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Die Wahrheit · 1931-08-21 · Heft 34 (21.8.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 34 (21.8.1931)
Date
1931-08-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAJBRHE11 HÜTT durch den Verlust dieser Provinzen erschöpft. Für die Juden des Westens spielte die Abtretung des Elsaß und Lothringens, wenn auch nicht die gleiche, so doch eine ähnliche Rolle. Die Volkszählung vom 16. Juni 1925 zeigte bereits, wie sehr sich der Anteil der jüdischen an der Gesamtbevölkerung in den einzelnen Provinzendurchden Krieg verschoben hat. Denn jetzt waren die westlichen Provinzen in den Vordergrund gerückt, eine Entwicklung, die auch wirtschaftlich von großer Bedeutung ist. Es läßt sich besonders die eine Tatsache feststellen, daß in der Stadt Berlin heute mehr als zwei Fünftel aller preußischen Juden wohnen. Der preußische, ja der deutsche Jude ist im Laufe der Entwicklung immer mehr zum Städter und immer mehr zum Berliner geworden. Das Schicksal der Reichsbauptstadt als der Metropole der deutschen Wirtschaft wird damit bestimmend für das Geschick des deutschen Juden. Berlin wurde die Zufluchtsstätte Tausender von Juden, die den Osten verlassen mußten. In ungefähr 100 Jahren hat sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Einwohnerschaft Berlins fast verdreifacht Man muß hierbei auch berücksichtigen, daß das Berlin von 1925 nicht dasselbe ist wie die Stadt von 1811, weil durch das Gesetz vom 27. April 1920 ein neues Berlin aus 94 verschiedenen Gemeinden gebildet wurde. Im Jahre 1811 betrug der jüdische Anteil an der Bevölkerung Berlins 18,9 v. T. Im Jahre 1864 hatte er sich bereits mehr als verdoppelt und stellte sich auf 38,3 v. T. 1895 fast verdreifacht mit 51,4 v. T., um dann 1925 auf 42,9 v. T. zu sinken, was sich leicht aus den zahlreichen Eingemeindungen in Berlin erklärt. Nächst Berlin steht der Regierungsbezirk Wiesbaden mit 37.736 oder 28,9 v. T. Juden absolut wie verhältnismäßig an der Spize. Das zeigt den Einfluß von F r a n k f u r t a. M., wo 1925 29.385 Juden wohnten, deren Anteil mit 62,9 v. T. den der Berliner an der Gesamtbevölkerung noch übertraf. Es folgt dann der Regierungsbezirk Breslau. Mit ihren 23.240 Juden erreicht die jüdische Gemeinde Breslaus ungefähr die Anteilsziffer Berlins. Silbergleit gibt in seinem Werk eine genaue Uebersicht über die jüdische Bevölkerung in allen 527 Stadt- und Landkreisen. Sie zeigt, daß 72,8 v. T. aller Juden in den preußischen Großstädten wohnen, während die entsprechende Ziffer für die Gesamtbevölkerung sich auf nur 29,2 v.T. stellt. Auch dies wieder ein Beweis für unsere Behauptung, daß der deutsche Jude heute ein typischer Vertreter der Großstadt geworden ist, eine Tatsache, die soziologisch von größter Bedeutung sein muß. Silbergleits Zahlen stützen sich im allgemeinen nur auf die Ergebnisse der Volkszählung von 1925, die in den letzten sechs Jahren natürlich vielfach überholt sind. Seine Erhebungen versucht für Berlin Dr. Hubert Pollack in seinen Aufsätzen „Zum Bevölkerungsproblem der Berliner Juden" („Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik", Heft 5 und 6, 1931) zu ergänzen. Pollack errechnet für 1930 eine jüdische Bevölkerung Berlins von ungefähr 177.500 Personen. Er berücksichtigt hierbei die ständige Geburtenverminderung der jüdischen Bewohnerschaft der Reichshauptstadt, aber gleichzeitig auch den Gewinn, der sich aus den Zuwanderungen ergibt. Die Statistik der letzten Zeit ergibt aber nicht nur diese krasse Verstädterung, ja, Berlinisierung der deutschen Juden, sie zeigt auch, daß in den Jahren 1911 bis 1924 bei den Juden ein Sterblichkeitsüberschuß von 18252 eintritt, während in der gleichen Zeit bei der Gesamtbevölkerung noch ein Geburtenüberschuß von 3,019.100 besteht. Silbergleit erklärt hierzu: „Das ist alles nicht mehr krisenhaft, das ist vollständiger Zusammenbruch der jüdischen Bevölkerungsentwicklung von innen heraus." Er macht auch darauf aufmerksam, daß sich die besonders ungünstige jüdische Bevölkerungsentwicklung noch über die Zeit der letzten Volkszählung fortgesetzt hat. Denn während die Gesamtbevölkerung in den vier Jahren bis 1928 einen Geburtenüberschuß von ungefähr 1,2 Millionen aufbringt, stellt sich bei den Juden ein Sterblichkeitsüberschuß von 5100 ein. Die jüdischen Ehen sind kinderlos geworden oder weisen entgegen den Tagen der Vorväter nur wenige Kinder auf. Die Kinder aus Mischehen gehen dem Judentum meist verloren, und die zahlreichen Austritte aus der VORNEHME FAMILIEN - PENSION slilfiÄ ■ > ~i.. „-^r-rrTTTTi i m f n i7i i»n' fff LI i-J täglich 5-Uhr-Tee ISEHMERIN6 TELEPHON 11 iHochstrafie 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts i Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer, i Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer! jüdischen Gemeinschaft lichten weiter die jüdischen Reihen. Vielen Todesfällen stehen wenig Geburten gegenüber. Wie lange kann dieser Prozeß noch dauern? Ernst Kahn weist in seinem bereits erwähnten Buch darauf hin, daß schon die nächste Zukunft die Juden in Deutschland einem ganzen scharfen Auflösungsprozeß entgegenführen und ihre Zahl von 564.000 in wenigen Jahrzehnten dezimieren müsse. Er berechnet, daß diese Zahl im Jahre 1930 bereits auf 537.000 gesunken sein muß und schätzt die jüdische Bevölkerung im Jahre 1950 auf 420.000, im Jahre 1960 auf 341.000 und schließlich im Jahre 1970 auf 264.000. Dann wird es unter den Juden zwei Fünftel Greise geben, wenn der Nachwuchs weiter so zurückgeht wie jetzt. Die Zahlen der Statistik sprechen eine ernste Sprache. Neben den bangen Sorgen um die Wirtschaft« liehe Selbstbehauptung erhebt sich gespenstisch das Problem der allmählichen Selbstausrottung der deutschen Juden. Die Lage in Palästina. Daß die Situation in Palästina noch immer recht beunruhigend ist, beweisen die folgenden J. T. A.-Meldungen, die wir in der Reihenfolge ihres Einlangens ohne jeden Kommentar publizieren. Der Chauffeürsireik. Jerusalem, 7. August (J. T. A.) Am Donnerstag, den 6. August, fand ein 24stündiger Streik der Chauffeure Palästinas statt Der Streik hatte auch auf Transjordanien übergegriffen; die Verbindung zwischen Jerusalem und Amman war unterbrochen. Es ist nirgends zu Ruhestörungen gekommen. Die Palästinaregierung hatte die Vertreter der Handelskammer, der Lohnautobesitzer und der Chauffeure zu einer Konferenz eingeladen, um in letzter Minute den Ausbruch des angekündigten Chauffeurstreiks zu verhüten. Auf Vorschlag der Regierungsvertreter war beschlossen worden, eine Kommission zur Untersuchung der augenblicklichen Lage der palästinensischen Industrie, die sich , durch den angekündigten Streiks in ihren Interessen schwer bedroht sah, einzusetzen. An die Organisationen der Lohnautobesitzer und der Chauffeure ist der Appell gerichtet worden, von der Proklamierung eines Streiks bis zur Veröffentlichung des Berichtes dieser Kommission abzusehen. Der Verband der Chauffeure hat zu den Vorschlägen der Konferenz in einer ganztägigen Beratung Stellung genommen und im Hinblick auf die Zugeständnisse der Regierung beschlossen, die Dauer des Streiks auf 24 Stunden zu beschränken. Durch den Streik sollte Feuilleton Gedanken im Grünen. Von Anna Mandel-Friedmann, Wien. Liebe Freundin, der Morgen ist herrlich klar und ich sitze in dem Garten der reizenden Villa, die ich in diesen Sommerwochen bewohne und sehe von meinem schattigen Winkel hinein in eine Fülle von buntem Blütenreichtum von bezaubernder Schönheit Und Gedanken drängen sich mir auf, die mir schon oft kamen, die vielen Müttern, vielen Eltern in dieser Zeit kommen und die sie bedrängen. Zunächst denke ich Ihrer, liebe Freundin, die Sie mit Ihrem Sohn viele herrliche Tage an der See verbringen, sich braun färben lassen von Wind, Sonne, Luft und Wasser, die Sie in fröhlichem Kreise wandern, schwimmen, rudern und die Ferien ganz nach Ihrem Geschmack genießen. Ich weiß es, Sie verstehen das Beisammensein mit Ihrem Sohne auch in der Ungebundenheit freier Sommerwochen so reizvoll zu gestalten, wie Sie zu Hause an allem, was das Leben ihm wichtig und lebenswert erscheinen läßt, an seinen Sorgen und Freuden, seinen Studien, seiner Lektüre und seinen Unterhaltungen teilnehmen. Sie sind sein bester Freund, an den er sich immer vertrauensvoll wenden kann, wenn Ihr Gatte durch die Not der Zeit gezwungen, seine ganze Kraft den Geschäften widmen muß. Sie sind nicht kleinlich, nicht engherzig, nicht egoistisch und Sie sind für Ihr Kind immer bereit Sie sind aber auch wahr gegen sich und gegen ihn und so kommt es, daß er sich heute noch als reifer junger Mensch in Ihrer Nähe glücklich fühlt wenn er auch seinen Kreis von jungen, gleichgesinnten Menschen um sich hat. Und er ist noch religiös gesinnt, er nimmt teil an den jüdischen Gebräuchen und Festen in Ihrem Hause, er geht zum Gottesdienst, er ist ein bewußter Jude. Dabei gibt er Stunden, um nicht abhängig, um selbständig zu sein, er fühlt sich verantwortlich für sein Tun! Er kennt seine Pflichten, er kennt sein Ziel, er strebt voll Lust und Freude vorwärts und doch ist er voll Rücksicht und Dankbarkeit für seine Eltern, die ihm ein so reiches Leben ermöglichen. Wahrlich, ein Muster von einem Sohn in unserer Zeit, auch von einem jüdischen jungen Menschen. Ich sage auch, weil bei uns Juden Kinder solcher Gesinnung und Art stets die Regel, aber niemals eine Ausnahme waren. Doch heute, in einer Zeit, da Rücksicht auf Dankbarkeit keineswegs zu den Schlagwörter derselben gehören, da Güte, Innerlichkeit. Religiosität nicht auf ihrem Antlitz zu sehen sind, da die Jugend in ihrem Lebenshunger vorwärtsstürmt, um nur ja nichts zu versäumen, keine Lust, kein Vergnügen, da sie so oft der Aelteren Rat nicht hören, niemals befolgen will, in dieser Zeit ohne Rücksicht, ohne Hemmung, sind solche Menschen wohl eine Ausnahme. Oder beginnt schon eine neue Morgenröte zu dämmern, schimmern schon die ersten lichten Sonnenstrahlen einer neuen, und doch so alten Weisheit? Dringt der Gedanke durch, daß Gemüt und Seele, das Beste des Menschen, das Glück des Lebens bedeuten? Daß nur durch ihre Vertiefung, ihre Bildung, ihre Bereicherung Segen und Beglückung ausströmen können, daß nur aus ihren Tiefen Kraft und Mut sich schöpfen läßt? Allerdings ist es noch nicht so weit noch sind so oft Hast Unruhe. Hemmungslosigkeit am Ruder, Unreife, Roheit und brutale Kraft lenken das Steuer des Weltmotors. Es darf uns nicht Wunder nehmen in einer Zeit, da Jazz, Radio, Automobile, Flugschiffe die Welt beherrschen, da die Wunder der Technik alles Dagewesene überflügeln, da die Maschine des Menschen Arbeitskraft ersetzt und viele Hände rasten müssen zu ungewohnter Stunde. Da gilt es schon als Schwäche, noch Gefühle, noch Innerlichkeit, ja erst religiöses Empfinden zu zeigen. Und doch — und doch glaube ich, liebe Freundin, daß vielfach nur die Sucht der Nachahmung schuld ist an diesem letzten Uebel, die Sucht von einigen herzensrohen Menschen, die sich aber nach außen ins rechte Licht zu setzen verstehen, nicht für voll genommen zu werden. Diese Sucht der Nachahmung bei der Jugend, warum sollen wir Aelteren sie verachten, da wir ja selbst Furcht haben, heute unsere Kinder nach unseren Wünschen zu erziehen, religiös, einfach, bescheiden, gütig, die wir Furcht haben, es nicht so zu machen wie die Vielen, die alles nachgeben, auch den unsinnigsten Wünschen nicht ernst und streng genug entgegenzutreten wagen. Nicht wagen, liebe Freundin, ja ich sage es gerade heraus. Wir Eltern sind schwach, ängstlich, müde geworden, wir sind angesteckt worden, von einer gewissen modernen Gleichmacherei. Und es gehört schon, ich gebe es zu, ein gewisser Mut, viel Kraft und Nachdenken dazu, hier das Richtige zu finden. Und unsere Kinder — ich glaube, sie sehnen sich oft nach Bestimmtheit und Konsequenz in ihrer eigenen Unsicherheit wie sie sich nach unerhört viel Liebe sehnen. Denn sie sind ja Kinder, wie wir es einmal waren. Nur Kinder einer neuen Zeit! Und dieser Zeit mit ihren Widersprüchen, Erkenntnissen und ihrem Reichtum müssen Eltern und Kinder gerecht zu werden suchen. Aber in der Tiefe des Empfindens, des Herzens sind wohl alte und neue Zeit nicht so sehr verschieden. Höchstens, daß wir mehr Güte brauchen, mehr Liebe geben sollen, mehr Verständnis für einander bedürfen! So wie in der Nächstenliebe immer mehr und mehr an Güte, Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit heute gefordert wird, um wie viel stärker noch muß die Liebe zu den Nächsten sein! Und beides zusammen bildet doch das Leitmotiv der Thora. Denn es heißt so vorbildlich und nachahmenswert: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Wer die Bedeutung dieses Ausspruches erkennt, welcher der Welt die herrlichste Waffe in die Hand drückt zur Bekämpfung des Krieges, des Hasses, des Neides, der Mißgunst unter den Menschen — wer sie nur für sich und in seinem Kreise zu erfassen und nach. ihr zu leben versucht, der trägt wesentlich zum Verständnis für die heutige Erziehung1 der Jugend bei, sein Gefühl wird ihn die rechten Wege führen. Ist es doch auch Nächstenliebe, ideales Streben, Sinn für die harmonische Ausbildung der Kräfte der jungen Menschen, die zu ihrer Vereinigung in Verbände und Gruppen führte, die dem einzelnen vielfach eine gewisse Sicherheit, einen Rückhalt geben will, seinem Wunsche nach Ertüchtigung, nach Einfachheit, nach Zusammenschluß mit Gleichgesinnten Rechnung trägt. Und wie herrlich ist es doch. Idealen, die in der Seele unseres Volkes seit der Zerstörung unseres Heiligtums in Jerusalem immer gelebt, zur Verwirklichung verhelfen zu können — das Heim in Palästina aufzurichten — sich sportlich mit allen Andersgläubigen zu messen — dienen zu dürfen einer edlen gemeinsamen Sache! Doch gibt es noch Viele, die eigene Wege gehen, die im Innern ebenso

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