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Die Wahrheit · 1931-07-17 · Heft 29 (17.7.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 29 (17.7.1931)
Date
1931-07-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Reiseeindrücke aus Saloniki. Von Prof. Dr. M. Minkowski, Zürich. : Die tragischen Ereignisse aus Saloniki, J die, wie wir an anderer Stelle berichten, leider noch immer nicht ihr Ende gefunden ) haben, werden für die folgende Reiseschilderung, die wir der Züricher Zeiti schritt „Die jüdisch« Gemeinde" entnehmen, besonderes Interesse bei unseren Lesern auslösen. Der interessante Aufsatz beweist, daß die wirtschaftliche Lage der Salonikier Juden, die auch heute noch an ihre spanische Heimat mit Wehmut denken, seit langer Zeit schon eine furchtbare gewesen ist; die jetzigen Ausschreitungen und Brandstiftungen haben diese Situation zu einer ganz katastrophalen gestaltet. Die Red. In 24stündiger prächtiger Fahrt führte uns ein Dampfer des Lloyd Triestino aus Konstantinopel durch Marmarameer, Dardanellen und Aegäisches Meer, an den frischen Gräbern von Gallipoli und nicht fern von der Stätte der alten epischen Kämpfe von Troja an der kleinasiatischen Küste vorbei, zunächst nach Kawala, wo ein halbtägiger Aufenthalt zum Löschen und Laden von Waren gemacht wurde. Von hier ging es weiter westwärts, und am frühen Morgen des nächsten Tages liefen wir bei strahlendem blauem Himmel und fast ebenso blauem Meere zuerst in den Golf, dann in den Hafen von Saloniki ein. Nach einer minutiösen Zollrevision, bei der meine zwecks eines Vortrags in Athen mitgeführten mikroskopischen Präparate und Photographien Staunen und Mißtrauen erregen, dann aber doch durchgelassen werden, werde ich in das Hotel Mediterraneo geführt, das mit allem modernen europäischen Komfort ausgestattet ist Von dort begebe ich mich bald in eine Bank, um darin einen Beamten aufzusuchen, zu dem ich in Konstantinopel eine Empfehlung aus spaniolischem Kreise erhalten habe. Die Stadt macht einen modernen, wenig charakteristischen Eindruck, sie ist während des Krieges, als hier die alliierten Truppen weilten, durch eine riesige Feuersbrunst fast völlig zerstört und seither mit fieberhafter Eile, die man manchem Gebäude und Straßenzug deutlich ansieht, wieder aufgebaut worden. Von meinem Gewährsmann werde ich mit einer natürlichen Liebenswürdigkeit empfangen, wie sie in diesem alten Kulturlande überhaupt zu Hause ist, und als wir auf jüdische Dinge zu sprechen kommen, stellt sich ein vertrauensvoller und herzlicher Kontakt ohne weiteres her. Mein neuer Bekannter trägt einen alten spanischen Namen, er spricht mit den Seinigen und seinen jüdischen Mitbürgern Spaniolisch, ein nur wenig verändertes Spanisch, mit den griechischen Griechisch, mit Ausländern ein ausgezeichnetes Französisch, das auch uns zur Unterhaltung dient. Ich erfahre, daß in dieser Bank das Personal dank einem liberalen französischen Direktor zum großen Teil aus Juden besteht, während sie in mancher anderen der nationalen Welle, bzw. dem autocbthon griechischen Element haben weichen müssen. Ueberhaupt hat sich, wie ich von verschiedenen Seiten erfahre, d i e Lage der Juden seit dem Kriege sehr verschlechtert, und zwar nicht nur wegen der schweren Krise, die auf ganz Griechenland und besonders auf Saloniki lastet, dessen Handelsbeziehungen mit der Türkei und dem weiteren Orient sehr gelitten haben, sondern auch, weil diese Stadt, wie die meisten anderen griechischen Städte, ein riesiges Kontingent von griechischen Flüchtfingen aus Kleinasien aufgenommen hat, die sich in das soziale und wirtschaftliche Gefüge des Aufnahmelandes erst mühsam einfügen müssen, und die die darin verwurzelten Juden als eine Zielscheibe nationalen Antagonismus und ein Element minoris resistentiae nun fast zwangsmäßig zu verdrängen suchen. Vor dem Krieg war Saloniki eine mehrheitlich, ja sogar biszu80ProzentjüdischeStadt, die Munizipalität war zum großen Teil in Händen der Juden; heute, nachdem bereits eine erhebliche Emigration, besonders nach Frankreich, ihre Reihen gelichtet hat, beträgt ihre Zahl noch zirka 65.000 gegenüber wenigstens 250.000 Christen; der präponderierende Einfluß in der Gemeinde ist ihnen natürlich verlorengegangen. DieNotder jüdischen Massen ist sehr groß. Der Handel, besonders mit Textilien und Eisenwaren, der ihre hesondere Domäne bildet, liegt danieder, ebenso der Verkehr im Hafen," wo sie, abgesehen von Handel und Transport, auch als Lastträger, Ein- und Auslader und Handlanger tätig sind, worunter man schöne, schlanke , und kräftige Gestalten antrifft Die furchtbare Feuersbrunst hat die jüdische Bevölkerung besonders hart getroffen. Mindestens 50.000 Juden haben dabei, wie mir versichert wurde, ihr Heim oder ihr Gut, vielfach auch beides verloren. Von 33 Synagogen sind alle bis auf zwei abgebrannt. Seither sind von der jüdischen Gemeinde, von der Regierung, von privaten Baugesellschaften große Anstrengungen gemacht worden, um die Obdachlosen und Ruinierten wenigstens einigermaßen wieder unterzubringen, ganze Quartiere sind neben den endlosen Reihen von Häuschen und Baracken für Immigranten auch für die jüdische Bevölkerung wieder gebaut worden — ein sprechendes Beispiel für die riesige Arbeit, die hier, wie vielfach sonst in Griechenland, in kurzer Zeit vollbracht wurde und noch zu vollbringen ist. Denn auch jetzt leben noch wenigstens tausend jüdische Familien im Brandgebiet in Ruinen, in Kellern und Löchern. Von den zerstörten Synagogen wurde bis jetzt keine neu aufgebaut, wohl aber eine ganze Anzahl von Schulen. Am gleichen Tag führte mich mein neuer Freund in die Familie seiner Schwester und seines Schwagers ein, eines hochgebildeten Mannes, der eine jüdische Schule leitet. Er unterrichtet mit großer Sachkenntnis hebräische Sprache, jüdische Geschichte und Literatur. Die Geschichte der Juden in Spanien und in Griechenland bildet seine besondere Domäne, wo er über weite, wissenschaftlich fundierte Kenntnisse verfügt. Wir kommen auf eine spanische Reise zu sprechen, die ich vor zwei Jahren gemacht habe, und ich erzähle von den ehrwürdigen jüdischen Denkmälern, die ich dort, in ihrer alten Heimat, besucht habe — von den getauften Synagogen el Transite und Santa Maria la Bianca in Toledo, von der Calle Maimonides und ihrer kleinen Synagoge in Cordova, von den Juderias, die man als urspünglich einmal von Juden bewohnte, gegenwärtig aber völlig „judenreine" Quartiere in den meisten spanischen Städten findet Meinen Gastgebern ist das alles aus Geschichte und Literatur genau bekannt aber sie sind sichtbar von meiner Erzählung ergriffen, sie träumen von ihreraltenspanischenHeimat, wo einst, vor vielen Jahrhunderten, ein blühendes jüdisches Leben herrschte, wo die gewaltigen Lieder eines Jehuda Halevi, die feurigen Gedichte eines Gabiroi geboren wurden. Allgemein erhielt ich den Eindruck, daß hier in Saloniki ein starkes, wenn auch durch allerlei Schicksalsschläge, ganz besonders in letzter Zeit, erschüttertes jüdisches Leben pulsiert. Das Judentum ist diesen Stammesgenossen, die in einer uralten Gemeinde leben (sie soll wenigstens 2000 Jahre alt und bereits von Apostel Paulus hier angetroffen worden sein), etwas Natürliches und Selbstverständliches. Die alte jüdische Tradition ist unter ihnen noch sehr stark, Taufen und Mischehen sollen nur ausnahmsweise vorkommen. Das sephardische Element, das nach der Vertreibung aus Spanien während einer zirka hundertjährigen Periode einwanderte, bildet den weitaus überwiegenden und festen Kern und scheint die später zugewanderten italienischen, aschkenasischen und sonstigen Elemente jeweilen weitgehend assimiliert zu haben, ohne daß sich die Unterschiede völlig verwischten. Von einer Absperrung gegen letztere habe ich nichts gemerkt; das Interesse für die Vorgänge im gesamten Judentum, und zwar nicht nur in Palästina und im Osten, sondern auch im Westen, ist sehr groß und aufrichtig, und persönlich konnte ich schon nach kurzer Zeit viele gemeinsame Interessen konstatieren. Alles in allem habe ich an Saloniki eine reiche und eindrucksvolle Erinnerung bewahrt, wofür ich den Vertretern der Salonfker Judenheit, die sie mir vermittelten, von Herzen dankbar bin. i Jene Bezieher £* noch mit ihren Abonnementsbeiträgen im Rückstand sind, werden dringendst gebeten, umgehend die Begleichung dieses Rückstandes vorzunehmen. Die Administration der „Wahrheit" Von Woche zu Wodke Parole: Neue Judenhetze. Die deutsche Finanzkrise hat zu einer neuerlichen Verstärkung der nationalsozialistischen Judenhetze geführt, mit deren Hilfe die Parteiführer die Massen weiterhin an ihre Fahne fesseln zu können glauben. So erklärte der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete und Gauleiter Mutschmann in einer Versammlung in Thüringen: „Möge noch so schwer das Ringen und Kämpfen jetzt sein, es wird einmal alles abgerechnet und gerächt werden. Es werden einmal Synagogen rauchen, denn nicht umsonst darf der jahrzehntelange Kampf gewesen sein ..." Und der „Völkische Beobachter" schreibt in einer Polemik gegen das „Israelitische Familienblatt" zu den deutschen Studentenunruhen: „Ein gesunder Körper wehrt sich gegen Gift und der deutsche Akademiker wehrt sich gegen die jüdische Pest der Zersetzung. In typischer Unverschämtheit erzählt der Jude davon, daß die Hochschulen und Universitäten den Staat eine Menge Geld kosten, Geld auch jüdischer Steuerzahler. Wir fragen da: Wo sind denn die jüdischen Steuerzahler? Bestiehlt nicht der Jude seit x-Zeiten den Deutschen, bestiehlt er nicht jedes Volk, wo immer er auch seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat? Ist nicht der tägliche Mord, begangen an aufrechten deutschen Jungens, an den SA-Leuten, auf jüdisches Konto zu setzen? Sind es nicht Juden, die den Proleten antreiben zu meucheln? Sind es nicht Juden, die aus Deutschland einen Sowjetmörderstaat machen möchten? War es nicht Juda, das Deutschland um den Sieg brachte? Sind es nicht Juden, die tagtäglich an der Vernichtung germanischer Ideale arbeiten? Sind es nicht Juden, die deutsche Mädchen schänden? Ja und noch tausendmal: Ja, die jüdische Pest macht die Welt unglücklich und mit dieser jüdischen Pest muß endlich einmal aufgeräumt werden." Wie in der Universitätsstadt Wien. Die Münchener Presse beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die nationalsozialistischen Demonstrationen vor der Universität, dem Braunen Haus und anderen Stellen der Stadt auf den Münchener Fremdenverkehr auswirken. Die Münchener „Post" schreibt: „. . . Entrüstet und empört äußerten sich die Fremden über die Skandale der Hakenkreuzrowdies und die Gaststättenbesitzer selbst mußten sehen, daß ihre Gäste sich beizeiten in ihre Hotels zurückzogen, um nicht unschuldig in diese Skandale verwickelt zu werden. Man braucht sich deshalb nicht mehr zu wundern, wenn der Fremdenstrom nicht durch München, sondern an München vorbef geht. Alle, die sich vom Fremdenverkehr Verdienst erhoffen, sprechen es offen aus und sie haben recht. Wenn nicht die Staatsautorität sich gegen Empörer und Gesetzesverräter durchzusetzen vermag, . . . dann steht den Münchener Geschäftsleuten ein sehr schlimmer Sommer bevor." Die Stresemann-Feier in Mainz. Vom Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wird uns mitgeteilt: Die Einweihung des Stresemann-Ehrenmals in Mainz, über die die politische Presse aller Richtungen und aller Länder ausführlich berichtete, ruft auch bei uns, gerade in den Wirren der letzten Wochen, das Gedenken an den großen Staatsmann wach. Die Vorgänge an den Universitäten in Berlin, München und Wien erinnern uns an den mannhaften Kampf, den Gustav Stresemann zu seinen Lebzeiten gegen den Hochschulantisemitismus führte. So hat Stresemann den Allgemeinen Deutschen Studentenbund „ausdrücklich gewarnt, seine alten Ideale der Toleranz und Gleichberechtigung aufzugeben"; auf seine Einwirkung war die Erklärung des A. D. B. zurückzuführen, daß „der Bund für sich jede antisemitische Betätigung verwirft und seine Hauptaufgabe darin sieht, mitzuarbeiten an allen Einigungsbestrebungen der Studentenschaft, über alle politischen, religiösen und Abstammungsunterschiede hinweg." Es war für den Centraiverein eine selbstverständliche Ehren- und Dankespflicht gegen diesen großen Staatsmann, der ebenso für die innere Befriedung in Deutschland wirkte, wie er für den- Frieden zwischen den Staaten arbeitete, sich an der Aufbringung der Mittel für sein Ehrenmal z»

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