Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 28 (10.7.1931)
- Date
- 1931-07-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064480--18445-3083476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
bcue 4 ÜIE WAttKrtfcH Einem Kehillajuden zum Gedenken. Von Dr. Ernst Feldsberg. Wenige Tage sind vergangen seit jenem Sonntag, an dem Ludwig liirschfelds sterbliche Hülle der Erde übergeben wurde. Ein Jude, der das geistige Ghetto des Judentums, in das ihn die Erziehung eingesponnen hatte, niemals verlassen hat, ist mit ihm ins Grab gesunken. Wenn man am Ende des Lebenslaufes eines Kehilla-Juden, wie es Ludwig Hirschield war, sich Gedanken über das Leben dieses Menschen macht, so zieht man so oft Vergleiche zwischen diesem Leben, zwischen der Idee, die dieses Leben beherrschte, und der Lebensauffassung anderer jüdischer Zeitgenossen. Unwillkürlich erinnerte ich mich an das eigene Leben in der Kehilla und ich suchte die Zusammenhänge zu finden zwischen diesem idealjüdischen Leben und dem vom Materialismus der Großstadt, vom Hasten und Eilen des Jahrhunderts gezeichneten jüdischen Leben in Wien. Es schien mir, als ob gerade von solchen Juden, denen das Judentum mehr als eine Schicksalsgemeinschaft, mehr als eine Konfession und mehr als eine Tradition ist, gleichsam jene jüdische Atmosphäre geschaffen wird, die das Judentum als ein Leben erscheinen läßt, das zu leben wert ist. Nur wer das Judentum lebt, kann die gigantischen Zusammenhänge der Glaubensidee unserer Väter mit den modernen Ansichten der Gegenwart verstehen und in dieser Zeit freidenkerischen Strebens bei allem Verständnis für die Moderne der Jude der Vergangenheit bleiben, der zwar den Ghettomauern des Mittelalters entwachsen, die Ghettomauern des Sinai nicht verlassen will. Nicht die Idee der Macht ist es, die das Judentum durch Jahrtausende auf der Höhe seines Wirkens für die geistige Ertüchtigung seiner Bekenner erhalten hat, sondern die Macht der Idee war es, die alle Ketten der Sklaverei, die alle Kerkermauern der Inquisition zu sprengen imstande war. Die Macht der Idee war es und bleibt es, die einzig und allein für alle Zukunft den Menschen die ideale der Menschheit zu lehren imstande ist Man kann diese Probleme des Judentums, jüdischer Erziehung, jüdischen Famüienlebens und jüdischer Pietät niemals aus den Folianten der Wissenschaft oder aus den Geschichtsbüchern lernen, sondern man muß das jüdische Familienleben, die jüdische Tradition und die jüdische Pietät leben, um sie zu verstehen. Der beste Schulmeister für diesen Ideengang jüdischen Lebens ist und bleibt die Kehilla; sie ist der fruchtbare Boden, aus dem jene Saat schießt, die reichliche Ernte bietet denen, die das Glück hatten, die Furchen für die Saat mit der Pflugschar ihres Geistes ziehen zu dürfen. Die rasende Furiedes Krieges, sie scheint auch Bresche gelegt zu haben in diese Art jüdischen Lebens in der Großstadt. Grenzmauern und Grenzpfähle wurden um diesen kleinen Staat Oesterreich errichtet, die den' Zuzug jener Juden verhindern, die aus den kleinen Gemeinden Böhmens, Mährens und Ungarns kamen, jene in der Kehilla zu wirklichen Juden erzogenen Menschen, die ihr Leben in der Großstadt zwar in praktischer Beziehung der Moderne anpaßten, in ihrer jüdischen Denkungsart aber Juden der Kehilla blieben. Immer kleiner wird die Zahl dieser Juden in Wien und es ließe sich der Zeitpunkt errechnen, wo diese Juden nicht mehr sein werden. Soll diese Eigenart jüdischen Lebens und Denkens, die so befruchtend auf die Erhaltung der jüdischen Glaubensidee in der Großstadt wirkte, wirklich mit dem Leben jener Juden beendet werden, die in der kleinen Gemeinde dieses „jüdische Leben" lernten? Sie kann nicht untergehen, diese mächtige Idee vom jüdischen Werden und jüdischen Sein. Man kann die Gotteshäuser mit herrlichen Portalen und Kuppelbauten verschönern, man kann im herrlichen Glänze unzähliger Lampen und Lämpchen das Innere des Tempels erstrahlen lassen, man kann den freundlichen Sonnenstrahlen durch gotische Fenster besonderen Glanz verleihen, man darf aber bei all diesem Glänze und all dieser Schönheit nie daran vergessen, daß das Licht der Sonne untergeht, daß mit einem Handgriff alle Lampen und Lämpchen verlöschen und in dieser Finsternis nur ein Licht bleibt, das immer wieder die Ewigkeitsidee bedeutet, das ewige Licht des Judentums, dieses kleine Licht, dieses unscheinbare Flämmchen, das aber in seiner Bedeutung die Ewigkeit ist. Jeder Tempel der Großstadt, er muß der Sammelpunkt der Juden seiner Umgebung bleiben und ihnen durch die Art seiner Führung, seiner Leitung ein Spiegelbild der Kehilla bieten, die so befruchtend auf ihre Kinder immer gewirkt hat. Von den Gotteshäusern aus muß der Geist des jüdischen Lebens den Juden der Großstadt die gewaltige Idee jüdischer Erkenntnis und die höchste Idee aller MenschheitsidealelUlenTe1i. ' Die" Judehschäft der Großstadt wird stark bleiben, wenn sie die Geschichte jüdischen' Gemeinwesens nicht als etwas Vergangenes, sondern als die Lehrmeisterin der Gegenwart und der Zukunft ansehen wird, wenn die Kultusgemeinde der Großstadt trotz der gewaltigen Schwungräder ihrer praktischen Betätigung in geistiger Beziehung die alte Kehilla bleiben wird. Die Altmeisterin der weiblichen Fürsorge. Aus einem Gespräch mit Regine Ulmann. Ich halte es mit den Chinesen — sie überschätzen das Alter einer Frau, wenn sie ihr schmeicheln wollen. Muß man denn ein ewiger Backfisch sein? Wollen wir unsere Seele fühllos macheu, daß alle Erlebnisse an ihr vorübergleiten? Oder unser Gesicht zu einem Porzellanbild, dem keine Erfahrung, keine Erkenntnis die ebenmäßige Glätte nimmt? Wann wird einmal der Dichter kommen, der die vielgefürchteten Falten und Runzeln besingt die doch in Wirklichkeit Zeugnis davon ablegen, daß hier Erfahrung und Erlebnis einen Charakter gemeißelt haben?! Wohl mag ein reifer Mann von der Jugend schwärmen; aber wie ganz anders noch hört es sich an, wenn er Prachtvolle «»cht* PgrserteppicHe durchwegs selten günstige Gelegenbeitskäufe sowie elegante Möbel, wie Speise-, Schlaf- und Herrenzimmer werden zu ganz außerordentlich billigen Preisen abgegeben. Besichtigung ohne jeden Kaufzwang im WIEDNER MOBELHEIM INN. JULIUS GOTZL Htidelijter beeM. SaehT. u. SchltnneUtet IV.,SCHLEJFMUHLGASSE 1a TELEPHON Et 24-1-62 von einer alten Frau erzählt wenn er ehrfürchtig schwärmt von dem Reiz, den eine in lebenslangen Kämpfen bewährte Menschenliebe über sie ausgegossen hat Darum bin ich weit davon entfernt, Frau Regine Ulmann, die mit mir auf meine Bitte über „Alte und neue Zeitverhältnisse" sprach, der ewigen Jugend zu bezichtigen. Sie saß vor mir als leibhaftige Verkörperung jener längst versunkenen Zeit da Wien noch aus zehn Bezirken und 34 Vororten bestand; sie hat es miterlebt daß aus Wiesengelände der Franz-Josefs- Kai entstand, und in ihrem Gedächtnis ist mehr .aufgezeichnet als nur die äußere Entwicklung bis zum Wien unserer Tage, als die persönlichen Erlebnisse aus der gar so fernen Kinder- und Jung- Frauenzeit bis zum Greisenalter. Das kam mir so recht zum Bewußtsein, als sie auf meine Frage, ob ihr die heutige Jugend oder der Jungmädchentyp ihrer eigenen Jugendzeit besser gefalle, von Herzen lachend, erwiderte: „Wer mich kennt fragt das gar nicht Ich habe als junges Ding mit all meiner Energie für die Frauenarbeit gekämpft — ich war eine der ersten Frauenrechtlerinnen — zu einer Zeit als das noch ganz verpönt und gesellschaftlich „unmöglich" war — und ich sollte mich nicht freuen, wenn ich. die heutige Jugend vor mir sehe? Gott sei Dank, daß sie es besser hat, als wir es ehist hatten, daß sie nicht eingezwängt und beengt wird. Nein, mich wird man niemals dazu bringen, eänzustimmeri' in den Klagechor über „die heutige Jugend". Mari redet von .Auswüchsen"? 11» und Daieieii Nur Ia-Qualiläten nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt. IEIDER-UN101 5tWlENVlKa*ernen&6 TpLB20Srt Das hat man immer getan und hat dazu auch immer gerade soviel Grund gehabt wie heutei Mehr als einen Zeitabschnitt habe ich als „neuen" miterlebt und zur Vergangenheit werden sehen — und was als „neue Zeit" bejammert und bekrittelt wurde, wurde dann in der Erinnerung zur „guten alten Zeit". Darauf falle ich nicht mehr hinein." „Und die Fürsorge-Arbeit? Hat sie sich nicht wesentlich gewandelt was die Menschen und was die Methoden anbetrifft?" „Was die Menschen anbetrifft? Gewiß haben die verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Konstellationen, die ich erlebt habe, auch verschiedene Menschen und verschiedenerlei Ansprüche gezeitigt Gewiß könnte ein Volkskunriiger interessante und lehrreiche Unterschiede feststellen, z. B. zwischen den Juden, die aus den früheren Kronländern einwanderten, und den anderen, aber nicht wehiger wertvollen Menschen, die von den Kriegsereignissen nach Wien gebracht wurden. Eins aber muß ich Ihnen sagen: Ich habe immer wieder die Empfindung, daß die Fürsorge eine ungemein aufbauende Tätigkeit ist. .Daß die Menschen, denen wir helfen, über Schwierigkeiten hinwegzukommen, dank ihrer vielen positiven Eigenschaften eine Bereicherung für das Wiener Gemeindeleben bedeuten werden." „Die Methoden? Sie haben die stärkste Wandlung durchgemacht Gewiß ist es auch heute noch von Fall zu Fall unser Bestreben, Bräute auszusteuern, aber die Rolle, die diesem Zweig der Fürsorge früher zukam, spielt jetzt bezeichnenderweise die andere Aufgabe, die jungen Mädchen erwerbsfähig zu machen. Und dabei, dabei muß einen Trauer erfassen; Trauer .nicht ü ber unsere. Jugend, sondern, f ür unsere Jugend. Diese Aussichtslosigkeit dieses vor dem Leben, vor den Berufen wie vor verriegelten Türen Stehen — das hat wirklich noch keine Jugend durchzumachen brauchen." „Was aber halten Sie von den jüdischen Bestrebungen in Palästina?" „Wundervoll finde ich es, eine begeisternde Tat, die hebräische Sprache wieder zum Leben zu erwecken; wundervoll finde ich auch das Streben nach neuen, besseren Formen des Zusammenlebens, das dort die jüdischen Menschen erfüllt Aber ob solches nicht auch m anderen Ländern mit geringeren Opfern an persönlichem Glück zu erreichen wäre? Und auf jeden Fall müssen wiT unsere erste Aufgabe hier' finden, in dem Lande und in der Stadt in denen wir leben und die uns so viele ungelöste Aufgaben bieten." „Glauben Sie, daß der Zusammenschluß' der jüdischen Wohltätigkeitsvereine im Sinne der Fürsorgezentrale der Kultusgemeinde diese Arbeit für die Wiener jüdische Bevölkerung fördern wird?" „Zusammenschluß fördert stets", antwortete in lebhaft überzeugtem Tone mein Gegenüber. „Immer war es mein Gedanke, daß Gleichstrebende sich zusammenfinden sollen — sehen Sie nur die „Weibliche Fürsorge" an, in welcher sich diese Idee verwirklicht. Aber nun gestatten Sie mir eine Frage: Warum fragen Sie gerade mich über all diese wichtigen Dinge aus?" „Ich frage Sie, weil auch wir Frauen vom Frauenklub der Union einen Zusammenschluß erhoffen — den Zusammenschluß der jüdischen Frauen Wiens im Zeichen eines tätigen Judentums, — und weil wir danach streben, bis ins hohe Alter hinein so klar zu sehen und so fruchtbringend zu arbeiten wie Regine Ulmann." Luise Fischer-Treu. Dr. HANS KAISER Kurarzt in Bad Hall ordiniert Hauptplatz 9