Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 27 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Grosdien Jädbche UUensdirifT mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelifischen Kultusgemeinde Wien Die UUrU Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 3. Juli 1931 Nummer 27 uiröwig HirsdifelO. Seit den ersten Morgenstunden des vergangenen Freitag weilt der Herausgeber dieses Blattes nicht mehr unter den Lebenden. Nach einem langen, schweren Leiden, das er mit beispielloser Geduld und bewunderungswürdiger Selbstverleugnung ertragen hat, entschlummerte er ruhig in ein besseres Jenseits. Im Leide, in den Tagen der Krankheit, da zeigt der Mensch sein wahres Wesen, enthüllt er, fast unbewußt, seinen Charakter. Ludwig Hirschfeld litt und starb, so wie er gelebt hatte, seine Sorgen und Schmerzen in sich verbergend, voll Schonung, voll Liebe für seine Umgebung. Er bewahrte seinenLebensmut, seine Lebensbejahung, seinen Humor und Optimismus bis in seine letzten Tage, buchstäblich bis in jene Stunde, da ihm das Bewußtsein schwand. Auch auf seinem Schmerzenslaeer zeigte er keine Spur von Egoismus, nicht von sich und seiner Krankheit sprach er mit der großen Zahl von Freunden und Bekannten, von denen er täglich umgeben war, sondern von all den vielen Dingen, die ihn als gesunden Mann bewegt und interessiert hatten. Was er seiner Familie, was ihm seine Familie war, wie sehr er eins war mit seiner Frau, seinen Söhnen und seinen Schwiegertöchtern, das kam in den vielen Monaten seines Krankenlagers in rührender und sinnfälliger Weise zum Ausdruck. Die Nachkriegszeit, die selbst die Bande der jüdischen Familie zu lockern droht, konnte dem Familiensinn, dem Familienleben im Hause Hirschfeld nichts anhaben. Er war Gatte und Vater noch im besten jüdischen Sinne; seine Hingebung, sein Pflichtgefühl, seine Liebe und Treue, sie zwangen seine Umgebung in seinen Bann. Er hatte ein heute immer seltener werdendes Glück: er hatte eine mutige, tapfere Frau, eine treue Weggenossin in guten und in bösen Tagen. Sie, die schon seit Monaten wußte, daß die Tage ihres Mannes gezählt seien, sie bezwang ihren quälenden Schmerz, ihre zitternde Bangigkeit, sie belebte und befeuerte seinen Optimismus zur sicheren Hoffnung einer baldigen, vollen Genesung. Nichts kennzeichnet besser die grundgütige Liebe und friedenspendende Wesensart des Vaters Hirschfeld mehr, als sein herzerfreuendes Verhältnis zu seinen jungen Schwiegertöchtern, auf die er die väterliche Liebe zu seinen Söhnen übertrug und die, dank- und glückerfüllt, wie die eigenen Kinder in Liebe ihm ergeben Wm: