Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 28 (10.7.1931)
- Date
- 1931-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRBEH Der hervorragendste Nachfolger des Begründers des politischen Zionismus hat auf dergleichen Kongreßtribüne, auf der Herzl vor 34 Jahren das Basler Programm verkündete, unumwunden erklärt welches Ziel Herzl damals vor Augen hatte. Es schien wohl ein utopisches Ziel, die Juden der Welt hätten aber bei richtiger Aufklärungsarbeit an der Erreichung dieses Zieles so willig mitgearbeitet, wie sie heute den gefährlichen und verderblichen politischen Zionismus in ihrer überwiegenden Mehrheit entschieden ablehnen. Jener Mann, der wohl nach manchen Wandlungen — denn von ihm stammt das unvergeßliche Wort: „Palästina muß so jüdisch werden, wie England englisch!" — zu der Erkenntnis gelangte, daß nur dieser ursprüngliche Herzlsche Zionismus die Bewegung, wenn überhaupt noch, retten kann, jener Mann hat auf diesem Kongresse neuerlich erklärt, daß er die Führung der Bewegung nicht mehr behalten will. Gewissermaßen als politisches Testament hinterließ er seinen Getreuen — und es sind ihrer wahrlich sehr wenig geworden — folgendes Programm der Agency und der zionistischen Organisation für die nächste Zeit: 1. Die Aufrechterhaltung der im Mandat ent- •>haltenen Rechte. '' 2. Die Konsolidierung und Ausdehnung des bestehenden Werkes in Palästina, einschließlich Kolonisation der sogenannten Mittelklassen. 3. Die Stärkung der nationalen Fonds, wenn möglich ergänzt durch die Aufnahme einer jüdischen Anleihe (oder durch eine sonstige Finanzoperation größeren Stils) für die Zwecke der nationalen Kolonisation, wie für die Entwicklung und Förderung von Privatunternehmen. 4. Die Ausgestaltung der Organisation der Agency selbst auf einer breiteren und gesicherten Grundlage. Man wird gestehen, daß diese Forderungen ein Minimalprogramm darstellen, das im wesentlichen nur auf Sicherung des bestehenden Kolonisationswerkes bedacht ist. Als ein solches Minimalprogramm wurde Weizmanns politisches Testament auch von der Majorität des Kongresses aufgefaßt, und schon dieses Programmes wegen wäre Weizmann, hätte er nicht selbst demissioniert, fallengelassen worden. M. M. Usischkin, der palästinensische Führer der allgemeinen Zionisten, also jener Gruppe, auf die sich Weizmann wenigstens bisher hauptsächlich hatte stützen können, hat dem abtretenden Führer statt Worte des Dankes unter lebhaftem Beifall wörtlich folgendes gesagt: „Wenn wir vor der Wahl stehen werden, für ewig auf unser großes Ideal oder auf Sie, auf Weizmann, zu verzichten, dann werden wir auf Sie verzichten. Niemand hat Sie gezwungen, das zu sagen, was Sie uns gestern hier gesagt haben!" Wenn so ein bisher Getreuer Weizmanns gesprochen, wen wundert es, daß die revisionistische Opposition die Rede ihres Gegners iri emer Weise aufnahm, die wirklich unbeschreiblich ist. Als er seine Rede beendet hatte, stand ein revisionistischer Delegierter aus Palästina auf und rief aus: „Laßt uns Kaddisch sagen, nach dieser Rede!" Es kam zu einer unerhörten Tumultszene und zu einem scharfen Wortwechsel zwischen Revisionisten und Andersgesinnten, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte. (Bekanntlich war in diesem Zusammenhang in Wien die unrichtige Nachricht von einer Attackierung Weizmanns verbreitet.) Den Ordnern gelang es nur mit Mühe, die aufeinander losgehenden Gruppen wieder zu trennen. Sokolow hat in seiner Eröffnungsrede von „Familienstreitigkeiten" gesprochen, in denen sich die Stoßkraft des Kongresses nicht aufreiben möge. Hier zeigten sich Familienstreitigkeiten der widerlichsten Art und auch bei mancher anderen Gelegenheit — so z. B. bei einer Interpellation über ein Interview Weizmanns, in dem dieser die Forderung nach einer jüdischen Mehrheit in Palästina entschieden abgelehnt hatte, — gemahnte dieser Zionistenkongreß an die schönsten Zeiten unseres seligen österreichisch-ungarischen Parlaments. Der Kongreß war bisher — ein abschließendes Urteil läßt sich natürlich im gegenwärtigen Stande der Verhandlungen nicht fällen — nur ein Streit mit Worten. Ein Redner nach dem anderen stand in der fast ermüdend wirkenden Generaldebatte auf und gab seine Meinung zum besten, wie Palästina und dem Zionismus geholfen werden könnte; jeder hatte eine besondere Meinung, von Harmonie merkte man herzlich wenig. Der schon erwähnte Arbeitervertreter Ben Gurion gebrauchte, in einer Auseinandersetzung mit den Revisionisten, ein ganz klassisches Wort. Er nannte diese radikale. Bewegung .den. „1 e i cJi t e n Z i o n i s m u s", d. h. jenen Zionismus, der sich die Lösung des so gewaltigen Aufgabenkomplexes sehr leicht macht. Uns will es nun bedünken, daß nicht nur die Revisionisten, sondern alle bis nun aufgetretenen jüdischnationalen Parteigruppen und Grüppchen zu dieser Kategorie der „leichten Zionisten" gehören. Ben Gurion sieht den Zionismus gerettet, wenn „die ganze jüdische Masse ihre historische Pflicht so erfüllt", wie die ,200.000 Juden von Berlin für die Bedürfnisse ihrer lokalen Gemeinde sorgen. Jabotinskys Allheilmittel ist nach wie vor die Majorität in Palästina. M. M. Ussischkin will nur den Ankauf von Boden, dann wird es schon sicher gehen. Rabbi Stephen W i s e gibt alle Schuld nur England, das seinen Verpflichtungen nicht nachkam. Weizmann antwortete in seiner Schlußrede, auf die wir noch zurückkommen, auf alle diese Forderungen und Anklagen. Fazit aber war, daß jeder mit seinem mehr oder minder großer Anhang bei seiner Meinung blieb. Wie da eine Lösung der Hauptfrage des Kongresses, der Leitungsfrage gefunden werden kann, ist zur Stunde unerfindlich. Denn auch ein Direktorium stellt bei so divergierenden Ansichten keine auf die Dauer mögliche Klärung der kritischen Situation dar. O. H. Danksagung. Noch stehen wir unter dem furchtbaren Eindruck des Schicksalsschlages, der uns durch das Ableben unseres Familienoberhauptes, Ludwig Hirschfeld s. A., betroffen hat. Alle jene, die den Verblichenen gekannt, wissen, was wir, seine Familie, an der er mit inniger Liebe hing, mit ihm verloren haben. Diese Tage der Trauer und Bitternis zeigten uns, daß der Kreis jener, bei denen unser teurer Toter durch sein vielseitiges Wirken Wertschätzung und Sympathien erlangt hat, unendlich groß ist. Die Anteilnahme an unserem gewaltigen Verluste war eine so allgemeine, wie sie in gleicher Einmütigkeit wohl selten zu beobachten ist. Von allen Seiten erreichten uns überaus herzliche Beweise des Mitgefühls, für die jeder einzelnen Korporation und jeder einzelnen Privatperson zu danken, wirklich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wir benützen deshalb dieses Blatt, das der Verewigte geschaffen und ausgebaut hat, um den vielen, die uns in diesen Tagen zu trösten suchten, für ihre Anteilnahme herzlichst zu danken. Wir wissen, daß Unzählige mit uns fühlen; all jenen, die uns dies durch Wort und Schrift bekundeten, sei an dieser Stelle unser wärmster und innigster Dank gesagt. FAMILIE HIRSCHFELD. Peuitteton Präfungen. Plauderei von Anna Mandel-Friedmann, Wien. Meine liebe Freundin! Ihr gestriger, liebenswürdiger Brief hat große Freude bei uns wachgerufen, und es drängt mich, Sie sofort zu der bestandenen Reifeprüfung Ihres lieben Sohnes herzlich zu beglückwünschen. „In tausend Aengsten", — so heißt es in Ihrem Schreiben — haben Sie diesen Tag ersehnt und nun dürfen Sie sich mit Ihrem Kinde freuen und stolz und glücklich sein. Als ich Ihre lieben Zeilen las, beste Freundin, dachte ich unwillkürlich der Tausenden von Vätern und Müttern, die heute zufrieden und glücklich wie Sie — oder betrübt und verzweifelt — vor ihrem Kinde stehen, vor dem höchsten Schatze fibres Lebens. Denn wie groß sind doch oft die Opfer, die Eltern, besonders jüdische Eltern bringen, um ihren Kindern einen leichteren und angenehmeren Weg ins Leben zu weisen — wie schwer und bitter aber auch die Enttäuschungen, wenn diese Hoffnungen sich aJs trügerisch erweisen. Und ich dachte daran, wie schwer es in dieser Zeit der wirtschaftlichen Not für Eltern und Kinder ist. nach mühevollen Lerniahren den richtigen Lebensweg zu beschreiten, die richtige Berufswahl zu treffen. Ja. auch der Kinder dachte ich. Wie glänzen ihre Augen, wenn nun endlich die Befreiung von jahrelangem Ringen um Wissen und Erkennen gekommen, wenn das Bewußtsein, ein gesammeltes, sicheres Können in sich zu tragen, auch heute die Aussicht auf künftige Erfolge erleichtert Wie schwer und bedrückt ist aber' auch so manches Herz, wie traurig und müde blickt manches Kinderauge dem kommenden Jahre entgegen, das ihm dieselbe Arbeit von neuem bringt und ihn aus seinem Freundes- und Kameradenkreise ausscheidet Da sollten Eltern und Lehrer voll Güte und Geduld Hilfe bringen, da müßte Schule und Haus eng zusammenarbeiten, eifriger,, noch enger zusammenstehen, um die Verzweiflung, die einen jungen Menschen heute allzu leicht befällt hintanzuhalten. Prüfungen! Die ersten sind es im Leben des Kindes, nicht die letzten im Leben des Lehrers! Schwer und mühevoll scheint die Entscheidung der Jugend, voll Verantwortung und Kampf ist sie für den Lehrer. Güte, gepaart mit Weisheit Strenge mit Einsicht und Verständnis, das sind die Eigenschaften, die der „Lehrer" bei der Prüfung bekunden soll. Denn er prüft ja nicht nur. wie in den früheren Schuljahren, das Wissen, welches der Schüler gerade in dieser Stunde am besten beherrscht, er prüft und übersieht den gesamten sicheren Besitz und danach spricht er das Urteil, danach wird der junge Mensch für reif oder unreif erklärt, ins Leben einzutreten. „Nicht der Zufall soll entscheiden", so ungefähr lautet ein Wort des großen, freisinnigen Unterrichtsministers, der zuerst bei uns diese neue, so wertvolle Prüfungsart geschaffen hat Denn das Kind, das gerade an diesem Tage erregt unruhig und oft ganz benommen ist weiß manchmal das Einfachste nicht und könnte, danach beurteilt, leicht des Aufstieges verlustig werden und wegen zufälliger Indisposition die gute Note einbüßen. Doch heute ist dies nicht mehr gut möglich. Schon die Note, die ein Schüler erhält soll die Art, den Grad, die Fruchtbarkeit der Mitarbeit des Schülers an den gemeinsamen Aufgaben zum Ausdruck bringen. Um wieviel mehr wird bei der Prüfung die Gesamtleistung, das Fazit des Fortschrittes, den der Schüler in all den Jahren gemacht, beurteilt Jedoch muß hier auch der Unterschied zwischen Leistung und Eifer, zwischen Talent und Fleiß mitsprechen, zum allgemeinen Urteil beitragen. Wenn der Lehrer hier oft mildernd und schonend eingreift, wenn er mit Verständnis und Güte die Härten und Kanten lindert, dann können so traurige Nachrichten, wie das Verschwinden von Schülern und Selbstmorde nicht die Gemüter erregen und Trauer und Verzweiflung auslösen. Welche Verantwortung aber, Jiebe Freundin, hat erst der jüdische Lehrer! Sie sagten in einem Ihrer Briefe mit Recht das Auge der Eltern hängt mit Flehen an ihm. Er soll einbringen, was sie vergessen, gutmachen, was sie gefehlt Er soll den Kindern ein Freund, ein Führer sein im Reiche des religiösen Wissens, soll ihnen Liebe und Verständnis beibringen für das kostbare Gut, das Studium der Thora. Durch die kleinen Prüfungen in der Schule soll er sie stählen für die großen Prüfungen des Lebens. Durch die Religion und an deren Hand lernen sie Aufopferung, Entsagung und Menschenliebe als den sittlichen Halt für alle Prüfungen kennen und wenn das jüdische Haus den Lehrer nur unterstützen wollte, es wäre manch gleichgültiger, vergnügungssüchtiger Mensch, der bei dem ersten Schicksalsschlage zusammenbricht ein tapferer, tüchtiger, glaubenstreuer Jude geworden, der die Prüfungen als von Gott gesandt erkennt und mit Ergebung trägt! Und, liebe Freundin, es sind schon Ansätze dazu vorhanden, schon werden viele Eltern auf Wunsch des Lehrers zum Einhalten der Festtage, wie des Pessachfestes. gehalten, wollen sie nicht ihrem Kinde eine sehnsüchtig erwartete Freude verderben, wollen sie seiner Kritik., die oft grausam und unerbittlich ist. standhalten. Ja, den Beginn aller Regungen, Gefühle, Erkenntnisse des Kindes zu lenken und den rechten Weg zu führen, dazu bedarf es gemeinsamer Arbeit, dazu genügen wohl nicht die wenigen Stunden in der Schule. Aber wenn der jüdische Lehrer seine Aufgabe mit Ernst und Pflichttreue erfaßt — Wie es ja auch meistens der Fall ist — wenn er die Unterstützung der Eltern findet, dann erreicht er doch die Aufmerksamkeit das Interesse des Schülers für die Gegenwart und ein tieferes Nachdenken und Ergründen des Erforschten und Gelernten für die Zukunft. Dann wird ihnen auch die Religion wieder die Quelle des Lebensmutes und des Glückes werden» wie sie es unseren Eltern und Großeltern gewesen ist. Ja, liebe Freundin, fest und sicher muß der jüdische Lehrer dastehen inmitten brandender Zweifel und Fragen, inmitten lässiger Gleichgültigkeit, ja oft hohnvoller Nichtachtung. Denn seine Mission ist es, ein kostbares Kleinod, ein wertvolles Gut zu bewahren, er ist der Hüter der Lehre des Ewigen, er ist es. der ihre Höhen und Tiefen durchmißt und sein Wissen mundgerecht macht für die Stützen der Zukunft für die Pfeiler des Judentums, für unsere Kinder! Dann erst werden sie dieses Judentum als etwas Eigenes besitzen, wenn sie seine Geschichte kennen, seine Sprache sprechen, seine Psalmen singen, wenn sie all die Eigenart und Schönheit seiner Literatur in sich aufgenommen und sie werden sich mit Stolz und Selbstbewußtsein Juden und Jüdinnen nennen. Und in dieser Zeit voller Wirren und innerer Kämpfe ist solch ein Schatz wohl unerläßlich: nur dieser Stolz, nur dieses Selbstbewußtsein mag unserer Jugend gegen zähe Feinde in Mittel- und Hochschulen zum Siege verhelfen. Bei der Arbeit und bei der Prüfung, Knaben und Mädchen, sie alle müssen hier zusammenhalten und die Lehren des Judentums als grundlegend anerkennen, sie müssen noch eifriger, noch ernster ihren Studien obliegen, um mit geistigen Waffen die Schmähungen und Zurücksetzungen besiegen zu können. Nur gebildete jüdische Frauen, wie sie einst unsere Ahnen in einer Miriam, einer Deborah, einer Chulda besaßen, werden ihre Prüfungen nicht nur in allen anderen Sprachen und Wissenschaften, nein, sie werden sie ganz besonders in der Religion bestehen und dadurch die schönsten Zierden unserer Glaubensgemeinschaft bilden. Und wenn wiT uns auch hier nicht wie unsere Brüder im heiligen Lande des Hebräischen als Umgangssprache bedienen, so sollten doch alle Kinder