Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 32 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seif« 3 Leben aller dieser Gemeinden zu geben geeignet sind. Wenn auch Menschen und Zustände, die in diesen vergilbten Papieren auftreten, längst entschwunden sind, ist ihre Kenntnis dennoch auch für die Gegenwart und Zukunft wichtig genug. Die Menschen, die in diesen Akten leben, waren ja die direkten Vorfahren der meisten jetzt in Wien und den anderen großen Städten des heutigen Oesterreich lebenden Juden und nicht nur für den Familienforscher und den Genealogen wird in diesem neuen Zentralarchiv viel Interessantes zu finden sein, sondern es wird auch ganz allgemein der Anteil der Juden an der Geschichte des Burgenlandes, ihre Funktion in Wirtschaft und Gesellschaft festzuhalten und ihr in gewisser Abgeschlossenheit hochgezüchtetes Eigenleben mit seinen Werten und seinen Auswüchsen nachzuzeichnen möglich werden. Darum ist die Förderung und das Interesse weitester Kreise für diese Neuschöpfung wünschenswert und es kann einst, wenn Ordnung und Aufarbeitung dieses Archivs vollendet sein werden, einmal ein Ruhmesblatt der österreichischen Judenschaft werden, in der Grenzmark ein kulturelles Musterinstitut ersten Ranges geschaffen zu haben. L. Moses. Die deutschen Juden in der Wirtschaftskrise. In der Berliner „C. V.-Zeitung" nimmt der Verfasser des Buches „Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden", Alfred Marcus, zu der Frage, wie sich die gegenwärtige Krise auf das geistige und kulturelle Dasein und auf die physische Fortexistenz des deutschen Judentums auswirkt, Stellung. Marcus führt in seinem Artikel unter anderem aus: Die starke und plötzliche Beschleunigung, welche die Entwicklung der deutschen Wirtschaft auf ihrem Wege zum Kollektivismus hin in den letzten Wochen erfahren hat, stellt gerade uns vor Entscheidungen von ganz absoluter Wesentlichkeit für unsere einfachste physische Fortexistenz, nicht nur für unser weiteres geistiges und kulturelles Dasein. Denn die ... . Tatsache, daß sich das Gros der deutschen Juden in Berufen betätigt, deren Grundlagen die freie Unternehmertätigkeit, die Selbstverantwortung des wirtschaftlichen Tuns sind, stellt uns zu einem unendlich viel höheren Prozentsatz vor neue Aufgaben als die Gesamtheit . . . Aus Erkenntnissen dieser Art ergeben sich für uns unmittelbare und praktische Konsequenzen. Es muß jeder einzelne von uns in eine ganz strenge und nüchterne Prüfung der Frage eintreten, ob seine wirtschaftliche Tätigkeit „volkswirtschaftlich berechtigt" ist oder nicht. Eine radikale Umstellung wird heute für die Mehrzahl nicht möglich sein. Wohl aber ist in allen Fällen eine weitgehende Anpassung der wirtschaftlichen Tätigkeit an die veränderte Gesamtlage möglich, und zwar sowohl in geschäftlicher als auch in privater Beziehung. Für viele heute noch Selbständige kann hierdurch eine wesentliche Verlängerung der Lebensdauer ihrer Unternehmungen herbeigeführt werden — und das ist in jeder Beziehung ungeheuer wichtig. Besonders aber in einer: Der jüdische Nachwuchs in Deutschland könnte so wenigstens in gewissen Teilen die Möglichkeit dazu erhalten, die für ihn unumgängliche radikale Umstellung unter einigermaßen günstigen Bedingungen zu vollziehen. Wir tarisierung" ihre Schrecken. Wenn wir leben wollen, werden wir leben können. * * * Gefahren für die Juden in Deutschland. Am 23. v. M. hielt beim politischen Iniormationsabend des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin der Direktor des C. V. Dr. Ludwig Holländer eine bemerkenswerte Rede. Er bezeichnet den 12. Juli als einen Stichtag von besonderer Bedeutung für die innere Lage Deutschlands. An diesem Tage entschied sich das Schicksal der Danatbank und die ungeheuer schwierige Situation Deutschlands wurde offenkundig. Der C. V. hat rechtzeitig prophylaktische Maßnahmen ergriffen, um der antisemitischen Agitation, die sich an dieses Ereignis knüpfen mußte, entgegenzuwirken. Die nationalsozialistische, antisemitische Agitation bedroht weiter die deutsche Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik. Es müßten, da die Warnungen der Juden sich als berechtigt erwiesen haben, noch in letzter Stunde Maßnahmen dagegen getroffen werden. Dr. Holländer sieht in dem Termin der Volksabstimmung am 9. August einen weiteren Stichtag. Er meint, daß für Ruhe, Ordnung und Sicherheit bis zu diesem Zeitpunkt keine Besorgnis zu bestehen brauche und daß auch nach diesem Zeitpunkte keine akuten Gefahren drohen, aber präzise Voraussagen verböten sich überlängereZeiträume. Dr. Holländer besprach sodann die Möglichkeiten einer Gegenpropaganda auf dem flachen Lande und bezeichnete als wichtigste Aufgabe die Kulturpropaganda für jüdische Werte, die politische und wirtschaftliche Widerstände überwinden und die Einbettung in die deutsche Umwelt letzten Endes doch herbeiführen wird. Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt der deutschen Staatsbürger. Es handelt sich hierbei aber nicht nur um die eigentlichen Unternehmer. Auch die Mehrzahl der jüdischen Angestellten ist in Betrieben von dem Typus tätig, für den sich der Bewegungsraum jetzt noch viel stärker verengert hat, als dies in den letzten Jahren ohnehin schon der Fall war____In einer sicherlich nicht kurzen, wahrscheinlich über eine Reihe von Jahren sich erstreckenden, aber doch in sehr fühlbarer Intensität verlaufenden Entwicklung wird ein weiterer Teil der Unternehmerkategorien verschwinden müssen, die unter anderem auch gerade jüdischen Inhabern und Angestellten die ökonomische Existenz gesichert haben. Jüdische Höhlenbewohner der Sahara. Im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde, Berlin, erzählt Ernst von Hesse-Wartegg von jüdischen Höhlenbewohnern im Lande der Sahara. Er schildert Art und Aussehen der Menschen und ihrer Wohnhöhlen, und fährt dann In der Schilderung seiner Erlebnisse fort: In efnem der Wohnkrater traf ich den Rabbiner des Ortes mit seiner Familie und denen seiner Söhne. Der alte Jude versteht vortrefflich Hebräisch, las uns aus einem Buch, das hebräisch gedruckt war. vor und erzählte, seine Familie wäre schon seit vielen Jahren hier ansässig. Genauere Daten konnte er meinem Begleiter, dem italienischen Konsularagenten Lombroso aus Gabes, der selbst Jude ist und gleichzeitig des Arabischen vollkommen mächtig, nicht angeben. Wie bei den anderen Kratereingängen; so sah ich auch in kleinen Nischen Pergamentblättchen mit verschiedenen Talmudsprüchen zum Lobe Gottes aufgehängt Alle, die ich sah, auch die Frauen, zeigten ausgesprochenen jüdischen Typus, und die Troglodyten sind zweifellos nicht nur Juden der Religion, sondern auch der Abstammung nach. Ich betone dies ausdrücklich, denn ich fand unter den Berbern, besonders im Rif von Nordmarokko, eine ganze Menge deren Vorfahren schon vor vieten Jahrhunderten zum Judentum bekehrt wurden und es bis auf den heutigen Tag bewahrt haben — Juden mit1 blondem oder sandfarbenem Haar und blauen Augen, entschieden der Berberrasse angehörend. Auf meinem Wunsch führte mich der Rabbiner nach der Synagoge nebenan. Eine Höhle in der Bergwand mit direkt ins Freie führender Tür. Bänke aus dem Felsen gehauen, ringsum mit Matten bedeckt, auf denen zerlesene Gebetbücher in hebräischer Sprache umherlagen. Die jüdischen Troglodyten können also hebräisch lesen, wenn sie es auch nicht sprechen, und in der Tat ist Hebräisch der einzige Gegenstand, den der Rabbiner den Kindern beibringt. — Wie er, so haben es seine Vorfahren, durchweg Rabbiner, vor ihm getan, so wird es auch sein Sohn und Enkel tun, denn die Rabbinerwürde scheint bei den Troglodyten in vielen Fällen erblich zu sein. müssen uns endlich an den Gedanken gewöhnen, daß die jetzt heranwachsende Generation unter ganz anderen Bedingungen, aber auch in ganz anderen Berufen leben wird als wir und die Generation vor uns. Eine sehr weitgehende „b e r u fliehe Wanderung" ist unumgänglich. Wenn wir mit solchen Erkenntnissen und Absichten der ungewissen und dunklen Zukunft entgegengehen, brauchen wir nichtzu verzweifeln. Es lohnt auch für uns noch zu leben, für den Nachwuchs, für die Alten und für eine Gesamtheit, die sich in furchtbar schwerem Ringen den Weg in eine bessere Zukunft bahnen will. Dann verlieren auch Begriffe wie „Verelendung" und „Prolelm Hintergrund der Synagoge war in den Felsen gehauen der Thoraschrank, mit Gebetrollen auf Pergament geschrieben und in silbernen Hülsen. Sie stammen aus der „Großen Hara", dem Hauptort der Insel Dscherba im Golf von Gabes, wo viele Tausende von Juden seit dem ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung wohnen. Schon Maimonides hat sie auf seiner Wanderung nach Kairo besucht und beschrieben, freilich in keinem besonders günstigen Licht In Dscherba scheinen sich viele mit dem Schreiben von Gebetrollen zu beschäftigen, wenigstens sagte man mir in den meisten Synagogen, die ich m den Wüstenländern besuchte, daß sie von dort bezogen wurden und ungefähr 500 Frank das Stück kosteten. Vor dem Thoraschrank stand ein großer Gebetschemer, an dessen oberen Rand mehrere silberne Kugeln in der Form von Granatäpfeln steckten. Sie sind das Symbol der Fruchtbarkeit Anscheinend geht es den Jüdischen Troglodyten gar nicht schlecht Sie sehen wohlgenährt aus. Mit ihren Nachbarn, den Berbern, vertragen sie sich gut Ihr Beruf ist in der Hauptsache das Kleinbandwerk. Mit eintretender Dunkelheit gehen sie zur Ruhe. Lampen und Kerzen habe ich nirgends gefunden — auch nicht Papier, Tinte, Feder, und nur die allerspärlichsren abendländischen Artikel täglichen Gebrauchs. Daß die jüdischen Troglodyten nicht erst seit Torquemadas Zeit in den Höhlenwohnungen am Matmata, Iffren, Nefussa und Charian hausen, sondern seit den ersten Jahrhunderten des Christentums, beweisen nicht nur ihre Grabsteine. Ich habe selbst von zweien Abdrücke genommen, die aus dem 12. Jahrhundert stammen. Viele andere Umstände sprechen dafür, daß ihre Vorväter schon in den Zeiten der Römer und Karthager hier vorhanden waren, und sie werden voraussichtlich noch für Generationen in ihren Höhlen bleiben, bis es den Bestrebungen ihrer europäischen Glaubensgenossen geIngen wird, sie einem menschenwürdigeren Dasein entgegenzuführen. | Dr. LEE K. FRANKEL. | Auf der Durchreise in Paris verstarb plötzlich Dr. Lee Kaufer Frankel, einer der Führer der amerikanischen Juden, im Alter von 64 Jahren. Dr. Frankel war seit einiger Zeit herzleidend, er hatte es sich aber doch nicht nehmen lassen, die weite Reise von New York nach Basel zur Teilnahme an der Tagung des Council der Jewish Agency zu machen. Die Anstrengungen dieser Reise haben wohl seinen Tod beschleunigt. Das Ableben von Dr. Lee K. Frankel ist ein schwerer Verlust für die Jewish Agency, die kurz nach ihrer Gründung den ersten Präsidenten ihres Councils, Louis M a r s h a 11, und später den stellvertretenden Council-Präsidenten Lord M e 1 c h e 11 verloren hat und jetzt den eben erst neugewählten Mitvorsitzenden ihres Councils verliert Auf den Rat und die Tatkraft von Doktor Frankel hat man gerade jetzt, wo man an die Regelung der kritischen Finanzlage der Jewish Agency herangegangen ist, gewisse Hoifnungen gesetzt. Aber auch das Werk der sozialen Fürsorge der amerikanischen Juden und das liberale Judentum in Amerika, dem der Verstorbene als führendes Mitglied angehört hat, werden an dem Verlust schwer zu tragen haben. * Dr. Lee Kaufer Frankel wurde am 13. August 1867 in Philadelphia geboren, war Dozent für Chemie an der Universität Penna, dann Chemieprofessor in Phila und errang sich als Chemiker in den Vereinigten Staaten einen sehr geachteten Namen. Er wurde dann veranlaßt, in die Versicherungsbranche einzutreten, und wurde Vizepräsident der „Metropolitan Life Insurance Company", der größten amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaft Die Regierung der Vereinigten Staaten nahm seine Dienste vielfach in Anspruch. So war er zuletzt Präsident der „American Public Health Association" und der „New York Conference of Charities"'. Er war einer der Gründer des „National Health Council" und gab das Werk „Human Factor in Industry" heraus, das dazu beigetragen hat in den Vereinigten Staaten eine Bewegung für möglichste Schonung der menschlichen Arbeitskraft in der Industrie zu schaffen. Frankels Wirken in der sozialen Hygiene und Fürsorge Amerikas war bahnbrechend. 1922 bereiste er Europa als Vorsitzender der amerikanischen Sonderkommission zum Studium der europäischen Lage. Einen großen Teil seiner Zeit widmete Dr. Lee K. Frankel jüdischen religiösen und sozialen Angelegenheiten. Er war nach dem Kriege Mitglied des Exekutivkomitees des Campaign für jüdische Kriegsopfer in Europa. Er war Mitglied der Exekutive des Verbandes