Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-08-14 · Heft 33 (14.8.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 33 (14.8.1931)
Date
1931-08-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064485--18488-3083524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nächsten wie dich selbst", um seinen Siegeszug anzutreten zu allen Völkern der Erde. Kann es möglich sein, daß die Juden, die zur Zeit tiefster mittelalterlicher Finsternis die Idee der Freiheit die Menschheit lehrten, die Idee des Friedens nicht für sich in Anwendung bringen wollen? Shaw beweist mit jedem Worte, das er in dem erwähnten Interview sagte, daß er gar nichts vom Judentum weiß, und überhaupt nicht begreift, was Judentum bedeutet. Wenn er von Rassenstolz und Arroganz spricht, die auf nationale Momente zurückzuführen sind, so braucht man ihm darauf nur eine Antwort zu geben: Der größte Teil aller Juden der Welt ist kosmopolitisch und nicht national eingestellt. Die nationalistisch-jüdische Idee ist eine Idee, die an der Mutterbrust der französischen Revolution sog, ist eine Idee, die erst durch die französische Revolution geboren wurde. Waren also die Juden bis zur französischen Revolution nach Ansicht Shaws richtige Juden, die — nach seiner Meinung — die Judenfrage gelöst haben, weil sie Rassenstolz nicht kannten? Man möchte beinahe glauben, daß Shaws Interview mit der „Ita" ein Grubenhund gewesen ist, dem die Presse hineingefallen ist, oder ist es vielleicht das Sujet für ein neues Lustspiel, an dem Bernard Shaw1 gegenwärtig arbeitet? Wenn aber Shaws Aeußerungen ernst zu nehmen sind, dann muß man ihm wohl den guten Rat geben, noch einmal die Judenfrage zu studieren und sich mit dem Problem des Weltjudentums eingehend zu befassen. Er wird zur Ueberzeugung kommen müssen, daß nicht wir Juden die Judenfrage lösen können, sondern daß die Judenfrage nur dadurch gelöst werden kann, daß die gesamte Kulturwelt die Juden als freie Menschen anerkennt und ihnen alle jene Menschenrechte zuerkennt, die die Menschheit für sich in Anspruch nimmt. Wenn die Wogen des Antisemitismus geglättet sein werden, wenn die Judenverfolger die geistige Höhe ihrer Verfolgten erreicht haben werden, dann wird die Judenfrage gelöst sein ohne Förderung der Mischehe und ohne Aussendung Shawscher Friedenstauben. Dr. Ernst Feldsberg. Bernard Shaw zur Beherzigung. Von Dr. David Feucht wang. Bernard Shaw hat in einem Gespräche mit dem Vertreter der J. T. A. den Antisemitismus scharf charakterisiert und kräftig zurückgewiesen. Bevor ich auf seine anderen Aeußerungen über Juden eingehe, kann ich eine allgemeine Bemerkung nicht unterdrücken. Ich halte es für unvernünftig und sinnlos, bedeutende Männer durch Befragen über Dinge, welche sie trotz ihrer Größe durchaus nicht zu verstehen brauchen, zu unüberlegten, weil spontanen Aeußerungen zu zwingen. Sie sind nicht allwissend. Es ist ein Mißbrauch, der solchen Menschen nur Verlegenheiten bereitet, auch wenn sie Hauptmann, . Einstein, Shaw usw. heißen. Das beweist auch die zwar geistreiche, aber durchaus falsche und unstichhältige Meinungsäußerung Shaws über die angebliche Ueberheblichkeit des jüdischen Volkes, von der er sprach. Die Welt, so sagte er auch, habe längst Frieden mit den Juden geschlossen, sie aber nicht mit der Welt. Wie kommt der scharfblickende Beurteiler und Kritiker des Weltgeschehens zu solch merkwürdigem Urteil? Es zeigt sich, daß er die große Leidensgeschichte dieses Volkes nicht kennt, nicht weiß, daß das, was er als Ueberwertigkeitskomplex sieht und wohl auf die vielgerügte „Auserwähltheit" der Juden zurückgeht, nichts anderes war und ist, als ein Aufruf zu stetiger Selbstvollendung. Er stammt aus einer Antike, in der sich das jüdische Volk aus dem Hintergrunde der Heidenwelt durch seine hohe, auch heute geltende Ethik und Reinheit seiner Religion leuchtend abhebt. Wo ist die „proletarische Welt", von der Shaw spricht, in der es keinen tollen Judenhaß gibt? Hat sie Shaw etwa in Rußland gefunden oder in Mitteleuropa? Selbst die englische Welt ist durchaus nicht frei davon. Nein! Shaw kennt die jüdische Geschichte nicht, noch auch Wesen und Sinn des gegenwärtigen Judentums. Wo blieb sein Verantwortungsgefühl? Ueberlegte er nicht, daß man seinen Worten vielleicht doch mehr Bedeutung und Gewicht zuspricht, als er selber es glaubt? „Ihr Weisen, seid vorsichtig und gewissenhaft in euren Aeußerungen" ist ein uraltes jüdisches Mahnwort. Shaw war" leichtfertig und ungerecht. Dem Dichter könnte man das verzeihen, nicht dem Denker. Hat Shaw es ernst gemeint, dann möge er besser jüdische Geschichte lernen und sich bemühen, die Seele des jüdischen Volkes kennenzulernen. Wenn nicht, dann war es gefährlich, auf Kosten der Wahrheit und der Gerechtigkeit geistreich zu sein, zum Schaden einer so gefährdeten und unrechtmäßig befeindeten Gemeinschaft, wie es die Juden der ganzen Welt sind. UFA-TON-KINO Wien II., TaberitraBi 8 Telephon R 41-2-41 LILIAN HARVEY Nie wieder liebe Harry Lledtke - Falix Bressart und das sensationelle UFA-KABARETT Beginn der Vorstellungen 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr Der Grazer Deutsche Studententag. Die Deutsche Studentenschaft ist nach dem Kriege als großdeutsche Vereinigung der örtlichen Studentenschaften des Deutschen Reiches, Oesterreichs, Danzigs und des Sudetenlandes gegründet worden. In Oesterreich haben sich von jeher die örtlichen Studentenschaften auf den arischen Standpunkt gestellt. Dies war einer der Gründe, die zur Aenderung des preußischen Studentenrechts durch die sogenannte Becker- Verordnung geführt haben; die Folge war der Verzicht fast aller preußischen Studenten auf die staatliche Anerkennung. Die weitere Folge war, daß die einheitliche Deutsche Studentenschaft, die dank ihres großdeutschen Aufbaues ein mächtiges Zeichen deutschen Einheitswillens und ein Kulturträger erster Ordnung sein konnte, zerschlagen wurde. Trotzdem: auch heute noch umfaßt die Deutsche Studentenschaft die große Mehrheit der deutschen Studenten. Ihre Tagungen haben Anspruch, mit Ernst betrachtet und gewertet zu werden. Man hat aus der Tagespresse entnommen, daß vor dem Grazer Studententag Führer der Studentenschaft mit Hitler verhandelt haben; man hat gelesen, daß von nationalsozialistischer Seite die Besetzung der drei Vorstandsämter durch Nationalsozialisten gefordert worden sein soll. Man las von einem Abkommen zwischen den Waffenringen und den nationalsozialistischen Studentenbünden, wonach diesen in politischer Hinsicht bestimmte, weitgreifende Rechte vorbehalten worden sind. Nach alledem kann es nicht überraschen, daß auf dem Studententage einstimmig beschlossen worden ist, zwei Nationalsozialisten in den Vorstand (einen zum Vorsitzer) der Feuilleton Der Sdieliadi-Zibbur. Das Jahr 5691 geht zu Ende, das neue Jahr, die hohen Feiertage nahen und mit ihnen die Anstrengungen vieler Kultusgemeinden. für ihre Tempel und Bethäuser geeignete Vorbeter zu gewinnen. Um schwere Verstöße, wie sie sich aus diesem Anlasse in den Vorjahren zum Schaden des Judentums und der gottesdienstlichen Andacht wiederholt ergeben haben, für die Zukunft zu verhüten, mögen die nachfolgenden Ausführungen der einsichtsvollen Prüfung und Erwägung der kompetenten Stellen empfohlen sein. Mit dem Synagogengottesdienste, der zur Zeit des zweiten Tempels von Babylon nach Palästina verpflanzt und daselbst in einzelnen Orten des Landes gleichzeitig mit dem Tempel in Jerusalem eingeführt wurde, entstand die Institution des Vorbeteramtes. Mit den Anforderungen, die an den Vorbeter, den „Scheliach- Zibbur", gestellt werdert sollen, befaßt sich der Talmud „Orach Chajim" in intensivster Art und stellt für dessen Bestellung folgende Leitsätze auf: Da nach Aufhebung des Opfergottesdienstes das Opfer durch Gebete ersetzt wurde, wobei an die Stelle des Priesters der Scheliach-Zibbur trat und statt der Opfer Gebete dargebracht wurden, muß die für dieses hohe und wichtige Amt erwählte Person besondere Eigenschaften aufweisen. Es soll ein würdiger, unbescholtener, bescheidener, bei den Gemeindemitgliedern beliebter Mann sein, der eine wohlklingende Stimme besitzt und durch einen angenehmen Vortrag die Andacht der Betergemeinde zu erwecken befähigt ist. Er muß die erforderlichen' Kenntnisse in den heiligen Schriften und in der Liturgie besitzen, um die Gebete verständnisvoll vortragen zu können, und soll einen streng religiösen Lebenswandel führen. Schon allein das Maß der von ihm verlangten Qualitäten beweist klar, wie hoch der Talmud die dem Scheliach-Zibbur zugedachte Stellung wertete. Er steht darnach im Mittelpunkte des Gottesdienstes und muß von der Gemeinde für würdig befunden worden sein, als Mittler ihrer Gebete zu Gott vor das „Omed" zu treten. Das war die talmudische Auffassung des Scheliach-Zibbur-Charakters. Im Laufe der Zeiten hat das Vorbeteramt von seiner Bedeutung und Wichtigkeit viel eingebüßt. Die Gemeindevorstehungen sahen zumeist nur auf die Stimmmittel des Bewerbers um dieses Amt und nahmen auf alle übrigen vom Talmud verlangten Charakterqualitäten fast niemals Rücksicht. So kam es, daß unberufene Elemente, die sich zumeist in einem anderen Berufe nicht behaupten konnten, ohne die oben genannten Eigenschaften eines Scheliach-Zibbur zu besitzen — bloß weil sie etwas Stimme hatten —, in unberechtigter Weise zum Vorbeteramte zugelassen wurden. Daß dadurch das Ansehen des Scheliach-Zibbur, die gottesdienstliche Andacht und die Weihe des Hauses verlorengehen mußten, kann als natürliche Folge solcher Fahrlässigkeit weiter nicht wundernehmen. Fragt man aber, wie es kam, daß solche Zustände auch nur möglich wurden, so muß man sagen, daß zu geringe Rigorosität bei der Anstellung der Bewerber vorwaltete und zumeist nur auf „äußerliche Effekte" Gewicht gelegt wurde. Wie stand es eigentlich damit vor zirka hundert Jahren? Als zu jener Zeit in Wien ein geregelter Gottesdienst eingeführt werden sollte und der damalige Vorstand der tolerierten Gemeindebehörde einen Kantor zu gewinnen trachtete, der alle entsprechende Eigenschaften und Fähigkeiten in seiner Person vereinigen sollte, wurde der Vorstand auf einen jungen Mann namens Sulzer aufmerksam gemacht, der in seiner Vaterstadt Hohenems schon als Jüngling das Vorbetcramt bekleidete und sich bereits einen gewissen Ruf als guter Sänger erworben hatte. Daraufhin wurde diesem jungen Mann ein von detn damaligen Prediger Mannheimer verfertigter. Fragebogen zugeschickt, in dem von ihm die Beantwortung einer ganzen Reihe detaillierter Fragen verlangt wurde, die identisch waren mit den Forderungen, die der „Schulchan Aruch" für einen Scheliach-Zibbur aufstellte. Sulzer beantwortete alle diese Fragen im bejahenden Sinne und wurde darauf zu Probevorträgen an zwei Samstagen nach Wien berufen, fand bei denselben großen allgemeinen Beifall, und nachdem er auch alle an ihn gestellten Fragen zur Zufriedenheit beantwortet hatte, wurde er „zum Oberkantor im höheren Gottesdienste" ernannt und als „Scheliach-Zibbur" für die Sabbate und Feiertage bestellt, während für die „Wochentage" der bisher amtierende Vorbeter Koppel Marktbreiter in seinem Amte belassen wurde. In kurzer Zeit erbrachte aber Sulzer auch den Beweis, daß er es verstehe, einen schönen und geregelten Gottesdienst mit Chor ein- und durchzuführen, dies in so vollendeter Art, daß er dadurch bald die Aufmerksamkeit der ganzen jüdischen Welt auf sich lenkte und sein Ruf in alle jüdischen Gemeinden drang. Graetz schrieb von ihm in seiner „Geschichte der Juden": „In Sulzer in Verbindung mit dem neugeschaffenen Tempel in Wien umarmte sich Morgen- und Abendland. Als wären der Wiener Tempel und die Gemeinde von Anfang dazu bestimmt gewesen, das Versöhnungswerk zwischen den alten und neuen Formen zu vollziehen, hatte sich für dieselben ein Sangeskünstler gefunden, der mit seinen reichen Stimmitteln den hebräischen Gebeten einen fast zauberischen Ausdruck verlieh und den alten verschnörkelten Synagogengesang in seelenschmelzende Melodien umschuf." Viele jüdische Gemeinden suchten auch in ihren Tempeln einen solch vornehmen Gottesdienst einzuführen und sandten zu diesem Zwecke ihre Kantoren zu Sulzer nach Wien mit der Bitte, sie zu unterrichten. Alle diese Gemeinden sind dabei gut gefahren, weil Sulzer alle darauf aufmerksam machte, daß neben Begabung und musikalischer Vorbildung vor allen Dingen von jedem Vorbeter die Kenntnis und vollkommene Beherrschung der hebräischen Sprache und Grammatik sowie die richtige Wortakzentuierung verlangt werden muß. So entwickelte sich nach und nach eine ganze Generation von richtig geschulten, tüchtigen Scheliach- Zibburs. Beispielsweise seien hier genannt: Moritz Friedmann — Budapest, Deutsch — Breslau, Birnbaum — Königsberg, Mandl — Baja, Katschmaroff — Groß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.