Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 34 (21.8.1931)
- Date
- 1931-08-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groseben Jüdische Die tDcHirheif Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 21. August 1931 Nummer 34 Die deutschen Juden — ein aussterbender Volksteil? Von Dr. Kurt Zielenziger, Berlin. Wirtschafts elend und Wohnungsnot, Kriegsfolge und Krisengefahr hemmen dasWachstum des deutschen Volkes. Mit Erstaunen nimmt man jetzt in Deutschland wahr, daß sich die phantastischen Projekte, die man jahrelang gehegt hat, nicht verwirklichen werden. Man sieht, daß auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn auch die deutsche Bevölkerung nimmt nicht mehr in dem gleichen Maße zu wie bisher. Zwar wächst dieses Volk noch, noch treibt der Baum jährlich neue Triebe. Aber von Jahr zu Jahr wird er schwächer in seinem Wachstum. Schon läßt sich errechnen, wann die Kurve fallen muß. Der Traum eines 80-, ja 100-Millionen-Volkes scheint ausgeträumt. Man beginnt bereits auszurechnen, wann der ständigen Zunahme eine stetige Verminderung der Bevölkerung folgen wird. Auch das deutsche Volk scheint das Geschick aller großen Kulturvölker zu teilen. Diese Erscheinungen, die man in so auffälliger Weise für die deutsche Bevölkerung erst seit kurzem beobachtet, sind von Fachleuten für die deutschen Juden schon lange vor dem Kriege festgestellt worden. Ernst Kahn macht in seinem interessanten Buch „Der internationale Geburtenstreik" (Frankfurter Societätsverlag, Frankfurt a. M. 1930) darauf aufmerksam, daß schon vor dem Kriege der Leiter der Hessischen Statistik, Regierungsrat Knöpfel, die genaueste Beobachtung der jüdischen Bevölkerungsbewegung im deutschen Interesse dringend empfahl. Die bevölkerungspolitischen Betrachtungen der deutschen Judenheit ergeben eine weitere Verschärfung der Situation. Zu den. schweren Sorgen um die Zukunft des deutschen Juden besonders in wirtschaftlicher Hinsicht gesellen sich die ernstesten Ueberlegungen um die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung überhaupt Wir sind deshalb zu der Frage berechtigt, ob die.deutschen Juden ein aussterbender Volksteil sind. Wir können diese Frage um so eher erheben, wenn wir das Werk von Professor Dr. Heinrich Silbergleit „Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen R e i c h", Erster Teil: Freistaat Preußen (Akademie-Verlag Berlin, 1930), für dieses Problem einer eingehenden Würdigung unterziehen. Silbergleit gibt in seinem Werk eine interr essante Uebersicht über die geschichtliche Entwicklung der jüdischen Bevölkerungin Preußen. Erst sie zeigt, wie sehr sich die Verhältnisse gewandelt haben. Die erste räumlich gegliederte Konfessionsstatistik für Preußen. stammt aus dem Jahre 1816, also aus einer Zeit, in der der preußische Staat nach den napoleonischen Kriegen durch Rückerwerb und Neuangliederung von Landesteilen neu gefestigt war. Damals zählte man im ganzen 10,349.031 Menschen, von ihnen waren 123.938 Juden. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung stellte sich auf 1,22 v. H. Von diesen Juden wohnte fast die Hälfte oder 42 v. H., nämlich 52.000, in der Provinz Posen, dann folgte die Rheinprovinz mit 14;2, Schlesien mit 13 und Westpreußen mit 10,2 v. H. Brandenburg und Berlin wiesen nur 0,64 v. H. auf. Noch war der Osten das große Reservoir der jüdischen Bevölkerung in Deutschland. Berlin spielte damals noch keineswegs die Rollo von heute. Die bevölkerungspolitischen Verhältnisse dieser Tage der beginnenden Emanzipation beleuchtet nichts deutlicher als die Statistik einiger preußischer Städte von 1817. An der Spitze aller jüdischen Gemeinden steht Breslau mit 4409 Juden oder 5,7 v. H. der gesamten Zivilbevölkerung, dann folgt Posen mit 4025 Juden oder 17,7 v. H. Erst an dritter Stelle steht B e r 1 i n mit 3699 Juden oder nur 2 v. H. Im Osten gibt es eineReihe von Städten, in denen mehr als die Hälfte aller Einwohner Juden sind. Von 42 preußischen Städten mit mehr als 500 Juden haben 31 eine jüdische Bevölkerung von mehr als 20 v. H. Noch hatte sich aus diesen kleinen Städten nicht der Strom in die Großstadt ergossen, trotzdem war der Jude auch damals schon ein Städter; denn 72,5 v. H. der Gesamtbevölkerung lebte in jenen Jahren auf dem Lande, aber nur 16,6 v. H. der Judenheit Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung bis zu den vierziger Jahren zeigt eine günstige Bilanz. Sie beruht aber nicht auf einer höheren Geburtenziffer, sondern atif geringerer Sterblichkeit, so daß der Geburtenüberschuß bei den Juden mit 13,85 v. T. bedeutend größer ist als bei den Christen mit 10,40 v. T. Aber eine Bilanz der gesamten und der jüdischen Bevölkerung Preußens über den Zeitraum von 1816 bis 1910, die Silbergleit durchführt, beweist, wie schnell sich dieses günstige Bild trübt „Durchweg zeigt sich", so erklärt Silbergleit seine mit vieler Mühe aufgestellte Statistik, „ein Zurückbleiben der jüdischen hinter der auf die Gesamtbevölkerung bezüglichen Ziffern mit so außerordentlich starker Zuspitzung m den letzten Jahren, daß ihr gegenüber die sonst mit Recht an der Beweiskraft der Geburtenziffer bestehenden Zweifel verstummen müssen." Bis in die fünfziger Jahre wich sie nur um ein Geringes von der der übrigen Bevölkerung ab, in den siebziger Jahren war sie bereits um ein reichliches Fünftel kleiner als bei der Gesamtbevölkerung, und schon vor 1919 betrug sie nur noch knapp die Hälfte. Denn in den siebziger Jahren lauteten die allgemeinen Geburtenziffern 41,1 v. T., bei den Juden 32,3 v. T.; zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber 33,4 v. T., bzw. 16,6. Silbergleit weist darauf hin, daß bei den Juden seit den siebziger Jahren selbst die absoluteZahl der Geburtendauerndabnimmt. Bisindie sechziger Jahre hinein zeigte sich bei der jüdischenBevölkerungeinGeburtenüberschuß, der stets größer war als der der übrigen Bewohner Preußens. Dies Verhältnis ändert sich zwischen 1875 und 1880, und zwischen 1905 und 1900 steht einem Geburtenüberschuß von 15 v. T. der Gesamtbevölkerung nur ein solcher von 1,7 v. T. des jüdischen Volksteils gegenüber, „also ein geradezu katastrophaler Umsturz, herbeigeführt durch das bei den Juden stärkere Absinken der Geburtenziffer und das schwächere der Sterblichkeitsziffer." Diese ungünstige Situation wird noch verschärft durch die zunehmenden Austritte aus der jüdischen Religionsgemeinschaft. Eine Uebersicht über die 100 Jahre, die seit der Emanzipation der Juden in Preußen bis zum Kriege verflossen waren, ergibt, daß sich die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung immer mehr auf anderen Bahnen bewegt als die der Nichtjuden, vielleicht wie Kahn glaubt, ihr voraneilt, Bis zum Anfang der sechziger Jahre zeigt der Anteil der jüdischen an der Gesamtbevölkerung Preußens eine steigende Tendenz, die von 11,98 v.T. im Jahre 1816 bis auf 13,78 v.T. im Jahre 1861 anwächst, um dann ständig bis auf 10,36 v. T. im Jahre 1910 zu fallen. Ein kleiner Anstieg im Jahre 1925 ist wie Silbergleit mit Recht betont nur die Folge des Krieges. Der Weltkrieg hat auch auf die Verteilung der Juden in Preußen und damit in ganz Deutschland einschneidend gewirkt Die Verschiebungen, die er mit sich bringt, die Wanderungen, zu denen er die Juden zwingt müssen von stärkstem Einfluß auf ihre wirtschaftlichen Verhältnisse werden. 10,97 v.H. der jüdischen Bevölkerung Preußens gingen durch die Abtretungen verloren, denn 45.629 Juden kamen durch den Friedensvertrag unter die Herrschaft anderer Staaten. Von der Gesamtbevölkerung der Provinz Posen gingen 92,7 v.H. Preußen verloren, von der jüdischen Einwohnerschaft dieser Provinz waren es sogar 93,7 v.H. Für Westpreußen stellt sich die Ziffer für die jüdische Bewohnerschaft auf 74,5 v. H„ für Schlesien auf 19,2 v. Ii. und für Ostpreußen auf 13,1 v.H. In diesen Provinzen des Ostens sind die Verluste, die die deutsche Judenschaft durch die Landabtretung erlitten hat, verhältnismäßig stärker als die der übrigen Bevölkerung. Das große Reservoir, aus dem sich das deutsche Judentum immer wieder erneuerte, war Mitglieder und freunde der „Union" übertragen Lebens- und Hcmentor- Versidierungen der Städtischen Versidiernngsanslan