Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 31 (31.7.1931)
- Date
- 1931-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Judentum und Volkerfrieden. Die Heilige Schrift ist ein religiöses Buch. Darf sie als solches den Krieg gutheißen und verherrlichen? Das aber tut sie, wenn sie dem Mose und den Kindern Israel nach ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Worte in den Mund legt: „Der Ewige ist ein Kriegsherr; Ewiger ist sein Name". Ja noch mehr: die Bibel enthält Aussprüche, in denen Gott sogar als ein Lehrmeister des Krieges gefeiert wird. „Gott lehrt meine Hände den Krieg", singt David, „so daß meine Arme den ehernen Bogen niederdrücken". Und den 144. Psalm beginnt er mit den Worten: „Gepriesen sei der Ewige, mein Hort, der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg." Darf ein Religionsbuch so sprechen? Und wie verträgt sich das mit den feierlichen Worten, die dasselbe Buch schon auf seinen ersten Blättern ausspricht: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschenblut wieder vergossen werden?" Nun, die Bibel ist zwar die Quelle des Judentums und seine Grundlage. Die Bibel ist zwar Religionsquelle, sie ist aber außerdem in weitestem Umfang auch Geschichtsquelle. Sie erzählt uns von den Schicksalen des Volkes Israel, erzählt uns, wie es in Aegypten geknechtet, wie es später von Nachbarvölkern angegriffen wird. Soll das Volk sich da nicht freuen, wenn es aus der Knechtschaft befreit wird? Soll es sich nicht wehren, wenn andere Völker es mit Krieg bedrohen? Hat David sein Danklied nicht gesungen, „nachdem ihn Gott aus der Hand aller seine Feinde errettet"? Und betet David in dem erwähnten 144. Psalm nicht zweimal: „Befreie und errette mich aus der Hand der Fremden, deren Mund Trug redet und deren Rechte eine Rechte der Lüge ist"? Wenn daher die Bibel als Geschichtsbuch von Kriegen berichtet und wenn sie ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, daß Israel Siege über seine Feinde errungen hat, so wird damit der Krieg als solcher durchaus nicht gebilligt und verherrlicht; er erscheint hier nur als ein notwendiges Uebel. Als erstrebenswertes Ideal aber gilt der Bibel das Aufhören des Krieges. Und wenn Gott, als der Befreier Israels aus der Sklaverei, ein Kriegsherr genannt wird, und wenn David in seinem Danklied Gott einen Kriegslehrmeister nennt, der ihn gelehrt, seinen zahlreichen Feinden erfolgreichen Trotz zu bieten: so verkünden uns die Prophetenbücher das von unseren religiösen Geisteshelden aufgestellte und heiß ersehnte Ideal: den dauernden Zustand des Friedens, das Aufhören aller Kriege und Kämpfe, das endgültige Abrüsten der Völker, das Glück der messianischen Zeit. Dieses religiöse Ideal zum Heile der Menschheit mit weitschauendem Blick gesehen und mit kühnen Worten herausgearbeitet zu haben: das ist und bleibt das unvergängliche Verdienst unserer jüdischen Propheten. Eine andere Frage ist die, ob wir in den zweieinhalb Jahrtausenden, die uns von einem Jesaja und einem Micha, diesen klassischen Verkündern des Völkerfriedens, trennen, der Verwirklichung des prophetischen Ideals einer allgemeinen Abrüstung schon näher gekommen sind. Wenn wir diese Frage verneinen müssen, so könnte 'man vielleicht sagen: „Das ist im Grunde noch nicht so betrübend. Denn die Propheten sind sich ja selbst darüber klar gewesen, daß ein derartiger Gesinnungsumschlag bei Menschen und Völkern nicht von heute auf morgen erfolgen kann. Deshalb sprechen sie ja auch von dem „Ende der Tage", d. i. von später Zukunft. Was wollen denn auch zweiundeinhalb Jahrtausende bedeuten angesichts der so überaus langsamen kulturellen Entwicklung des Menschengeschlechtes! Allein eine andere Frage gilt es zu beantworten: Ist heute zum mindesten doch schon der aufrichtige Wille zu verspüren, dem prophetischen Ideal der allgemeinen Abrüstung einen Schritt näherzukommen? Und diese Frage mit einem „Nein" beantworten zu müssen, das allerdings ist tiefbetrübend und niederdrückend. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, als sei in dem, was diplomatisch und politisch zur Herbeiführung des Völkerfriedens geschieht, viel Unaufrichtigkeit; man vermißt die heilige Begeisterung, ohne die das prophetische Friedensideal in alle Ewigkeit nicht wird erreicht werden können. Glücklicherweise liegt die einstige Erfüllung der prophetischen Friedensverheißungen nicht ausschließlich in den Händen der Diplomaten. Die hergebrachten diplomatischen Methoden freilich werden die Welt keinen Schritt vorwärts bringen. Andere Kräfte müssen wirksam werden: Von den breiten Schichten in den Völkern muß der Gedanke des Völkerfriedens und der Abrüstung ergriffen und gefördert werden. Die großen Volksmassen in den Ländern müssen für die Friedensbewegung gewonnen werden; damit ist aber noch kaum der Anfang gemacht. Die Bewegung muß volkstümlich werden; das ist sie bei weitem noch nicht. Heute schämt man sich beinahe noch, sich zum Friedensgedanken zu bekennen. Umgekehrt muß es kommen: es muß dahin kommen, daß jeder sich schämen wird, dem Friedensgedanken nicht zu huldigen oder ihm gar noch entgegenzutreten. Und hier nun müssen wir Juden mit uns selbst streng ins . Gericht gehen. Ist denn der Gedanke der Abrüstung und der Völkerversöhnung nicht ein jüdischer Gedanke, ein "Gedanke unserer unsterblichen Propheten? Ist es da nicht unsere unabweisliche Pflicht, den Gedanken vorwärts zu treiben? Können wir es vor unserem Gewissen verantworten, teilnahmslos zuzuschauen? Ist das nicht eine unverzeihliche Pflichtversäumnis? Mehr als bisher müssen wir uns der Friedensbewegung annehmen und müssen in vorderster Reihe für sie kämpfen. Nur dann dürfen wir mit Genugtuung darauf hinweisen, daß aus unserer Mitte die Propheten hervorgegangen sind, wenn wir uns mit allen unseren Kräften in den Dienst ihrer völkerversöhnenden, menschheitbeglückenden Ideale stellen. Dr. Norden, Elberfeld. Judenhaß anstatt Deutschenliebe. Das Deutschtum sieht sich an allen Enden von Gefahren bedroht — und es wehrt sich! Junge Völker, selbst erst seit dem Kriege im Aufstieg begriffen, suchen das Deutschtum aus altem Besitztum zu verdrängen — aber das Deutschtum wehrt sich! In Polen, in der Tschechoslowakei, in Italien glaubt man ohne kulturelle Entdeutschung der von Deutschen bewohnten Landstriche nicht sicher zu sein — aberdas Deutschtum wehrt sich! Und zu den aufrechtesten und selbstlosesten Verteidigern dieses Deutschtums gehören viele deutsche Juden, die in ihrer Doppeleigenschaft als Deutsche und als Juden einen doppelten Kampf zu führen haben. Wer Klara Viebigs herrlichen Grenzroman „Das schlafende Heer" kennt, der entsinnt sich auch des erbitterten Wahlkampfes zwischen dem Deutschen und dem Polen, der durch jüdisches Schwertträger tum zugunsten des deutschen Kandidaten entschieden wird. Klara Viebig ist weder eine Jüdin noch eine Philosemitin — sie ist nur eine scharfsichtige und tendenzlose Beobachterin. Der „Verein für das Deutschtum im A u s 1 a n d", der in ganz Deutschland mit großem Erfolg für seine Sache wirbt, weiß sehr wohl, was er tut, wenn er den vielen wirklichen Gefahren, gegen die er kämpft, nicht noch die eingebildete „jüdische Gefahr" hinzufügt, sondern sich freihält von antisemitischen Tendenzen. Leider müssen wir mitteilen, daß der Verein „Deutscher Schulverein Südmar.k" nicht dasselbe tut. Er hält es für richtig, die Juden in beleidigender Art zurück- Feuilleton Reisen der Juden im Mittelalter. Aus einer Abhandlung von Dr. Israel Abrahams in Cambridge. Bevor ein jüdischer Reisender im Mittelalter seine Heimat verlassen konnte, war er gezwungen, sich zwei Pässe zu verschaffen. In keinem Lande war in jener Zeit irgend jemandem Freizügigkeit gewährt, der Jude war eigentlich nur ein wenig mehr behindert als die anderen In England zahlte der Jude eine hohe Abgabe, bevor er über den Kanal fahren durfte. In Spanien war das System der Steuern sehr kompliziert. Kein Jude konnte ohne besondere Erlaubnis seinen Wohnsitz wechseln, nicht einmal innerhalb der Stadt seiner Ansiedlung. Aber zu den Schwierigkeiten von Seiten der Behörden traten die andern hinzu, welche die Juden sich durch ihre eigenen Gesetze auferlegten, indem sie ihre Glaubensbrüder verpflichteten, sich vor dem Aufbruch die Erlaubnis ihrer Gemeinde zu verschaffen. Der Grund für diese Beschränkung war sehr einfach. Zunächst konnte keinem Juden gestattet werden, wegzuziehen, wenn es ihm beliebte, und die ganze Last der Staatsteuern auf den Schultern derjenigen zu lassen, die zurückblieben. Daher durfte in vielen Gegenden Europas und Asiens kein Jude die Gemeinde verlassen, ohne ihre ausdrückliche Einwilligung erlangt zu haben. Selbst wenn er die Zustimmung erhielt, wurde in der Regel vorausgesetzt, daß er auch in seiner Abwesenheit fortfahren würde, seinen Anteil an den öffentlichen Lasten zu tragen. Mitunter wurden auch Frauen von diesen Gesetzen betroffen, wenn z. B. die Tochter eines Juden heiratete und sich anderswo niederließ, wurde sfie gezwungen, zu den Steuern ihres Geburtsortes eine Summe beizutragen, die ihrer Mitgift entsprach: eine Ausnahme bildete der Fall, daß sie nach Palästina auswanderte, dann war sie frei; Ein fernerer Grund, weshalb die Juden selbst ihre Freizügigkeit beschränkten, war ethischer und geschäftlicher Art. Es mußte in der Synagoge ausgerufen und der Gemeinde mitgeteilt werden, daß der oder jener 5m Begriffe stand, den Ort zu verlassen, und daß jeder, der Forderungen <:n ihn zu stellen hatte, befriedigt werden sollte. Heimliche oder unerlaubte Abreise war nicht gestattet. Man darf nicht etwa gäauben, daß diese öffentliche Verabschiedung nicht auch dem Reisenden' gute Dienste leistete, im Gegenteil, sehr oft sicherte sie ihm am nächsten Orte eine äönstäge Aufnahme, und in Persien war sie geradezu eine Art vcm Geleitbrief; kein Mohammedaner hätte gewagt, den Reisepaß, der mit dem Siegel des jüdischen Patriarchen versehen war, zu mißachten. Hatte der Reisende sich diese beiden Erlaubnisscheine von den Staatsbehörden und der Glaubensgemeinde besorgt so mußte er an seine Kleidung denken. „Trage schlechte Kleidung", war der allgemeine Grundsatz der Juden für den Reisenden. Wie notwendig diese Regel war, mag man aus dem Erlebnis des Rabbi Petachjah ersehen, der um 1175 herum von Prag nach Niniveh reiste. In Niniveh wurde er krank, des Königs Leibärzte behandelten ihn und erklärten seinen Tod für ganz sicher. Petachjah war nämlich in sehr kostbarer Ausrüstung gereist, und in Persien galt es als Gesetz, daß, wenn ein jüdischer Reisender starb, däe Aerzte die Hälfte seines Vermögens einziehen durften. Petachjah jedoch durchschaute die wirkliche Gefahr, die ihn bedrohte, und so entzog er sich der gefährlichen Behandlung der königlichen Leibärzte, setzte auf einem Floß über den Tigris und erholte sich bald. Sicherlich war es unklug von einem jiddischen Reisenden, die Habgier von Königen oder Räubern dadurch hervorzurulen. daß er reiche Kleidung trug. Aber es war auch wünschenswert für den Juden, sich, wenn es möglich war, überhaupt der Gefahr, als solcher erkannt zu werden, zu entziehen, und diie Juden waren iii dieser Beziehung sehr vernünftig. Es war dem Juden nicht einmal verboten, sich auf einer Reise als katholischer Priester zu verkleiden und lateinische Hymnen zu murmeln. In Zeiten der Gefahr durfte er. um sein Leben zu retten, den Turban nehmen und als Mohammedaner umhergehen, auch wenn er zu Hause war. Das bemerkenswerteste Zugeständnis von allen ist, daß man einer Jüdin auf Reisern gestattete, Männerkleidung zu tragen. Das Landesgesetz gestattete ebenfalls mitunter Ausnahmen. In Spanien war es den Juden erlaubt, auf der Reise den gelben Fleck von der Kleidung abzunehmen, in Deutschland! hatten sie dasselbe Recht, jedoch mußte dafür bezahlt werden. In manchen Gegenden erwarb die jüdische Gemeinde als solche das Recht, auf der Reise den gelben Fleck abzulegen, indem sie eine Pauschalsumme für das Generalpriväleg bezahlte und von sich aus eine einmalige Abgabe dafür erhob, um die allgemeine Auslage wieder einzubringen. In Rom war es einem Reisenden gestattet, sich 10 Tage lang aufzuhalten, ohne daß er es nötig hatte, dten verhaßten gelben Fleck anzulegen. Aber merkwürdig genug, die gesetzmäßige Erleichterung in bezug auf den gelben Fleck wurde nicht auf die Märkte ausgedehnt Der Jude war ein unentbehrliches Element auf den Märkten des Mittelalters, dennoch wurde er als ein unwillkommener Gast, als ein günstiges Besteuerungsobjekt behandelt. Das war besonders in Deutschland so; 1226 verlangte der Bischof Lorenz von Breslau, daß alle Juden, die durch das Gebiet kamen, dieselbe Steuer zu zahlen hatten wie Sklaven, die zum Markte gebracht wurden. Ein Jude, der zu Besuch kam, zahlte für alles Steuern, allerdings-empfing er einen Teil dieses Geldes zurück. Er erhielt einen gelben Fleck, den er während seines ganzen Aufenthaltes zur Marktzeit tragen mußte: die Finanzen des Landes wurden durch ihn bereichert, indirekt durch seinen Handel und direkt durch seine enormen Beiträge zu den Steuern des Ortes. Der jüdische Reisende ließ in den meisten Fällen sein Weirb zu Hause zurück. Unter gewissen Umständen durfte er sie zwingen, mit ihm zu gehen, z. B. wenn er beschlossen hatte, nach Palästina zu übersiedeln: anderseits hatte dSe Frau das Recht den Mann daran zu hindern, sie im ersten Jahre nach der Eheschließung zu verlassen. Es kam ebenfalls vor, daß Familien zusammen auswanderten. In den meisten Fällen jedoch blieben die Frauen zu Hause, und nur ganz selten schlössen sie sich selbst den Pilgerfahrten nach Jerusalem an. Dast ist ein auffallender Gegensatz zur christlichen Sitte, denn unter den Christen waren gerade die Frauen besonders begeistert für die Pilgerfahrten. Tatsächlich wurden Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande in den Kreisen der Kirche nur darum volkstümlich, weil die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins des Großen, sich dafür begeisterte und 326 das wahre Kreuz auffand. Jedoch lesen wir auch von einer, alten Jüdin, die nach allen Städten von Europa Pilgerfahrten unternahm mit dem Vorsatz, auf ihrer Reise in allen Synagogen zu beten. Wir wissen jetzt aus der Chronik des Achimaaz,