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Die Wahrheit · 1931-08-07 · Heft 32 (7.8.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 32 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 PDS WAHRHH1 leben es noch immer erfordert, dem Herrgott Reverenz zu beweisen. Ja, noch dieser Mann, den ich einmal sah und beobachtete und verstand, <lieser gutgekleidete, modern denkende, sehr beschäftigte Beamte, der den Tempel betrat, darin kaum eine Minute verweilte und wieder fortlief, auch er stellt einen Wert dar. Er vermochte nicht, es sich ganz zu versagen; er wollte, daß seine Füße den geweihten Boden wenigstens berührten, daß seine Aermel die geheiligten Quadern des Tempelgebäudes wenigstens streiften... Wenn dies nun schon fast Aberglaube sein mag oder gar psychopathischen Zwang bedeutet, es sind Kräfte, welche die übermächtige Gewalt religiöser Bindung bezeugen. Und noch die letzten Ladenjünglinge, diese unproblematischen Bürschchen mit ihren sorglosrosigen Puppengesichtern, die sich in den unteren Reihen und Zwischengängen drängen, auch in ihnen noch muß jener Funke verborgen sein, jener scheue Respekt vor unverstandenem Höheren . . . In der Tat, wenn man den Gesichtswinkel nur um ein Weniges ändert, wie ganz anders stehen diese Menschen da. Diese dunkle, verschwommene Masse, ist sie nicht wie schwelendes Holz, das nur eines Funkens bedarf, um zu flammendem Feuer zu werden, um im Nu sich zu einer leuchtenden Lohe von ungeahnter Pracht und Gewalt zu erheben? Leben nicht, verborgen und ungekannt, Kräfte in ihr, Individuen und Heroen, die sich eines Tages und bald zu ihrer eigentlichen strahlenden Größe erheben werden? Heute noch im alltäglichen Gewand irgendeines unscheinbaren Berufes, werden sie vielleicht schon morgen sich zur letzten Konsequenz ihres Lebens erheben, um das zu werden, was sie in Wirklichkeit sind, nachdem der Funke des göttlichen Wortes sie entzündet hat Denn jeder Beruf kann zur Berufung werden, wenn er in den Dienst Gottes gestellt wird, wenn er ausgeübt wird im Zusammenhange mit der lichten, weltenordnenden Quelle der göttlichen Allmacht! Ja, so ist es! Wo immer ich hinblicke, in welches Gesicht auch immer ich schaue, welchen Judentyp ich unter die Lupe nehme, stets vermag ich das geheimnisvolle Etwas zu erfinden, das den Juden ausmacht, das mir seine erhabene Zukunft als Jude verbürgt. Unter der Maske der Assimilation, hinter dem ausdruckslosen, uniformen Gesicht der Masse, im bärtigen Antlitz des fanatisierten Juden, kurz in jedem Abkömmling jüdischer Rasse vermag ich noch immer jenes Pünktchen zu erspähen, das ihn zum Juden stempelt, ihn mir als Juden beweist. Unter vielfachen Verkleidungen, hinter tausenderlei Aeußerungen, im Schimmer einer Geste verbirgt sich das glimmende jüdische Pünktchen, das Pünktchen Jude. Dieser Jude aber wartet. Der wahre Jude wartet. Gegenüber einer Welt, die sich nicht genugtun kann an sinnlosem Vorwärtslaufen, innerhalb dieses Breis vielfältiger, sich kreuzender Freiheitsbestrebungen bleibt das innerste Wesen des Juden: abwartend, ergeben, ausharrend bei Gott und seinem Gesetz! Wie ein trockener Acker auf den belebenden Regen wartet, so wartet das jüdische Volk, ergeben und unbekümmert um Welt und Fortschritt und Freiheit, auf den belebenden Tau der göttlichen Gnade. Mit seiner Treue des Ausharrens, mit seiner Gesetzestreue erhebt es sich bis in die Nähe Gottes selbst, und am Tage der Erlösung wird es unter allen Völkern auch das bevorzugte sein. Zu ihnen, die stumm und ergeben gewartet haben, wird sich der Erlöser als zu seinen Treuesten mit Vorliebe wenden. Sie werden die Fürsten sein über die Herden der Menschen, die laut und lärmend und, selbst ungerecht, nach Gerechtigkeit II VOHNEHP1E FAMILIEN-PENSION| |RBStanration,Raffeehaos | täglich 5-Uhr-Tee g sehnering i TELEPHON 11 H Hochstraße 43 jj neben Hotel Panhans g Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts §1 Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser §§ in jedem Zimmer. §§ Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer M verlangten oder auf die Gnade Gottes, fast wie auf ein Recht, Anspruch erhoben. Der Erlöser wird kommen! Ich weiß nicht, welcher der Messias sein wird, noch wann er zu uns kommen wird. Aber er ist auf dem Wege, er kommt, er kommt aus den Reihen derer, die auf ihn warten! Zentralarchiv der burgenländischen Jadengemeinden. Im heutigen Oesterreich gibt es zwar viele Judengemeinden, die auf eine reiche, oft sicher bis in die Zeit der Besiedlung durch die Deutschen zurückgehende Geschichte blicken können. Diese Judengemeinden hatten zum Teil im Mittelalter in Städten, zum Teil aber auch in ausgesprochenen Landgemeinden im Zeitalter der Stände- und Religionskämpfe des 16. und 17. Jahrhunderts bestanden, während einige sogar in beiden Epochen nachweisbar sind. Ihnen allen aber war in den Jahren 1420 und 1670 durch höhere Gewalt der Lebensfaden abgeschnitten worden und nur Wien und Hohenems hatte diese Zäsur keine unheilbaren Wunden geschlagen, so daß in diesen beiden Städten auch das Jahr 1848 Juden vorfand. Erst durch die Angliederung des Burgenlandes erhielt Oesterrreich wieder eine Reihe von Orten mit Judengemeinden zugeteilt, deren Gründung sich zum Teil bis ins 13. und 14. Jahrhundert, bei allen aber mindestens bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen läßt Diese Gemeinden, es sind 11 an der Zahl, besitzen größtenteils noch heute ihr unverfälschtes jüdisches Leben und erhalten, soweit ihre oft durch Abwanderung und andere Ursachen geschwächten Kräfte es gestatten, noch immer ihre humanitären, religiösen und geistigen Institutionen. Aber auch in diesem Lande gehen einige Gemeinden, wie Gattendorf und Kittsee im Norden und Schlaining im Süden zusehends dem Untergang entgegen und da auch in heute noch blühenden Gemeinden oft nicht die Mittel für die Erhaltung ihres reichen archivalischen Materials und ihrer kunsthistorisch und volkskundlich oft äußerst wertvollen Schätze gegeben sind, machte ich schon vor einigen Jahren die zuständigen Stellen auf die Notwendigkeit der Konservierung in einem eigenen Zentralarchiv aufmerksam. Nach langen Unterhandlungen hat nun auch die burgenländische Landesregierung unter tätiger Mitwirkung des bekannten Sammlers und Konservators Sandor Wolf ein leerstehendes Zimmer der jüdischen Volksschule in Eisenstadt adaptiert und vor einigen Tagen konnte ich mit Hilfe des ebenfalls als Sammler äußerst tätigen Gendarmerie-Bezirksinspektors Karl Halaunbrenner an die Aufstellung und Sichtung des aus Deutschkreuz, Eisenstadt, Frauenkirchen, Gattendorf, Kittsee, Rechnitz und Schlaining bereits eingelangten Archivmaterials gehen. Vorläufig ist es noch lange nicht möglich, aus der Fülle der bereits mehrere zehntausende von Stücken umfassenden Akten und Bücher die historisch und kulturell wichtigsten herauszugreifen und zu besprechen. Da finden sich von den Schutz- und Toleranzakten aus dem 17. und 18. Jahrhundert angefangen, die für die Rechtsgeschichte ungemein lehrreich sind, eine Unmenge von Kontributionslisten, Mitgliederverzeichnissen der verschiedenen Vereine, Mohelbüchern und Synagogensitzverzeichnissen, die bei entsprechender Bearbeitung erst ein richtiges Bild von der Größe und dem inneren Feuilleton Von jüdischen Sekten. Karaitea in Galizlea. Die Sekte der Karaim oder Karaiiten wurde im achten Jahrhundert von Onan ben David gegründet Ihre Religion baut sich nur. auf dem Wortlaut der Heiligen Schrift auf. Sie leugnen alle mündlichen Ueberlieferungen, die der Talmud zur Grundlage hat, und leben mit den Juden in fortwährender religiöser Fehde. In Europa gibt es, außer in der Krim, nur eine karattäsche Gemeinde in Haiicz am Dnjester. Haiicz, die einstige Hauptstadt Ostgaliziens. ist beute eäne unbedeutende Ortschaft mit verfallenen Lehmhütten. Die Stadt befand sich lange unter russischer Herrschaft and hat im Krieg viel gelitten. Vor mehr als sechs Jahrhunderten, als Haiicz noch eine bedeutende Handelsstadt war. siedelten sich hundert karaitische Familien an. Sie waren von der Judensteuer befreit und genossen alle Rechte, deren sich die Christen erfreuten. Als unter Kaiser Josef II. die Juden zum Militärdienst herangezogen wurden, wurde den Karaiten, denen der Gebrauch der Waffe untersagt ist, das Recht eingeräumt, bei der Sanität zu dienen. Heute wohnen in Haiicz nur noch etwa vierzig karaitiscbe Familien. Der hebräische Schriftsteller Ruhen Faha gibt seine Wahrnehmungen so wieder: „Ich zögere eine Weile, ehe ich die Gasse betrete. Da kommt ein alter Jude des Weges, ich wende mich an ihn: „Ich bin hier fremd; da mich der Zufall hierher führte, mochte ich gerne die Karaiten sehen..." „Was ist da zu sehen? Eine sonderbare Religion, weder Wölf noch Hund, Jude und Christ zugleich", erwiderte der Alte. „Die Juden und Christen hier kümmern sich gar nicht um sie." „Vielleicht könnt Ihr mir etwas von ihren Sitten und Gebräuchen erzählen?" frage ich. „Was ist da zu erzählen? Es sind ganz merkwürdige Leute. Haiben dieselbe Thora wie wir und halten doch nicht affle Gebote. Ihre Gebetbücher sind nicht, wie bei uns. Manche Abschnitte fehlen ganz. Purim wird gefeiert, Chanuka nicht Und so gibt es bei ihnen viele Verkehrtheften", schließt der Alte. „Unterscheiden' sie sich in der Kleidung von den anderen Einwohnern? Wie kann ich sie auf der Straße erkennen?" frage ich. „Dort links geht gerade einer." „Das ist ein Kararte?" rufe ich überrascht „Der säeht ja ganz wie ein Bauer aus! Höchstens, daß ihn das verdüsterte uid1 bärtige Gesichter unterscheidet. Erzählt mir doch noch etwas von den Karaiten . . ." „Man weiß nie, woran man bei' ihnen ist, denn sie hüten sich vor den Anhängern anderer Religionen. Alles äst Geheimnis bei ihnen. Ein Jüdischer Knabe wollte sich einmal von einem karaitischen Jungen in der karairischen Sprache unterrächten lassen. Als die Karaiten das erfuhren, verprügelten sie den jungen Lehrer. Sie wollen eben nicht, daß Fremde ihr Leben näher kennen lernen . . ." „Müssen sie auch ein Minjan (10 Leute) zum Gottesdienst haben, wie die Juden?" frage ich. „Nein. Minjan gibt es bei' ihnen nicht Am Sabbat und an den Feiertagen kommen sie in die Synagogen, knien auf dem Boden nieder und beten. Zwei bis drei Leute genügen." „Und kommen sie auch an den Wochentagen in die Synagoge?" „Einige kommen jeden Morgen. Die älteren Leute sind noch fromm, aber die Jugend betet nicht einmal mehr. Ihr könnt Euch dfe Synagoge ansehen. Es ist der einzige Ort der ein karaitisches Gepräge hat" „Würdet Ihr nicht so gut sein, mich hin zu begleiten?" „Nein", gibt der Alte kurz zur Antwort entschuldigt sich aber sofort: „Ich bin hier geboren, war aber nur einmal in ihrer Synagoge. Ein frommer Jude darf sie nicht betreten. Geht nur ein wenig die Gasse hinunter. Ihr werdet die Synagoge schon erkennen. Gerade trefft Ihr auch die Karaiten beim Beten." In einem Hof spielen Kinder Ball. Dabei sprechen sie eine fremdartige Sprache. Jedes Kind wirft den Ball zehnmal und zählt laut: ,J3ir, ikr, itz, hert, rest alti, sigi, tuhus, un . . ." Die Rinder bemerken mich, unterbrechen das Spiel und betrachten mich neugierig. „Ist auch die Leichenbestattung bei den Karaiten anders als bei den Juden?" frage ich meinen Begleiter. ,J3er Tod gab den Karaiten seit jeher viel zu schaffen", erwiderte er. „An einer Stelle der Bibel wird die Berührung eines toten Körpers als die größte Verunreinigung betrachtet. Die Karaiten nahmen nun dieses Gebot sehr genau und waren nur auf jüdische Leichenbestatter angewiesen. Diese ließen sich aber ihrö Mühe sehr teuer bezahlen . . . Im Jahre 1839 starb Samuel Leonowicz. der Bruder des Chachams Josef Leonowicz, ein wohlhabender und sehr geachteter Mann. Die Diener der „Chewra Kadischa" stellten damals eine sehr hohe Forderung. Dieses Vorgehen rief bei den Karaiten große Verbitterung hervor, und sie bestürmten, den Chacham, daß er Rat schaffe. Der Chacham sah' sich nun genötigt, zu erlauben, daß die Karaiten selbst ihre Toten bestatten, doch sollten nur zwei Männer dabei beteiligt sein. Und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben." „Glauben Sie an die Zukunft dieser eigenartigen Sekte?" fragte ich. „Nein. Die Religion hat bei den Karaiten ihre Macht eingebüßt. Die gebadeten Karaiten, die sich früher mit hebräischer Literatur beschäftigten und denen die Bibel hoch und beilig war, schwärmen heute von fremden Sitten und fremden Kulturen. Zur ohnehin' geringen Fruchtbarkeit gesellen sich das Junggesellen- und Jungfrauenwesen. Auch Uebertritte zur christlichen Kirche sind nichts Seltenes mehr. Die Gemeinde wird rasch zusammenschmelzen. Der Chacham ist sich der Lage bewußt und sprach es schon einmal aus. daß den Mitgliedern der aussterbenden Gemeinde nichts übrig bleiben werde, als nach der Krim auszuwandern . . ." <fe

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