Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 27 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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waren. Seine väterliche Herzensgüte dehnte er auch freudig auf seine kleine Nichte aus, die er als Kriegswaise in sein gastliches Haus aufnahm und der er nicht w i e ein Vater, sondern Vater war. So sehr Ludwig Hirschfeld auch in seiner Familie und für die Familie lebte, so war damit noch lange nicht derKreisseines Denkens und Fühlens, seines Strebens und Wirkens erschöpft. Die Zahl der Menschen, die er sich durch seine reinen, menschlichen Tugenden zu Freunden machte, zu Freunden über das Grab hinaus, ist unermeßlich groß. Er stand mitten im Leben, inmitten des öffentlichen jüdischen Lebens — welchen Kenner der Verhältnisse in unserem jüdischen Wien würde es wundern, wenn er Neider und Hasser, wenn er Gegner gehabt hätte? Ludwig Hirschfeld war wohl ein Kämpfer für die Sache, die er einmal als richtig erkannt hatte. Er vertrat in Wort und Schrift mit Energie und Offenheit seinen Standpunkt, aber er mied alles Aetzende und Verletzende, alles Persönliche und Kränkende, er erwarb sich durch die Reinheit seiner Ueberzeugung auch die Achtung seines politischen Gegners und Widersachers und so hatte Hirschfeld wohl politische Gegner, aber keinen persönlichen Feind. Ja, selbst seine politischen Gegner zählten zu seinen persönlichen Freunden. Denn, sie wußten und fühlten, daß ihn nichts mehr schmerzte, als der Zwiespalt im jüdischen Lager, daß er in seiner öffentlichen und publizistischen Tätigkeit kein anderes Ziel im Auge habe, als dem Judentume zu dienen. Er sehnte sich nach der publizistischen Rolle, ein Mittler zwischen den feindlichen Brüdern zu sein, eine Brücke zu schlagen zwischen den gegnerischen Parteien, von denen jede, nach ihrer Ueberzeugung, ihr Wollen und Können einsetzt zur Erhaltung und Erstarkung des Judentums. Wie im Großen, so war auch im Kleinen, im täglichen Leben sein Bestreben darauf gerichtet, Friedensstifter zu sein zwischen entzweiten Menschen, einen Ausweg zu finden aus heiklen Situationen, in denen oft Sachliches mit Persönlichem verquickt war. Erst vor wenigen Wochen war der Schreiber dieser Zeilen selbst Ohrenzeuge einer unerquicklichen Szene, in der der bloße Klageruf: „Uns fehlt der Hirschfeld", schon eine friedliche Stimmung über die Hadernden zu breiten schien. Nicht nur seine eigene Friedfertigkeit, seine Herzensgüte, sein auch in kritischen Lagen nie versagender, schlagfertiger Humor prädestinierten ihn zur Rolle des Friedensstifters, mehr noch als all dies, seine aus der Lebenserfahrung geschöpfte Menschenkenntnis und vor allem seine tiefe Verbundenheit mit dem Leben in der Kehilla. Er wußte um Alles und Jedes und was man ihm nicht zutrug, das suchte er selbst zu ergründen. Nicht aus Neugierde, nicht aus oberflächlicher Klatschsucht, nicht .aus Mißgunst und Scheelsucht, nicht aus irgendeiner undurchsichtigen Nebenabsicht kümmerte er sich um all das, was im Wiener jüdischen Gemeindeleben, in den Tempelvereinen oder anderen Organisationen vorging oder nicht vorging, sondern fast triebhaft aus seinem jüdischen Pflichtgefühl heraus, — wie ein Vater in das Seelenleben seiner Kinder einzudringen, es zu durchleuchten sucht. Für Ludwig Hirschfeld war die Kehilla seine eigene große Familie, mit der er lebte und sorgte. Was ein Publizist, was ein Mitarbeiter -und Wegbereiter von derart seltenen menschlichen und beruflichen Qualitäten für unsere Vereinigung, die „Union österreichischer Jude n", bedeutete, und was nun sein Verlust für uns bedeutet, — dies zu schildern sprengt den Rahmen dieser kurzen Würdigung des Lebens und Wirkens eines Mannes, der durch tausende Fäden mit den Führern und Mitgliedern unseres Vereines verknüpft war. Daß er nicht Konjunkturpolitik betrieb, daß er nicht der Mode, dem Erfolg nachlief, daß er aus freiem Willen und innerster Ueberzeugung Die Ledchenfeier für Ludwig Hirschfeld gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der aufrichtigen Sympathien, ' deren sich der nun Verblichene Zeit seines Lebens in allen KreSsen der Wiener Judenschaft erfreut hajte^JRneltag..nachmittags versammelte sich eine Schar seiner Freunde vor der Leichenhalle des RomsolnldspMals, in dessen Mauern Ludwig Hirschfeld unter sorgsamster ärztlicher Beobachtung und hingehendster Pflege die letzten Wochen seines Lebens verbracht hatte, Uta! die irdische HüMe in Empfang zu nehmen und vor däe Stätte zu geleiten, zu deren Errichtung und Erhaltung er so unendlich viel beigetragen hatte: vor den Pazmanftentempel im 2. Bezirke. Eine schier unabsehbare Menge von trauernden Männern und Frauen erwartete vor dem hell erleuchteten Gotteshause das Eintreffen des Zuges. Oberkantor Müller sang vor den Pforten des Tempels ergreifend ein Ei mole rachamLm, worauf der Fourgon mit den sterblichen Ueberresten, gefolgt von den Trauergästen, den Weg durch die Heinestraße, in der däe Wohnung des Verstorbenen liegt, nach dem Zentralfriedhofe nahm. Sonntag, um 5412 Uhr vormittags, fand die Trauerfeier in der Zeremonienhalle des neuen Friedhofes statt, Dortselbst .hatten sich eingefunden: Der Präsident der israelitischen Kutasgemeinde, Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Pick, der Vizepräsident Dr. Löwenherz, die Kutasvorsteher Börserat Glück, Ober-Med.-Rait Dr. Haase, Hofmann. Dr. Landau. Moritz Papnenheim und Prof. Rath, die Herren Rabbiner Dr. Grunwald, Dr. Kaminka, Dr. Mehrer, Doktor Rosenmann und Dr. Taubes, eine Reihe von Oberkantoren und Kantoren, Abordnungen fast sämtlicher Tempelvereine sowSe einer großen Zahl von humanitären und insbesondere Frauenvereinen, einige hunderte Mitglieder der „UnSon österreichischer Juden", eine große Deputation des Frauen-Klubs und der Jugendgruppe der „Union" sowie der Jugendgruppen des Tempelvereins „Aeschel Awrohom" und der Aguda II, eine Deputation der Beamtenschaft der Kultusgemeinde unter Führung des Amtsdirektors Reg.-Rat Fuchsgeib und Amtsleiters Freistadt u. v. a. Der Rabbiner des Pazmaiütentempels Dr. Zwi Taubes trat an die Bahre und hielt dem Verstorbenen einen tief empfundenen Nachruf. Er entwarf ein Lebensbild des Verblichenen als Ehegatten und Vater, als Freund und Jude, der mit allen Fasern' seines Herzens in der Kehilla verwurzelt war. Er schilderte seinen Lebensmut und seine Lebensfreude. Er war nicht nur der Stolz setner Familie, sondern auch eine Zierde unserer Gemeinde, vor allem die Seele des Paamanitentempels. Drei goldene Fäden zogen sich durch sein ganzes Leben: Freundschaft Liebe zum Judentum und Familientreue. Hierin hat sich sein ganzes Leben erschöpft. Ein kostbares Leben, das von Kämpfen und Erfolgen ausgefüllt war, ist viel zu früh entschwunden. dieses sein Blatt der „Union" zur Verfügung stellte, das sei ihm und denen, die sein Erbe zu wahren und zu hüten haben, unvergessen! Dr. Max Lenk. Im Namen der israelitischen Kul'tusgenneinde sprach Präsident Prof. Dr. Pick die letzten Abschiedsgrüße. Er war ein gütiger Mensch, erfüllt von tiefem sozialen Empfinden, sagte der Präsident -Er war einausgezeichneter Mensch-und ein1 ausgezeichneter Jude, innig verbunden mit Leid und) Freud unserer Gemeinde. Als Mitglied unserer jüdSschen Presse war er immer darauf bedacht, das Ansehen des Judentums zu wahren und er zögerte nie, unberechtigte Angriffe gegen das Judentum mit aller Macht zurückzuweisen. Der Obmann des Tempel Vereins Aeschel Awrohom, Oskar Schramek, sagte dem Verblichenen im Naimen des Vorstandes das letzte LebewöWi und sprach ihm den wärmsten Dank für sein nie erlahmendes Interesse, für all das aus, was er für seine engere Gemeinde geleistet hat „Als du", sagte der Redner, „auf deiner letzten Fahrt vor den offenen Toren unseres Tempels halt machtest, da klagten die Mauern: Ist es denn wahr, sollst du niemals mehr in unserer Mitte erscheinen? Es ist mcht wahr, Ludwig Hirschfeld lebt in uns weiter, sein Andenken wird stets in uns fortleben". Im Namen der Organisation der Wiener Tempel vereine sprach Börserat Glück dem Dahingeschiedenen den Dank für all däe Mühe, all die Arbeit aus. die er im Interesse der Ausgestaltung eines würdigen Gottesdienstes to den Tempelvereinen geleistet hat. Ludwig Hirschfeld hat viel dazu beigetragen, daß unsere Organisation entstanden ist und wir werden uns bemühen, die Tempel in seinem Siinne weiter zu führen. In Liebe und Freundschaft werden wir seiner immer gedenken. Vizepräsident der „Union". Dr. Karl Steiner, verdolmetschte die innigen Gefühle des Dankes, die die Mitglieder der „Union" beseelen für die treue Anhänglichkeit an den Verein und die treue Mitarbeit an dessen Werk. Ein Streiter für unsere Ideen und Gedanken, widmete Ludwig Hirschfeld seine Kraft unseren Bestrebungen, die er als richtig erkannt hatte und steUte die „Wahrheit" in den Dienst unserer Sache. Er war ein Kämpfer, aber dabei ein Mann, dessen Herz erfüllt war von Liebe und Güte. ImNamen des österreichischen Fachschrif'tstellerverbandes, dessen Vorstand der Verstorbene angehörte, entbot Direktor Heinrich Beck die letzten Abschiedsgrüße, namens des Vereines „Nächstenliebe" sprach Rechtsanwalt Dr. Tänzer und im Auftrage des Vereines „Wohlfahrt" Rabbiner Dr. Grunwald. Ein langer Zug von Leidtragenden folgte sodann dem Sarge zur letzten Ruhestätte Ludwig Hirschfelds, an dessen Grabe gleich wie im Zeremoniensaale Oberkantor Müller, assistiert von dem 1. Kantor Stift und dem Chore, die kantorale Funktion in herzbewegender Weise versah. Ein Blatt der Erinnerung. Eines Tages tauchte in unserem „Komitee zur Sanierung notleidender jüdischer Wohlfahrtsanstalten Wiens" ein neues Gesicht auf. Unser unermüdlicher und unvergeßlicher Rübner hatte uns einen neuen Mitarbeiter zugeführt. Er empfahl ihn uns als einen Mann, wie wir ihn brauchten. Der angesichts der andrängenden Not rings umher nicht jammernd' die Hände rang, sondern sie in beharrlicher stiller Arbeit zu rühren bereit war. Das war Ludwig Hirschfeld. Aus unserer Arbeitsgemeinschaft entwickelte sich persönliche Beziehung. Sie führte uns auch im „Verein der Freunde des großen Leopoldstädter Tempels" zusammen, in dem er gleichfalls voH Hingebung mitwirkte. Und wenn es uns gelang, in der Leopoldstadt, die in zahlreiche Gruppen gespalten, bis dahin nun ein topographischer Begriff war, einen Ansatz zu umfassendem Gemeinschaftsbewußtsein und tätigem Gemeindeleben zu schaffen, so gebührte ihm daran eän redlicher Anteil. Alle diese Arbeit für „Klal Jisroel" leistete er in einer Zeit, in der er nflt Sorgen des Alltags überbürdet war. Sie haben ihn fast bis ans Grab begleitet Der biblische Weise sagt: „Glücklich der Mensch, der stets bangt." Wer kann in Bangen und Sorgen ein Glück finden? Nur wer in solcher Not den Wert eines Weibes schätzen lernt wie es unserem Hirschfeld besctneden war. Er gehörte nicht zu den Langlebigen, die der Tod zu vergessen scheint. Ihn, dem seine Erdentage so knapp bemessen' waren, hatte das Leben vergessen, wenn Leben heißt sich sorgenfrei seines Daseins freuen. Er Hebte nur in der Hoffnung auf ein künftiges Glück. Und dieses Glück ersehnte er nur, weil er es mit diesem edlen Weibe, als wohlverdiente Ernte aus harter gemeinsamer Arbeit zu teilen gedachte. Diese Hoffnung blieb ihm treu bis in die letzten Stunden. Er war durch und durch Optimist Nie verließ ihn sein Humor. Er war seine Waffe im Kampf mit allen Widerständen. Wenn man ihn von seinen Kriegserlebnissen behaglich plaudern hörte, mußte man Tränen lachen. Noch auf seinem Krankenlager frischte er eine Reminiszenz aus der Kriegszeit auf, wobei er zugleich Erkenntnis seiner Lage verriet „Mir gehts mit dien Aerzten, wie die galüzSscfaen Juden im Kriege sagten: Wir haben bis Lemberg und bis Krakau „gesiegt". Bald werden wir bis Wien „siegen". So trösten auch die Aerzte: „Es geht besser, bald werden wir Sie nach Baden schäcketu" Ja, bald werden wir „bis Wien Stegen". Sein Optimismus wirkte ansteckend. Mit ihm hat er seine Blätter gegründet undi über Wasser enhalten. So hat er als Tempelvorsteher aus jeder Krise einen Ausweg gefunden. So bat er an seinem Tische, an dem so oft Frau Sorge saß, immer noch für einen Hungrigen Platz geschafft. So hat er als Jauniger Gesell seinen Freunden manche fröhliche Stunde bereitet Und dafür gebührt ihm ehrMcher Dank. Als einst, so liest man in einer von Tolstois Legenden, ein Reicher ins Jenseits kam, fand er dort Tische voll köstlicher Speisen. Jede dieser Speisen kostete nur einen Groschen. Der Reiche zog sein Portemonnaie. Er konnte sich ja alle diese Herrlichkeiten kaufen. Doch man nahm sein Geld' nicht an. Dort war es ohne Kurs und Wert. Nur einen Groschen kostet hier alles, aber — einen Groschen, den Du bei Lebzeiten einem Armen geschenkt hast" Nicht als einer der Reichen dieser Welt ist Hirschfeld von uns gegangen. Aber eines wissen wir: in der Welt, in däe er eingegangen, wird es ihm nicht an den Groschen fehlen, die allein dort Kaufkraft halben, an den Zeugen der Taten, die er still und selbstverständlich, hier geübt hat aus gutem Herzen. Wie Jakob zog er einst aus mit dürrem Wanderstecken. Wie der Patriarch ist er zu zweä Lagern geworden. Zwei Kindern hat er in schwerer, entsagungsreicher Arbeit ein Lebensfundament geschaffen. Er durfte säe noch glücklich sehen am eigenen Herd» wie er selbst es in seinem Hause war. Siie werden sein Werk fortsetzen, über dem das gütige Auge seines treuen Weibes wacht Dr. Grunwald. Die Beerdigung Ludwig Hirschfelds. HHglieder und freunde der „Union" Übertragen Lebens- und Elemenfar- Vcrsidicrunßen der Städttsdien Vershhcrnngsansfalf