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Die Wahrheit · 1931-07-10 · Heft 28 (10.7.1931) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 28 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Städtische Versichciunqsanstalt ♦I Direktion: Wien L, Telephon U2r~5~40 Tucblauben Nr. S Alle VersicteiiiiiQsiwciae Die politische Lage der Juden in Rumänien. Von Dr. Joseph Berkowitz (Bukarest). Nachstehender interessanter Artikel des Vizepräsidenten der „Union rumänischer Juden" ist im „V i i t or u 1", Gzernowitz, erschienen. Der geistreiche Aufsatz unterrichtet nicht nur über die aktuellen Probleme der rumänischen Judenheit, sondern läßt auch Parallelen für die Situation der Juden in anderen Ländern zu, in denen die Jüdischnationalen ihre gefährliche und verderbliche Politik inaugurieren möchten, gleich also bei uns in Oesterreich. In diesem Sinne haben die Schlußabsätze des Artikels auch für unsere jüdisch-politische Einstellung absolute Gültigkeit. D. Red. Im Parteilager der Juden in Rumänien sind im gegenwärtigen Stadium der politischen Kämpfe zwei streng divergierende Richtungen bemerkbar: Die eine Gruppe schart sich um die nationaljüdische Fahne, isoliert sich in einem politischen Ghetto unter der Firma und dem Schlagworte einer ethnischen Minderheit; die zweite Gruppe bemüht sich, die Juden der Staatspolitik anzupassen, um sie der ganzen sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklung des rumänischen Landes teilhaftig werden zu lassen. Zu diesem Behufe will sie Schulter an Schulter mit den rumänischen politischen Parteien kämpfen und eine Verbesserung der Lage des rumänischen Staates erzielen, dessen Bürger sie nach schweren, jahrzehntelangen Kämpfen geworden sind. Die erste Richtung manifestiert sich in der Form einer sogenannten jüdischen Partei, die ad hoc, etwa einen Monat vor den allgemeinen Wahlen, geschaffen worden ist und sohin nur einen sehr beschränkten, opportunistischen Zweck hat: die andere Strömung ist der Ausdruck einer jahrzehntelangen alten bewährten Betätigung der „Union der rumänischen Juden" (U. E. R.), welche Organisation tatsächlich an der Spitze der Kämpfe und Bestrebungen der bürgerlichen und politischen Emanzipation der Juden Rumäniens gestanden ist. Letztere Bewegung verleiht der Haltung ihrer Führer Festigkeit und politische Konsequenz. Dies ist das jetzige Stadium der Politik der rumänischen Juden und es sei der Versuch unternommen, den Inhalt beider Bewegungen zu analysieren. * Die national-jüdische Bewegung ist das Echo der letzten Verwirklichungen auf zionistischem Gebiete, deren Anfänge in den ersten Anstrengungen Theodor Herzl's zu suchen sind und welche alle die Schaffung eines Narionalheims in Palästina intendieren. Alles, was nachher folgte, die Balfour-Deklaration, die unbestreitbar interessante und auf- Franzensbadl Grand-Restauration „Fürstenhof(* TOS streng orthodoxe KUche "To- SIMON RAAB Bis 30. Septeeaber geöffnet! bauende Tätigkeit der jüdischen Pioniere in Palästina und schließlich der Beginn der Konsolidierung eines Nationalheimes im Heiligen Lande, all diese Errungenschaften wurden für chauvinistische Zwecke in den Ländern des Ostens Europas — inklusive Rumänien — exploitiert, und zwar von einer Reihe politischer Agitatoren, die für sich den Anspruch erheben, die jüdischen Massen zu führen. Auf diese Weise wird der Zionismus aus den hohen Sphären, wie er von Theodor Herzl, Max Nordau und anderen geführt wurde, hinabgestürzt, um plötzlich — durch Vermittlung der heutigen „Erneuerer" — ein Leitmotiv für die Alimentierung der jüdischen Politik in den Ländern Ost-Europas zu bilden. Ein schwerer und tiefer politischer Fehler, dessen schmerzhafteste Folgen in erster Reihe die zionistische Bewegung selbst und in zweiter Reihe die gesamte jüdische Bevölkerung zu tragen haben wird. Im Rahmen dieser Feststellungen wagen wir die Behauptung, daß die Dienstbarmachung der national-jüdischen Idee fflr die Verwirklichungen und unmittelbaren Aspirationen der jüdischen Bevölkerung Rumäniens nichts anderes bedeutet als eine Tätigkeit gefährlicher Isolierung, verbunden mit negativen und unglücklichen Folgen für die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes. Denn: 1. Eine jüdische politische Partei zu konstituieren, deren einzige .Basis die „nationale" Ideologie ist, wird dahin aufgefaßt, daß jede Teilnahme zur Wahrung der Interessen des rumänischen Staates, wenn nicht vollständig ausgeschlossen, so zumindest von sekundärer Bedeutung ist Eine solche Partei — wenn sie nach ihrer politischen Struktur konsequent bleibt — wird jedes Staatsproblem durch das Prisma der national-jüdischen Ideologie betrachten müssen. Wenn sie bei dieser Analyse einen kleinen Gegensatz oder nur einen Mangel an Interesse für die erörterte Angelegenheit finden sollte, dann wird die strenge Disziplin gemäß dem Parteidogma ihr eine vollständige Desinteressierung bei der Lösung des in Frage stehenden Problems, wie wichtig und entscheidend dieses für die Schicksale des Landes auch sein mag, auferlegen. Dann ist die Frage berechtigt, ob in Anbetracht dieser ersten negativen Folge unserer politischen Isolierung eine solche bittere Qual, Jahrzehnte lang im heftigsten Kampf für die politische Emanzipation zu stehen, notwendig war, um jetzt dorthin zu gelangen, wo wir uns unglückseligerweise vor der Lösung des jüdischen Problems in Rumänen befunden haben. 2. Eine solche jüdische Partei zu konstituieren, heißt eine gefährliche Aera politischer Kämpfe „contra omnes" (gegen alle) zu beginnen. Genug groß sind bisweilen die Schwierigkeiten, denen wir bei der Verwirklichung der gerechten Aspirationen der jüdischen., Bevölkerung begegnen, wobei unsere Aktionen mit Zuhilfenahme der rumänischen politischen Parteien geführt werden. Um so mehr sind wir uns der negativen, ja sogar vernichtenden Resultate schon jetzt bewußt, die wir von den vergeblichen und von vornherein aus- Eisschtänlce Marke „frlgoffor" eissparend, eigene Erzeugung, Zahuingsedeichterung. „Elphora", Ecke Kai 7/9 I., Dominikanerbastei 22 Telephon R 24-4-16 sichtslosen Bemühungen einer isolierten jüdischen Partei im Kampfe gegen alle großen rumänischen politischen Parteien zu erwarten haben. 3. Eine jüdische Partei zu konstituieren, wenn sie auch durch einen glücklichen Zufall eine unbedeutende parlamentarische Repräsentanz erlangt, heißt sicherlich ab ovo die parlamentarische Tätigkeit dieser isolierten Repräsentanten verurteilen, ohne Hilfe von irgendwelcher Seite zu bleiben, mit der einzigen persönlichen trostlosen Genugtuung, sich bemüht und die Pflicht getan zu haben; aber sie sind sich dessen auch vollständig bewußt, daß ihre Stimme im feindlichen Kampfeslärm aller übrigen Repräsentanten der Nationen übertönt wird, gegen welche sie doch — „durchihreeigeneKraft" gewählt wurden. In dieser Beziehung ist die völlig unfruchtbare Tätigkeit des jüdischen parlamentarischen Klubs der früheren Legislaturperiode — der noch im Kartell mit der Regierung, also nicht so isoliert wie diejenigen war, die heute die jüdische Partei repräsentieren, — ein lebendes und warnendes Beispiel für die Richtigkeit des von uns früher Behaupteten. 4. Unter solchen Umständen eine jüdische Partei zu konstituieren, bedeutet eine Degradation des Wertes der zionistischen Idee und ihre Bedeutung wird, da man in ihrem Namen sich den jüdischen Wählern präsentierte, herabgesetzt Eine ganze Reihe von Juden, welche die zionistische Idee nicht in die Arena kleiner politischer Zänkereien und Wahlkämpfe herabziehen will, welche zwischen dem wirklichen, aufrichtigen Zionismus einerseits und dem opportunistischen, heuchlerischen, von einer billigen lokal-politischen Qualität getragenen sogenannten „Zionismus" anderseits unterscheiden, werden mit Recht ihre moralische und materielle Hilfe dem ehrlichen Zionismus verweigern wegen der unglücklichen, durch den sogenannten „Zionismus" verursachten Folgen. Und dann wird die Schaffung einer jüdischen Partei, welche die zionistische Ideologie exploitiert hat, nicht ein Werk der nationalen Regenerierung bedeuten, sondern ihre Tätigkeit einem unausbleiblichen nationalen Selbstmord gleichkommen. 5. Eine solche jüdische Partei schließlich .für die Wahrung der spezifischen Interessen der jüdischen Bevölkerung in Rumänien zu konstituieren, heißt schlechten Glaubens alles, was bis heute auf diesem Gebiete von denjenigen, die jahrelang über die Verwirklichung der Aspirationen und Interessen des rumänischen Judentums gewacht haben, zu verneinen. Ein einziges Beispiel kann auch in dieser Beziehung das skeptischeste Urteil belehren: Durch ein politisch-programmatisches Uebereinkommen zwischen einer der größten rumänischen Parteien und der rumänischen Judenschaft, welch letztere nicht in einer separatistischen Partei „konstituiert", sondern durch ihre politische Repräsentanz „Union der rumänischen Juden" (U. E. R.) auftrat und von den Juden, welche jener großen politischen rumänischen Partei angehören, unterstützt wurde, konnte in einer einzigen Legislaturperiode ein MaximumvonmöglichenRealisierungen erlangt werden. Von diesen erwähnen wir bloß die bedeutendsten Errungenschaften: Das Kultusgesetz, welches vollauf den Wünschen der jüdischen Kultusgemeinden des Landes gerecht wurde; zum ersten Male die Bewilligung einer Subvention seitens des rumänischen Staates für den mosaischen Kultus; ein Kooperativengesetz mit guten Auswirkungen für die Interessen der jüdischen Kooperativen in Bessarabien; scharfe Sanktionen gegen die antisemitischen Agitatoren usw. Unter der nachfolgenden Regierung aber erschien am politischen Firmament ein jüdischer parlamentarischer Klub, die Avantgarde der heutigen „Jüdischen Partei". Wir nennen ihn Avantgarde der heurigen jüdischen Partei,, weil diese beiden Formationen zwei hauptsächliche

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