Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-07-31 · Heft 31 (31.7.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 31 (31.7.1931)
Date
1931-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064483--18469-3083503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die tÜcmrhclt Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichtingen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heintstraße 13 - Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 31. Juli 1931 Nummer 3t Eine lehrreiche Kongreß'Episode. Es hat den antinational eingestellten Juden wahi-lich auch bisher nicht an Argumenten gefehlt, um den Irrweg aufzuzeigen, auf dem sich unsere zionistischen Brüder bewegen, um den Kampf gegen eine Irrlehre zu führen, die dem Gesamtjudentum nicht zum Heil, sondern nur zum Schaden gereichen kann. Das Arsenal unserer Argumente wurde durch die Debatten, die die einzelnen zionistischen Parteien auf dem Basler Kongreß gegeneinander abführten, um eine Unmenge von Waffen vermehrt. Wir sind ihnen dafür dankbar und werden von den uns selbst gelieferten Waffen immer dann und dort Gebrauch machen, wo es gilt, unsere Warnungen zu erneuern und den Kampf gegen extreme Extratouren zu führen. Wir hatten gerade in der letzten Zeit im Zusammenhange mit den Vorgängen auf den Hochschulen und insbesondere bei Besprechung der nun wenigstens vorläufig begrabenen Gleispachschen „Studentenordnung" Gelegenheit, darzulegen, wie sehr die Zionisten durch die programmatische Betonung ihrer national-jüdischen Einstellung Wasser auf die Mühlen unserer Rassenfeinde treiben, wie sehr sie, verleitet durch nationale Utopien, Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir den Hakenkreuzlern ankreiden. Ein lehrreiches Beispiel für die Richtigkeit unserer Anschauung und Voraussagen bietet ein Antrag, der von den Revisionisten in einer der letzten' Sitzungen des Baseler Kongresses gestellt und von der Mehrheit desselben auch zum Beschluß erhoben wurde, ein Antrag, der ohne weiteres von der hakenkreuzlerischen „Deutschen Studentenschaft" auf der Wiener Universität gestellt worden sein könnte. Es kostet uns wahrlich eine schwere Ueberwindung, ihn hier im Wortlaut zu wiederholen: „Der Kongreß mißbilligt den Geist des Verzichtes auf nationale Ideale, der in der Leitung der Universität zum Ausdruck gekommen ist und beauftragt die Exekutive, auf der Wacht des national en Geistes in der Leitung der Universität zu sein." Der Stellung des Antrages folgte eine kurze, aber überaus lebhafte Debatte, und es gereicht uns zur Genugtuung, daß auf dem Kongreß selbst ein flammender Protest eingelegt wurde gegen diesen Versuch, auf einer jüdischen Universität die Geistesfreiheit zu knebeln und dem für Juden wahrlich selbstverständlichen Grundsatz, daß Forschung und Lehre frei sein müssen, derart ins Gesicht zu schlagen. Wir verzeichnen es mit Befriedigung, daß die Vertreter der Arbeiterschaft ihre warnende Stimme gegen diese nationalistischen Auswüchse erhoben haben. Der Delegierte Kaznelson rief unter dem Beifall seiner Parteigenossen und den lärmenden Zwischenrufen der Revisionisten aus, hier gehe es um die Frage der Freiheit des Geistes und der Freiheit unserer Kultur. „Dieser Antrag bedeutet, daß der Kongreß berechtigt sein soll, die politischen Anschauungen von Leuten zu beurteilen, die sich mit wissenschaftlicher und kultureller Arbeit befassen. Jeder von uns ist berechtigt, mit seinem ganzen Eifer und der ganzen Konsequenz für seine Idee zu kämpfen. Wir haben aber kein moralisches Recht, irgend einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, sei es ein Mathematiker, Historiker oder Philosoph, als illegitim zu erklären, wenn wir mit seinen politischen Ansichten nicht einverstanden sind. Es handelt sich hier um eine der wichtigsten Fragen: Welchen Geist wir in den Zionismus und in seine kulturelle Arbeit hineinbringen, ob Sitten, wie sie jetzt an vielen Universitäten üblich sind, wo man jeden Professor daraufhin untersucht, ob er Sozialist, Patriot, Militarist oder Antimilitarist ist auch bei uns eingeführt werden sollen? Ich glaube, daß das .keine Frage der Universität und der Professoren ist, sondern eine Ehrenfrage für den Kongreß, eine Ehrenfrage für den Zionismus, die Frage der Freiheit der geistigen Atmosphäre." Alles umsonst. Die Patent-National- Juden, die Revisionisten nahmen diese von wahrem jüdischen Freiheitsgeiste erfüllten Ausführungen mit stürmischen Pfuirufen auf und der Antrag wurde mit 87 gegen 74 Stimmen zum Beschlüsse erhoben. Die Arbeiterdelegierten wollten sich mit dieser Abstimmung nicht zufrieden geben, bezweifelten deren Richtigkeit und verlangten die neuerliche, namentliche Abstimmung, die jedoch vom Präsidium aus formalen Gründen abgelehnt werden mußte. Da ergriff neuerdings ein Arbeiterdelegierter, Dr. Arlosoroff, obwohl die Debatte bereits geschlossen war, das Wort und erklärte: „Wir betrachten diese Abstimmung als eine Kulturschande des zionistischen Kongresses. Wir kämpfen an allen Universitäten der Welt dafür, daß Menschen aller Gesinnungen und Juden aller Gesinnungen auch unabhängig von ihrem Jude-Sein und von politischen Strömungen Lehr- und Gedankenfreiheit zugesichert erhalten. Die Judenheit der ganzen Welt ist elementar interessiert daran, daß dieser Kampf um Lehrfreiheit und Gedankenfreiheit zugunsten unserer Forderung entschieden wird. Wir haben immer geglaubt, daß die Universität in Jerusalem ein Beispiel für die Lehr- und Gedankenfreiheit hätte sein sollen. Jetzt bleibt uns nichts übrig, da wir in der Minorität geblieben sind, als zu sagen, daß wir diesen Beschluß mit Entrüstung zurückweisen." Die Revisionisten scheinen ja doch noch so etwas wie jüdisches Bewußtsein zu besitzen, denn sie hielten es für angezeigt, eine Erklärung über ihr Verhalten bei der Abstimmung abzugeben. „Die hebräische Universität", sagten sie, „ist heute eine Burgdes Antizionismus, ihre Leitung verzichtet auf den zionistischen Geist und die führenden Personen liefern unseren Feinden Material, wie in Angelegenheit der Klagemauer, wo einige Dozenten den Arabern Material lieferten. Wir protestieren gegen den Geist des Verzichtes auf nationale Kultur und nationale Ideale an der hebräischen Universität ----Die Professoren an der Jerusalemer Universität benützen zum größten Teile diese wissenschaftliche Tribüne und ihre Posten für einen politischen Kampf gegen den Zionismus und gegen den Jischuw. Sie ergreifen politische Maßnahmen gegen den Zionismus. Der Kongreß, der Jischuw und der Zionismus ist gegen diese Gruppe ehrenvoller Leute, deren wissenschaftliche Ehre hier nicht zu besprechen ist, die aber die Universität für Zwecke benützt, die weder mit dem Zionismus noch mit ihrer wissenschaftlichen Aufgabe etwas zu tun haben". Die Linke des Kongresses ließ jedoch diese Sache, die ihr mit Recht prinzipiell allzu wichtig erschien, nicht auf sich beruhen. Sie fühlte und wußte, was damit für die Stellung der Universtät in Palästina auf dem Spiele steht Die Arbeiter- Gruppe, die stärkste Partei auf dem Kongresse, ließ nichts unversucht um eine Korrektur herbeizuführen und diese Kulturschande, die für jeden Juden unfaßbar sein müßte, dem Judentum zu ersparen. Noch war die neue Exekutive der Zionistischen Organisation nicht gewählt, noch gingen die heißen Kämpfe um deren Zusammensetzung. Ohne Mitwirkung der Linken gab es keine Möglichkeit zu einer für die Zionistische Organisation erträglichen Exekutive zu gelangen. Die Linke aber machte ihren Eintritt in die Leitung davon abhängig, daß der Kongreß, soweit dies überhaupt noch möglich sei, den Schaden, der durch die Annahme des Antrages angerichtet wurde, halbwegs wieder gutmache. Sie drang mit ihrer Forderung auch durch. Und in der Schluß-Sitzung des Kongresses, in der endlich die neue Exekutive gewählt werden konnte, wurde ein Antrag angenommen, wonach der Kongreß erklärt daß er durch seinen Beschluß in der Universitätsfrage in keiner Weise die Lehrfreiheit einschränken wollte. Wir zweifeln nicht daran, daß die zionistischen Führer von dem ernsten Bestreben geleitet sind, das Ihre zur Lösung der Judenfrage beizutragen. Wir möchten aber recht gerne uns der Hoffnung hingeben, daß sie selbst aus dem Verlaufe und den Erfahrungen des Kongresses die richtigen Lehren ziehen, die Interessen des Gesamtjudent u m s in allen Teilen der Welt nicht aus dem Auge verlieren und deshalb die Kongreß-Debatte in der Universitätsfrage als warnendes Beispiel dafür im Gedächtnis behalten, wohin irregeleiteter Nationalismus nach der ihm innewohnenden Gesetzmäßigkeit führen muß. M. L. Mitglieder und Freunde der „Union" übertragen lebcns- und Elemenfarversidiernnöen der Siadllsdien Versidiernnasanstalt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.