Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 29 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064481--18451-3083483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die tDanrheif Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI1. Jahrgang Wien, 17. Juli 1931 Nummer 29 Zionismus am Endziel. Für uns Nichtzionisten bedeutete der Zusammenbruch der hochgesteckten zionistischen Ziele keine Ueberraschung, denn wir sagten ihn vom ersten Tage an voraus. Für uns österreichische Juden wie für die überwältigende Mehrheit der in den Kulturstaaten lebenden Glaubensgenossen kann nicht die Errichtung eines „Judenstaates" in Palästina, sondern einzig und allein die durch den Aufstieg der Menschheit begünstigte Vollendung der Emanzipation die Lösung der Judenfrage bringen. Die Nationaljuden aber, die durch ihre Politik in eine Sackgasse geraten waren, sind enttäuscht, wollen sich und ihren Anhängern aber nicht ihren Irrglauben eingestehen und schicken lieber den Sündenbock Weizmann in die Wüste. Wie in so manche jüdische Familie mit der Armut auch der Zank einzieht, so erging es auch dem zionistischen Familienrat in Basel. Das Um und Auf des eben geschlossenen Zionistenkongresses war die Wahl des neuen Führers und die Festsetzung der neuen Formel für das zionistische Endziel. Formeln lösen aber keine Probleme und „neue" Männer nicht unlösbare Schwierigkeiten. Die neue Formel für das zionistische Endziel ist nach heißen Kämpfen endlich gefunden worden, und nach dem neuen Mantel hat sich auch der neue Herzog schließlich leicht finden lassen, der in Wirklichkeit kein neuer Mann ist, denn S o k o 1 o w, der neugewählte Präsident der zionistischen Exekutive, gehört der Bewegung seit Herzls Tagen an. Bevor wir uns jedoch mit diesem emsigen Suchen und seinem großartigen Erfolge befassen, wollen wir noch einen kurzen Rückblick auf die vorangegangenen Ereignisse werfen, soweit sie nicht schon in unserer letzten Nummer behandelt waren, in der wir über den Kongreß bis zur Schlußrede Weizmanns berichteten. * Vor ihm hatten noch einige kleinere zionistische Götter gesprochen. Es wäre wirklich lohnend, auf jede der am Kongreß gehaltenen Reden näher einzugehen, denn beinahe jede Rede enthielt irgend eine Stelle, von der aus man die ganze Absurdität zionistischer Gedankengänge klar beweisen könnte. Der Raummangel dieses Wochenblattes verhindert das lohnende Experiment und es ist uns wirklich nur möglich, da und dort eine Phrase aufzugreifen und ins richtige Licht zu setzen. Wie viel wäre z. B. zu dem in einer der ersten Sitzungen vom geschäftsführenden Direktor des Keren Hajessod Dr. Arthur Hantke erstatteten Bericht dieser Institution zu sagen. Seine Rede überraschte durch das völlige Fehlen von Hinweisen auf den angeblich neutralen Charakter des Keren Hajessod. Kein Wort widmete er diesem für Nichtzionisten, mögen sie nun dem Palästinaaufbau wohlwollend oder ablehnend gegenüber stehen, so wichtigen Wesensbestandteil dieses Fonds, der ihn ja gerade von den übrigen, rein zionistischen Palästinafonds unterscheiden soll. Aber Hantke ließ nicht nur alles für die Neutralität Zeugende fort, sondern er erklärte sogar, „daß der Keren Hajessod eine der Formen ist, in der sich der Einheitswille des jüdischen Volkes manifestiert Er ist ein Symbol des Willens zur Wiederherstellung des nationalen Heims in Palästina, und mit der Forderung der jährlichen Steuer, gestaffelt nach dem Einkommen, erhebt der Keren Hajessod die Sammlung als solche in die Sphäre staatlichen Lebens. Er macht den Juden der Diaspora zum Steuerträger von Palästina, zum Ideellen Bürger des entstehenden jüdischen nationalen Heims". Es wird dringend eine Aufklärung bedürfen, ob diese an „nationalem" Gehalt kaum mehr überbietbaren Worte tatsächlich eine Neuorientierung der Keren Hajessod-Arbeit ausdrücken sollen, die ja auf der anderen Seite so „neutral" ist, daß es dem österreichischen Keren Hajessod-Komitee möglich ist, sich die Vertretung der österreichischen Nichtzionisten zu arrogieren. Auch die erwähnten kleineren Götter, die vor Weizmanns Schlußwort sprachen, sagten manch Bedeutsames. So plauderte Dr. Josef Ruf eisen (C. S. R.) ganz gehörig aus der Schule, indem er recht vorlaut feststellte, daß der Zionismus »bisher erst etwa 5 Prozent der Judenheit der ganzen Welt organisatorisch erfaßt" hat. Reiht man dieser interessanten Feststellung noch die charakteristische Feststellung eines anderen Delegierten, des Belgiers H. Torczyner an, der wörtlich sagte: „Schekelzahler und Wähler sind Zionisten des Zufalls, die auf der Straße gefunden werden!", so ergibt das für den Zionismus kein allzu liebliches Bild. Und dieses düstere Bild wird noch umschattet durch die geradezu unglaublichen Zerwürfnisse, die auf dem diesmaligen Kongreß ständig auf der Tagesordnung waren, Streitigkeiten, die der sonst nicht aus seiner Ruhe zu bringende Präsident dieses Kongresses M o t z k i n mit Recht wie folgt anprangerte: „Es schmerzt mich tief, daß wir einander in der Weise zerzausen und dadurch unsere Autorität im Judentum und in der Welt schwächen." Robert Stricker — darf man ihn auch zu den kleineren Göttern rechnen? — hat für die gegenwärtige trostlose Situation nach bewährtem revisionistischen Muster, das für ihn wohl ein neueres Muster ist, zwei Schuldige gefunden: England und Weizmann. Gegen das „perfide Albion" schleuderte er die emphatischen Worte: „Die englische Arbeiterregierung hat ihr Wort gebrochen, sie hat etwas getan, was geeignet ist, dem jüdischen Volke jede Hoffnung und jeden Glauben zu zerstören." Nein, Herr Stricker, dem jüdischen Volke ist wegen des Scheiterns allzu optimistischer zionistischer Pläne jede Hoffnung und jeder Glaube noch lange nicht zerstört, wohl aber gilt dies für den Zionismus selbst, dessen Aussichtslosigkeit dieser Kongreß aller Welt offenkundig machte. Weizmann aber, der nun bis auf Widerruf erledigte Führer, ist zu einem Politiker herangereift, dessen ursprüngliche kühnen Hoffnungen die krasse Realität des politischen Alltags vollkommen zerstörte, der heute nur mehr das sieht, was ist, und mit müder Handbewegung all das von sich weist, was utopistische Schwärmer gerne für möglich halten möchten, oder unentwegte Parteifanatiker ihren immer geringer werdenden Anhängern als durchführbar hinstellen wollen. In diesem Sinne gipfelte seine Schlußrede, der die Revisionisten demonstrativ fernblieben, in folgenden bedeutsamen Sätzen: „Die große jüdische Einwanderung, die wir brauchen, kommt nicht durch ein Zauberwort Wir wollen uns nicht selbst betrügen. Die Größe der Einwanderung hängt von drei Faktoren ab: von den politischen Bedingungen überhaupt, von der Praxis der Einwanderungsbehörden und schließlich vor allem von unseren eigenen Anstrengungen." Nach dem wenig eindrucksvollen Schlußwort Dr. Weizmanns in der Generaldebatte wurde ihm und der Exekutive stillschweigend die Entlastung erteilt. Die revisionistischen Delegierten blieben auch diesem Akt fern, ihren mit großem Applomb angekündigten Mißtrauensantrag gegen den mißliebigen Führer haben sie nicht gestellt Nun war der Kongreß in sein zweites, entscheidendes Stadium eingetreten, er stand nunmehr vor der Aufgabe einer Festlegung der neuen zionistischen Einsetzung einer Diese Beratungen wurden Kulissen abgehalten, das digte nur verhältnismäßig über Handel und Industrie wesen in Palästina. Die Beratungen endlos lange hin; während man zu Politik und der neuen Leitung, gänzlich hinter den Plenum selbst erleunwichtige Vorlagen und über Gesundheitszogen sieb Beginn des Kongresses mit einer verkürzten Kongreßdauer gerechnet hatte, war es nicht einmal möglich, ihn bis zu dem ursprünglichen fixierten Endtermin — Freitag, den 10. Juli — zu beendigen; seinen Abschluß fand er vielmehr erst knapp vor Beginn der Tagung des Councils der Jewish Agency, über die wir in unserer nächsten Nummer berichten werden. Die wildesten Gerüchte drangen während dieser „plenarlosen" Zeit aus den Couloirs, wahre Kriegsgerüchte. Die Revisionisten hatten von allem Anfang an, wie Jabotinsky schon in seiner Rede mitgeteilt hatte, beschlossen, eine Resolution über das Endziel zu unterbreiten, in dem Sinne, daß der Kongreß das jüdische Nationathelm als den Judenstaat unter Einschluß Transjordaniens versteht, ferner, daß der Brief MacDonalds an Weizmann nicht als Basis für eine Zusammenarbeit mit der englischen Regierung betrachtet werden kann. Es verlautete nun, daß die Revisionisten entschlossen seien, für den Fall, daß der Kongreß ihre Endziel- Resolution ablehnt und den MacDonald-Brief annimmt, die äußersten Konsequenzen zu ziehen. In solch kriegerischer Stimmung ging man Freitag, den 10. Juli ins Kongreßplenum, in solch kriegerischer Stimmung vollzogen sich die Abstimmungen, die demgemäß wahre Kampfabstimmungen werden sollten. Die Beratung begann gleich mit einer hitzigen Debatte über einen Antrag der Revisionisten, den VertragmitdenNichtzionistenüberdieBildungdererweiterten Jewish Agency zu kündigen, ein Antrag, der mit 113 gegen 50 Stimmen abgelehnt wurde. Für die Resolution stimmten nur die Revisionisten, dagegen stimmten die allgemeinen Zionisten und die Arbeiterpartei, der Misrachi hatte sich der Stimme enthalten. In ihrem Antrag waren die Revisionisten dafür eingetreten, daß die Verfassung der Agency auf neue Grundlagen gestellt werde, und zwar so, daß die Tätigkeit der nichtzionistischen Agency-Mitglieder auf das wirtschaftliche Gebiet beschränkt bleiben soll und daß diese in die politische Arbeit nicht eingreifen sollen. Zur Begründung des denkwürdigen Antrages hatte Jabotinsky eine Ansprache von fünf Minuten Dauer gehalten, in der er erklärte, eine politische Kooperation mit Nichtzionisten sei unmöglich, eine finanzielle Kooperation könne sich aber immerhin noch als möglich und nützlich erweisen.