Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 28 (10.7.1931)
- Date
- 1931-07-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 0 DIE WAHRHEIT Bei der isr. Kultusgemeinde St Pölten ist die Stelle eines SchachriSvorbeters für die hohen Feiertage zu besetzen. Offerte sind an den gefertigten Vorstand zu richten. Für den Vorstand der isr. Kultusgememde St Pölten: Der Vorsteher-Stellvertreter Karl Frank St. Pölten-Viehofen 30. Juni 1931 Elemente gemeinsam haben: a) Das national-chauvinistische Element; b) Dieselben Mandatare im Parlament. Es genügte nun eine einzige Legislaturperiode, damit im Beisein dieser Mandatare des Klubs — vielleicht beseelt von den besten Intentionen, aber durch die Ideologie ihrer Partei daran gehindert, auch nur den kleinsten Erfolg der jüdischen Bevölkerung zu bringen, — alles zerstört, absolut alles vernichtet wurde, was in der vorgehenden Legislaturperiode durch die vorher erwähnte programmatische Kartellierung der U. E.. R. erreicht wurde. Das Resultat, das der „Jüdische Klub" erzielte, war: Das Kultusgesetz wurde abrogiert*; die Subvention für den mosaischen Kultus wurde bedeutend herabgesetzt; das Kooperativengesetz ist nicht zur Anwendung gebracht worden usw. Wenn man diese beiden Resultate vergleicht, was die U. E. R. erreicht und der „Jüdische Klub" verloren hat, dann wird jeder Kommentar überflüssig. Wird das Problem so analysiert, dann erkennen wir, daß diese Gründung ad hoc, die in Anbetracht der stattgefundenen allgemeinen Wahlen geschaffene neue jüdische Partei auch schon die Keime der Auflösung in sich trägt leb sehe nicht die Möglichkeit einer anderen praktischen Lösung als nur im Rahmen einer aufrichtigen Annäherungspolitik zwischen der rnmänisehen Judenschaft und den führenden Elementen des rumänischen Staates. Annäherung heißt nicht Entsagung von der Notwendigkeit der Umsetzung der gerechten Aspirationen und Forderangen der jüdischen Bevölkerung in die Tat, sondern im Gegenteil, sie ist der patriotischeste, korrekteste und nützlichste Weg, um jederzeit — neben der programmatischen Realisierung — die entsprechende Genugtuung für die unglückliebe, aber dennoch mögliche Eventualität der Verletzung der Rechte zu erlangen. Nicht Isolierung und auch nicht chauvinistischer Nationalismus, sondern aufrichtige und effektive Anteilnahme am ganzen Komplex der ökonomischen Gesundung muß die Losung sein. Diese ist in den heutigen schweren Zeiten politischer, kultureller und sozialer Entwicklung des Landes notwendig. Die Wahrung unserer Interessen muß mit Würde und Energie in jedem Momente und unter allen Umständen erfolgen, um all jenen Wünschen gerecht zu werden, welche einen überwiegenden Bestand der Struktur und des Wesens der jüdischen Bevölkerung in Rumänien bilden, auf Grund ihrer historischen Abstammung in diesen Gegenden, mit seiner zerrütteten Vergangenheit und mit seiner Gegenwart, die einen erfreulichen Beginn von bürgerlicher Würde zeigt, und mit einer aussichtsreichen Zukunft, von welcher diese Judenschaft 4Ie Früchte einer loyalen gegenseitigen Verständigung erwartet Dies, glaube ich, ist die wahre und wichtige Mission derjenigen, die berufen sind, heute das Schicksal des rumänischen Judentums zu leiten. * * * Die beiden folgenden Bukarester Meldungen werden wohl beweisen, daß trotz der — übrigens zahlenmäßig ganz geringfügigen — jüdischnationalen Vertretung im rumänischen Parlament sich an der dortigen antisemitischen Mentalität herzlich wenig geändert hat. Cuza wieder im Kommen. In der am 27. Juni in der rumänischen Kammer stattgefundenen Aussprache über die Thronrede ergriff auch der Führer der antisemitischen Partei, Prof. Cuza, das Wort und erinnerte unter stürmischem Beifall der Regierungsmehrheit an die Zeit, in der der gegenwärtige Ministerpräsident Prof. Jorga gemeinsam mit ihm in der antisemitischen Bewegung tätig war. Als der jüdische Abgeordnete Dr. Theodor Fischer gegen die Forderung Professor Cuzas, die Juden als illoyales Element aus der Armee auszuschließen, protestierte, wurde er durch fortwährende Zwischenrufe Cuzas, in denen dieser die jüdischen Abgeordneten persönlich beleidigte, unterbrochen. Cuza erklärte bei dieser Gelegenheit nochmals, die Stellung des Ministerpräsidenten zur Judenfrageunterscheidesichnichtvonseiner eigenen. Die rumänische demokratische Presse äußert Besorgnis angesichts der innigen Freundschaft, die in Regierungskreisen Prof. Cuza gegenüber an den Tag gelegt wird. So erklärt z. B. „Adeverul", es sei nicht verständlich, warum man die Mandate der Kommunisten für ungültig erklärt hat, während die sieben Mandate der Cuzisten, die ebenso unmögliche Putschisten seien wie die Kommunisten, bestätigt wurden. Die Regierung habe zwar energische Maßnahmen gegen alle extremistischen Bewegungen angekündigt, in Wirklichkeit aber bleiben diese Maßnahmen auf die Extremisten der Linken beschränkt, während man den Cuzisten, die ebenso auf den gewaltsamen Umsturz hinarbeiten, Ehren erweise, ihren Führer mit einem hohen Orden auszeichne und seinen Reden Beifall zolle. Bei der Wahl des Präsidenten der Kammer hätten viele Regierungsabgeordnete angenommen, daß die Wahl Cuzas dem Ministerpräsidenten genehm sein würde; so sei es zu erklären, daß Cuza bei dieser Wahl nicht weniger als 40 Stimmen gegenüber dem Regierungskandidaten Abg. Pompei, der mit 120 Stimmen gewählt wurde, erhielt. Freispruch eines antisemitischen Terroristen. Das Bukarester Gericht hat am 27. Juni den Studenten Beza, der vor einem Jahre einen Mordversuch an dem Unterstaatssekretär im Innenministerium M. Anghelescu verübt hatte, freigesprochen. Als das Urteil verkündet wurde, stimmten die als Zuhörer anwesenden antisemitischen Studenten nationalistische Lieder an. Das Attentat auf Unterstaatssekretär Anghelescu stand im Zusammenhang mit den antisemitischen Unruhen in Rumänien im Juli 1930. ift ■ '.v'fi^i - . ";/|§§: A~ ,u'"> m-: '; \ p:^.^: I : ■ k-Fv---^.'^'- : ^•"vec'O .• ., -.j/e..- I " V - ' ' . .. . ■ ■ : v" { ■ ' f.-C ■ - ' ^s&ntni&ie, \\ . ' S ■ ■ :v Zygmunt Menkes, dessen neuestes Bild „Die Thora" hier reproduziert ist, wurde 1896 in Lemberg (Lwow) geboren. Er besuchte als Fünfzehnjähriger die Lemberger Kunstschule und mußte sich durch Anstreicharbeit und Aushilfe bei Kirchenrestauration sein Brot verdienen. Nach dem großen Krieg lernte er an der Krakauer Akademie, 1922 im Atelier Archipenkos zu Berlin. Seit 1923 lebt er in seiner Wahlheimat Paris, wo man auch auf sein Talent aufmerksam wurde und seiner Lebensnot abhalf. Sein Ruhm ist im Steigen, nicht nur in Westeuropa, sondern auch jenseits der Meere. Sein Thorabild ist von einer in diesem technischen Zeitalter unvermuteten religiösen Inbrunst durchschauert. Diese Inbrunst steckt nicht bloß im Inhalt,, im Stoff, sondern sie durchdringt die künstlerischen Ausdrucksmittel,- besonders .die der Farbe, .deren Gelingen ein Bild realisieren heißt, wie Menkes selber einmal gesagt hat. Die linearen Mittel wirken hier eher verborgen, obwohl man bei diesem Künstler ein an sich sehr selbständiges Aufgreifen altmeisterlicher Ueberlieferung feststellen darf, mehr vielleicht, als einen Anschluß an Renoir und Corinth, den die Kritik wahrnehmen wollte. So hat denn auch die Farbgebung unmittelbar etwas, das man im besten Sinne „Galerieton" nennen könnte: Tiefe dunkle Töne in Braun, Karmin und Pariserblau, aus denen blendende Lichter, insbesondere an der Thorarolle und der Krone, aufblitzen. Alles das, so feierlich und sonor und an Rembrandt gemahnend es ist, zeigt sich in sehr flüssigem Farbauftrag gemalt, in dünnen, halbmondförmigen Pinselstrichen Die heftige seelische Bewegung des Künstlers ist durch ein sehr festes und offenbar bewußtes und gewolltes Bildgerüst gezügelt. Der kultische Vorgang ist ungemein fesselnd und ergreifend zur Darstellung gebracht. Es handelt sich um den feierlichen Akt, der die sabbathliche Verlesung der Thora (Pentateuch) zum Abschluß bringt, die sogenannte „Hagbahah und Glilah".. Hagbahah bedeutet Emporheben, Glilah Einrollen. Die Thorarolle wird von einem Gemeindemitglied, das auf einem für diesen Augenblick bestimmten Sessel sich niederläßt, feierlich emporgehoben. Die während der Verlesung abgenommen gewesene Krone wird wieder. aufgesetzt. (Dann wird die Rolle in einen Samtmantel gehüllt und ihr an einer Kette ein silberner Schild umgehängt.) Ein Jude hat den silbernen Schriftzeiger in Form einer deutenden Hand ergriffen. Aus dem dunklen Hintergrund stürzen sich fromme Gläubige hervor, um noch einmal das heilige Gerät zu berühren und, wenn es möglich ist, es zu küssen und zu liebkosen, ehe es in der „Heiligen Lade" den Blicken entzogen wird. Denn der Inbegriff dieser Schrift ist ja das teuerste Gut dieser tiefreligiösen Menschen: ihre Beziehung zu dem einzigen höchsten Gott. Alle diese Gestalten, der starke rotbärtige Sitzende mit dem blaugestreiften Tallith (Gebetsmantel), der hinweisende Knabe in krappfarbenem Gewand zur Rechten und die hinzueilenden Beter, alle sind in Verzückung begriffen, die sie völlig eint und alle individuelle Scheidung auflöst. Es ist ergreifend, wie der Vorgang die so unerbittlich realistisch wiedergegebenen Figuren in eine höhere Harmonie und Schönheit zusammenfügt und zu einer geistigen Vision steigert. Diese einzigartige Thora-Komposition, expressionistisch im wahrsten Sinne des Wortes, ist als Großer farbiger Hanfstaengl-Druck erschienen. Bildgröße 100X76 cm. Preis RM. 40.—. Zu beziehen, durch: Franz Hanfstaengl, München. Das Wiener Bet-Hamidrasch. Eine altehrwürdige Institution der hiesigen Judenschaft sind die Vorlesungen im Bet-Hamidrasch in der Tempelgasse. Seit einem Jahrhundert wirken dort große Geister der jüdischen Ideenwelt und die Gründer fanden würdige Epigonen. Die Leitung hat sich glücklicherweise nicht mit dem alten Ruhme begnügt, sondern sorgt stets dafür, die entstehenden Lücken mit geeigneten Kräften auszufüllen. Von den älteren, mitunter Weltruf genießenden Gelehrten wie Prof. Krauss, Dr. Rosenmann, Doktor Rubin, die dort wirken, zu sprechen, ist überflüssig. Auch iunge Gelehrte, die durch Fleiß und Ausdauer für die Erhaltung und Fortentwicklung echt jüdischen Wissens sorgen, sind bemüht, dessen Lebensfaden fortzuspinnen. Zu den jungen Kräften zählen die Herren Rabb. Dr. Murmelstein und Rabb. Dr. Taubes, beide aus dem hiesigen Seminar hervorgegangen und mit Wissen und Talent aufs Beste ausgestattet Der erste Vortragszyklus des Rabb. Dr. MurmeIstein befaßte sich mit dem Beginne und der Entstehung der talmudischen Gesetzgebung, woraus sich nach und nach die kodifizierten Gesetze herausgebildet haben. Der Vortragende, heute Rabbiner im Brigittenauer Tempel, weist darauf hin, daß schon in den ältesten uns erhaltenen Schriften, wie Sephiaginta, Buch der Jubiläen, Tobias oder Tobit und andere Apokryphen, Ansätze zuder praktischen Auslegung der heiligen Schrift vorzufinden sind. Diese Auslegungen und Kommentierungen der Urschrift (Thora schebiktaw) lagen zu der Zeit ausschließlich in den Händen der Priester (Kohanim), an deren Spitze der Kohen Gadol stand, in dessen Geist die Erklärungen geschehen sind. Damals galten die Aussprüche und Normen der Priesterkaste als feststehend und maßgebend. Sie wurden praktisch unwidersprochen, durchgeführt. Sie waren in mancher Beziehung etwas, strenger als die später von den Pharisäern (Pruschim) in Gebrauch gesetzten Dinim, wenn auch in der Hauptsache alles auf dasselbe hinausläuft. Die älteren Auffassungen haben sich bei uns als schamaitische Lehrsätze erhalten. In den letzten Jahrzehnten des Bestandes des zweiten Tempels, als die>.