Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 32 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Städtische Veisicherunqsaiistalt 4\ Direktion: Wien L, TucMauben Nr. S Telephon U 27-5^40 Alle VersicheniHoszweiae Badezimmer- Einrichtungen Modernste Ansführung — Zahlungserleichterung- — Kostenüberschläge gratis „Etphora", 1., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 nien interveniert. Auch als im vorigen Sommer die Wellen des Antisemitismus hochgingen, hielt der Hilfsveirein es für seine Pflicht, im Namen der deutschen Juden zu protestieren und darauf aufmerksam zu machen, daß es eine politische Gleichberechtigung in Rumänien gibt. Trotz dieser ungeheuren Schwierigkeiten ist der Hilfsverein auch im verflossenen Jahr ein gutes Stück vorwärts gekommen. Die Emigrantenfürsorge allein beansprucht mehr als den dritten Teil des Budgets. Am Schlesischen Bahnhof im Berlin wurde 22.000 durchwandernden Menschen, Männern, Frauen und Kindern, Juden und Nichtjuden, die Unterstützung des Hilfsvereines zuteil. Die Zentrale in Berlin, die Komitees in Hamburg und Bremen, Vertrauensleute an den Grenzen und im Reiche leisteten wertvolle Arbeit Nur durch planmäßige Fürsorgearbeit, durch Kooperation mit gleichartigen ausländischen Körperschaften! gelingt es in vielen Fällen, Hindernisse zu beseitigen, die 'für den einzelnen Auswanderer oft unüberwindlich sind. Aber im Osten, wo die Not ungeheuer groß ist, bleibt noch sehr viel zu tun. Für schwache und unterernährte Kinder in Polen wird durch Errichtung von Ferienkolonien gesorgt. In Litauen wird der Bau des niedergebrannten Kinderhauses in Kowno unterstützt. In Rußland wurden drei Ambulatorien erbaut, eines in der Ukraine und zwei in der Krim. Die Fürsorge kommt Juden und Christen, den Bewohnern der deutschen, ukrainischen und jüdischen Kolonien zugute. In Rumänien ist das Kulturwerk des Hilfsvereines wieder aufgenommen worden. Zwölf Anstalten, Schulen aller Art, werden vom Hilfsverein unterstützt. Das alles ist dem starken Ausbau dieser Organisation während der letzten Jahre zu verdanken. Professor Haffkine ist gleichsam ein Symbol der Hilfsvereinsarbeit. Dieser Mann, der seine Heimat verlassen mußte, weil er Jude war, der, weil er sich nicht kaufen lassen wollte, in die Fremde ging, um seine Studien fortzuführen, kam zu Größe und Ansehen und schuf eine Stiftung, mit deren Durchführung er den Hilfsverein der deutschen Juden betraute. Haffkines Beispiel sollte alle anspornen, in tatkräftiger Weise das Werk des Hilfsvereines zu unterstützen, das jüdisch und menschlich ist, das zur Stärkung des Judentums und zur Verbreitung und Hebung menschlicher Gesinnung beiträgt und weiterhin beitragen soll. * * 30 Jahre Hilfsverein der deutschen Juden. Soeben erschien der Jahresbericht des Hilfsvereines der deutschen Juden für 1930. der auch eine Uebersicht über die 30jährige Tätigeit des Hilfsvereins (1901 bis 1931) gibt. Das vornehm und mit zahlreichen Bildern, die die Tätigkeit des Hilfsvereins illustrieren, ausgestattete Heft gibt die aus Anlaß des 30jährigen Bestehens des Hilfsvereins und der Jahresversammlung gehaltenen Ansprachen von Dr. Bernhard Kahn („Dreißig Jahre Hilfsverein"), Max M. Warburg-Hamburg („Dr. James Simon und Jüdische Hilfsarbeit"), Dr. Julius BI a u - Frankfurt a. M. („Die Zusammenarbeit zwischen dem Hjlfsverein, dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. und der Jewish Colönisation Association in Paris") wieder. Es enthält ferner den Bericht über das Jahr 1930 über Emigration, Kinderheime, Ferienkolonien, Schulen, Ambulatorien, einen Bericht über die Haffkine-Stiftung für Talmud- Hochschulen. Mitteilungen über Zusammensetzung des Geschäftsfüiirenden Ausschusses, des Zentralkomitees und der Lokalkomitees des Hilfsveredns u. v. a._ _ r^YrSizcniiw(fl1 Judenhaß anstatt Deutsdienliebe. Sehr geschätzte Redaktion! Gestatten Sie mir, zu dem unter obiger Spitzmarke m Ihrer letzten Nummer erschienenen Artikel folgendes zu bemerken: Auf dem Weg von Eger nach Franzensbad traf ich jüngst eine mir gut bekannte christliche Familie und schloß mich ihr an. . Das Oberhaupt der Familie ist Professor an der Uebungsschule in Eger, dessen Gattin führende Dame in der Kinderfürsorge und in anderen humanitären Institutionen der Gemeinde, Autorin von literarischen Bühnenstücken, Feuilletonistin usw., eine sehr feinfühlige Dame, die eine bedeutende Rolle in der hiesigen Gesellschaft spielt. Im Verlaufe unserer Konversation, die verschiedene Gebiete der Literatur und der aktuellen Politik streifte, wandte sich die Dame an mich mit folgender Frage: „Erklären Sie mir, Herr Oberkantor, den Grund, warum sich die jüdischen Damen so ablehnend gegen den Kulturverband verhalten? In den früheren Jahren gehörten dem Deutschen Schulvereine — was dasselbe ist — sehr viele jüdische Damen an und gingen mit uns sozusagen durch dick und dünn, heute aber stehen sie unserer Sache (milde gesagt) indifferent gegenüber." Zur Antwort gab ich dasselbe an, wie Ihr Herr Artikelschreiber Ftr., nämlich, daß der Deutsche Kulturverband es für richtig* findet, die Juden in beleidigender Art zurückzuweisen, die jüdische Mentalität als zersetzend für das Deutschtum zu bezeichnen usw. Ich führte als Exempel an, daß seinerzeit auf dem Weg zum christlichen Friedhof an einem Allerseelentage zwei Stunden eine Sammlung zugunsten des Deutschen Kulturverbandes veranstaltet wurde. Sie hielten auch zwei jüdischen Frauen, die zufällig des Weges kamen, ihre Sammelbüchse hin, erkannten aber sofort ihren „Lapsus" und zogen rasch ab — womit sie doch hinreichend dokumentierten, daß ihnen (was sonst nicht immer vorkommt, D. Red.) auch jüdisches Geld unlieb sei. Warum sollen sich also jüdische Frauen mit ihren Spenden aufdrängen und anbiedern, abgesehen davon, daß die jüdischen Wohlfahrtsinstitution einen harten Kampf führen müssen, um ihr Dasein zu fristen? Die Dame hörte verwundert meine Ausführungen an und meinte: „Ich hätte wahrlich nicht geglaubt, daß eine solche Kluft zwischen Damen der Gesellschaft wegen der Konfession besteht." Jawohl, sie besteht — und gerade das Deutschtum könnte verstehen, wie bitter und ungerecht „Sinas Chinam" — unberechtigte Gehässigkeit — ist. Armin Wilkowitsch, Eger. — Ich lese Ihre Artikel — sagte mir Ussischkin — mit Aufmerksamkeit. Was ist aber Ihr konkreter Vorschlag? — Die Annullierung der Balrour- Deklaration! — sagte ich. — Das Prestige des Judentums erlaubt es nicht — erwiderte er. — Herr Ussischkin! — sagte ich in dringendem Tone. — Der Araber wird uns auf der Brust knien, wird uns Finger um Finger aufbrechen und uns die Balfour-Deklaration aus der Hand entwinden. Wenn wir sie ihm heute als Opfer der Freundschaft hingeben, ist es würdiger und politisch klüger. Seither ist der ephemere Wert der Balfour- Deklaration schon jedermann bewußt. Die Balfour- Deklaration war ja schon im ersten Moment nur ein Kinderballon, der nur so groß war, wie viel Seele wir hineingeblasen haben, aber nun hat der Ballon gar ein Loch bekommen und wir blasen uns umsonst die Neschomo aus. Was soll uns dieser rote Fetzen, der noch den Nachteil hat, den arabischen Stier auf uns zu hetzen, solange wir diesen roten Fetzen vor seinen Augen hin und her schwenken? Die Balfour-Deklaration selbst ist ja ein Wechsel, der auf den Araber gezogen ist und ohne seine Unterschrift nicht liquidiert werden kann. Es heißt ja ausdrücklich, daß nichts unternommen werden darf, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der dortigen Bewohner beeinträchtigen würde. Daß ferne vom Schusse sich in Europa noch revisionistische Gruppen bilden, ist wohl nicht entschuldbar, aber erklärlich. Erstaunlich ist die Zahl der Revisionisten in Palästina, die noch immer nicht erlernt haben, in die Zukunft zu schauen. Haben sie vor Jahren nicht verstanden, daß das laute Deklamieren vom Eindringen in Palästina und von der Majorisierung der Bevölkerung sicher zum Einwanderungs- und Bodenkaufsverbot führt, so ahnen sie augenblicklich nicht, daß es noch schlimmer werden kann, wenn diese törichten Deklamationen fortgesetzt werden. B. S. Grand-Restauration „ Fürstenhof streng orthodoxe Küche SIHON RAAB |j Bis 30. September geöffnetl J Deklamationspolitiker. Gedanken zum neuen zionistischen „Endziel". Was die zionistische Presse totzuschweigen vermag, hat mich stets zur Bewunderung hingerissen. Ihr größtes Meisterstück war aber das Totschweigen von 50,000.000 Arabern. Auch auf dem Kongreß verbreitete man sich über das neue zionistische „Endziel" mit pilpulistischer Weitschweifigkeit und Permutationskunst aus, verlor sich wieder in immer verzweigter werdenden Detailfrägen und wollte die Sache nicht von der Vogelschau sehen. Im Jahre 1921 spazierte ich mit Ussischkin im Karlsbader Park. Idyll auf Crikvenica. Wohl eines der schönsten Seebäder an der Adria ist Crikvenica. Wenn man aus dem Großstadtgetriebe flüchtet, empfindet man die reine, erfrischende Meeresluft überaus wohltuend. Einen ganz idealen Aufenthalt repräsentiert das Strandbad. Der Meeresboden ist weich und sandig, für Kinder ein Paradies; ohne Furcht kann man sie dem Wasser anvertrauen, denn auf eine Strecke von mehr als 500 Meter findet man diesen Samtteppich ausgebreitet, ohne irgendwelche Untiefen. Der Blick über die weite, tiefblaue Wasserfläche ist unbeschreiblich schön; man kann sich von dem idyllischen Panorama kaum trennen. Segelboote, Fischerbarken und Ausflugsdampfer beleben das farbenfreudige Bild. Die Abende in Crikvenica unterscheiden sich wohltuend von anderen Kurorten; das Klima ist mild und konstant, ohne Gefahr einer Erkältung kann man die herrlichen Abende mit ihrer zauberhaften Romantik genießen. Sanft schlagen die Wellen ans Ufer, der Mond gießt sein Silberlicht über das Meer; der Duft der fast tropisch anmutenden Pflanzen umfängt uns und führt den Menschen weit weg von dem Alltag. Dazu die herrlichen Ausflüge zu Wasser und zu Lande, über Berg und Tal — und man findet, daß Crikvenica die Vorzüge eines See- und geschützten Gebirgskurortes verbindet. Nicht unerwähnt bleibe das ganz besonders freundliche Entgegenkommen aller Behörden Jugoslawiens, sie sind bemüht, den Gästen den Kurort zu einem Heimatorte zu gestalten. Uns Juden berührt es besonders wohltuend, daß wir im Gegensatz zu den Arierparagraphen vieler österreichischer Sommerfrischen hier freundlichste Aufnahme finden. Es gibt in Crikvenica eine vorzügliche rituelle Verpflegung; desgleichen besteht hier ein Minjan. Der Gottesdienst wird mit seltener Andacht und Frömmigkeit abgehalten. Wer Gelegenheit hatte, am Tischa beaw anwesend zu sein, war von der weihevollen Würde und der tiefernsten Innigkeit bewegt, mit welcher die Klagelieder des Propheten Jeremias rezitiert wurden.