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Die Wahrheit · 1931-06-19 · Heft 25 (19.6.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 25 (19.6.1931)
Date
1931-06-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Satte o DIE WAHRHEIT tung hatten, während ihrer ganzen JWittelschulsrudienzeit bei Lektor Friedmann am Bet-ha-Midrasch Bibel und Talmud zu lernen. Denn er erkannte mit seinem zuweilen ans Geniale streifenden Geiste, daß gegenüber den antisemitischen Anfeindungen, die schon damals bemerkbar waren, vor allem unter der jüdischen Intelligenz Männer herangebildet werden müßten, die, ohne gerade Rabbiner oder Berufstheologen zu sein, befähigt wären, den gehässigen Angriffen, namentlich gegen den Talmud, entgegenzutreten und den makellosen Ehrenschild des Judentums gegen Verunglimpfung zu schützen und zu verteidigen. So lebt Lektor Friedmann in unserem Gedächtnis fort, als ein im Verborgenen blinkender Edelstein im Wiener Judentum des neunzehnten Jahrhunderts. Jim Sohn des verewigten Lektor Friedmann, Herr Direktor Joab Fried mann, hat zur 100. Wiederkehr des Geburtstages seines Vaters eine Broschüre herausgegeben, welche die Lebensbeschreibung des Verewigten und ein bibliographisches Verzeichnis seiner Werke enthält Diese Broschüre ist besonders dadurch bemerkenswert, daß sie zeigt, wie Lektor Friedmann mit seinem weitgespannten Geiste nicht nur den jüdischen, sondern auch den allgemeinen kulturellen Zeitbestrebungen das lebhafteste und verständnisvollste Interesse entgegenbrachte, und deshalb auch mit hervorragenden Zeitgenossen, wie dem Dichter Ludwig August Frankl, ferner mit dem Begründer der modernen Wissenschaft des Judentums Leopold Zunz nnd dem Philosophen Moritz Lazarus teils in brieflichem, teils in persönlichem Verkehr stand. Die Broschüre ist aber auch als ein Dokument edelster kindlicher Pietät den breitesten Kreisen der Oeffenüichkeit aufs wärmste zur Lektüre zu empfehlen *). Prof. Dr. M. E. P r o s s n i t z. Die Romantik des Martyriums. (Dr. M. J. Schleiden: Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter. — Obermedizinalrat Dr. Heinrich Haase: M. J. Schleidens Wissen und das Judentum, M. Rath-Verlag, Wien.) J3en unbegabten Juden fehlt die eigentliche Freude an der Romantik des Martyriums" zitiert der Verfasser Dr. M. Schleiden den Herrn Professor Bulrotb. Im ersten Augenblick ist man verblüfft Sonst noch etwas? möchte man fragen. Was uns Juden nicht alles fehlen soll! Die Freude an der Romantik des Martyriums. Ein so blutlos ästheüsierendes (wenn nicht perverses) Gefühl beim Anblick des Tragischen dürfte nur sehr wenigen Juden zu eigen sein, wir möchten sogar hoffen, keinem einzigen Juden. Warum nur hat sich jemand gefunden, uns von einem Vorwurf zu entlasten, der gar kein Vorwurf, sondern ein Lob ist? Mit einem solchen Gefühl des Vorurteils also, des Mißtrauens liest man das kleine Buch_weiter und liest es mit steigendem Interesse weiter. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine knappe, unsentimentale, aber von starkem Gerecntigkeitsgefühl durchpulste Geschichte der Judenverfolgungen. Ein reichliches Materialverzeichnis dazu weist auf die Quellen hin. Schleiden schreibt einen schlichten, unumwundenen Stil. Er scheut sich nicht — selbst Christ — Roheit, Dummheit und Habgier — besonders des christlichen Klerus — immer wieder als Triebfeder der mittelalterlichen Judenbeschuldigungen und -Verfolgungen anzuprangern. Er scheut sich nicht Unwissenheit in Aeußerungen über die Juden selbst bei einem Herder mit dem richtigen Namen zu benennen. Interessant ist u. a. sein Nachweis, daß erst gegen Ende des Mittelalters den Juden Wucher zum Vorwurf gemacht wurde und daß sie sich, so lange man ihnen Freiheit dazu ließ, den vielfältigsten Berufen widmeten. Das kleine Buch, das eine Fülle von Tatsachen enthält und die durch eine sehr knappe, aber klare Darstellung verknüpft ist eben deshalb ein gutes Nachschlagewerk und ein Leitfaden für solche, die sich mit dem Thema näher beschäftigen wollen. Die biographische Studie, welche Obermedizinalrat Dr Heinrich Haase dem Buch über die Person seines Verfassers anschließt hat stilistisch dieselben Vorzüge wie der erste Teil und bietet eine gute Ergänzung zu diesem. Luise Fischer-Treu. *) Im Selbstverläge des Direktors Friedmann, Wien II, Schiffamtsgasse 16. erschienen. ^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■| Konkurs. Die unterzeichnete israelitische Kultusgemeinde sucht einen mit Chor und Orgel vorbetenden Oberkantor, der von drei.Rabbinern die Befähigung zum rituellen Schlachten (Schita und Bdika) besitzt und den Religionsunterricht der Volksschüler zweimal wöchentlich erteilen kann. Nur Berufenen werden ihre Auslagen ersetzt. Da die Stelle rasch zu besetzen wäre, wolle man Gesuche mit Zeugnissen, Familienstand und Gehaltsansprüche baldigst einsenden. Vukovar, Jugoslawien, den 9. Juni 1931. Hinko Steiner, Präses. UNION¬ FRÜHLINGSFEST SAMSTAG, DEN 20. JUNI 1931, IM RESER¬ VIERTEN GARTEN DES CAF£-RESTAURäNT CONSTANTINHUGEL" (AKADEMIE mit hervorragenden Kunstkräffen des Kabaretts „SIMPUCISSIMÜS'«, TANZ IM FREIEN zur Jazz ,3IG BAND«*, TOMBOLA, MODESCHÄU DER FIRMA JULIUS KRUPMK, JUXZELTE ETC.) SELCHWARENBÜFETT DER FIRMA PETYAN & Co. ti ENTREE 3 S WENIGE RESTLICHE KARTEN AN DER ABENDKASSA DAS FEST WIRD BEI UNGÜNSTIGER WITTERUNG IM SAALE ABGEHALTEN m FMjir* r*r*^*^MmM* wwwwvw«.».-«.-*^ Wahrheiten vom finge Die Beratungen der Mandatskommission. Am 9. Juni wurde die 20. Tagung der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes durch ihren Vizepräsidenten Van Rees eröffnet. Die Beratungen über die Palästinafragen sollen auf Grund eines Beschlusses der Kommission am Montag, den 15. Juni, beginnen und etwa drei Tage dauern. (Wir werden über diese Tagung noch ausführlich berichten. D. Red.) Die englische Regierung wird bei diesen Beratungen durch Unterstaatssekretär Doktor Shiels und dem Chefsekretär der Palästina-Regierung Young vertreten sein. Für das kommende Jahr wurde T h e o do I i neuerlich zum Präsidenten und Van Rees zum Vizepräsidenten der Kommission gewählt Der Bericht der Palästina-Regierung über das Jahr 1930 ist noch nicht erschienen, doch wird seine Veröffentlichung im Laufe der nächsten Tage erwartet. Das diesem Bericht beigefügte Memorandum der britischen Regierung, in dem die künftige britische Palästinapolitik dargelegt wird, wird nur auf ausdrücklichen Wunsch des Völkerbundes veröffentlicht werden. (Immer .wieder Geheimpolitik!) „Erschlagt die Juden, rettet Rußland!" Wie aus Nowosibirsk gemeldet wird, kam es in einer Rekrutenabteilung der dort stationierten Norddivision während einer Marschübung zu antisemitischen Kundgebungen. Einer der neueingezogenen Soldaten, namens Iwlew" der neben einem jüdischen Kameraden namens Cherchess marschierte, brach plötzlich in den Ruf „Erschlagt die Juden, rettet Rußland!" aus. Ein zweiter Soldat, namens Fodarenko, erging sich in wilden antisemitischen Beschimpfungen und nahm gegenüber dem jüdischen Rekruten Schuster eine drohende Haltung ein. Die beiden antisemitischen Soldaten werden auf Anordnung ihrer Vorgesetzten vor ein Volksgericht gestellt werden. Es ist bemerkenswert, daß hier zum ersten Male der alte Losungsruf der Schwarzen Hundert aus zaristischen Zeiten im Kreise junger Angehöriger der Roten Armee, die bereits unter dem Sowjetregime aufgewachsen sind, gehört wurde. Das Organ der Roten Armee, „Krasho Armejskaya Zwezda", fordert im Leitartikel die Ausrottung jeder Spur von Antisemitismus aus der Roten Armee und behauptet, der Antisemitismus in der Roten Armee sei einzig und allein auf konterrevolutionäre Einflüsse zurückzuführen. Ases. Am Samstag, den 6. Juni, fanden auf dem Makkabi-Sportplatz in Jerusalem stürmische Demonstrationen! orthodoxer Juden gegen die Veranstaltung eines Fußballmatches durch zwei jüdische Teams am Sabbath statt. Das Wettspiel war von tausenden Personen, teils Anhängern der spielenden Mannschaften, teils orthodoxen Gegnern, besucht. Unmittelbar nach Beginn des Wettspieles setzten Protestrufe gegen die von den Demonstranten mit Recht als Entweihung des Sabbaths empfundene Abhaltung des Spieles ein. Etwa 300 Demonstranten waren ins Spielfeld eingedrungen, wurden jedoch von der Polizei entfernt. Als dann von einer Anzahl Demonstranten Steine in das Spielfeld geschleudert wurden und ein britischer Polizist durch einen Steinwurf verletzt worden war, ging die Polizei mit dem Gummiknüppel gegen die Demonstranten vor, von denen zwölf, alle Mitglieder der orthodoxen Organisation Agudas Jisrael, verhaftet wurden. Das Wettspiel konnte schließlich zu Ende geführt werden. Die verhafteten orthodoxen Juden wurden ungeachtet ihres Protestes gegen eine Beförderung mittels Wagen am Sabbath (!) in einem Polizeifahrzeug zur Polizeistation gebracht. Ursprünglich hätte das Wettspiel zwischen dem Makkabi-Team und einer armenischen Mannschaft stattfinden sollen. Der Führer der Agudah-Gemeinde, Rabbi Sonnenfeld, hatte jedoch beim armenischen Patriarchen interveniert, worauf dieser das armenische Team veranlaßte, seine Teilnahme am Wettspiel abzusagen. Nunmehr vereinbarte die Makkabi-Mannschaft ein Wettspiel mit einem zweiten jüdischen Team. Der Waad Leumi hatte sich vergebens bemüht, die jüdischen Mannschaften zur Absage des Wettspieles zu bewegen. VonWodke zu Wodke Zentenarfeier für Lektor Meir Friedmann s. A. In Oberaus eindrucksvoller und würdiger Weise feierten Montag, den 15. ds., das Wiener B e t h r h a- Midrasch und die israel.-theol. Lehranstalt gemeinsam das Andenken des um die Wissenschaft des Judentums hochverdienten Lektors Meir Friedmann. Präsident Dr. O r n s t e i n eröffnete mit einer herzlichen Ansprache die Veranstaltung, zu der sich ein sehr zahlreiches aus den vornehmsten, gelehrtesten Kreisen der Wiener Judenhejt bestehendes Publikum eingefunden hatte. Unter diesen befanden sich Präs. Dr. Münz, Hefrat Frankfurter, Regierungsrat W a c h s t e i n, fast sämtliche Vorsteher des Beth-ha-Midrasch, die Wiener Gemeinde- und Vereinsrabbiner, Religionsprofessoren, viele Kantoren und die Hörerschaft des Rabbinerseminars; ebenso der Sohn des Gefeierten, Bankdirektor Friedmann und dessen Angehörige. Präsident Dr. O r n s t e i n charakterisierte Lektor Friedmann sinnreich als ein Symbol für das Judentum, das gleich diesem aus den Niederungen sich zur Höhe emporschwingt Als Lehrer am Beth-ha-Midrasch ergriff Rabbiner Dr. Rosenmann das Wort. In geistreicher Weise verglich er Lektor Meir Friedmann mit dem gleichnamigen Tannaiten Rabbi Meir. Gleich diesem wäre er einzigartig in seiner Forschung, der kaum seine Zeitgenossen folgen konnten. Aber nicht so sehr die Fülle seiner Schriften, sondern vielmehr ihre Qualität bilden den Schwerpunkt der Leistungen Friedmanns. Er wurde Bahnbrecher für die bis dahin vernachlässigte Midraschforschung; die Herausgabe der halachischen Midraschin auf Grund neu erschlossener Handschriften verschiedener Bibliotheken, so insbesondere auch des Vatikans, hat erst diese Werke der Forschung^ zugänglich gemacht. Besonders aber käme der helle Geist des gefeierten Lektors in seinem Meir Ajin-

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