Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 35 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 UlE WAHRHEr Die Lage in Palästina. Die Situation in Palästina beginnt glücklicherweise ruhiger zu werden. Es hat also den Anschein, als ob die energischen Maßnahmen der Palästina-Regierung die fanaüsierten Araber wirklich einschüchtern würden. Aber unsere Vermutung, daß auf die Dauer ein drakonisches Regime die Ruhe im Lande nicht gewährleisten könne, dürfte sich leider doch bestätigen. Die Palästina-Regierung ist nach wie vor zuversichtlich. Im Auftrage von Lord Passfield, der vor kurzem von der Exekutive der Revisionistischen Weltunion auf die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit in Palästina aufmerksam gemacht worden war, hat das Colonial Office dem Londoner revisionistischen Hauptbüro mitgeteilt, daß gegenwärtig für die Juden kein Grund zu Befürchtungen wegen der Lage in Palästina bestehe. Aus den telegraphischen Berichten, die der Minister für die Kolonien vom palästinensischen High Commissioner erhalten habe, gehe klar hervor, daß die Situation im Lande von den Behörden sorgfältigst beobachtet wird. Lord Passfield verlasse sich vertrauensvoll darauf, daß der High Commissioner alle notwendigen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung treffen werde. In dem Briefe des Kolonialamtes wird ferner nachdrücklich betont, daß die Palästina-Regierung weder Reden noch Kommentare In den Zeitungen zulassen werde, die gegen das Bestehen versiegelter Waffendepots in den jüdischen Kolonien gerichtet sind, und daß sie keinesfalls die Erlaubnis zu etwa geplanten Demonstrationen gegen die Institution der Waffenlager in den jüdischen Kolonien geben werde. Der mit großer Spannung erwartete 15. August, an dem nach den Weisungen der vor kurzem in Nablus abgehaltenen arabischen Konferenz im ganzen Lande Demonstrationen gegen das Bestehen versiegelter Waffenlager in den exponierten jüdischen Kolonien veranstaltet werden sollten, ist nun tatsächlich in vollständiger Ruhe verlaufen. Die Regierung hatte, nachdem sie wiederholt ihre Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht hatte, am 15. August keinerlei Demonstrationen zuzulassen, noch in den letzten Tagen vorher alle Maßnahmen getroffen, um einer drohenden Panik vorzubeugen. Trotzdem hatte in den Tagen vor dem 15. August eine teilweise Umsiedlung jüdischer und arabischer Familien aus den gemischten Bezirken Jerusalems stattgefunden. Nach Safed, wo das Gerücht verbreitet war, daß trotz des Verbotes der Regierung Demonstrationen stattfinden würden, war militärische Verstärkung entsandt worden. Auch in Afuleh und in der gesamten Jezreel-Ebene herrschte im Hinblick auf die angekündigten Kundgebungen gewisse Beunruhigung. Auf den mißglückten 15. August folgte ein zweiter Tag der Beunruhigung und Panikstimmung. Die arabische Exekutive hat bekanntlich beschlossen, zum Protest gegen die angebliche Bewaffnung der jüdischen Kolonisten durch die Regierung am 23. August einen arabischen Generalstreik zu proklamieren. Die Exekutive wollte an diesem Tage korporativ unter Führung ihres Präsidenten Muza Kazim Pascha vor dem High Commissioner Sir John Chancellor erscheinen und ihm eine Protestresolution gegen die Bewaffnung der jüdischen Kolonisten, sowie eine Resolution überreichen, in der gegen die Erteilung der Aufenthaltsbewilligung für die illegal nach Palästina eingewanderten Juden Einspruch erhoben wird. Der Streik war gleichzeitig als Demonstration zur Erinnerung an die Unruhen vor zwei Jahren gedacht. Auch dieser Generalstreik ist nun vollständigmißlungen. Zahlreiche arabische Geschäfte hielten ihre Läden offen, und auch die Juden gingen ihrer gewöhnlichen Arbeit nach; nur die christlichen Geschäfte waren des Sonntags wegen geschlossen. Die Polizei hatte alle Demonstrationen und Versammlungen unter freiem Himmel untersagt und überdies große Vorkehrungen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Lande getroffen. Eine Gruppe von etwa 40 Personen, Vergessen Sie nicht, die Neujanrsgratulation für unsere Rosen - Haschonoh - Festn ummer umgehend zu bestellen, da nur rechtzeitig einlangende Aufträge berücksichtigt werden können. Benützen Sie den Bestellschein auf Seite 8 dieser Nummer! darunter die gesamte arabische Exekutive und ihre engsten Anhänger, hatte versucht, in geschlossenem Zuge zum Regierungsgebäude zu marschieren, fand aber dasselbe von starker britischer Polizei besetzt. Eine aus zehn Personen bestehende Delegation wurde hierauf ins Regierungsgebäude gelassen, wo sie dem einzigen dort befindlichen Beamten ihr Memorandum übergab, in dem sie gegen die Bewaffnung der jüdischen Kolonien und die Legalisierung der auf illegale Weise ins Land eingewanderten Juden protestierte. Wohl ist seither wieder Ruhe eingetreten — die Pressenachrichten über Zusammenstöße erwiesen sich als übertrieben —, aber Palästina ist doch wieder einmal zum Brandherd geworden. Mit Angst und Besorgnis blicken die Juden aller Welt ohne Unterschied ins Heilige Land. In diesem Moment der Gefahr verstummt die oft erhobene Stimme der Warnung vor der unglückseligen Politik der Zionisten. In diesem Momente gibt es nur einen Wunsch, nur eine Hoffnung, daß diese Gewitterstimmung an den palästinensischen Juden vorbeiziehen möge ohne Schaden für sie, die genug Unheil und Unbill schon in dem Lande ihrer Sehnsucht erlitten haben. Wie die Berliner Gemeinde spart... Die Berliner Jüdische Gemeinde ist ebenfalls ein Opfer der schweren deutschen Wirtschaftskrise geworden. Auch an ihren Pforten hat diese Wirtschaftskrise nicht Halt gemacht, diese ehemals so reiche Gemeinde ist durch die Not der Zeit in große Bedrängnis geraten, aus der sie sich nur durch eigene Kraft herausarbeiten kann. Die Maßnahmen, die nun in Berlin gegen den drohenden Zusammenbruch der Gemeinde getroffen v/erden, sind in ihren Grundprinzipien absolut nicht originell. Wir iri^Wien kennen jetzt auch das traurige Lied von den „Sparmaßnahmen" wohl schon zur Genüge. Auch in der Wiener jüdischen Gemeinde fungiert bereits seit längerer Zeit eine Ersparungskommission, deren Aufgabe es ist, die ebenfalls durch die Wirtschaftskrise erschütterten Finanzen unserer Gemeinde ins Gleichgewicht zu bringen. Die auf diesem Wege unternommenen Schritte der Berliner Gemeinde beweisen einen besonders harten Willen der. Führer, dieser Gemeinde, der derzeitigen tristen Situation Herr zu werden. Sie denken nicht nur an E r s p arungen im eigenen Betrieb, als welche vor allem leider Abbaumaßnahmen und Gehaltskürzungen bei den Angestellten der Gemeinde aufscheinen, sondern auch an Abstriche bei Ausgaben, die gewissermaßen nicht direkt in die Kompetenz einer lokalen ffeuitteton Ein „neuer" Moses. Im Verlag von Georg Müller in München ist im Rahmen einer religionsphilosophischen Bücherreihe „Religion" auch ein «Moses" erschienen. Als Verfasser zeichnet Uriel Birnbaum. Bekommt man das schmucke, bescheidene Büchlein zu Gesicht, so wird man wohl schwerlich eine Vorstellung von der Bedeutung, vom reichen Inhalt und von der möglichen Wirkungskraft dieses, auf knapp hundert Seiten sich erstreckenden Essais erhalten. Wer aber mit dem Namen Uriel Birnbaum vertraut ist, wer von den bisherigen Schöpfungen dieses außerordentlichen Mannes Kenntnis hat, der wird auf dies Buch schon als auf ein Werk Birnbaums gespannt sein. Denn mag man auch der Ansicht sein, daß die Gestalt Mosis allgemein bekannt sei. daß ein Essai über Moses einem, der die biblische Geschichte kennt, nichts wesentlich Neues zu bringen vermöchte, man wird dennoch neugierig sein, wie diese gewaltigste Gestalt der Weltgeschichte sich in der Auffasung eines so genialen Künstlers und Viel-mehr-als-Künstlers. wie Birnbaum, widerspiegelt. Hat man aber dies Buch in die Hand genommen, um sich dem anfänglich beabsichtigten, kontemplativen Reiz der Widerspiegelung einer historischen Gestalt in der Auffasung einer bekannten künstlerischen Persönlichkeit zu überlassen, dann wird man gar bald eines anderen belehrt Denn Birnbaum gibt mehr, viel mehr, als man nach dem engen Rahmen der Ausgabe hätte vermuten können. Es handelt sich aber hierbei keineswegs etwa um eine besondere Originalität seiner Konzeption, um irgend eine aparte Nuance im vertrauten Bild oder gar um eine funkelnagelneue „wissenschaftliche" Entdeckung, wie sie den Stolz eines Universitätsdozenten auszumachen pflegt. Im Gegenteil. Die klare, schlichte, an der Hand des Bibeltextes durchgeführte Analyse der Persönlichkeit Mosis erweckt im Leser sehr bald die zwingende Vorstellung, hier der einzig einleuchtenden, sich wie selbstverständlich ergebenden Auffassung der geschilderten Persönlichkeit zu begegnen. Und doch ist das. was Birnbaum sagt, neu. Es ist die Wahrheit, aber die vergessene, im Wulst der Jahrtausende verschüttete Wahrheit die er mit einfachen Worten, aber mit der vehementen Wirkung, die oft gerade in der Einfachheit liegen kann, zu neuem-Leben erweckt Schon die Anordnung des Buches ist meisterhaft. In den einleitenden Seiten orientiert uns der Autor zuerst über das Fundament, das er seiner Abhandlung zugrunde legt. Er bezeichnet entgegen der gangbaren demokratischen Denkweise, das Individuum als den Träger jedweder Entwicklung, ohne sich dabei auf die, bei solchen Gelegenheiten übliche, metaphysische Begründung hierfür einzulassen. Die Empirie, die tatsächlichen Erfahrungen der Geschichte erweisen die Einzelpersönlichkeiten als die Bildner der Weltgeschichte. Mit dem ihm eigenen Temperament das aus der Intensität seiner tiefen und durchgebildeten Ueberzeugung erwächst wendet er sich darnach gegen wissenschaftliche Arroganz in Dingen des Glaubens und erweist die Paradoxie solchen Gehabens. Mit wuchtigen Schlägen fertigt er die Bibelkritik ab, wendet sich gegen die Konjekturalphilologie und verweist die Anmaßung der Ausgrabungswissenschaft in die gebührenden Schranken, um die Bibel ein für alle Male als einwandfreie Quelle der Geschichtsforschung festzusetzen. Den Höbepunkt dieser Ausführungen bildet die Kontroverse gegen die seinerzeit populär gewordene Behauptung, daß das Sinai-Gesetz nichts anderes sei als eine Kopie des früher entstandenen Kodex Hammurabis, indem gerade die sittliche Begründung des jüdischen Gesetzes, die jenem Kodex fehlt, eben den fundamentalen und einzigartigen Unterschied zwischen diesen Gesetzen bilde. Nach einer außerordentlich interessanten und plastischen Schilderung der allgemeinen Weltlage zu Mosis Zeiten, die das profunde historische Wissen des Autors erweisen (ohne daß letzterer sich jedoch in historischem Kleinkram verliert), führte er uns schließlich an die Gestalt Mosis selbst. Er folgt hierbei — wie schon erwähnt — in der Hauptsache der Bibelquelle, zieht aber auch den Midrasch zu Hilfe, um uns die zu gestaltende Persönlichkeit nahe zu bringen. In erster Linie aber ist es sein erstaunliches Einfühlungsvermögen, seine großartige „rückwärts gerichtete" Phantasie, die es ihm ermöglicht, uns Moses in einer Weise bildhaft zu machen, daß wir ihn leibhaftig und wie unter uns lebend empfinden und daß die von jenem einzigartigen Menschen vor Jahrtausenden ausgegangene welthistorische Bewegung uns machtvoll ergreift und mit der Wucht und Stoßkraft aktuellsten Geschehens erfüllt Nach echt jüdischer Auffassung sieht er in Moses zwar nur einen Menschen, aber einen gottbegnadeten, großen, den größten Menschen der Welt Er vermeidet es daher keineswegs, uns auch die menschlichen Schwächen dieses heroischen Mannes aufzuzeigen, um ihn gerade dadurch unserem Verständnis und unserer Teilnahme zugänglich zu machen. So lernen wir den Jüngling Moses kennen, wie er als verwöhnter ägyptischer Prinz am Hofleben teilnimmt. Wie er dann, aus übermächtigem Trieb zur Gerechtigkeit, ein Verbrechen begeht und sich mit Blut befleckt um vielleicht darin, in der Tiefe seines Falles, das Sprungbrett, die Anspannung zu seinen späteren übermenschlichen Ta'ten gefunden zu haben. Wir verstehen seine anfängliche Auflehnung gegen Gottes schweren Befehl, die Führerschaft über ein knechtsinniges Volk zu ergreifen und leiden mit ihm während aller Stationen seines drangsalreichen, hundertzwanzigjährdgen Führerlebens. Aber unser Herz erbaut sich an dem schließlichen Sieg dieses hartnäckigen, oft rebellischen und doch zutiefst gottesfürchtigen Mannes und wir weinen, "als'es heißt, von ihm Abschied zu nehmen, wenn er im Kusse Gottes seine unsterbliche Seele aushaucht Und alle die Geschichten der Bibel, die in uns — schon mit dem goldenen. Schimmer der Legende umgeben — schlummerten, erwachen und erweisen sich als taghelles Leben, mit allen Ecken und Kanten realer Wahrheit begabt. Alle Eindrücke bisheriger Literatur und alles bisherigen Kunstschaffens, die sich mit der Persönlichkeit Mosis beschäftigt hatten, insbesondere auch der stärkste und einprägsamste Eindruck vom antikisierenden Moses des Michelangelo her,1) zerflattern und verfließen vor diesem Moses, den uns Uriel Birnbaum, der biblischen Quelle getreu, aber mit einer unerhörten Fähigkeit zu realistischer Interpretation, vermittelt. Dabei setzt dieser Realismus die Persönlichkeit Mosis nicht etwa herab; im Gegenteil, er erhöht sie bei weitem und was noch mehr bedeuten will, er zwingt uns zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit den großen Realitäten: Moses und der Bibel. Es hieße das Buch abschreiben, wollte man des weiteren über Höhepunkte der Schilderungen berichten oder über im Zuge der Ausführungen sich notwendigerweise ergebende eingestreute Kontroversen des Autors. So zum Beispiel über die Zerstreuung der fälschlichen Absicht als ob Moses ..unkünstlerisch" gewesen wäre (eine Erkenntnis, die übrigens auch dem Dichter Heine nicht verborgen geblieben war.) oder über den verhängnisvollen Irrtum, die auf Moral fußende Lehre des Moses *) Noch deutlicher geht dies hervor aus Uriel Birnbaums, des Malerdichters monumentalem Bildwerk: Moses, ein biblischer Zyklus in 50 Bildern. Erschiene« im Thyryos-Verlag. A-G^ Wien.