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Die Wahrheit · 1931-08-21 · Heft 34 (21.8.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 34 (21.8.1931)
Date
1931-08-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT zeigt die erfreuliche Reife des preußischen Volkes, die nicht unterschätzt werden sollte, zeigt aber vor allen Dingen die Kraft der Organisation der preußischen Arbeiterschaft, gegen deren demokratische Gesinnung mit Erfolg anzukämpfen sich erfreulicherweise als unmöglich erwies. Nach den von fanatischem Haß erfüllten nationalsozialistischen Anwürfen gegen die Juden, die Tag für Tag die nationalsozialistische Presse füllen, war es gewiß begreiflich, daß weite jüdische Kreise ernstlich um die Erhaltung ihrer Staatsbürgerrechte besorgt sind. Daß hinter diesen nationalsozialistischen Gruppen keine wirkliche Macht steckt, hat erfreulicherweise das Volksbegehren gezeigt Trotzdem ist es selbstverständlich Aufgabe kluger vorausschauender Politik, die erforderlichen Mittel zu ergreifen, um die zweifellos immer noch bestehende latente Gefahr, die vom Nationalsozialismus und den ihm gesinnungsmäßig verwandten Kreisen dem deutschen Judentum droht, zu beseitigen. Dr. Alfred Wiener: Dr. Alfred Wiener, Syndikus des Centraivereins deutscher. Staatsbürger jüdischen Glaubens, nimmt zu dem Ergebnis des Volksentscheids folgendermaßen Stellung: Mit allen verantwortungsbewußten Deutschen, die in einer Zeit schwerster wirtschaftlicher und politischer Sorgen die Aufwühlung politischer Leidenschaften für gefährlich halten, begrüßen auch die deutschen Juden das Scheitern des Volksentscheids. Die Agitation für den Volksentscheid war zwar nicht wie bei den sonstigen politischen Wahlen zum großen Teil mit judenhetzerischen Aeußerungen verknüpft, dazu war die Front der Volksentscheidsparteien zu gemischt; es befanden sich unter ihnen auch Gruppen, die programmatisch die staatsbürgerliche Entrechtung der deutschen Juden ablehnen. Aber führende Nationalisten haben sich, je näher der 9. August rückte, um so zügelloser in judenhetzerischen, fast zu Pogromen auffordernden Aeußerungen betätigt. So schrie der berüchtigte Dr. Goebbels am Vorabend des Volksentscheids vor 15.000 Zuhörern im Berliner Sportpalast, daß jetzt ein Ende gemacht werden müsse mit der 13 Jahre währenden Herrschaft der jüdischen Hetzer und der jüdischen Bluthunde. Jetzt käme der Augenblick der allgemeinen Abrechnung, man werde höflich bis zur letzten Galgensprosse sein, aber gehängt werden würde doch. Es ist eine politische Erfahrung, daß bei Bündnissen zwischen Radikalen und Gemäßigten Tonart and Richtung von den Radikalen bestimmt wird. Einen Erfolg hätten die Nationalsozialisten ausschließlich ihren Parolen zugeschrieben und in ihm die Möglichkeit erblickt, die lang versprochene Entrechtung der deutschen Juden in die Wege zu leiten. Die Ablehnung durch die überwiegende Mehrzahl der preußischen Wahlberechtigten hat erwiesen, daß der Radikalisierung Grenzen gesetzt sind und daß die Zahl derer, die in der Mitarbeit aller, die guten Willens sind, die sicherste Gewähr für den deutschen Wiederaufbau sehen, im Wachsen begriffen ist Der Centrai-Verein hat seine Aufklärungsarbeit über den antisemitischen Nationalsozialismus auch während des Kampfes um den Volksentscheid allen Kreisen zugänglich gemacht, die in dem Erfolg des Volksentscheids eine Bedrohung des inneren Friedens sahen. Er sieht aber in der Ergebnislosigkeit des Volksentscheids keineswegs ein endgültiges Anzeichen für eine dauernde Beruhigung und Versachlichung der inneren Politik. Im Gegenteil, es besteht die Gefahr, daß die Nationalsozialisten ihre Wut über den Mißerfolg und ihr Bemühen, ihre Anhänger von der Enttäuschung über das Ausbleiben des „sicheren Sieges" abzulenken, in verstärkter Judenhetze auslassen werden. Der Central-Verein sieht sich also inmitten der augenblicklichen Entspannung einer erhöhten Aufgabe gegenüber, der er sich in gewohnter Intensität widmen wird. Er wird dabei mit allen erlaubten Mitteln politischer und literarischer Aufklärung gegen den volkszerstörenden Judenhaß und für den inneren Frieden im deutschen Vaterlande wirken. Nach Tisch . . . Noch am Vorabend des 9. August sammelte Herr Goebbels 14.000 Getreue im Berliner Sportpalast um sich. Unter; tosendem Beifall der erregten Massen konnte er also prophezeien: „13 Jahre beherrschen jetzt jüdische Hetzer und jüdische Bluthunde das deutsche Volk. Jetzt kommt der Augenblick der Abrechnung. Bisher hat man uns gehetzt, aber am nächsten Sonntag werden wir die Genießer sein, höflich bis zur letzten Galgensprosse, aber gehängt wird doch! Den Machthabern von heute rufen wir zu: Auf Wiedersehen am 9. August bei Philippi!" Ueber Nacht hat sich ein Rauhreif auf die Frühlingshoffnungen der Manner um Goebbels gesenkt Aber man darf die Massen nicht daran erinnern, daß man sich doch eigentlich bei Philippi wiedersehen wollte, und muß Niederlage in Sieg wandeln. Stolz in der Brust läßt sich deshalb die Reichsleitung der NSDAP, am 10. August also vernehmen: „Es ist nach den Beobachtungen der gestrigen Abstimmung ohne Zweifel, daß von den rund 10 Millionen Stimmen 7 Millionen auf das Konto der Nationalsozialisten zu setzen sind. Vom Standpunkt der . NSDAP, sehen wir daher in diesem Ergebnis, mit Recht einen durchschlagenden Erfolg." Die Kommunisten ihrerseits behaupten, daß die Nationalsozialisten vollständig versagt hätten. In einer offiziellen Auslassung des kommunistischen Pressedienstes vom 10. August heißt es: „Der Volksentscheid ist ein wahrer roter Volksentscheid gewesen, was auch bestätigt wird durch die Ergebnisse in Mitteldeutschland, im Industriegebiet, Oberschlesien und im Ruhr¬ und Rheingebiet. Der Volksentscheid wurde in allen entscheidenden Industriebezirken unter der Hegemonie des revolutionären Proletariats durchgeführt. Die Nationalsozialisten waren von der Bildfläche verschwunden." Nachdem Herr Goebbels auf der ersten Seite seines Blattes vom 10. August die Reichsleitung der NSDAP, hat schwierige journalistische Arbeit verrichten lassen, nimmt er selbst auf der zweiten Seite, etwas kleinlauter,' als man es sonst bei ihm gewohnt ist, das Wort;1' Herrenü Diiiiei Nur Ia-Qualitäten nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt. __Mk-UNIOL iWNVLKaserfienfi.6 TeLB202-1 „Der Ausgang des Volksentscheides hat doch einen positiven Erfolg gehabt, den wir mit Genugtuung buchen können und der allein schon die Anstrengung wert war: die vollkommene Zersetzung der KPD." „Zieh' mit mir in die Schlacht, ich will dich zersetzen!" kann nach dem 9. August im politischen Leben zu einem geflügelten Wort werden. Oder hat der nationalsozialistische Führer Dr. von L e e r s aus der Schule geplaudert, der sein radauaritisemitisches Referat am 10. August im Zehlendorfer Lindenpark mit den Worten begann: „Der Kampf ist zu Ende, wir haben eine Schlacht verloren." *! Fanatischer Antisemitismus. Wie der C. V.-Archivdienst mitteilt, hat der nationalsozialistische Redakteur Dr. von Leers am Tage nach dem Volksentscheid eine außerordentlich aufreizende Rede gehalten, in der er von „sittlich verkommenen Judenschweinen" und „unverschämtem Judenpack" sprach und unter anderem erklärte: „Unsere Aufgabe ist es, unerbittlichenHaß zu predigen. Alles, was besteht, ist wert, zugrunde zu gehen. Wir müssen die Entscheidung erzwingen. Wir sind legal nicht aus Liebe zur Verfassung, sondern nur, weil Hitler es befohlen hat. Und der hat es befohlen, weil er so die Verfassungsparteien besser schlagen kann. Aber Hitler kann auch einmal anders befehlen. Wir haben uns zu einem fanatischen Antisemitismus zu bekennen, bis die Judenfrage restlos gelöst ist. Unser Kampf geht weiter, bis wir Herrn Braun, Herrn Brüning und Herrn von Hindenbürg politisch beseitigt haben." ■' ' Palästina ISst nicht die Juden frage. In der Berliner zionistischen „Jüdischen Rundschau" wird „Eine nicht gehaltene Kongreßrede" von Dr. Ernst Simon, Haifa, veröffentlicht, die tatsächlich auf dem XVII. Baseler Zionistenkongreß nicht ohne Gefahr für den Autor hätte gehalten werden können. Demi dieser erklärt mit einem Bekennermute, der in den fanatisierten zionistischen Reihen ganz ungewöhnlich ist, genau dasselbe, was die Antizionisten seit Jahr und Tag feststellen, daß nämlich Palästina keine Lösung der Judenfrage bedeuten kann. Seine Ausführungen werden daher auch für unseren Leserkreis von größtem Interesse sein; sie seien deshalb in ihrem wesentlichen ersten Teile hier publiziert. Der Verfasser gehört der gemäßigten Gruppe des „Brith Schalom" an, die bekanntlich die Schaffung eines binationalen, d. h. arabischjüdischen Staates in Palästina anstrebt D. Red. Der 16. und der 17. Kongreß. Es ist höchst bezeichnend für die kurzlebige Atemlosigkeit die unsere Bewegung leider vielfach aufweist, eine wie geringe Rolle der lehrreiche Vergleich zwischen diesem Kongreß und dem vor zwei Jahren bisher in unseren Erörterungen gespielt hat Damals schien die außen- und innenpolitische Lage des Zionismus normal zu sein, aber dem war in Wirklichkeit nicht so. Insbesondere die arabische Frage bestand in genau derselben Schärfe wie heute, nur daß es uns leichter gemacht war, unsere Aufmerksamkeit von ihr abzuwenden. Während sie heute eingestandenermaßen im Mittelpunkt unserer politischen Erörterungen und Berechnungen steht, war damals beinahe allgemeine Meinung, was heute nur noch Ussischkin, der mit so seltsamer und rührender Treue an alten Irrtümern hängt, auszusprechen wagt und was allerdings auch N a c h u m Sokolow, ihr jetziger Präsident, noch nach den Augustunruhen zum besten gab: nämlich, daß eine arabische Frage eigentlich gar nicht existiere. Diese Vogel-Strauß-Politik ist nun vorüber; kaum jemand von uns kann den Kopf noch weiter in den Flugsand zionistischer Phrasenpropaganda stecken: dieserTraum ist ausgeträumt. Aber wir sind nur zu einer Art Halbschlaf erwacht Denn wenn vor zwei Jahren eine Exekutive gewählt wurde, deren Mitglieder im wichtigsten politischen Problem des Zionismus, eben dem arabischen, so weit voneinander abweichende Meinungen hegten, wie Rosenblüth und Kaplansky einerseits und Raw M e i r Berlin anderseits, so scheint genau dieselbe unverständige Handlungsweise bei der Bildung der neuen Exekutive wiederholt zu werden: eine Koalition, die von Arlosoroff bis Farbstein, dem Revisionisten des Misrachi, reicht, kann gar keine einheitlichen Beschlüsse fassen, insbesondere, da nun nicht mehr hinter ihr der diktatorische und die Wahrheit doch so oft erahnende Wille Chaim Weizmanns stehen wird, sondern die nach allen Seiten geschmeidige Drplomatenkunst des alten Sokolow. Die Führer der Arbeiterpartei werden ihre Koalition mit dem reaktionärsten Bürgertum außer mit Argumenten des zionistischen Patriotismus vor allem mit dem Hinweis auf das Re-' gierungsprogramm rechtfertigen, das ihre wesentlichen Forderungen enthalte. Selbst wenn wir annehmen wollten, daß dieses Programm gut und wirklichkeitsgerecht sei, würde diese Koalition es niemals durchführen können und wollen. Man kann aber zeigen, daß es in seinem wesentlichen Leitmotiv, das alle seine Einzelheiten instrumentiert, nämlich in der Resolution über das zionistische Endziel, schlecht und Wirklichkeit s f r e m d ist. Die Endzielresolution. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die an und für sich gegen jede Endzielresolution wären. Hätte es irgendwelche Aussicht auf Erfolg, so würde ich Ihnen folgende Resolution zur Abstimmung vorlegen: „Der XVII. Zionistenkongreß erklärt, daß die Forderung der jüdischen Mehrheit kein integraler Bestandteil der zionistischer Politik ist und daß das Baseler

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