Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 33 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064485--18487-3083523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die ItfcHirhftlf Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 1!., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 14. August 1931 Nummer 33 Die Lösung der Juden frage. Eine Komödie von Bernard Shaw. In einem Gespräch mit dem Moskauer Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur hat Bernard Shaw zur Judenfrage Stellung genommen. Die Ideen, die Bernard Shaw in diesem kurzen Interview entwickelt hat, müssen vor aller Welt erörtert werden, weil sie den Grundideen des Judentums vollkommen widersprechen und beweisen, daß sich Bernard Shaw mit der Judenfrage ernstlich nicht befaßt hat. Wohl aber sind seine Ideen geeignet, den Antisemitismus, den er mit den Worten Stalins als ein Ueberbleibsel der für die Aera des Kannibalismus charakteristischen unmenschlichen Sitten bezeichnet, zu fördern, d. h. wenn es möglich ist, zu steigern. Man muß die einzelnen Behauptungen Shaws der Reihe nach besprechen, um seine Ansichten zu widerlegen und, was in diesem Falle wohl sehr leicht ist, ad absurdum zu führen. Shaw ist zur Ueberzeugung gelangt, daß letzten Endes die M i s c h e h e den Unterschied zwischen Juden und Christen aufheben werde. Wenn man solche Behauptungen aufstellt, muß man sich doch vorher mit diesem Problem befaßt haben und an der Hand statistischer Daten über die Mischehe dieses Problem studiert haben. Bernard Shaw hat dies bestimmt nicht getan, denn wenn er es getan hätte, dann müßte er zur Ueberzeugung gekommen sein, daß gerade die Mischehe geeignet ist, den Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden zu verschärfen, und daß gerade die Mischehe schon so viel Unheil über beide Teile gebracht hat. Ist sich denn Bernard Shaw nicht bewußt, daß die nach seiner Meinung ausgleichende Gerechtigkeit der Mischehe voraussetzt, daß die beiden Eheteile in religiöser und weltanschaulicher Beziehung sich einander angeglichen haben müssen? In der Mischehe stehen ja nicht Jude und Christ als Rassenangehörige einander gegenüber, sondern in der Mischehe stehen sich zwei Welten gegenüber, das Judentum und das Christentum. Hat Bernard Shaw vergessen, daß in der Ehefrage nicht nur Mann und Frau, sondern auch Kinder, und vor allem Kinder, eine wichtige Rolle spielen? Ist es nicht unbedingte Voraussetzung, daß die Kinder in vollkommenem Atheismus, in vollkommener Gottesverleugnung und Areligiosität erzogen werden, um den von ihm so gelobten Ausgleich herzustellen? - Da muß nun die Frage aufgeworfen werden, ob es im Interesse des Menschen gelegen ist, Kinder zur Gottesyerleugnung und zur Areligiosität zu erziehen. Diese Frage kann nur mit einem kategorischen „Nein" beantwortet werden. Jeder Mensch muß Religion besitzen. In welcher Form er sie besitzt, mag gleichgültig erscheinen, & aber nur in der ideellen religiösen Erziehung kann ethische und moralische Kraft leben. Jeder Mensch muß glauben, glauben an etwa Höheres, glauben an das Schöne und an das Gute, glauben an höchste Menschenideale, denen er nachstreben muß. Diejenigen, die behaupten, daß sie keinen Glauben besitzen, diejenigen, die da meinen, daß sie wirklich Atheisten sind, belügen sich selbst, denn jeder Mensch glaubt und jeder Mensch besitzt die Religion seines Herzens. Der Jahrtausende alte Einfluß religiöser Erziehung auf die Menschen kann nicht dadurch aus der Welt geschafft werden, daß sich zwei Menschen für's Leben miteinander verbinden, die verschiedene religiöse Erziehung genossen haben. Man kann nicht durch das Wörtchen „Ja" bei der Eheschließung die Welt begraben, in der man bisher gelebt hat. Und wenn diese Weltidee im Menschen notwendigerweise bestehen bleiben muß, dann muß sie sich auch auf Kinder und Kindeskinder durch die Art der ihnen zuteil werdenden Erziehung vererben. Aber ganz abgesehen von diesen theoretischen Betrachtungen kann man die Behauptungen Bernard Shaws viel materialistischer zu widerlegen versuchen. Warum soll die Judenfrage gerade durch Mischehe zwischen Jude und Christ und nicht auch zwischen Jude und Andersgläubigen gelöst werden? Ich möchte gern Bernard Shaw fragen, welcher Teil der beiden Eheschließenden seine Eigenheiten aufzugeben hätte, der Jude oder der Andersgläubige? Es macht den Eindruck, als ob Bernard Shaw mit dieser Behauptung lediglich etwas sagen wollte, ohne zu wissen, was er sagt. Obwohl durch die Mischehe die Judenfrage nach Shaw gelöst zu sein scheint, versucht dieser Mann noch durch weitere Aeußerungen seine welterschütternden Ideen der Oeffentlichkeit bekanntzugeben. Shaw hat, wie er behauptet, niemals die verbreitete Ansicht geteilt, daß die Juden unter einem Minderwertigkeitskomplex leiden. Im Gegenteil, sie leiden unter einem Ueberwertigkeitskomplex. Das sei sehr schädlich für sie und verursache anderen viel Aerger. Bernard Shaw hat versucht, den Ueberwertigkeitskomplex durch die Konsequenzen dieses Komplexes zu interpretieren, indem er erklärte, daß der Jude seinen Frieden mit der Welt nicht machen wolle. Er vergleicht die Juden mit den Iren und behauptet, daß die Iren noch rassenstolzer und arroganter sind als die Juden. Eine solche Arroganz sei aber in der politischen Welt, in der wir leben, nicht am Platze. Ein wichtiger Schritt zur Lösung der Judenfrage müsse darin bestehen, daß die Juden sich von ihrem Ueberwertigkeitsgefühl gegenüber anderen Nationen befreien. So kann nur ein Mensch über das Judentum und über die Juden urteilen, der eben von der gleichen Denkungs- und Gesinnungsart ist wie alle diejenigen, die jüdische Fähigkeiten und jüdische Talente, jüdische Arbeitskraft und jüdischen Arbeitseifer als einen Ueberwertigkeitskomplex bezeichnen. Glaubt denn Bernard Shaw wirklich, daß die Juden nur aus dem Ueberhebungsgefühl heraus imstande waren und imstande sind, auf allen Gebieten der Wissenschaft bahnbrechend zu wirken, überall wo sie hingestellt werden, voll und ganz ihren Mann zu stellen? Ist es wirklich möglich, daß nur das Ueberhebungsgefühl eines Menschen imstande ist, ihn den anderen Menschen gegenüber als einen fähigen und hervorragenden Menschen gelten zu lassen? Wir Juden haben keine Ueberwertigkeitsgefühle, sondern wir besitzen die Fähigkeit, uns an die Verhältnisse, in denen wir leben, anzupassen. Wir besitzen vielleicht einen durch die Jahrtausende währenden Verfolgungen und Knechtungen erzwungenen Arbeitseifer, der uns befähigt, im Konkurrenzkampfetrotz Anfeindungen zu bestehen. Ueberau feiert der Antisemitismus Orgien, überall wird versucht, das jüdische Element zurückzudrängen und wehe, wenn wir Juden nicht die Fähigkeit besäßen, den anderen zu zeigen, daß wir es ihnen nicht nur gleichzumachen imstande sind, sondern daß wir uns bemühen und bestreben, Spitzenleistungen zu vollbringen. Kann ein intelligenter Mensch diesen dem Menschen innewohnenden Kampfesmut als einen Ueberwertigkeitskomplex hinstellen? Es wäre viel richtiger gewesen, wenn Bernard Shaw alle diejenigen, die an den Ueberwertigkeitskomplex der Juden glauben, aufgerufen hätte, danach zu trachten, dieselben Spitzenleistungen zu vollbringen, dieselbe Arbeitslust, denselben Arbeitseifer an den Tag zu legen, wie eben die Juden. Shaw hat vergessen, daß wir Juden neben der allgemeinen Lehre, neben der allgemeinen Wissenschaft, die jedem Bürger eines Staates erreichbar sind, eine eigene Literatur, eine eigene Wissenschaft besitzen. Wer je Gelegenheit hatte, dem Vortrag jüdischer Lehrer auf dem Gebiete der Bibel, der Mischna und des Talmud zu lauschen, der wird verstehen, warum das Gehirn des Juden geschult wird für den Kampf, den der Mensch auf dieser Welt zu führen hat, der wird begreifen, daß die modernsten Ideen des Fortschrittes und der Kultur bereits in diesen uralten jüdischen Werken erörtert und kritisch beleuchtet werden. Kann es möglich sein, daß das Judentum, das eine solche Literatur stolz sein Eigen nennen kann, die primitivste Idee der Völkerversöhpung mit Füßen tritt? Kann es möglich sein, daß die Juden wirklich nicht Frieden mit der Welt machen wollen? Ist es nicht viel richtiger zu behaupten, daß die Welt die Juden nicht zu Ruhe kommen läßt? Die jüdische Lehre hat der Welt die Idee der Nächstenliebe gelehrt. Von unserer Bibel ging jener erhabene Grundsatz aus: „Liebe deinen Mitglieder und Freunde der „Union' übertragen Lebens- und Hemenlar- Versldiernngen der Sfädflsdien Verstfflerongsonstait