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0IE WAHRHEIT Seite ä Gemeinde fallen. In diesem Sinne hat sich die letzte Sitzung der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde nicht nur mit der durch die außerordentlich schwierigen finanziellen Verhältnisse der Gemeinde gebotene Restriktion der Personalausgaben befaßt, sondern auch mit der Frage der weiteren Sitbventionierung der Hebräischen Universität in Jerusalem. Während nun in der Frage des vom GemeindeT vorstand in Aussicht genommenen Personalabbaus eine weitgehende Uebereinstimmung zwischen den beiden großen Parteien erzielt werden konnte, indem sowohl von der zionistischen Fraktion, die beantragt hatte, an Stelle eines Abbaus eine generelle Gehaltskürzung unter gleichzeitiger Erstreckung der Arbeitszeit vorzunehmen, als auch von den Liberalen die Dringlichkeit von Sparmaßnahmen unter größtmöglicher Schonung der Betroffenen anerkannt wurde, führte die zweite zur Behandlung stehende Frage zu einer scharfen Scheidung der beiden Hauptgruppen der Gemeinde. Bei den Gehalten der Angestellten der Gemeinde — die übrigens 6^ Millionen Mark jährlich betragen, eine Ziffer, die jener der Steuer- und sonstigen Eingänge der Berliner Gemeinde entspricht, — hatten die Herren Zionisten die Notwendigkeit von Kürzungen eingesehen, ja solche selbst beantragt, bei der Subventionierung der Hebräischen Universität lag ihrer Meinung nach diese Notwendigkeit nicht vor. Sie motivierten ihren Standpunkt, an dieser vor zwei Jahren begonnenen Subventionierung, übrigens der einzigen Palästina-Subvention der Berliner Gemeinde, trotz aller Nöten der Zeit festzuhalten, mit allen möglichen und unmöglichen Gründen, fanden aber bei der in.ihrem Sanierungsprogramm durchaus konsequenten Mehrheit des Hauses keine Gegenliebe. Im Gegenteil, nach längerer Aussprache, in der die Frage von volksparteilicher und liberaler Seite sowohl in ihrer grundsätzlichen Bedeutung, als auch unter dem Gesichtspunkt der augenblicklichen Finanzlage der Gemeinde eingehend erörtert wurde, gelangte ein Antrag des Repräsentanten Bruno W o y d a, in dem gefordert wurde, daß für das laufende Jahr keine Auszahlung eines Gemeindebetrages an die Hebräische Universität erfolgen soll, mit zwanzig Stimmen der Liberalen gegen zwölf Stimmen der Zionisten zur Annahme. Die Debatte über dieses Problem wird auch in Wien, wo die jüdische Gemeinde sich ebenfalls in ungemein kritischen wirtschaftlichen Verhältnissen befindet, gewiß lebhaft interessieren; sie sei in mit dem gegenwärtigen materialistischen Sozialismus zu identifizieren. Von besonderer Wichtigkeit ist noch seine Betonung der Gemeinsamkeit aller monotheistischen Bekenntnisse, des Judentums, des Christentums und des Mohammedanismus. wobei aber Birnbaum strenge die Differenzierung innerhalb dieser Bekenntnisse gewahrt wissen will und wobei er den Katholizismus mit seine Gnadentheorie in den Bereich des Stlmmungsmäßigen verweist Man verläßt dieses Buch schließlich mit dem Gefühl einer vielfachen und vielfältigen Bereicherung, ja nicht nur das, sondern mit dem lebhaften Impuls zu einer erneuten Stellungnahme, zu einer Korrektur der Vergangenheit und zu Vorsätzen für die Zukunft was übrigens als stete Begleiterscheinung die Wirkung von Birnbaums Schöpfungen ausmacht. Aus der Absicht, ein Buch zu lesen oder gar ein ästhetisch-literarisches Vergnügen'auszukosten, zumal es sich um einen Essai über eine historische, längst entschwundene Persönlichkeit handelt, ist ein Erlebnis geworden, das geeignet erscheint unmittelbar auf unsere Lebensgestaltung einzuwirken. Denn der Schlußstein seines Buches bildet nichts weniger als der geglückte Beweis, daß eine Persönlichkeit wie Moses, seine gewaltige Aufgabe, den Monotheismus zum alfeinigen Glauben der gesamten Menschheit zu machen, nur bewußt ergreifen konnte, d. h. nur nach einem wohlüberlegten Plan, nach einem im Voraus festgelegten „Schlachtplan" und daß wir in Moses den gewaltigsten Strategen zu erblicken haben, dessen Unternehmung sich ungeschwächt und noch bis auf den heutigen Tag auswirkt. In der Tat sind von den anderthalb Milliarden Menschen heute schon zwei Drittel, also eine Milliarde, monotheistisch und die Eroberung der Welt für Gott schreitet unaufhaltsam fort, trotz periodisch und immer wieder auftauchender Rebellionen, die in der neuesten Zeit z. B. im gottesfeindlichen Kommunismus Rußlands ihren Hauptstützpunkt gefunden haben. Dies ist der Inhalt der Birnbaumschen Ausführungen, aber seine Tendenz zielt sicherlich weiter. Denn, unausgesprochen zwar, aber logischerweise und als ethisches Postulat ergibt sich daraus für jeden Gläubigen, für uns alle der zwingende Imperativ, jener belangreichsten Unternehmung der Weltgeschichte unsere ganze Aktivität zuzuwenden. Oder, um es ganz einfach zu sagen: Jeder Gläubige muß sich dessen bewußt sein, daß er ein Soldat ist vom Heere Mosis im Kampfe für den einzigen Gott! Blatus. großen Umrissen hier wiedergegeben. Die Haltung der Berliner Liberalen wird — fürchten wir — in den Reihen unserer Zionisten wenig Verständnis und Sympathie begegnen. Dabei handelt die Berliner Mehrheit nur eben in jeder Hinsicht konsequent . . . Zur Motivierung einer Anfrage der zionistischen Volkspartei über das weitere Schicksal der ihr so am Herzen liegenden Subvention ergriff zunächst Dr. Alfred Klee das Wort. Er bat, die Frage nicht unter fiskalischen Gesichtspunkten zu betrachten, sondern unter dem Gesichtspunkt, daß der Beitrag für die Hebräische Universität der einzige Beitrag für einen Palästina- Zweck in Budget der Jüdischen Gemeinde sei, und meinte, daß bei einem Budget von 7 Millionen Mark sich ein Beitrag von nur 12.000 Mark im Jahr als einziger Posten für Palästina-Zwecke rechtfertigen ließe. Die Bedeutung der Förderung eines wissenschaftlichen Instituts vom Range der Jerusalemer Universität sollte auch von nichtzionistischer Seite gewürdigt werden. Bruno Woyda erklärte zur Motivierung seines Ablehnungsantrages u. a. folgendes: Weite Kreise der Berliner Judenheit würden es nicht verstehen, daß in einer Zeit, wo die Wohlfahrtsinstitutionen der Gemeinde und der Beamtenschaft gefährdet sind, Geldmittel für Palästina-Zwecke bewilligt werden. Als der Lehrstuhl geschaffen wurde, Forderung nach Auszahlung des Gemeindebeitra- &&*n£4ie liefern ihr nahrhaftes Fett zur Kuneroterzeugung. Vom Pressen der Früchte angefangen bis zum Verpacken des gebrauchsfertigen Kunerols steht die ganze Herstellung unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners 5. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen Verwendet werden. «JNEROI 100% REINES KOKOSNUSSFETT Hancrol ist nar edil in OrUtUNUpadiimi! Vor tauschenden Nadiohninniien wird gewannt sei die Hebräische Universität eine überparteiliche Institution gewesen. Dies sei heute nicht mehr der Fall. Denn der Zionistenkongreß habe eine Resolution angenommen, in der die Wahrung des nationalen Geistes an der Universität gefordert wird. Es sei auch unrichtig, die ges für die Universität damit zu begründen, daß die Jerusalemer Universität eine Stätte für ruhiges und sicheres Studium für die verfolgten jüdischen Studenten sei, denn die Universität sei als L e h rinstitut noch nicht ausgebaut. Es sei Aufgabe der deutschen Juden, hier in Deutschland solche Verhältnisse herbeizuführen, die ein ruhiges Studium gewährleisten. Wir müssen uns den Glauben bewahren, erklärte der Redner, daß der Geist im deutschen Volke wieder wach wird und daß auch hier eine ruhige wirtschaftliche und politische Entwicklung Platz greift, die es überflüssig macht, daß die jüdischen Studierenden in Jerusalem ihre Zuflucht suchen. DieZukunftderjüdischen Studierenden kann nur in Deutschland liegen. Es ist Aufgabe der jüdischen Studenten, zur Gesundung der deutschen Verhältnisse beizutragen. Kammergerichtsrat W o 1 f r erklärte namens des Vorstandes, zur Interpellation der Jüdischen Volkspartei nicht ausführlich Stellung nehmen, sondern sie nur rein sachlich beantworten zu wollen. 'Die Interpellation, ob der Gemeindevorstand für das laufende Geschäftsjahr die Auszahlung des Gemeindebeitrages für die Hebräische Universität in Jerusalem veranlaßt habe, sei mit nein zu beantworten. R. A. Heinrich Stern, der liberale Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, führte aus, entscheidend für die Stellungnahme der Liberalen in dieser Frage sei der Beschluß des Zionistenkongresses über die Universität. Auch wenn er nicht aus finanziellen Gründen sich gegen die Gewährung des Beitrags in diesem Zeitpunkt wenden müßte, würde es ihm die in der Resolution des Kongresses ausgesprochene Einschränkung der Voraussetzungslosigkeit zur Forschung an der Universität unmöglich machen, für ihre weitere Förderung durch' die Berliner Gemeinde einzutreten. Die Gemeinde, die in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht nationaljüdisch sei, sei nicht nur i:icht verpflichtet, sondern sogar nicht berechtigt, ein Institut zu unterstützen, das nicht die Wissenschaft, sondern den nationalen Geist fördern soll. Er hoffe, sagte Dr. Stern in feiner Ironie, daß künftighin diejenigen Kreise, die die Universität als Hort nationalen Geistes wünschen, für die Erhaltung des Lehrstuhls Sorge tragen werden. Die Liberalen seien keineswegs Gegner der Palästina-Arbeit. Denn wer liebte nicht das Land, aus dem wir gekommen sind. Nur die gegenwärtige Art des Auf baus mache den liberalen Juden in Deutschland die Beteiligung amPalästina-Werkunmöglich. Sie hoffen jedoch, daß es ihnen einst möglich sein werde, auch an dieser Arbeit teilzunehmen. Nun hielt Dr. Klee das erste Schlußwort Er betonte, für die Notwendigkeit, jüdischen Studenten eine ruhige (?) Arbeitsstätte zu sichern, spreche der in vielen Ländern bestehende Numerus clausus. Die Kongreßresolution über den „nationalen Geist" sei natürlich falsch aufgefaßt worden. Das zweite Schlußwort hielt Bruno Woyda. Er erklärte, für eine demokratische Körperschaft müsse die EntscheidungderWählermaßgebend sein. Diese aber hätten dahin entschieden, daß die Förderung des Palästina-Werkes, so lange es nationaljüdisch und zionistisch sei, nicht Sache der Gemeinde sein könne. Der neue Innenminister Sir Herbert Zwei Juden in der neuen englischen Regierung, tu dem dieser Tage neu gebildeten englischen Kabinett der nationalen Zusammenarbeit befinden sich auch als Vertreter der Liberalen zwei Juden, ein Beweis für die hohe politische Reife der englischen Demokratie, für die diese aus allen drei Parteien gebildete Regierung ja überhaupt beredtes Zeugnis ablegt. Ueber die jüdischen Mitglieder des Kabinetts, die beide sehr verantwortungsvolle Posten bekleiden werden, sei hier einiges in Erinnerung gebracht. Marquess of Reading, der neue Außenminister, hieß ursprünglich Ruius Daniel I s a a c s. Im Jahre 1860 geboren, ging er seinem Vater, einem Londoner jüdischen Fruchthändler, als 14jähriger Knabe durch, um Schiffsjunge zu werden. Dann studierte er m Brüssel und Hannover und wurde Rechtsanwalt an der Londoner Effektenbörse. 1904 schickte ihn der Wahlkreis Reading als liberalen Abgeordneten ins Unterhaus. 1910 wurde Isaacs Generalstaatsanwalt, 1912 Lord-Oberrichter von England; damals erhielt er den Lordtitel mit dem Namen seines Wahlkreises Reading. 1915 und 1917 wurde er mit wichtigen Staatsaufträgen nach Amerika entsandt; das Jahr 1920 sah ihn wieder als Lord-Oberrichter. Die Ernennung zum Vizekönig von Indien im Jahre 1921 verdankte Reading seiner Freundschaft mit dem Premier jener Zeit, Lloyd George, aber auch der Objektivität, mit der er als Justizchef die Schuld britischer Behörden am Blutbad von Amritsar zugegeben hatte. Durch sein liebenswürdiges Entgegenkommen und seine Klugheit vermochte er die nationalistische Bewegung in Indien in immerhin erträglichen Grenzen zu halten. 1926 trat er zurück und erhielt den Titel eines Marquess. Der Einundsiebzig jährige hat erst vor drei Wochen in zweiter Ehe seine bisherige Privatsekretärin und Mitarbeiterin geheiratet.