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Die Wahrheit · 1931-08-07 · Heft 32 (7.8.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 32 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische IDodicnsdirift mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freifeg Israelitischen Költusgemeinde Wien Hl. UUrheir Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 7. August 1931 Nummer 32 Das Punkt Wenn wir uns entschlossen haben, diesen belletristischen Beitrag unseres J. S.-Mitarbeiters im politischen Teil unseres Blattes zu bringen, so geschah es, weil dieser in belletristischer Form abgefaßte Essay auf einer bemerkenswert einheitlichen, abgeschlossen jüdisch-weltanschaulichen Basis aufgebaut ist. Obwohl wir durchaus nicht in jedem einzelnen Punkt mit den Ansichten des Verfassers übereinstimmen können, stehen wir nicht an, zu erklären, daß dieser Aufsatz, da in ihm die Idee von einer lebendigen Zusammengehörigkeit und einem tatsächlich bestehenden Zusammenhang aller jüdischen Menschen ohne ' Ausnahme und ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit zu starkem Ausdruck gelangt, für uns geradezu programmatische Bedeutung gewinnt. Von solcher Warte gesehen, erscheinen . die parteilichen Spaltungen im Judentum klein und bedeutungslos. Das Bestreben der zionistischen Unternehmung erhält, weil religiös Indifferent, die Bedeutung partikularistischer Einseitigkeit. Die behaupteten „unüberbrückbaren Gegensätze" im Judentum jedoch, wie etwa der zwischen den sogenannten „Assimilanten" und den „polnischen Juden" erweisen sich als nichtig und vielleicht künstlich geschürt. Denn in ihnen allen lebt, sie alle verbindet nach den Worten des Autors „das glimmende jüdische Pünktchen, das Pünktchen Jude". Die Redaktion. Unlängst fragte mich ein Neugieriger, warum ich so selten im Tempel zu sehen sei. Da erst wurde es mir bewußt, daß ich wahrhaftig ein seltener Gast in den Stätten des Gebetes wäre. Ich gehe nicht allzu oft beten. Kaum, daß ich einige Male hn Jahre einen Tempel oder eine Schul betrete. Und ich. weiß auch, warum ich es nicht tue, oder vielmehr ich wußte es — bis zum letzten Jom-Kippur... Ich gehe nicht in den Tempel, weil mir das, was dort geschieht, zu trocken, zu nüchtern, zu alltäglich vorkommt. In die Schul, ich meine die gute, alte polnische Schul, komme ich auch fast gar nicht mehr. Denn die alte, gute polnische Schul ist vielleicht gar nicht mehr so gut . . . Sie ist mir zu isoliert von Ganz- Isräel, zu eigensinnig in ihrer Art. Sie ist wie eine weltfremde Insel auch für mich, der ich sie ja gut kenne. •Am letzten Jom-Kippur beschloß ich, einen Tempel aufzusuchen. Denn, da mußte ich ja beten gehen... Doch bevor ich noch das Gebetbuch aufschlug, fiel mein Blick auf die Menge der Beter, und ich ergab mich der Betrachtung ... Ich beobachtete :hen Jude. die große Menge der Versammelten, besah mir die vielen, mehr oder weniger alltäglichen Gesichter und suchte in ihnen. Ich suchte in der Masse nach Ausdruck, nach einem seelischen Funken, nach dem verborgenen Lebensinhalt meiner Brüder. Aus diesen Alltagsgesichtern, aus der Fülle dieser gleichmäßigen Physiognomien von Geschäftsleuten, Bankmenschen, Industriellen, in diesem meinem Volke, wie es sich mir daTbot, wollte ich den Punkt erspähen, der sie verbindet, den Grund, der sie hierher geführt hat, den lebendigen Quell ihrer Glaubensäußerung. Wozu sind sie hier? Um was beten sie? Was erwarten sie von Gott, was wissen sie überhaupt von Gott? Wie stark empfinden sie noch die göttliche Gewalt? Inwieweit lebt Gott noch für sie? Dies alles bemühte ich mich zu erspähen. Ich wollte sie finden, wenn auch im Tiefsten verborgen, wenn auch zu-, spärlichen Resten verkümmert, die-alten jüdischen Herzen, die lebendigen, gläubigen, feurigen Herzen von Juden! Aber ich fand nur glanzlose, gedrückte Blicke, Blicke von Menschen, die geknechtet sind von der Last des Alltags, in welchen sie ganz aufgehen. Ich fand lederne, konventionelle Gesichter, die ausdruckslose Physiognomie des Alltags, ich fand das bedenken- und gedankenlose Antlitz der Masse... Doch, noch während meine Gedanken und Blicke hinglitten über diese Sandwüste trostlosen Einerleis, begann in meinem Hirn eine andere Erkenntnis aufzudämmern... Während ich nämlich wie hypnotisiert den eifrigen Lippenbewegungen eines Betenden zuschaute, ergriff mich plötzlich ein eigenes Gefühl lächelnder Wehmut. Wie eifrig, wie beflissen dieser Mann da die hebräischen Worte herunterhaspelt Und mit ihm seine Nachbarn und alle anderen, das ganze Haus, die ganze große Menge der Beter! Gewiß, dieser Vorgang ist meistenteils inhaltslos, oberflächlich und erfolgt fast automatisch. Aber er findet statt! Er findet dennoch statt! Die große Menge kommt und schließt sich ein und betet, murmelt, flüstert stundenlang halbverstandene Worte... Wenn dies manchem trostlos, ungesund, ja unsinnig erscheint, so ist es doch außerordentlich bezeichnend! Denn sie, die Vielen, tun nur das, ja tun altes, was in ihrer Macht steht. Es ist noch niemand gekommen, der es ihnen anders gezeigt hätte. Es ist noch keiner erschienen, der sie zu anderem ermahnt hätte. Keiner, der mit der Glut göttlicher Begeisterung die erweckten und befreiten Seelen in das erfrischende, erquickende und stärkende Bad einer religiösen Erneuerung getaucht hätte. Noch ist der große religiöse Führer, der göttliche, neuzeitliche Prophet nicht leibhaftig vor ihnen erschienen, sie mit erhobener, vorwärts leuchtender Fackel auf lebendigen Wegen zum lebendigen Gott zu führen!. Und so gehen sie treu den alten Weg. Den tausendmal schweren Weg, der keinen Inhalt und kein Ziel zu haben scheint. ... Sie aber harren aus! Mit glanzlosen Blicken, mit verdursteten Herzen, mit ersterbender Kraft schleppen sie sich den Weg entlang, den einzig sie kennen. Und gehen in ihre Bethäuser und Tempel, versammeln sich in ihren Schulen und Synagogen und machen ihre Verbeugung vor Gott und flüstern Gebete, die sie nicht begreifen, murmeln Worte, die sie nicht verstehen, viele hunderte, tausende, 2ehntausende Worte... Während sich dieser Umschwung in meiner Auffassung vollzog, erhielt ich auch allmählich eine andere Anschauung der betrachteten Personen. Daß meine Brüder unter so erschwerenden Umständen aushielten — denn die Leere der Inhaltslosigkeit wirkt auf die menschliche Seele verheerender, aushöhlender und tödlicher als alle Not, Feindschaft und sonstige Bitternis des Lebens — daß sie aushielten, das allein war ja etwas Heldenhaftes! Es war das stille Heldentum der Treue, die unendliche Geduld der Anhänglichkeit, das war Gläubigkeit über Leben und Tod hinaus! Und allmählich immer mehr verwandelten sich diese mir zuerst verächtlich erschienenen Gesichter in Masken, worunter verborgenes Heldentum. Die äußere Erscheinung, das konventionelle Gehaben, der Beruf, die Kleidung, all das war wesenlos wie Asche, die eines Tages in ihr Nichts zusammensinken würde. Hinter diesen vielen Händlern, Kaufleuten, Standespersonen, reichen Geldleuten und armen Schluckern standen Helden, warteten Helden ... Warteten auf das leuchtende Wort, das sie aus ihrer Bezauberung befreite und ihnen erlaubte, als das zu wirken, was sie in Wirklichkeit waren: Juden, ein ganzes Volk von Priestern, die Avantgarde, das erkorene Volk, der Sturmtrupp Gottes in seinem Ringen um die Seelen der Menschheit . . . Gewiß, ihren Gebeten fehlt es an Feurigkert, ihren Worten vielleicht an gefühltem Inhalt. Aber sie kommen, sie sind da! ImtiefstenGrunde dieser vertrockneten Seelen, dieser durch die zermalmende Gewalt des Lebenskampfes spießbürgerlich gewordenen Menschen glimmt noch immer der Funke, hält noch immer das Band, das sie an ihren Gott und an ihr Volk knüpft. — Was bedeuten dagegen die Auslassungen über Lippendienst, über Mangel an Innerlichkeit, über Aeußerlichkeit der Gebetsverrichtungen, was bedeutet alle diese Kritik gegenüber der Tatsache religiöser Pflichterfüllung, religiösen Pflichtgefühls, das heute und noch immer unsere Tempel und Schulen mit Betern füllt. Und wenn ein Großteil von ihnen nur deshalb kommt, um von den anderen gesehen zu werden, wenn ein Teil kommt, weil dies das bürgerliche Ansehen eines soliden Geschäftsmannes erfordert — so ist auch das gut. Es ist gut, weil jüdisches Gesellschafts- Mitglieder und freunde der_„Unlon übertragen Lebensnnd Hememar- Versltficrunaen der Stadlisdien verstdierongsanstalt

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