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Die Wahrheit · 1931-07-17 · Heft 29 (17.7.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 29 (17.7.1931)
Date
1931-07-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Aus der vorsichtigen Sprache des Diplomaten Jabotinsky in klares Deutsch übertragen, heißt das: Oeld hergeben könnt Ihr politisch minderwertigen Nichtzionisten wohl, die Politik aber besorgen wir Zionisten schön allein — in unserem Sinne. Währenddessen hatte auch die Politische Kommission ihre mühseligen Beratungen fortgesetzt Sie nahm mit 17 gegen 11 Stimmen eine Resolution an, in der das Bedauern über die Aeußerungen Weizmanns in dem von ihm der J. T. A, gegebenen Interview ausgesprochen und festgestellt wird, daß Weizmanns Antwort auf die im Zusammenhang mit diesem Interview gestellte Interpellation unzureichend war. Zunächst einigte sich die Politische Kommission auch mit 16 gegen 12 Stimmen auf eine dem Plenum vorzulegende Endziel-Resolution mit Einschluß der Mehrheitsforderung. Diese Endziel-Resolution fand aber nicht die Billigung Weizmanns, der in einer längeren Rede der Kommission nochmals nahelegte, aus der Resolution die Forderung nach einer jüdischen Mehrheit zu eliminieren und an ihrer Stelle die Forderung nach Parität aufzustellen. Er wandte sich auch gegen die geplante Verwendung des Ausdruckes „historische Grenzen Palästinas*4, den er als unklare und daher gefährliche Formulierung des Wunsches nach Einbeziehung Transjordaniens in das Gebiet, auf dem das Nationalheim errichtet werden soll, bezeichnete. Nach Weizmanns Rede setzte die Politische Kommission ihre Bemühungen, die Endziel-Resolution in einer Weise abzuändern, die es der großen Mehrheit des Kongresses möglich machen könnte, für die Resolution zu' stimmen, fort, doch führten diese Bemühungen lange zu keinem Ergebnis. Ein im Laufe des Sonntags vom WaadLeumiaus Jerusalem eingetroffenes Telegramm gab schließlich den Ausschlag. In diesem Telegramm war im Hinblick auf die politische Lage in Palästina dringend eine vorsichtige Formulierung politischer Resolutionen durch den Kongreß gefordert worden. Daraufhin zog die Politische Kommission ihren ursprünglichen Entwurf zurück und es lag nur mehr die als Minoritätsvotjim angemeldete revisionistische Resolution vor, in der die Schaffung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit zu beiden Seiten des Jordans als zionistisches Endziel aufgestellt wird. Wie zu erwarten war, gestaltete sich die für Sonntag, den 12. Juli nachts angesetzte Abstimmung imKongreßplenum äußerststürmisch. Zunächst wurde ein Antrag, bezüglich des Interviews zur Tagesordnung überzugehen, mit 123 gegen 106 Peuilteton Zum neunten Ab. Eine Erinnerung vom Anna Mandel-Friedmann, v Wien. Es ist ein schwüler Sommertag. Bleigraue Wolken decken den Horizont Matt und träge schleichen sie dahin in einförmigem Lauf. Leicht schwingt sich ein kühler Wind über die Ebene, spielt mit dem dunklen Laub der Bäume, streicht über die bunte Wiese mit ihrem Blütenreichtum und läßt die gelben Sandkörner auf und ab hüpfen. Ueberau blüht und glüht es. Wir gehen schweigend an Gärten, kleinen Vorstadthäusern und Feldern vorbei. Die traumhafte Morgenstüle ruht schwer auf Gräsern und Blumen .... Säe sehen scheu nach dem Himmel. Wann werden die Wolken schwinden? . . . Wann kommt die Sonne? — Fernher kiingt das Rauschen des Waldes* in dessen Mitte, friedlich gebettet, der Friedhof liegt. Dort ist unser Ziel. Die Tür ist offen. Wir gehen durch die düstere. Todesluft atmende Leichenhalle in den Garten. Da ruhen sie aus von ihrem Erdenleid, von ihren Lasten und Sorgen, unsere Lieben, unsere Freunde, unsere Brüder. Die Herren, die mit uns gekommen sind, huschen, schwarzen Schatten «fesch, zwischen den hohen, weißleuchtenden Grabsteinen hindurch. Sie suchen ihre Verwandten, ihre Teuren auf. Sie seufzen, sie weinen an Gräbern, die Liebes bergen. Auch Frauen sind da, die leise, leise miteinander flüstern . . . Dort ist ein neues Grab .... Rosen liegen darauf. Rosen und Vergißmeinnicht Ställe. Ställe ringsum. Selbst, die Vögeä. die hoch oben in den Baumkronen ihr Nest' gebaut, ducken sich scheu und verstummen. Die Trauer des neunten Ab liegt über dem Friedhofe. Ich gehe die sauberen Kieswege entlang und betrachte die gepflegten Gräber, breche ein Zweiglein vom Lebensbaum und stecke es an. Wie seltsam schön mutet mich der Friedhofsgarten an. liier sind die Wehmut, der Schmerz und die Erinnerung * zu Hause. Die Erinnerung an soviel Liebes, soviel Güte, die Erinnerung an frohe, sorglose Kindheitsstundein. Wie Wenige von den vielen habe ich doch gekannt die hier Stimmen abgelehnt. Sodann fanden sich endlich 162 Delegierte, die die schließlich gefundene „vorsichtige" Formel für das zionistische Programm annahmen. Gegen die Resolution wurden keine Stimmen abgegeben. Danach ist der Zionismus die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, das an seinem im Baseler Programm gesteckten Ziel, in Palästina die Lösung der Judenfrage herbeizuführen, unerschütterlich festhält Um diese Frage zu lösen, müsse es auf dem Wege ununterbrochener Einwanderung und Ansiediung seine wirtschaftliche, geistige und politische Not überwinden. Der revisionistische Endziel-Antrag wurde mit 125 gegen 62 Stimmen abgelehnt. Darauf brach ein fürchterlicher Tumult los, wie er ärger nicht vorstellbar ist Die Revisionisten beschimpften die Mehrheit und es schien — wie so oft auf diesem Kongreß — wieder zu Tätlichkeiten kommen zu wollen. Unter stürmischen Protestrufen rissen die Revisionisten die blauweiße Fahne herunter und verließen den Sitzungssaal. Die Mehrheit aber hat ihr „Endziel", über das heute noch nicht das letzte Wort gesprochen werden kann. Die neue Formel stellt ein Kompromiß dar, das alle Nachteile eines Kompromisses besitzt. Wenn die Zionisten glauben, daß „Palästina die Lösung der Judenfrage" bedeutet, dann verfallen sie wieder in jenen folgenschweren Irrtum, vor dem Weizmann selbst in seiner Eröffnungsrede gewarnt hat und von dem sie auf Grund der trüben Erfahrungen des letzten Jahrzehnts schon lange kuriert zu sein schienen. Die Nichtzionisten aber werden wissen, wohin nun der zionistische Weg wieder führt Die Nationaljuden mögen nach den fürchterlichen Baseler Tagen froh sein, eine — sie sicher selbst nicht befriedigende — neue politische Linie und auf Grund derselben in Sokolow einen neuen Führer gerunden zu haben, für den merkwürdigerweise die Revisionisten stimmten, während die Arbeiter — wahrscheinlich aus Courtoisie für Weizmann — gegen ihn ihre Stimme abgaben. Die Zionisten werden an den 17. Zionisten- Kongreß wohl niemals mit einem Hochgefühl zurückdenkenlcönnenf flfeeser- Kongreß - war nicht ein „Kongreß der Realität*, wie ihn Sokolow in seiner Eröffnungsrede nannte, er war ein Kongreß des Zankes und des Haders, ein Kongreß des politischen, moralischen und finanziellen Defizits. 0. H. ruhen! So wie man Menschen kennt — Und jetzt ist es mir. afls wären sie alle mir lieb und teuer, als schlänge sich von all den Toten ein Band zu mir herauf, das mich fester mit ihnen verbündet als alle Verwandtschaft hier auf Erden. Es sind die Träume des neunten Ab! — Es sind die Klagen des neunten Ab! — So wie wir heute hierher gegangen, um unsere Trauer mit unseren Toten zu begehen — so sind sie alle, Jahr um Jahr gekommen und haben geweint, geseufzt, geklagt — Und weiter zurück schaue ich. — Da ist mir, als wenn sich dieser kleine, waldumhegte Friedhofsgarten dehne, immer weiter, weiter in die weißlichtdurchglimmte Ferne hinein — und zuletzt ist er so groß, daß mein Auge seine Grenzen nicht mehr erreichen kann: so großi. so weit, so einsam! Zypressen beschatten ihn und schlanke Palmen wölben sich über ihn. Und ich bin allein. Da ergreift Bangen meine Seele und Angst mein Herz. Und ich sinke in die Knie, denn wie mit Geisterstimmen tönt es dumpf aus den Gräbern: „Ein Ende will ich mit ihnen machen, ist der Spruch des Herrn. Keine Trauben bleiben am Weinstock und keine Feigen am Feigenbaum und das Blatt welkt ab und was ich ihnen gegeben, entschwindet ihnen. Auf den Bergen, wäll ich in Weinen und Jammern ausbrechen und auf den Angern der Wüste in Klagelieder, denn verödet sind sie. daß kein Mensch da wandelt und sie nicht hören die Stimme der Herden; die Vögel des Himmels, wie das Vieh sind ausgewandert, weggezogen. Wehe! Wehe! Wehe!" — Ein Sausen geht durch die Lüfte--Entsetzen ergreift mich. Tiränen der Reue, der Angst strömen aus meinen Augen. Und die Bäume senken ihre Kronen, es weinen die Blätter. Jammer erfüllt jeden Halm, dumpfe, dröhnende Laute dringen aus den Grüften. Und die Lüfte tragen alle diese Töne tiefsten Herzeleids hinaus in die Weit, wo die Lust lacht und das Gold glänzt, wo die Kämpfer darum matt und müde werden. Und es geht wie ein heißer Strom durch sie hin. es zucken die Herzen, die noch fühlen, die sich noch dieser unendlich wannen Welle von tiefster Verbundenheit erschließen können auf — und die Hände falten sich in Demut und Andacht Und jetzt ist es min, als erstünden weite Strecken Neulandes vor meinen Augen, als sähe ich neue Wege, junge Menschen arbeiten im Schweiße ihres Angesichtes und wollen in heißem Streben in tiefstem Glauben an die Erfüllung ihres Ideals helfen, daß das Gold der Zionsburg wieder aufleuchte, daß unser Heiligtum wieder erglänze und unser Tempel als Friedensfeste für das Judentum nnd die Welt neu erstehe. Aber noch ist Probleme der jüdischen Jugend. Dr. Rudolf Wertheimer (Kaiserslautern) veröfientlicht im Auftrage des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten im „Schild" eine Abhandlung „Probleme der Jugend". Er kommt zu folgenden Feststellungen,- die auch für die österreichische jüdische Jugend leider yolle Gültigkeit besitzen: Die wesentlichste soziologische Sonderstellung unserer neuen Generation ergibt sich aus der ungeheuren Schwierigkeit für sie, zu Führerstellungen irgendwelcher Art im außer jüdischen Leben zu gelangen, ja, der kommenden Generation ist menschlichem Ermessen nach eine Führerstellung im außerjüdischen Gebieten versagt Daraus ergibt sich für unsere Jugend eine unsagbar traurige geistige Situation, denn zwangsläufig ergibt sich daraus die Unmöglichkeit, einer Bewegung, einem Gedanken, dem man mit persönlichster Ueberzeugung dienen möchte, sich mit Einsatz der vollen Persönlichkeit hinzugeben. Der zweite Punkt, der uns bewegt ist die wirtschaftliche Lage der Jungen; wir erleben nicht nur die Umschichtung, sondern auch den Abstieg der jüdischen Wirtschaftslage, den Beginn einer im weitesten Sinne gedachten Verproletarisierung. Wie wird die junge Generation innerlich ausehen? Sollte nicht aus dieser Atmosphäre des ewigen Gespanntseins, aus einer Umwelt, die schon in der Gemeinschaft der jüngsten Schulkinder von Gruppenaffekten beherrscht wird, aus einer Welt, in der dem jungen Menschen nirgends, außer im Elternhaus, ein Ruhepunkt, ein Gefühl selbstverständlichen Dazugehörens gegeben wird, ein Geschlecht heranwachsen voll innerer Heimatlosigkeit, belastet mit schwersten seelischen Störungen, verfolgt von dem Getriebensein zur verfrühten und nie reifenden ausgleichenden Leistung, gequält von dem Gedanken, daß dieser Ueberfluß von Leistung doch nie zur "einzig befriedigenden Anerkennung, der Anerkennung als Führer, führen werde? Ist nicht zu erwarten, daß diese Generation, die nie die Harmlosigkeit des kindlichen Dazugehörens, die Sorglosigkeit des Dahinlebens, die Hoffnungsfreudigkeit einer aufstrebenden Zukunft kannte, daß sie sich in einem ganz erklärlichen, aus verbittertem Stolz erwachsenden Zentralitätsaffekt in sich abschließt, die Bindungen zu der nichtjüdischen Umwelt nicht mehr sucht und sich wieder in ein selbstquälerisches, aber dennoch schützendes geistiges -und soziologisches Getto zurückzieht? Und nun, schließt der Verfasser, schaue ich mich um im Kreise meiner (deutschjüdischen) Junggruppen, sehe die frischen, gebräunten sportlichen Gestalten, die klaren, mutigen und entschlossenen Gesichter, und weiß, daß unsere Theorie nicht stimmt. Gewiß, meine lieben jungen Freunde, Ihr werdet esnicht leicht haben. An Stelle des Strebens nach Führertum mußte der Zug zur Führer 1 e i s t u n g gefördert werden, das Bewußtsein der eigenen Leistung, unabhängig von der Reaktion der Umwelt An Stelle der wirtschaftlichen Sicherheit trat ein neues, Klassenbewußtsein, das Bewußtsein einer Generation, 4ie ganz auf sich gestellt ist und/sich selbst den Rücken zu decken hat das Gespenst der Verproletarisierung wurde beschworen durch" die Erziehung zu neuen Begriffen. In all der Heimatlosigkeit, in der innerlich die junge Generation erwachsen sollte, erwuchs eine wundervolle Verbundenheit mit der Heimat. er von Blut befleckt Noch sehe ich dunkle Spuren des Blutes der Begierde, der Roheit, des Fanatismus seine Reinheit trüben. Und nur Blut kann ihn wieder reinwaschen. Märtyrerblut! Warmes, rotes Blut von Unschuldigen, die für ihre Erkenntnis lieber sterben. Die lieber in den Tod gehen als in ein Leben voll Unwahrheit und Zweifel. Oder wäre dies auch möglich, wenn Güte. Menschenliebe noch inniger, noch stärker unsere Herzen durchpulste, noch heißer in uns glühte, so stark, so heiß, daß sich die anderen Herzen diesem elektrischen Strome, dieser wunderbaren Welle nicht entziehen könnten? Daß sie sich unserer Liebe ergeben müßten und unsere Freunde sein könnten? ---Ich richte mich auf. Die weißen Steine leuchten hell im Schattendunkel. mir ist. als ob sie leben und klingen. Leise, leise streicht ein lindes Lüftchen mir übers Antlitz. Das Seufzen ist verstummt, nun ist es wieder still ringsum, so wundersam schön und traut Ich kann mich kaum besinnen, wo ich bin. Der Garten ist eng und klein, ich lehne noch immer am Lebensbaum, von dem ich ein Zweiglein am Gürtel trage. Wirklich, ich habe mit offenen Augen gerräumt phantasiert'Da sind ja auch unsere Damen und Herren, die noch einmal ihre; teuren Gräber liebkosen zum Abschied. Mein Traum geht mir noch einmal durch den Sinn. Und ich höre die Geisterstämmen voll Bangen rufen: „Wann werden die Wolken schwinden, o Gott? Wann kommt für uns die Sonne?" Doch da — was ist das? Dort in der Ferne glimmt ein weißer Streifen mählich auf, schwillt an Leuchtkraft, glänzt und bricht sich durch die graue Wolkenwand Bahn. Immer lichter scheint der Himmel, goldumsäumt eilen die Wolkenwellen dahin, silberne Strahlen umglänzen den Friedhof, den Wald, die Wiesen — die Sonne kommt! Und auch mein Auge wird heäl und auch mein Herz wird froh. Und mir ist. als hörte ich jubelnde Stimmen frohlocken: j,Genug des Jammerns und Klagens. Die Freude naht!" Ja. endlich muß die Liebe die Herzen umfassen, die Wahrheit von allen erkannt werden. Wohl ist noch viele und schwere Arbeit zu leisten, aber es muß der Tag kommen, da wir unseren Toten danken werden für ihren Mut und ihre Stärke, die säe darauf verwendet, da wir ährer mit frohem Lächeln als unermüdliche Pioniere des Glaubens gedenken werden und mit Stolz auf das erreichte Ziel hinweisen können. Jetzt, da die Stunde der Andacht vorüber ist, jetzt, da wir aus ihr neue Kraft geschöpft, wollen wir weiterkämpfen für dieses hohe Ziel, den Tempel in Schönheilt und Reinheit neu aufzubauen.1 den Tempel, in dem ewig leuchten soll das Licht der Freiheit der Gerechtigkeit und Güte.

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