Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 29 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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U1E WAHRHEIT J^ette 5 Über den Antisemitismus Schopenhauers. Von Dr. David Baumgardt, Privatdozent an der Universität Berlin. Städtische Versichuuii<isaitsfalf Direktion: Wien I., Tuchlauben Nr. S Telephon U27-5^40 Alle Vcisichcrunqszweiac Diese jungen Menschen gilt es zumeist beruflich in Deutschland einzuordnen. Obwohl die Zulassung der jüdischen Religionslehrer als Prüfungsfach beim philologischen Staatsexamen ein wenig Erleichterung in der Berufsfrage zu schaffen verspricht, ist doch der Ernst der zukünftigen Situation nicht zu verkennen. Die drohende Gefahr der Pro 1 etarisierung sollte von seiten jüdischer Wissenschaftler bei Zeiten ernstlich beachtet werden. Das Lehrerkollegium hat einen schweren Verlust durch das Hinscheiden von Professor B a n e t h erfahren, der fast 35 Jahre an der Anstalt als Talmud- Dozent gewirkt hat. Dagegen ist die Mitarbeit Professor Julius Q u 11 m a n n s, an den ein Ruf an das Hebrew Union College ergangen war, der Hochschule erhalten geblieben. Stimmpflege und Sprachbildung der zukünftigen Rabbiner und Lehrer sind neuerdings der besonderen Obhut der bekannten Vortragskünstlerin Edith Herrnstadt-Oettingen anvertraut worden. Eine neue Aufgabe hat die Hochschule in der Verwaltung des „Erholungsheimes für jüdische Akademiker" in Arendsee in Mecklenburg übernommen. Dieses bildet den wesentlichen Bestandteil einer Hinterlassenschaft, die mit der Aufgabe verknüpft ist, Haus und Park der Erblasserin als Erholungsheim für jüdische Akademiker und deren Angehörige zu verwalten. Für die Zwecke der Hochschule selbst sind aus dieser großen Stiftung keine Mittel verfügbar, so daß die Finanznot der Anstalt auch ferner nicht behoben ist. Das Haushaltsjahr begann mit einem Defizit von annähernd Mk. 30.000, die Gemeinden und Landesverbände haben ihre Zuschüsse reduziert, der Preußische Landesverband gleich um Mk. 10.000. Für das laufende Jahr ist die Finanzkalamität noch viel schwieriger, wiederum verringern sich die Beiträge der wesentlichsten Institutionen, der Bayerische Landesverband hat eine weitere Kürzung vorgenommen So ist in dieser Zeit wirtschaftlicher Krisen, die an Verantwortungsgefühl und Hilfsbereitschaft jedes Juden ohnehin schon starke Anforderungen stellt, die Hochschule gezwungen, 50.000 Mark auf privatem Wege aufzubringen, um die zwangsläufigen Ausgaben zu decken. Trotz aller Not darf es nicht unmöglich sein, die zur Erhaltung der Anstalt notwendigen Beträge aufzubringen. Die Erkenntnis ist nur erforderlich, daß das Judentum sich auf der Höhe seiner Aufgabe allein dann erhalten kann, wenn es mit der zeitgenössischen Kultur Schritt hält, d. h. sich durch "wissenschaftliche Forschung immer wieder vertieft und erneuert. Wenn in einer Zeit so drückender Not auch allerorts gespart werden muß, so darf die Rationalisierung doch nicht soweit getrieben werden, daß die Wissenschaft ganz leer ausgeht; der ihr eingeräumte Platz ist wahrlich immer sehr bescheiden gewesen, und wenigstens dieser muß ihr erhalten bleiben. | Ernestine Eschelbacher \ Am 5. Juli verstarb in Berlin, drei Tage vor Vollendung ihres 73. Geburtstages, Frau Ernestine Eschelbacher, Witwe nach dem hervorragenden jüdischen Gelehrten und Rabbiner Josef Eschelbacher und Mutter des Rabbiners Dr. Max Eschelbacher-Düsseldorf. Die Verstorbene war eine der populärsten Frauen im deutschen Judentum, sie galt als das Muster einer jüdischen Mutter und Frau, und als sie vor drei Jahren ihren 70. Geburtstag feierte, wurde sie in den ihr gewidmeten Zeitungsaufsätzen und in den Manifestationen jener Vereinigungen, denen sie ihre Kraft widmete, die „Esches Chajil" im deutschen Judentum genannt. In fast allen jüdischen karitativen Bewegungen war sie führend tätig, aber sie blieb nicht allein bei der Führung, sondern sie füllte ihre Tage und Stunden mit Kleinarbeit zur Linderung der Not der Massen und der Individuen aus. Ihre organisatorische Kraft widmete sie dem Schwesternverband'der U. O. B. B.-Logen, dessen Vorsitzende sie bis zum vorigen Jahre war. In der deutschen Frauenbewegung, der sie als langjähriges Vorstandsmitglied des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland angehörte, war sie ebenso beliebt wie verehrt wie in den vielen Verbänden für soziale Fürsorge, denen sie mit Rat und Tat zur Seite stand. Der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin gehörte sie bis zu den letzten Wahlen als Vertreterin der religiösen Mittelpartei an. Sie war auch Mitglied des engeren Vorstandes des Verbandes zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden ORT, Abteilung Deutschland, und Vorsitzende der Frauenkommission dieser Abteilung. Sie hatte die von ihrem 1916 in Berlin verstorbenen Gatten Rabbiner Josef Eschelbacher eingeleitete Bewegung für Reformierung der Erziehung der Waisen-, kinder fortgeführt. Schopenhauer gehört seit vielen Jahrzehnten zu den gelesensten Philosophen der Weltliteratur. Ja Tausende und aber Tausende haben auch in ihm ihre Stützen für einen „geistigeren Antisemitismus" gefunden. Und doch sind meines Wissens einige seiner krassesten und schiefsten antisemitischen Argumentationen noch niemals energisch genug zurückgewiesen worden. Dies scheint mir deshalb wenigstens jetzt — fast ein Jahrhundert nach seinem Tode — dringend wünschenswert. So behauptet Schopenhauer mehrfach, die Juden seien schon im Altertum ein besonders „verachtetes Winkelvolk" gewesen. („Welt als Wille und Vorstellung", Bd. III, § 48; Parerga, Teil II, Kap. 15, § 174.) In Wahrheit kann von einer solchen allgemeinen Verachtung keine Rede sein. Wir haben von orientalischen und anderen Nationen der Antike bis hin zu den Römern (die 70 n. Chr. das jüdische Volk als geschlossene Nation auflösten), genügend Zeugnisse von der Achtung, ja von dem ungewöhnlichen Respekt, den selbst das militärisch und politisch so außerordentlich überlegene Römerreich noch in den letzten jüdischen Kriegen vor diesem Gegner besaß. Aber selbst Dokumente der Verachtung würden historisch gewiß nichts Wesentliches beweisen können. Wie hat Frankreich „la sale Prusse", wie ungerecht haben die westeuropäischen Staaten vielfach die „Lausevölker" des Balkans früher verspottet! Eine besonders klassische Unsinnigkeit aber ist Schopenhauers schwere Anklage: das Judentum zeige völlige Verständnislosigkeit gegenüber dem Tiere, und die christliche Weltanschauung habe erst vom Judentum dieselbe Haltung gegen das Tier übernommen. Jeder Hundehändler, so meint Schopenhauer, sorgte „besser für seine Tiere als der Judengott". Aber man müsse schon „vom foetor Judaicus total chloroformiert sein, um nicht einzusehen, daß das Tier im Wesentlichen dasselbe ist, was wir sind". Das einzige, was das Judentum über das Gefühl zum Tier sage, sei allenfalls noch: „der Gerechte erbarmt sich seines Viehes". Aber nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit und volles Mitgefühl sei man dem Tiere schuldig. Wie aber heißt dieser Satz des alten Testaments, den Schopenhauer hier im Auge hat, in Wirklichkeit im Urtext, Sprüche Salomos 12, 10?1) Schopenhauer selbst, der nicht genug wettern konnte gegen alle die Schriftsteller, die die Antike nur aus Uebersetzungen kennen, hat doch anscheinend gegenüber dem größten antiken Schriftwerk, gegenüber der Bibel, die er selbst nicht im Original verstand, die Benutzung einer Uebersetzung für durchaus statthaft gehalten. Jener Satz, Sprüche Sal. 12, 10, den Schopenhauer nur in der Uebersetzung Luthers kannte, heißt aber in der Urschrift: Jodea zaddik nefesch behemto, auf deutsch wörtlich: der Gerechte weiß um die Seele seines Viehes oder wie z. B. der protestantische Theologe Kautzsch übersetzt: der Fromme weiß, wie seinem Vieh zumute ist. Das gibt also ein eigentlich ergötzliches Resultat: das Alte Testament spricht gerade mit *) s. Schopenhauers Gespräche ed. Griesebach 1902. S. 72 f. Parerga IL Kap. 15, § 177, „Ueber die Grundlage der Moral". § 19. tiefster und mit gar nicht mehr zu steigender Deutlichkeit das aus, was Schopenhauer so höhnend in ihm vermißt. Gerade diese Forderung Schopenhauers, sich mit aller Kreatur innerlich verbunden oder identifiziert zu fühlen, wird hier mit aller Kraft vom alten Testament erhoben (vergl. auch verwandte Gedanken V. Buch Moses 25, 4 oder IV. Buch Moses 20, 19). Das Wort nefesch, das in dem zitierten Spruch Salomos von der Seele des Tieres gebraucht wird, ist sogar genau das gleiche, wie die Bezeichnung für die Seele des Menschen. Erst Luther also hätte, wenn man den Gedanken Schopenhauers aufnehmen würde, den „Hochmut gegen das Tier" in dieses Wort des alten Testaments hineingetragen. Und ebenso können Descartes und Kant (wie übrigens auch Spinoza) ihren „Hochmut gegen das Tier" gewiß nicht aus dem Alten Testament übernommen haben. Aber auch die Erklärung Schopenhauers, die Juden seien wahrscheinlich besonders wegen des Mangels eines Unsterblichkeitsglaubens im Altertum besonders verabscheut worden2) ist restlos unhaltbar. Denn erstens ist das Zurücktreten der Unsterblichkeitslehre irn Alten Testament viel tiefer zu deuten, als Schopenhauer dies tut. Dann aber hat ja schon das spätere palästinensische Judentum — was Schopenhauer nur unbekannt war — sogar einen betonten Unsterblichkeitsglauben besessen. Und schließlich: auf wie schwachen Füßen steht noch der bekannteste Einwand Schopenhauers gegen den Juden, es fehle ihm die verecundia, innere Ehrfurcht/') Wenn man das Wesen des Deutschen charakterisieren will, so denkt man mit Recht vor allem an repräsentativ wesentliche Geister. Wer aber könnte es wagen, den entsprechenden zahllosen jüdischen Namen, wie Spinoza, Mendelssohn, oder noch im 19. Jahrhundert, Samson Raphael Hirsch, Hermann Cohen, und in der Gegenwart — um nur einige wenige Namen herauszugreifen — Achad Haam oder Buber, Agnon oder Brod, Ernst Cassirer oder Bergson, Einstein oder Freud, Weizmann oder Rathenau, Mangel an innerer Ehrfucht vorzuwerfen? (Jüd. Gemeindeblatt, Berlin.) -) Parerga, II. § 174. 3) Parerga, II. Teil. Kap. IX. § 132. Prachtvolle echtePerserteppIche durchwegs selten günstige Gelegenheitskäufe sowie elegante Möbel, wie Speise-, Schlaf- und Herrenzimmer werden zu ganz aoBerordentlich billigen Preisen abgegeben. 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