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Die Wahrheit · 1931-07-10 · Heft 28 (10.7.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 28 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ME WAHRHEIT Seite i» Das Hakenkreuz in Saloniki. Noch immer Ausschreitungen und Brandstiftungen. Die in unserer lezten Nummer behandelten judenfeindlichen Ausschreitungen in Saloniki haben folgende Vorgeschichte: Auf der etwa vor etwa zehn Monaten abgehaltenen Makkabiade in Bulgarien hatte sich der jüdische Sportklub Makkabi in Saloniki durch Herrn Isaac Cohen, der sich damals gerade in Sofia aufhielt, wo er mit Dr. Alexander Rosenfeld aus Berlin über die Bedingungen eines Anschlusses des Salonikier Makkabi an den Makkabi-Weltverband verhandeln sollte, vertreten lassen. Ungefähr zur selben Zeit fand in Sofia ein Kongreß der mazedonischen Jugend statt. Nach seiner Rückkehr nach Saloniki wurde Herr Cohen einem polizeilichen Verhör unterzogen. Er teilte den Zweck seiner Reise nach Sofia mit. Wenige Tage vor dem ersten Pogrom hat die Salonikier antisemitische Zeitung „Makedonia" die längst erledigte Angelegenheit aufgegriffen und berichtet, der Makkabi in Saloniki stehe im Einvernehmen mit den bulgarischen Komitatschis und dem Lazaristen-Orden in Saloniki, die die Autonomie Mazedoniens proklamieren wollen. Isaac Cohen sei der Delegierte Salonikis auf dem Kongreß der bulgarischen Komitatschis gewesen. Diese Mitteilung wurde dann auch von anderen Zeitungen wiederholt und zum Anlaß heftiger Angriffe gegen die Juden, die angeblich gegen den Staat arbeiten, genommen. Am 23. Juni wurden von Hörern der Universität in Saloniki Flugzettel verteilt, in denen es hieß, die Juden hätten im Jahre 1821 den Patriarchen Gregor durch die Straßen Konstantinopels geschleift; die Juden arbeiteten im Einvernehmen mit den Kommunisten und den Komitatschis daran, Griechenland das Grab zu graben. In dem in Tausenden Exemplaren verteilten Flugblatt wurde zum Boykott der Juden als Vorspiel für spätere „größere Kämpfe" aufgefordert, die dann auch prompt mit unerhörter Roheit geführt wurden. Der jüdische Abgeordnete von Saloniki M. Bessantchi hat, wie schon letzthin kurz mitgeteilt, in der griechischen Kammer eine große Rede über diese antisemitischen Unruhen in Saloniki und ihre Ursachen gehalten, in der er das Versagen der Behörde, sowie die Hetzpropaganda der antisemitischen Presse in Saloniki scharf geißelte. Abg. Bessantchi führte u. a. aus: Die Behörden haben ihre Pflicht nicht vollständig erfüllt, sie haben nicht genügend Voraussicht gezeigt. Hätten sie energischer eingegriffen, als die Studenten Aufrufe zum Boykott der jüdischen Bevölkerung zu verteilen begannen, so wäre es nicht zu den so tief betrüblichen Vorfällen gekommen. Bei der geringsten kommunistischen Kundgebung wird sofort die gesamte Gendarmerie mobilisiert. Aber hier, wo es sich um den Frieden einer ganzen Bevölkerungsklasse handelt, ließ man die Dinge ihren Lauf nehmen. Der jüdischen Bevölkerung Salonikis muß die Gewißheit wiedergegeben werden, daß die Regierung über ihre Sicherheit wacht und daß sie entschlossen ist, jeden Angriff gegen ihre Existenz und ihr Eigentum zu unterdrücken. Wir verlangen die rasche Bestrafung der unmittelbar Schuldigen, nicht nur der Studenten, sondern auch der moralischen Urheber der Unruhen. Es muß ein Exempel statuiert werden, damit nicht ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen werde. Es gibt in Saloniki eine gewisse Presse, die den Haß gegen die jüdische Bevölkerung züchtet, indem sie sich unedle Empfindungen und gewisse Umstände zunutze macht in der kleinlichen Spekulation, es würde dadurch eine Erhöhung der Auflagenziffer erzielt werden können. Gegen diese Zeitungen müsse rücksichtslos durchgegriffen werden. Ich bedauere, hier mitteilen zu müssen, daß ein Funktionär des Staates, der DirektordesPressebürosinSaloniki, mit antisemitischen Elementen zusammenarbeitet und die gegen die Juden YORNEÜflE f AMILIEN - PENSION 1 HBStaDPitiou.HaffBBiiaBs 1 täglich 5-Uhr-Tee | SErTOEMNfil TELEPHON 11 | Hochstraße 43 j _ neben Hotel Panhans B H Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts 9 §f Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser M H in jedem Zimmer. 9 jg Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer S tllllllllllllllllllllllM Straßen, um einen weiteren Ausbruch der Unruhen zu verhindern. Trotzdem entwickelte sich schon in den Vormittagsstunden nach heftigen Angriffen der Nationalisten auf die jüdische Einwohnerschaft eine regelrechte Straßenschlacht, bei der auch heftig geschossen wurde. Die Regierung hat darauf den Behörden strengste Vorschriften erteilt, um eine weitere Hetze, besonders in der lokalen Presse, hintanzuhalten und angeblich auch beschlossen, das durch Feuer vernichtete Judenviertel in Stein wieder aufzuführen. Die Obdachlosen sollen Entschädigung erhalten. * Nach einer amtlichen Meldung des Generalgouverneurs von Mazedonien fanden in der Nacht zum 2. Juli in Saloniki erneut blutigte judenfeindliche Ausschreitungen statt. Das Judenviertel wurde an verschiedenen Stellen angegriffen, auch mehrere Brandstiftungen kamen vor, denen 11 Bauten, darunter auch die Synagoge und die jüdische Schule, zum Opfer fielen. Es wurde eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen. 54 jüdische Familien sind obdachlos. Am Tage vorher waren Nationalisten in die Synagoge eingedrungen und hatten die Thora-Lade gesprengt und Thora-Rollen zerrissen. In Athen ist man über den neuesten Unruheausbruch sehr bestürzt. Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt wenigstens die Gebete so fließend lesen können, daß sie späterhin nicht aus Unwissenheit zur Unterhaltung im Gotteshause erzwungen sind. Gymnasien, Handelsschulen, Lehranstalten und Universitäten sind trotz Geldknappheit und Krisen überfüllt, aber über die Ueberfüllung von Talmud- und Bibelschulen, über das allzu eifrige Studium von Bibel und jüdischer Geschichte, können wir uns — glauben Sie nicht auch, Hebe Freundin? — nicht allzu sehr beklagen. Hier müssen die Eltern ein Machtwort sprechen, hier muß der Lehrer die Jugend anspornen, er maß sie mit seinem Vortrage begeistern, damit die leicht beeinflußbaren, noch weichen und zugänglichen Gemüter ergriffen werden von der Schönheit, dem Werte und Gehalte des Gehörten und sich mit Eifer darin versenken. Doch auch klug und rücksichtsvoll gegen seine Kollegen, die Seite an Seite mit ihm die erzieherische Arbeit leisten, muß der jüdische Lehrer seine Stimme erheben für das Recht und gegen das kleinste Unrecht, muß Schutz heischen für den unschuldig Leidenden und Milde für den Zurückgebliebenen, für den Schwachen! Ein schweres, ein hohes Amt! Richter und Verteidiger ist er, aber niemals Ankläger! Wenn aber der heiße Kampf glücklich vorüber ist, alle Angst, aller Kummer gestillt und nur die Freude überwiegt, wie Sie es ja eben selbst erlebt haben, liebe Freundin, dann geht der Lehrer, ermutigt und gestärkt, zu neuer nutzbringender Arbeit nach Hause. Die Liebe zu seinem Berufe, die durch heiße Arbeit und manche Kümmernisse oft fast versiegt ist, erwacht von neuem und durchdringt ihn mit neuer Lust und neuem Streben. So stehen wir heute; meine liebe Freundin, am Beginne der Ferien und wir sehen, wie oft Lehrer und Schüler in neuer Zeit diese in froher verständnisvoller Ungebundenheit in Sport und Spiel miteinander verbringen und sich, wie an den schönen Wandertagen, auch außerhalb der Schule näher kommen. Sommertage voll Reiz und Schönheit liegen auch vor uns, die wir mit allen Kräften ausnützen, der Ruhe und Erholung widmen wollen. Bücher und Hefte werden wie Möbel- und Winterkleider verpackt und zugedeckt und das große herrliche Buch der Natur wird aufgeschlagen. Nun mögen auch Sie, meine liebe Freundin, an der See Ihr Glück, einen trefflichen, fleißigen und lebensfrohen Sohn ihr Eigen zu nennen, der so wie jetzt immer alle Fährnisse und Prüfungen des Lebens bestehen möge — mit Ruhe und Befriedigung genießen und ich hoffe, Sie werden, wie an allen Vorgängen Ihres Lebens auch daran teilnehmen lassen. Ihre Wien, am 1. Juli 1931. A. M. gerichtete Propaganda ermutigt. Er ist es, der den Judengegnern Material liefert, in dem die wahren Tatbestände entstellt sind. Abg. Bessantchi stellt sodann die Forderung nach Abberufung des Pressechefs von Saloniki, sowie nach Entschädigung des Sportklubs Makkabi und der übrigen Betroffenen auf und schließt: Wir wünschen, daß dieganzeWahrheitanden Tag gebracht wird, in der Ueberzeugung, daß es keinen einzigen Juden gibt, der mit den Feinden des Vaterlandes zusammenarbeitet. Die Leiden der Judenschaft von Saloniki, die von den griechischen Nationalisten auf Grund erfundener Legenden der Sympathien für Bulgarien und die bulgaro-mazedonische Bewegung bezichtigt wird, nehmen kein Ende. Nachdem einige Tage in Saloniki verhältnismäßig Ruhe geherrscht hatte, haben die nationalistischen Agitatoren, hauptsächlich Studenten, am vergangenen Montag wiederum die Bevölkerung gegen die Juden aufgehetzt. Es wurde angekündigt, daß man die jüdischen Stadtviertel Salonikis in Brand stecken werde. Der Ober rabbiner von Saloniki sandte ein Telegramm an den Ministerpräsidenten Venizelos nach Athen, in welchem er ihn auf die drohende Gefahr aufmerksam machte und um Schutz bat. Die Drohung der Brandlegung wurde noch in der Nacht zu Dienstag, den 30. Juni, wahr gemacht. Um Mitternacht begann es im jüdischen Teil Salonikis an mehreren Stellen zugleich zu brennen. Bis 1 Uhr nachts waren über 200 kleine Häuser im ärmsten Teil des jüdischen Saloniki vollkommen niedergebrannt. Mehrere hundert jüdische Familien sind obdachlos und des Allernotwendigsten beraubt. Während der Feuersbrunst wurden die Juden von Nationalisten angegriffen, dabei wurden zahlreiche Juden verletzt. Sechs jüdische Einwohner erlitten schwere Brandwunden. Am Morgen des 30. Juni durchzogen Militärpatrouillen die Man befürchtet, daß die Truppen, die die strenge Weisung erhielten, sofort ihre Waffen zu gebrauchen, sobald sich verdächtige Elemente dem jüdischen Viertel nähern sollten, ihre Pflicht nicht tun. Schon früher hatten Militärs mit den Nationalisten sympathisiert. Es verlautet, daß die griechischen und jüdischen Notabilitäten demnächst eine gemeinsame Konferenz abhalten werden, um die Mißverständnisse zu beseitigen. Bis jetzt zählt man zehn getötete und weit mehr als 50 erheblich verletzte Juden als Opfer der Unruhen. Der Justizminister und der Luftschiffahrtsminister sind mittels Flugzeug aus Athen eingetroffen, um die Lage an Ort und Stelle zu studieren. Die jüdischen Vertreter Salonikis im Parlament, Senator Maliah und Abgeordneter Bessantchi, sowie der Rechtskonsulent der jüdischen Gemeinde in Saloniki M. Yacoel, haben dem Justizminister den Hergang der Unruhen und ihre Vorgeschichte geschildert und ihm ein detalliertes Memorandum überreicht. Der Minister erklärte, er wisse, daß der gegen den Makkabi erhobene Vorwurf illoyaler Haltung unbegründet sei. Er wolle an Ort und Stelle eine Untersuchung einleiten, um diese Tatsache offiziell und in einer jeden Zweifel ausschließenden Form festzustellen. Im Zusammenhang mit dem Pogrom wurden bisher ein Grieche zu 20 Tagen Gefängnis und einer Geldstrafe von 400 Drachmen, sechs Juden (!) und fünf Griechen zu je drei Tagen Gefängnis und 400 Drachmen Geldstrafe verurteilt. Die Juden flüchten aus Saloniki. Athen, 3. Juli (I. T. A.). Nach der letzten aus Saloniki eingetroffenen Meldung verlassen große Scharen der indischen Bevölkerung die Stadt Saloniki, um benachbarte und entferntere Städte aufzusuchen, da auch nach dem Brande der Terror der Nationalisten gegen die Juden nicht aufgehört hat Die Synagogen sind von durch den Brand obdachlos gewordenen Familien, die in ihnen Zuflucht suchen, überfüllt;

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