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Die Wahrheit · 1931-07-10 · Heft 28 (10.7.1931) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 28 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seit» 7 Vererbung des Hohenpriesteramtes umgangen und von der Regierung und deren Partei dem Volke Hohepriester aufoktroyiert wurden, die als „Saduzäer" und Griechlinge vom Volke nicht nur nicht geehrt, sondern gehaßt wurden, traten die damals schon in großer Menge vorhandenen Gelehrten des Volkes als Gegner auf. Diese vertieften sich mehr und mehr in den Text der Urschrift, drangen in den Geist des Gesetzgebers ein und vermochten so manches dem Geiste der Zeit anzuptssen und oft auch Erleichterungen zu normieren. Die halachischen Divergenzen vermehrten und verstärkten sich, als nun mit der Zeit Hohepriester zur Herrschaft gelangten, die gar keine oder nur sehr mangelhafte Vorbildung besaßen. Da setzten sich die Lehrsysteme der Pharisäer, die sich den Ideengang der Hillelschule zu eigen machten, fest und es bildete sich der Satz: „N. N. ist ein Schamaite, sein Lehrsatz hat für uns keine Bedeutung." Rabb. Dr. Murmelstein führt dann Stellen aus dem Talmud an, wo von den Priestern spöttisch gesagt wird: „Der Priester hat vorschriftsmäßig das Urteil zu sprechen, ob der Mann rein oder unrein ist, er dient aber nur als Sprechorgan. Das Urteil fällt ja der Weise (Chacham), der ihm beigegeben ist.'" Eine andere diesbezügliche Stelle lautet: „Ein niedriggeborener Gelehrter (Mamser Talmid chadam) ist einem Hohenpriester vorzuziehen." Rabb. Dr. Taubes hat seine Kräfte bereits auswärts versucht, ist aber dem Rufe eines bedeutenden Wiener Tempelvereines gefolgt und in unsere Stadt zurückgekehrt, um hier in dieser ihn liebenden und verehrenden Gemeinde (das ist der schöne Tempel in der Pazmanitengasse) mit prophetischem Feuer und hinreißender Ekstase zu wirken. Herr Rabb. Dr. Taubes, einer Familie von Rabbinern und Gelehrten entstammend, macht seinen glorreichen Ahnen Ehre. Er ist nicht nur als Prediger so beliebt, daß der Tempel bei seinen Predigten überfüllt ist; auch seine religionsphilosophischen Vorträge im Bet-Hamidrasch in der Tempelgasse sichern ihm stets dankbare Hörer. Sein Vortragszyklus über das heikle Thema „Die jüdische Halacha und die alten heidnischen Lehren" lockt viele gebildete Hörer ins Bet-Hamidrasch. Der Vortragende zählt die verschiedenen Berührungspunkte der jüdischen monotheistischen Religion mit den alten Ur- und Irreligionen auf, zeigt die Stellung an, die die Juden zu den letzteren nehmen, in welchen Punkten die jüdische Halacha dem Heidentum den Vernichtungskrieg erklärt, wie sie das Heidentum bekämpft und aus dem jüdischen Herzen auszurotten bestrebt ist. So ist verboten: bei der Vernichtung der heidnischen Kulturstätten das Kleinste mitzunehmen oder irgendwie zu gebrauchen (assur bohanah); Bilder oder Statuen zu machen; eine Zauberin leben zu lassen; der geschäftliche Verkehr mit einem Heiden innerhalb, von drei Tagen vor den heidnischen Festtagen (damit, der Heide keine Veranlassung hat, seinem Götzen zu danken); sich einem heidnischen Arzte anzuvertrauen. Manche Schärfen in bezug auf den persönlichen Verkehr mit den Heiden wurden dann gemildert, wie sich die Quellen ausdrücken „des lieben Friedens wegen, oder um nicht den Haß zu schüren" (wahrscheinlich in der Zeit, wo die Juden schon zum Zusammenleben mit den Heiden gezwungen waren). In manchen Punkten aber konnten unsere Lehrer die alten Bräuche bloß veredeln, vom abergläubischen Schmutze reinigen, in neue jüdische Hüllen kleiden, ihnen monotheistische Gedanken unterlegen und in die jüdische Halacha übernehmen. Der Vortragende macht darauf aufmerksam, daß in der Mischnah, die am Ende des zweiten Jahrhunderts redigiert, wenn auch viel früher verfaßt wurde, über die Christen nichts Nachteiliges gesprochen wird, so daß anzunehmen ist, daß diese nicht unter den Verboten der Heiden stehen. Es darf nicht angenommen werden, daß solche Stellen etwa von den Christen eliminiert wurden, da sich Exemplare erhalten haben, die der christlichen Zensur nicht unterlegen sind. (Doch findet sich ein Verbot, sich von einem gewissen Arzte heilen zu lassen, der im Verdacht stand, für »das Christentum zu werben.) Mehr noch, soweit die christlichen Bekehrer nur unter den Heiden ihre Anhänger zu werben suchten, sie zum Monotheismus bekehrten und sie, wenn auch nicht wahres Judentum, so doch die sogenannten sieben Mizwoth lehrten, waren die jüdischen Zeitgenossen mit ihnen zufrieden. Sie betrachteten sie als Halbproselyten (Proselyten des Tores) und sprachen ihnen sogar Rechte zu. Die Juden waren erst dann zur Bekämpfung des Christentums gezwungen, als die Agitation in die jüdischen Kreise übergriff, als die Gefahr bestand, daß große jüdische Massen von der Beobachtung der Thoragesetze abwendig gemacht werden könnten. Rabb. Dr. Taubes zitiert aus dem Gedächtnis eine Menge von Texten aus ältesten, alten und neuen Quellen (Bibel, Apokryphen, Septuaginta, gr. Literatur, Mischnah, Talmud, Sohar, Majmunides u. dgl.), die er dem Publikum mundgerecht vorführt und lebendig erscheinen läßt. Die Vorträge sind so gehalten, daß sie dem Wissenden durch Scharfsinn und Präzisität Bewunderung abringen, den gewöhnlichen Hörer aber durch die gebotene Aufklärung befriedigen. Adolf Wurzel. Jüdische Ifkwentafel London. Am 23. Juni wurde in der Knödler-Galerie zu London eine mit Unterstützung des königlichen Fonds für Kunst und Literatur organisierte Ausstellung von Werken des amerikanisch-jüdischen Bildhauers Jo Davidson eröffnet. Die Ausstellung umfaßt u. a. Porträtbüsten von Bernhard Shaw, Wells, Barris, Pirandello und Galsworthy. Batavia. Die Regierung von Holländisch-Indien hat den Präsidenten der Vereinigung für jüdische Interessen in Cherobo, den Ingenieur F. C. van Lier zum Bürgermeister dieser Stadt ernannt Es ist dies der erste Fall der Bestellung eines Juden zum Bürgermeister einer Stadt in Holländisch-Indien. VonWodke zu Woche 9emeinde~ftintonik. „Semi Imperator". Die in letzter Zeit gesteigerte Rednertätigkeit des Prinzen August Wilhelm für die Nationalsozialisten weckt die Erinnerung an den im offiziellen Verlag dieser Partei (Franz Eher Verlag Nachfg. München) erschienenen „Semi Imperator". Dieses Werk, ein Pamphlet gegen den ehemaligen Kaiser und die Hohenzollern gipfelt in der Feststellung, daß Wilhelm II. jüdisches Blut in seinen Adern hat. Ein Stammbaum Wilhelms II. wird auf dem Umwege über die englischen Könige bis auf eine jüdische Prinzessin ThaTephi und den König David zurückgeführt. Außerdem erscheint in dem Stammbaum noch ein jüdischer Bankier Eskeles als angeblich natürlicher Vater eines Koburger Herzogs. Auch die Behauptung, daß die Königin Viktoria von England mit ihrem jüdischen Leibarzt Wolf Umgang gehabt hat, ist in dem Stammbaum verzeichnet. Der „Semi Imperator" hat in monarchistischen Kreisen seinerzeit ungeheure, berechtigte Erregung hervorgerufen. Wir wissen nicht, was seltsamer ist, daß Prinz August Wilhelm trotz der Verhöhnung seines Vaters in einem Werk des nationalsozialistischen Parteiverlages dieser Partei beigetreten ist, oder daß die Nationalsozialisten einem solchen „Semiprinzen" überhaupt Mitgliedsrecht gewährten. Der Numerus clausus in Polen. Die Warschauer jiddische Tageszeitung „Hajnt" erklärt, daß trotz aller Behauptungen seitens der Regierung, daß es in Polen einen Numerus clausus nicht gibt, in der Wirklichkeit der Numerus clausus schon auf den Gymnasien in voller Wirksamkeit ist. Die Rektoren der städtischen Gymnasien in Warschau haben jüdischen Eltern ganz offen erklärt, sie seien nicht in der Lage, ihre Kinder in die Schule aufzunehmen oder sie auch nur zur Prüfung zuzulassen, da sie Weisung^pn^der übergeordneten Behörde erhalten haben, rife mehr als vier jüdische Schüler, d. h. zehn Prozent der Gesamtschülerschaft, in eine Klasse aufzunehmen. Nicht der Mörder ist schuld ... Im Zusammenhange mit den antijüdischen Exzessen in Zloczow am 4. Juni d. J., die bekanntlich den Charakter eines Pogroms getragen haben, indem die gesamte jüdische Bevölkerung von Huliganbanden terrorisiert, in fast allen von Juden bewohnten Häusern die Fensterscheiben eingeschlagen und überaus zahlreiche jüdische Einwohner, auch Frauen und Kinder, blutig geschlagen wurden, fand soeben die erste Gerichtsverhandlung statt. Angeklagt waren aber nicht die Urheber oder die Teilnehmer an den Exzessen, sondern das jüdische Mitglied des Stadtrates Motel Markowicz, der behauptet hatte, daß der Volksschullehrer Jarmicki es war, der die Schüsse auf die jüdische Frau Normann abgegeben hat, durch die die Frau schwer verletzt wurde. Der Angeklagte Markowicz forderte, daß der Prozeß bis nach der Verhandlung gegen die Teilnehmer an den Exzessen verschoben werde, ferner machte er 19 Zeugen namhaft, die bekunden sollten, daß Lehrer Jarmicki die Schüsse abgegeben hat. Das Gericht lehnte den Vertagungsantrag ab und schickte Polizeileute aus, um die gemachten Zeugen vor Gericht zu bringen. Die Zeugen lehnten es aber ab, sich vorführen zu lassen, woraufhin das Gerichtjedenmiteiner Geldstrafe belegte. Markowicz beantragte nochmals Vertagung der Verhandlung, und als dieser Antrag abgelehnt wurde, verließ er den Gerichtssaal. Das Gericht verurteilte ihn in seiner Abwesenheit zu vier Wochen Gefängnis. Und das nennt sich — Gerechtigkeit! Im Max Freiherr v. Springer'schen Waisenbause. Wien XIV., Goldschlagstraße 84. werden Im Schuljahre 1930/31 einige Waisenknaben zur unentgeltlichen Pflege und Erziehung übernommen. Gesuche, mit Personaldokumenten versehen, für 6- bis 11jährige Knaben, die ganz oder väterlicherseits verwaist sind, sowie für solche, die mütterlicherseits verwaist sind, deren Vater aber erwerbsunfähig ist, sind bis spätestens 15. August 1931 an das Kuratorium in Wien I.. Augustinerstraße 8, einzusenden. „Jüdische Erziehung und jüdisches Schulwesen". In diesem Jahre noch wird era bibliographisches Werk „Jüdische Erziehung und jüdisches Scüulwesen" erscheinen; es werden nicht allein die einschlägigen Bücher, sondern auch Aufsätze in jüdischen Zeitschriften aller Sprachen registriert werden. Auch auf Schulberichte und statistisches Material wird Wert gelegt werden. Die Verfasser werden gebeten, ihre Arbeiten Dr. S. Weinberg (Berlin-Wilmersdorf. Güntzelstraße 46) zu übermitteln. Talmud-Thora-Schule des Tempelvereines Aeschel Awrohom. Mittwoch, den 1. Juli a. c, fand die Prüfung der Zöglinge der BibelschuledesTempelvereines Aeschel Awrohom, Wien II.. Pazmanitengasse 6, in Anwesenheit des Herrn Rabb. Dr. Taubes, des Obmannstellvertreters der Schulsektion, Herrn B. Niwes und einiger Vorstandsmitglieder statt Auch waren einige Eltern zugegen. Trotz der vorgeschrittenen Sommerszeit hatten sich 84 Schulkinder eingefunden. Nach einer Begrüßungsansprache begann die Prüfung. Die Leistungen der Zöglinge waren ganz erstaunlich und e rregten allgemeine Bewunderung. Ungeteilt war das Lob und die Anerkennung, welche dem unermüdlichen bewährten Lehrer Herrn Prof. Dr. Camillo Baumgarten und Herrn Lehrer S. Rudsky zuteil wurden. Ganz besonders verdient die vorzügliche Disziplin dieser Schule und die Schaffensfreude hervorgehoben zu werden. Die Kinder bewiesen, daß sie mit der Liturgie für die Wochen- und Festtage völlig vertraut seien, den Siddur, zumeist auswendig, beherrschen und auch die Bibel gründlich kennen, rlebraische Grammatik und hebräisches Schreiben war allen geläufig. Herr Rabb. Dr. Taubes dankte allen und schloü mit einer sinnreichen Ansprache die Prüfung. Gedanken eines jüdischen Abiturienten. Der Redaktion geht von einem Absolventen des Bundes-Realgymnasiums I iolgende Zuschrift zu: Eine Reifeprüfung an einer Mittelschule bildet in der Regel keinen Anlaß zu eingehenden Erörterungen. Dazu ist sie, mag sie auch durch Monate das Sinnen der Beteiligten erfüllen, in ihrer Bedeutung für die Üeifentlichkeit zu gering. Wenn wir dennoch einer solchen vor kurzem stattgehabten Reifeprüfung einige betrachtende Worte widmen, so veranlaßt uns hierzu hauptsächlich ihr zeitliches Zusammentreffen mit den jüngsten Vorgängen an der Alma mater Vindobonensis. Am 22. und 23. Juni — an diesem Tage verlautbarte der Verfassungsgerichtshoi seinen Beschluß, das „Studenten recht" aufzuheben, —- traten im Bundes-Realgymnasium im 1. Bezirk einundzwanzig Schüler der Klasse 8 a, unter ihnen zehn Juden, zur Maturitätsprüfung an. Das Ergebnis war für die jüdischen Schüler ein ausgezeichnetes. Drei Schüler wurden für „reif mit Auszeichnung" erklärt, drei weiteren Schülern fehlte nur ein geringes zur Auszeichnung und auch die übrigen vier Kandidaten bestanden die schwierige Prüfung leicht und sicher. Und während in der Aula der größten österreichischen Hochschule die — zahlenmäßig — um ein Vielfaches überlegenen Hakenkreuzstudenten eine „P r ü g e 1 g a s s e" bildeten, die die jüdischen Hörer passieren mußten, entstand auch hier eine „Gasse", eine Ehrengasse, gestellt von den Professoren, an ihrer Spitze der Vorsizende der Prüfungskommission, Hofrat Dr. B r ö m m e r, und der D i r e k t o r der Anstalt, Dr. Hans Radnitzky, welche die Schüler in herzlicher Weise beglückwünschten. Bewegt nahmen wir jungen Studenten von unserem bisherigen Ordinarius Professor Adolf Riedel, von unserem lieben Religionslehrer Professor Dr. Camillo Baumgarten und von den übrigen Herren des Lehrkörpers Abschied. Tlmtridje VerfäuWarungen der Jsraefitisdjen Xuftusgemeinöe Wien Predigt in der Gemeinde-Synagoge XVIII., Schopenhauerstraße 39. Samstag, den 11. Juli 1931, wird bei dem um ^9 Uhr vormittags beginnenden Morgengottesdienste in der Gemeindesynagoge XVIII., Schopenhauerstraße 39 eine Predigt (Rabbiner Dr. D. Feuchtwang) abgehalten werden. Israelitische Kultusgemeinde Wien, Unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der israelitischen Kultusgemeinde (Rosch Beth Din Josef B a b a d) stehen derzeit bis auf Widerruf: 1. Selchwarenfabrik Meier Brückner & Co„ IL, Im Werd 11. 2. Auswärtige Geflügelschechitah Fellner. Schöni feld & Seulberg, II.. Haidgasse 7.

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