Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 25 (19.6.1931)
- Date
- 1931-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEH aber keine Kräfte mehr. Der Moskauer Antisemitismus ist kein Pogromantisemitismus, sondern eine Eigentümlichkeit des neuen Lebens, er ist ein Einzelstrich der von den Bolschewisten geschaffenen Lebensart. Er wird mit dem Bolschewismus verschwinden. Am meisten sind in der Tat vom Antisemitismus verseucht die angeblich „judophilien" kommunistischen und mit ihnen sympathisierenden Kreise.*) Eben unter ihnen ist die Theorie verbreitet, daß die Juden eine Leiter sind, die für den Bau des Kommunismus notwendig ist, und welche: abgetragen werden wird, sobald an ihr kein Bedarf mehr ist. Im Interesse des „Kampfes" gegen den Antisemitismus werden solche Ansichten, manchmal in sehr aufreizender Form, in den Zeitungen veröffentlicht und erhalten sehr weite Verbreitung." „Das alles ist aber nicht ernst. Es geht in der Tat im Leben ein großer und tiefer Prozeß vor sich. Die Juden in Moskau, ebenso in den anderen großen Städten, assimilieren sich schnell, gehen in der Bevölkerung auf. Juden heiraten Russinnen, Jüdinnen heiraten Russen. Die Beschneidung wird als eine barbarische Sitte angesehen, Sie werden von ihr in Moskau nicht hören. In der Schule verschwindet der jüdische Akzent, die russische Aussprache der Juden wird besser. Schon jetzt kann man manche Juden aus der jungen Generation von der übrigen Bevölkerung nicht unterscheiden: Sprache, Manieren, Interessen — alles ist bei ihnen dasselbe wie bei der übrigen Bevölkerung. Die Bevölkerung gewöhnt sich daran, Juden dort zu sehen, wo sie früher nicht vorhanden waren. Anderseits geht auch ein Prozeß der Ausgleichung vor sich: In den Regierungsorganen gibt es weniger Juden als in den ersten Jahren der Revolution. Dabei arbeiten viele von ihnen ausgezeichnet, — das sehen alle. Es werden noch einige Jahre vergehen —, die Kinder der zugereisten jüdischen Bevölkerungwerden eingeborene Moskauer werden... Auch ärgert die Russen, am meisten die Kommunisten selbst, die direkt pathologische Betonung der Rolle der Juden, der „Führer", in der Revolution. Es ist gut, daß die Benennungen der Straßen, Plätze, Universitäten oder Städte nach Trotzki, Sinovjew, Kamenev schon verschwunden^sind? Und was für ein- Glück ist es, daß der gegen Gott kämpfende II L *) Als Beweis für diese Behauptung diene die in den heutigen „Wahrheiten vom Tage" geschilderte Episode aus der Roten Armee. D. Red. "% FranzcnsDad S Grand-Restauration „FurstenhöP! jii ISO sireng orthodoxe Küche ||| SIHON RAAB § Bis 30. September geöffnet! ' I Jaroslavski**) sich einen so wohlklingenden Namen beigelegt hat So denken wenigstens diejenigen, die ihn nicht sehen, daß er kein Jude ist." * V So weit der Gewährsmann und Lebedev. Selbstverständlich trägt Lebedev die Verantwortung für die Richtigkeit der Wiedergabe des Gespräches. Ist es richtig wiedergegeben, — woran zu zweifeln kein Grund vorhanden ist, — so darf es, wie schon oben gesagt, nicht verallgemeinert werden. Es gibt gewiß Richtungen in Rußland, die den Juden durchaus nicht so unvoreingenommen gegenüberstehen wie der Freund des Herrn Lebedev. Man darf sagen, daß, ebenso wie im zaristischen Rußland, die Judenfrage einen weit über ihre wirkliche Bedeutung hinausgehenden Raum einnahm, es ähnlich auch im nachbolschewistischen Rußland, das ja schließlich einmal kommen wird, der Fall sein wird. Es dürfte schwer sein, die Worte des Gewährsmannes Lebedevs zu unterschreiben, daß der Antisemitismus mit dem Bolschewismus verschwinden werde. Dagegen erscheint sein Protest gegen die Behauptung, der Sturz des Bolschewismus sei unvermeidlich mit Judenpogromen verbunden, durchaus gerechtfertigt. Seit dem Beginn ihrer Herrschaft suchen die Bolschewisten bei den Juden der ganzen Welt den Gedanken einzuhämmern, nur sie, nur die Bajonette der bolschewistischen Roten Armee, schützen die Juden vor Pogromen. Dabei verschleiern sie die Tatsache, daß gerade durch das Sowjetregime die russischen Juden in ein bisher in Rußland noch nie dagewesenes wirtschaftliches und moralisches Elend gestürzt worden sind. Auf diese Weise wird der Versuch gemacht, eine Interessengemeinschaft ..zwischen Juden und Bolschewisten herzustellen, die "für die Juden außerordentlich gefährlich ist, da sie **) Der wirkliche Name Jaroslawskis. eines der Führer des „Bundes der Gottlosen", ist Hubelmann. J. L. und ähnlichen „hispanischen" Familiennamen, wie sich die Sowjetantisemiten auszudrücken pflegen, finden. Ein eigenes Telephon bedeutet entweder einen gewissen Wohlstand oder eine gute Beamtenstellung. Die Listen der Beamten des Außehkommissariates, des Außenhandelkommissariates, des Obersten Wirtschaftsrates, der Trustverwaltungen sind voll jüdischer Namen. Gewiß, auch -die Gefängnisse auf den Solovetzinseln, die Verbannungsorte in Sibirien usw. sind ebenfalls voll Juden, das sieht aber die Bevölkerung nicht Ebensowenig sieht sie die aussterbenden Juden der Kleinstädte in Weißrußland und der Ukraine. Die Presse verschweigt sorgfältig die elende Lage der Juden im früheren Ansiedlungsrayon. Der Moskauer Bürger hat gar keinen Begriff davon, daß es den Juden ebenso schlecht geht wie allen übrigen. Sie haben eben den Ausruf des Betrunkenen gehört, „die Juden haben mich ruiniert". Das ist c-in Privathändler der Revolutionsperiode. Wahrscheinlich kann er keine Erklärung dafür finden, daß es in den staatlichen Behörden, die den Handel rationalisiert haben, viele Juden gibt und daß es im Privathandel ebenfalls viele Judenkonkurrenten gibt. Für diesen Privathändler ist die Erklärung also einfach: hier Juden, dort Juden! Um so mehr, als der Jude als Konkurrent selu gefährlich ist... Den Bürger, den Arbeiter und Kommunisten reizt das Zusammengehörigkeitsbewußtsein der Juden und ihr schnelles Avanzieren. Manchen ärgert auch das, daß der Jude, als Jude, vom Ausland her Hilfe erhält, während es bei Russen oder Tataren nicht der Fall ist." „Was aber bei allen entschieden Empörung hervorruft, — das ist die Verbreitung der häßlichen Legende, derzufolge der Sturz der Bolschewisten unvermeidlich einen Judenpogrom bedeuten wird. Dieser den Russen zugeschriebene Durst nach jüdischem Blut eine Art Pogrompsyche, ist für die Russen ebenso verletzend wie für die Juden die Ritualmordbeschuidigung. Die Bolschewisten verbreiten diese Legende, führen durch sie die ausländischen und russischen Juden irre: Ob Ihr wollt oder nicht, Ihr müßt uns unterstützen, denn ohne uns gibt es ein Pogrom! Und um diese Gefahr und die bolschewistische „Judenphilie" zu beweisen, werden oft antisemitische Prozesse inszeniert Wer soll denn in der Tat in Moskau und Leningrad Pogrome veranstalten? Doch nicht die Arbeiter, die Rote Armee, nicht die Sowjetbeamten oder Intellektuellen? Außer ihnen gibt es Feuilleton Dr. Adolf Jellinek. Sein Leben und Schaffen. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Verlag Josef Schlesinger, Wien.) Ein Roman Müller-Gutenbrunns führt den Titel: .Es war einmal ein Bischof... „Es war einmal ein Prediger...", hätte auch Rosenmann sein neuestes Werk über Jellinek überschreiben können. Denn jedes Wort in diesem Titel hätte seine volle Bedeutung für die Persönlichkeit, die in dem Buche behandelt wird. Aber auch wie ein Roman liest sich die bei aller Gründlichkeit und Quellenverarbeitung lebendig und flüssig geschriebene Arbeit mit der der Verfasser alle Verehrer Jellineks erfreut hat Einen Mann wie Jellinek in einer Darstellung seines Lebens und Schaffens nachträglich wahrheitsgetreu zu zeichnen, ist schon deshalb nicht leicht, weil ja Predigt und Prediger im gewissen Sinne ihrer Zeit und ihrer Gemeinde gehören und das Wort von dem Tone, der die Musik macht, hier mehr als sonst gilt. Bei dem gesprochenen Wort kommt es ja weitaus auf die Stimmung an, in der und mit der es gesprochen ist. Jellinek ist und war auch bei Lebzeiten eine einzig dastehende Erscheinung. Als die Frage aufgeworfen wurde, wer in Wien der erste Rabbiner sein soll, hat Jellinek in einer Predigt den Satz der Schöpfungsgeschichte „es ward Abend, es ward Morgen — ein Tag" zur Antwort benützt, indem er sagte, hier muß es ein Tag und nicht „erster" Tag heißen, denn es kann kein erster sein, wo kein zweiter ist So war er in Wirklichkeit nicht erster und nicht zweiter: er ist einer gewesen und geblieben. Kindheit und Jünglingsalter, Studentenzeit und erste Anstellung in Leipzig, vier anziehend geschriebene Kapitel, bilden wie im Leben in dem Buche, bald heiter, bald sorgenvoll, verzagend und entbehrungsreich, strebend und hoffend, die Einleitung, die an die Schwelle des Zieles führen soll. Reizvoll ist es zu lesen, daß die Kandidatur Jellineks für Wien beinahe gescheitert wäre, wenn nicht Heinrich Ritter von Sichrovsky zwischen dem Vorstande, der eine Probepredigt verlangte, und Jellinek, der sich eine zu halten weigerte, vermittelt hätte. Man macht sich Gedanken, wenn man das liest. Wie oft hat seither eine Gemeinde nur deshalb nicht den richtigen Mann bekommen, weil der eine gefehlt hat, der den Wert des anzustellenden Mannes im Voraus richtig erkennt und mit seiner Meinung durchdringt. Jellinek pflegte zu sagen: „Anders muß man in Hradisch, anders in Wien predigen", womit er eine Erfahrungstatsache bestätigte, daß das beste Rednertalent nicht zur Entfaltung kommen kann, wenn es nicht die geeignete Kanzel zur Verfügung hat. Auch der Platz hat Jellinek erst zu dem gemacht, was er geworden ist Gewiß war auch Leipzig nicht die richtige Stelle für Jellinek. Er war füt die Predigtart im Reiche nicht geschaffen. Erst der österreichische Boden brachte die Blüte in ihrer ganzen Schönheit und Originalität zur Entfaltung. Rosenmann hat den Mann in seine Zeit hineingestellt, die Wiener Kultusgemeinde mit ihren Strömungen, Bestrebungen und Interessen, aber auch ihren Männern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleichsam lebendig werden lassen, um zu zeigen, wie der Prediger nach seiner Fähigkeit und mit seinem Wirken das Niveau der Gemeinde schafft Die Wiener Kultusgemeinde hatte unter Jellinek eine Höhe erklommen, die sie nie mehr erreicht hat. Mannheimer hatte sich ein ewiges Verdienst dadurch erworben, daß er mit gottbegnadeter Hand eine glückliche Mitte zwischen rückständiger Orthodoxie und unruhiger deutscher Reform zu finden verstand. Jellinek hatte aber dadurch erst in Wahrheit den Boden für seine Entwicklung gefunden. In Leipzig wäre er nie das geworden, was er war; in einem orthodoxen Wien hätte niemals eine geistige Entwicklung wie in der Zeit Jellineks Platz greifen können. Denn konservierend, noch haltend, was sich zu ihr bekennt, aber ohne Werbekraft und ohne Vermögen auf weite Kreise einzuwirken, steht sie seit jeher der Predigt als deutschsprachigem Gottesdienstteil ablehnend gegenüber. Mannheimer hatte den Acker urbar, hatte, wie Rosenmann sachkundig ausführt, das jüdische Wien für den geistigen Teil des Gottesdienstes überhaupt empfänglich gemacht. Unter Jellinek wurde das Gotteshaus durch die Predigt das geistige Zentrum, von dem aus Lehr- und Wahrheitsgehalt des Judentums sich mit dem pulsierenden Leben der Großstadt in stete Verbindung setzte. Mit Sachkenntnis und Geschmack hat der Verfasser aus den Predigten sowohl das, was für Zeit und Zeitfragen aufschlußgebend, als auch für die Genialität, den Esprit und die rednerische Künstlerschaft Jellineks kennzeichnend und charakteristisch ist, herausgeholt. Die Wiedergabe ganzer Partien aus den Reden wirkt heute, da die Reden Jellineks nur noch selten zu finden sind, wie eine Illustration im Buche und kann den Eindruck von einst wenigstens teilweise wieder erwecken. Man erkennt aber noch immer das Temperament, das vorzüglichste Kennzeichen dieser Reden, wie es immer und überall die Worte zu ungeahnter Kraft und Gestaltung bringt; man spürt die Klangschönheit und den Rhythmus der Sätze, die der geistvollen Gedanken würdiger Ausdruck sind, vor allem aber die Begeisterung, die den Redner selbst erfüllt hat. Jellinek wirkt noch heute auf den Leser und man darf Rosenmann selbst von den Reden begeistert und hingerissen glauben, wenn er den Gedanken und Worten des Meisters gerechtes Lob spendet. Wenn heute die Worthäufung, vielleicht sogar Wortspielerei, worauf Rosenmann unparteiisch aufmerksam macht, nicht mehr nach unserem Geschmacke ist, so darf man nicht vergessen, daß