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Die Wahrheit · 1931-06-19 · Heft 25 (19.6.1931) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 25 (19.6.1931)
Date
1931-06-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Städtische VersicheriiiMisanstalt Wer slA rasdi mm graddiA verehelichen will, wende sich vertrauensvoll an die ttOSSdllleOlIdl jüdische Ehevermittlung „HA'ESER" Wien IL, Förstergass« 10/18 Auf Wunsch Gratisprospekt! Judenpogrom in Zloczow bei Lodz. Am 4. Juni erhielt der jüdische Nationalrat Polens von der jüdischen Gemeinde der Kreisstadt Sieradz. Woiwodschaft Lodz, die telegraphische Mitteilung, daß in dem benachbarten Städtchen Zloczow blutige -antijüdische Exzesse im Gange sind, zu deren Unterdrückung die vorhandenen polizeilichen Posten nicht ausreichen. Der Nationalrat wurde gebeten, sofort •das Ministerium des Innern um Schutz der jüdischen Bevölkerung von Zloczow zu ersuchen. Der Vorsitzende des jüdischen Nationalrates, Sejmdeputierter J. Grünbaum, intervenierte bei den zuständigen Behörden, es wurde ihm versprochen, sofort eine verstärkte Polizeieinheit nach Zloczow zum Schutze •der dortigen Bevölkerung zu entsenden. Die Warschauer große jüdische Tageszeitung „Hajnt" entsandte Berichterstatter nach Zloczow, die folgendes feststellten: Was in Zloczow, einer Stadt mit 1000 christlichen und 400 jüdischen Familien, vor sich gegangen ist, war ein regelrechter Pogrom, durchgeführt von der Bauernschaft der umliegenden Dörfer unter der Leitung des Zloczower nationaldemokratischen Sokolvereines. Der Progrom dauerte von 9 bis 12 Uhr abends. Fünfzehn jüdische Einwohner der Stadt wurden verwundet, unter ihnen sechs sehr schwer. Für drei der Verletzten besteht Lebensgefahr. In allen jüdischen Wohnungen und Geschäftsläden wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Nicht nur alle jüdischen Passanten, die den liuligans in die Hände fielen, wurden mörderisch geschlagen, sondern die Huligans brachen auch in •die Wohnungen ein und mißhandelten die Insassen. Die wenigen Polizisten des Städtchen waren den Exzedenten gegenüber machtlos. Der Progrom nahm den folgenden Verlauf: Am Donnerstag, während des Fronleichnamsfestes, bewegte sich eine große religiöse Prozession durch das Städtchen, an der zahlreiche Bauern der umliegenden Dörfer teilnahmen. Gegen 1 Uhr mittags war die Prozession beendigt, die Bauernschaft schickte sich an, in die Dörfer zurückzukehren. Nationaldemokratische Agitatoren, Mitglieder, des Sokolvereines, begannen aber die Massen um sich zu sammeln und erzählten ihnen, daß aus den Fenstern eines jüdischen Hauses Vitriol auf die Heiligenbilder. und auf die Teilnehmer der Prozession gegossen wurde. Die Agitatoren riefen der Menge zu, man müsse ein für allemal, u. zw. sofort, „mit den Juden abrechnen". Andere nationaldemokratische Agitatoren begaben sich in die benachbarten Dörfer, wiegelten die Bauernschaft gegen die Juden auf und führten sie geschlossen in die Stadt. Eine jüdische Abordnung meldetediese Vorfälle dem Polizeikommandanten. Dieser versicherte, •er werde die energischesten Maßnahmen gegen die Aufwiegler ergreifen, die Bevölkerung möge ruhig sein. Aber schon, als die Abordnung das Polizeigebäude verließ, zogen Gruppen von Bauern, geführt von den Zloczower Schullehrern und Mitgliedern des Sokol durch das Städtchen und stießen „Rache"- "R u f e aus. Gegen 9 Uhr abends ging, wie. auf ein Signal, der Pogrom los. Unter Pfeifen und ungeheurem Lärm schlugen die Exzedenten auf jeden Juden, der ihnen in die Hände fiel. los, zerschlugen mit Stöcken alle Fensterscheiben, demolierten alle Läden, drangen in ■die Wohnungen ein und mißhandelten alle Familienangehörigen. Eine Frau Großmann wurde durch einen Revolverschuß tödlich verletzt, zwei andere schwerverletzte jüdische Einwohner ringen mit dem Tode. Im ganzen Kreise herrscht eine schwere Panik, die jüdischen Einwohner von Zloczow und Umgebung haben ihre Kinder aus Furcht vor weiteren Ausschreitungen nach Lodz weggeschickt. Die Panik ist um so größer, als diese Gegend in früheren Jahren oft der Schauplatz schwerer antijüdischer Exzesse war und vor etwa zwei Jahren In der Nähe von Zloczow das Haus einer kopfreichen jüdischen Familie von Exzedenten angezündet wurde, wo alle Familienangehörigen, die am Verlassen des Hauses verhindert wurden, in den Flammen umkamen. illlHIHIIHIIIIIIIUIIIIIUIIIIIIUIIUUMMIlIUlHllllUIUIIIIH^ SCHADCHEN, ■ 9 s : welcher nur in erstklassigen Kreisen eingeführt ist, ■ I gesucht.! Offerten unter Chiffre „H9914 Z" an Publlcitas, [ ■ Zürich (Schweiz). : Die Warschauer jiddische Tageszeitung „M o m e n t" veröffentlicht ebenfalls Berichte ihres nach Zloczow entsandten Berichterstatters, aus denen hervorgeht, daß unter der 400 Familien zählenden jüdischen Gemeinde der Stadt gar 200 Verletzte, Männer, Frauen und Kinder, gezählt werden. Die von Juden bewohnten Straßen machen einen überaus traurigen Eindruck. Kein Haus steht ganz da, überall sind die Fensterscheiben eingeschlagen. Die Straßen sind wie ausgestorben, kein jüdischer Einwohner wagt es, an den Abenden auszugehen. Den Erzählungen der verschüchterten Einwohner ist zu entnehmen, daß die Exzedenten am Abend des 4. Juni mit ohrenbetäubendem Lärm, Pfeifen und den Rufen „Schlagt die Juden!" in Massen in das jüdische Zentrum des Städtchens, in die Blaunegasse und in den Marktplatz, eingedrungen und sofort an ihr Zerstörungswerk geschritten waren. Christliche Stadtbewohner wiesen der ortsfremden Bauernschaft die Häuser, in denen Juden wohnen. Es fielen während des mehrere Stunden andauernden ungeheuren Tumults hin und wieder Revolverschüsse. Frauen, Mädchen und Kinder verbargen sich in den Kellern. Der Berichterstatter des „Moment" erfährt, daß der Pogrom vom 4. Juni das Ergebnis einer lange vorbereiteten Aktion ist, die zum Ziele hat, dieJuderfvondem HandelinZloczowfernzuhalten. Der Pogrom sollte auf die Juden abschreckend wirken und sie dazubringen, die Stadt zu verlassen. Gegenwärtig herrscht in Zloczow Ruhe. Der aus Lodz an der Spitze einer Polizeitruppe eingetroffene Starosta hat die Verhaftung von etwa 30 Huligans angeordnet Wie der „Hajnt"-Berichterstatter seinem Blatte noch mitteilt, haben zahlreiche jüdische Einwohner von Zloczow ihre Erlebnisse während des Pogroms im Büro der jüdischen Kultusgemeinde zu Protokoll gegeben. Einmütig geht aus den Protokollen hervor, daß die Lehrer der Ortsschule die Menge gegen die Juden aufgehetzt haben. Zum Protest dagegen haben die jüdischen Eltern beschlossen, ihre- Kinder nicht mehr in die Ortsschule zu schicken. Gegen die Lehrer ist die Anzeige an ihre vorgesetzte Behörde erstattet worden. Der jüdische Parlamentsklub wurdevon der jüdischen Gemeinde in Zloczow gebeten, beim Volksbildungsministerium dahin vorstellig zu werden, daß der Leiter der O r t s sc h u I e Ja r micki und der Lehrer Jan Kukla, die den Pogrom auf die jüdischen Einwohner am Fronleichnamstage mit angestiftet haben und durchführen halfen, von ihren Posten entfernt werden; die jüdischen Eltern seien entschlossen, ihre Kinder so lange nicht in die Schule zu schicken, als diese Personen an derselben tätig sind. In dem Schreiben wurde ferner mitgeteilt, daß die gesamte jüdische Einwohnerschaft zum Zeichen des Protestes gegen den Pogrom einen Tag lang die Arbeit niedergelegt habe. Sämtliche jüdischen Geschäftsläden und Werkstätten waren geschlossen. Der Polizeikommissär hat der jüdischen Einwohnerschaft mitgeteilt, daß die Gerichtsverhandlungen gegen die Teilnehmer am Pogrom schon in der nächsten Woche beginnen werden. Abgeordneter Grünbaum übergab dieses Schreiben dem Volksbildungsminister Czerwinski und informierte auch den Chef der Sicherheitsabteilung beim Innenministerium über die Stimmung in Zloczow. Der Jahrmarkt in Zloczow am 8. Juni verlief im allgemeinen ohne größere Störungen. Huligans versuchten, jüdische Passanten zu belästigen, die Polizei schritt aber schnell ein und stellte die Ordnung her. Agitatoren mischten sich unter die aus den umliegenden Dörfern zum Jahrmarkt eingetroffenen Bauern und forderten diese zum Boykott der jüdischen Läden auf. Die Polizei war überall bemüht, auch diese Propaganda im Keime zu ersticken. Lektor Me'ir Friedmann s.A. Gedenkworte zum 100. Geburtstage. Von Prof. Dr. M. E. Proßnitz. Einem unabweisliehen Herzensdrange folgend, sollen diese Zeilen das lebensvolle Bild der Persönlichkeit dieses Mannes in Erinnerung rufen, wie es sich mir von ihm, der mein erster Talmudlehrer war, unauslöschlich eingeprägt hat. Lektor Meir Friedmann am Wiener Bet-ha-Midrasch, das war eine ganz einzigartige Erscheinung in ihrer Originalität und Urwüchsigkeit Man vergegenwärtige sich zunächst einmal die Zeit, in der das Wiener Bet-ha-Midrasch gegründet wurde. Es war die Zeit des Kampfes und des Ringens zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen Reform und Orthodoxie im Judentum, zwischen der sogenannten Aufklärung und der altfrommen Gläubigkeit In diesem mit leidenschaftlicher Heftigkeit geführten Kampfe hatte man vornehmlich in deutschen Landen in der modernen Wissenschaft des Judentums einen Weg zu finden gedacht, der vielleicht geeignet sein könnte, die scharfen Gegensätze zu überbrücken. Aus diesem Geiste heraus entstanden in Breslau und Berlin die modernen Rabbinerbildungsanstalten, in demselben Geiste wurde von dem unvergeßlichen Prediger und Kanzelredner Dr Adolf Jellinek das Wiener Bet-ha-Midrasch ins Leben gerufen als Pflegestätte des jüdischen Schrifttums, hauptsächlich der biblisch-rabbinischen Literatur, an welcher zusammen mit dem gleichfalls unvergeßlichen Lektor J. H. Weiß, dem Manne der ernsten, strengen Halacba mit dem menschlich gütigen Herzen, Lektor Friedmann mit seinem sanften, milden, stets heiter aufgeschlossenen Wesen als der Mann der leichtbeschwingten Haggada lehrte und wirkte. Wie einst Rabban Jochanan Ben Sakkai — be-zillan schel hechol — im Schatten des Tempels zu Jerusalem seine Vorträge vor seinen Schülern hielt, so lehrten diese beiden Männer Lektor Weiß und Lektor Friedmann im schirmenden Schatten unseres Wiener Leopoldstädter Tempels in der Tempelgasse in den kleinen, engen Räumen des von der breiten jüdischen Oeffentlichkeit damals so wenig gekannten und beachteten Bet-ha- Midrasch. Ja, der Midrasch und die Haggada, das waren Lektor Friedmanns Lieblingskinder, denen er zeitlebens mit den Gaben, seines reichen Gemütes, seines phantasievollen Geistes Forscherfleiß und fürsorgliche Wartung angedeihen ließ. Aber Lektor Friedmann, der hervorragende Midrasch-Kenner und Midrasch-Forscher, blieb dabei nicht der stille Stubengelehrte, nein, ihn drängte es, den Schatz erhebender Gedanken und Gefühle, den er aus Midrasch und Haggada, Mechilta und Pesikta, Sifra und Sifre, ja aus den Urquellen, der Bibel und dem Talmud selbst, geschöpft und gehoben, mit der Kraft des Wortes in lebendigem Vortrag einem weiteren Publikum zugänglich zu machen. Und da entfaltete sich Lektor Friedmanns geistige Persönlichkeit zu ihrer wahren Größe und Höhe. Nicht nur seine Wochentags-Abendvorträge, sondern ganz besonders seine Sabbat-Vormittagsvorträge zum laufenden Thora-Wochenabschnitt waren eine einzige, aus der Tiefe liebevoll emsiger Forschung emporlodernde Flamme der Begeisterung für Bibel und Talmud, für die Hoheit des sinaitischen Gotteswortes, für die heilige Idee des Judentums, einer Begeisterung, die in lebenzündenden Funken die Herzen der Zuhörer ergriff und in allen, die an seinem Munde hingen, unsterblich fortwirkt. Der bescheidene Lektor Friedmann am Wiener Bet-ha-Midrasch, so anspruchslos er auch in bezug auf die eigenen irdisch-materiellen Lebensbedingungen war, war aber nicht genügsam, wenn es sich um die Weiterverbreitung und Forterhaltung der Thora- und Talmudkenntnis auch für die Zukunft handelte. Und darum war sein Sinn in weiser Voraussicht vor allem der heranwachsenden jüdischen Jugend zugewendet, und es gelang ihm, warmherzige, verständnisvolle Gemeindemitglieder dafür zu gewinnen, Stipendien für Wiener jüdische Mittelschüler zu stiften, welche die Verpflich- EchtePenerteppiche durchwegs günstige Gelegenheitskäufe, werden mit ganz kleinem Nutzen im WIEDNER MÖBELHEIM Inh. JULIUS GÖTZL Händig, beeid. Sachv. o. Schatzmeister IV.,SCHLEIFMOHLGASSE1s TELEPHON B 24-1-62 billigst abgegeben; daselbst sind auch elegante Schlaf- und Speisezimmer, Herrenzimmer, teils neu, teils gebraucht, zu verkaufen.

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