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Die Wahrheit · 1931-06-19 · Heft 25 (19.6.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 25 (19.6.1931)
Date
1931-06-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichtmgen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 19. Juni 1931 Nummer 25 Antisemitismus in Sowjet-Rußland. Wir haben die Absicht, in den nächsten Nummern unseres Blattes Berichte über die Situation unserer Glaubensgenossen in allen jenen Ländern zu veröffentlichen, in denen der Antisemitismus eine gewisse Rolle spielt Ein Anfang wurde bereits in dem Leitartikel unserer letzten Nummer gemacht, in dem auf Grund der ausgezeichneten Neuerscheinung von Dr.Fritz Marburg „Der Antisemitismus in der deutschen Republik" besprochen wurde. Heute folgt eine fesselnde Schilderung der judengegnerischen Bewegung in Sowjetrußland, dem Lande, das unsere Feinde so gerne als „Sowjet- Judäa" bezeichnen. Die Leser werden sich durch die gesamte, sie sicherlich interessierende Aufsatzreihe über den Weltantisemitismus ein Bild über diese wahre Internationale des Masses machen können, hoffentlich aber auch die gerade in Oesterreich dringende Notwendigkeit erkennen, dieser Hydra mit aller Kraft entgegenzutreten. D. Red. Persönliche Eindrücke, Berichte von Augenzeugen nehmen in allem, was über Sowjet-Rußland, geschrieben wird, einen sehr großen Platz ein. Sie geben unter den gegenwärtigen Verhältnissen die einzige Möglichkeit einer Ergänzung zum Bild der Lage in Rußland, das von der allein bestehenden kommunistischen Presse gegeben wird, die selbstverständlich so tendenziös sein muß, wie es die Parteiinteressen erfordern. Daher ist es so schwer, sich eine wirklich genaue Vorstellung von dem, was in Rußland vorgeht, zu machen, denn man hat es. nur mit zwei Informationsquellen zu tun, von denen die eine nur das sagt, was die Sowjetregierung zu veröffentlichen gestattet, die andere aber ihrer Natur nach nur subjektiv und unvollständig sein kann, auch dann, wenn der einzelne Bobachter meint, die objektive Wahrheit zu sagen, und sich nicht von seinen eigenen Parteiansichten leiten läßt. Es kann ruhig gesagt werden, daß die allermeisten Schilderungen der Lage, die von ausländischen Besuchern Sowjetrußlands in so enormer Zahl in Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern veröffentlicht worden sind, nicht den geringsten Wert besitzen: Sie stammen gewöhnlich von Menschen, die russisch gar nicht oder nur sehr mangelhaft verstehen, über die Geschichte Rußlands, seine sozialen und politischen Probleme vor der Revolution nur äußerst oberflächlich orientiert sind, es fehlen ihnen mit einem Wort die allernotwendigsten kritischen Vorkenntnisse, um über das gegenwärtige Rußland etwas Vernünftiges sagen zu können. Anders ist es natürlich bei den Situationsbildern, die von Russen gegeben werden, welche die Möglichkeit hatten, den Sowjetstaat in seiner Wirklichkeit innerhalb seiner Grenzen betrachten zu können. Selbstverständlich sind auch diese Berichte, die von Russen stammen, sehr subjektiv und parteiisch, immerhin haben sie aber den unermeßlichen Vorzug vor den nach Rußland gelangenden ausländischen Touristen, daß für sie Rußland doch nicht dasselbe, was etwa Zentralafrika ist, daß sie das frühere Rußland kannten, sich von Kindheit auf mit seinen Problemen beschäftigten, sich daher unvergleichlich leichter auch mit den Verhältnissen des jetzigen Rußlands vertraut machen können. Von diesem Standpunkte aus verdient eine Artikelserie Beachtung, die in einer in Prag erscheinenden russischen Zeitschrift „Volja Rossii" (Die Freiheit bzw. der Wille Rußlands)) seit einigen Monaten veröffentlicht wird. Verfasser der Artikel ist Vladimir Lebedev, ein Mitglied der sozialrevolutionären Partei (die erwähnte Zeitschrift ist auch jetzt das Organ einer der Richtungen dieser Partei in der Emigration), der 1917 vor der bolslchewistischen Revolution im Kabinett von Kerenski Marineminister war. Lebedev, der bald nach dem Bolschewistensiege ins Ausland flüchten mußte, hatte im vorigen Jahr Gelegenheit, unerkannt eine Reise nach Sowjetrußland zu machen. Wäre er dabei in die Hände der G. P. U. geraten, so wäre ihm natürlich die Behandlung zuteil geworden, die alle „Gegenrevolutionäre" von dieser Behörde erfahren. Es gelang ihm aber, unentdeckt ins Ausland zurückzukehren und jetzt veröffentlicht er in der oben genannten Zeitschrift seine Reiseeindrücke. In einem seiner Artikel, im Jännerheft der „Volja Rossii" erschienen, gibt er nun ein Gespräch wieder, welches er in Moskau mit einem seiner alten Freunde über den Antisemitismus in Sowjetrußland hatte. Es sei bemerkt, daß Lebedev kein Jude und auch nicht jüdischer Abstammung ist und daß sein Freund, mit dem er darüber gesprochen hat und dessen Namen er selbstverständlich verschweigen muß, den Umständen nach nur ein alter, jetzt in Rußland lebender Parteigenosse von ihm sein konnte, mit dem er offen reden durfte. Die von ihm geäußerten Ansichten können daher nur als die Ansichten derjenigen Kreise gelten, die früher zur sozial-revolutionären Partei gehörten, — einer Partei, für die, wie für alle linken Parteien im alten Rußland, der Antisemitismus überhaupt nicht existieren durfte — und die noch jetzt an ihrer früheren Ideologie festhalten. Von Anhängern rechter Parteirichtungen, die offiziell in Rußland nicht existieren, aber natürlich vorhanden sind, würde Lebedev wahrscheinlich etwas ganz anderes gehört haben. Mit diesem Vorbehalt geben wir das Gespräch Lebedevs mit seinem alten Freund in einer Moskauer Gastwirtschaft wieder, wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, ä titre de document. Anlaß zu diesem Gespräch gaben die Worte eines etwas angeheiterten Wirtshausbesuchers, der laut ausrief, „die verfluchten Juden haben mich ruiniert", und sich sofort erschrocken umsah. Lebedev richtete darauf die Frage an seinen Freund, ob es einen Antisemitismus in Sowjetrußland gäbe, worauf dieser ihm antwortete: „Gewiß gibt es ihn. Seine Ursachen? Deren gibt es viele und eine der hauptsächlichsten ist die Verfolgung für Antisemitismus. Sie haben gesehen, daß dieser Betrunkene sich nach seinem Ausruf sofort umsah: vielleicht wird ihn jemand denunzieren. Was wird ihm dafür geschehen? Die Leiter des Kampfes gegen den Antisemitismus gehen jetzt so weit, daß sie derartig dummes Zeug als Antisemitismus verfolgen und den Antisemitismus an sich wiederum einer gegenrevolurionären Tätigkeit gleichsetzen. Für Gegenrevolution wird man bei uns nicht gelobt. Es entsteht daher eine logische Kette: Die Juden sind Bürger einer besonderen Sorte, von der Revolution bevorrechtet, ein Angriff auf sie, sogar nur in Worten, ist Gegenrevolution! Folglich sind Juden und die bolschewistische Revolution eins und dasselbe! Sehen Sie sich die Berichte der antisemitischen Prozesse an. Sie werden sehen, wie geschickt und künstlich diese dummen Prozesse die wirkliche antisemitische Stimmung aufbauschen. „Was sind sie (d. h. die Juden), neue Zaren? Man darf kein Wort gegen sie sagen, sonst kommst Du ins Gefängnis." — Solche Aeußerungen können Sie oft von Arbeitern hören und es sammelt sich ein Haß an. Gewiß ist der Antisemitismus nicht nur eine Folge dieser Prozesse, sondern auch ihre Ursache. Die Politik des Kampfes gegen den Antisemitismus ist aber eine derartige, daß dieser ganze Kampf zu einer mächtigen Aufreizung zum Antisemitismus wird. Man kann häufig von Intellektuellen hören: „Zur Zarenzeit war der Jude verfolgt. Alles Mitgefühl war daher auf seiner Seite. Jetzt wird der Jude als Jude nicht nur nicht verfolgt, sondern er nimmt oft eine befehlende Stellung ein. Er hat also kein Recht mehr, Mitgefühl, koste es, was es wolle, zu verlangen. Warum also wird die Antipathie zu ihm als eine besondere Kategorie der Gegenrevolution betrachtet und als Verbrechen behandelt?" „Woher stammt in Moskau der Antisemitismus? Erstens gibt es in Moskau jetzt viel mehr Juden im Vergleich zur Vorrevolutionszeit. Es gibt keine anderthalb Millionen Juden in Moskau, wie die Antisemiten sagen, auch nicht 500.000 oder 600.000, wie jeder Moskauer sagen würde, immerhin kann man mit etwa 200.000 Juden in Moskau rechnen.*) Mit anderen Worten, jeder zehnte Moskauer ist ein Jude. Die Moskauer Juden sind Zugereiste, lenken die Aufmerksamkeit auf sich, sie leben nicht schlechter, oft auch besser als der Einheimische. Es gibt viele Juden in den Regierungsorganen, auch im Privathandel. Ihre Ankunft in Moskau vollzog sich fast gleichzeitig und beim Moskauer Bürger entstand die Ueberzeugung, daß die Juden die Oktoberrevolution gemacht haben. Das schnelle Anwachsen des Einflusses der Juden in den Hauptstädten ist eine zweifellose Tatsache. Der Bürger, auch wenn er Kommunist ist, macht keinen Unterschied zwischen dem Steigen des Einflusses von einzelnen Juden und dem „Judeneinfluß" überhaupt. Der unglückselige Kampf gegen den Antisemitismus, der diesen der Gegenrevolution gleichsetzt, hat der Legende von einem besonderen jüdischen Einfluß noch mehr Nahrung zugeführt." „Was das Wachsen der Bedeutung der Juden anbetrifft, so kann es nicht geleugnet werden, es ist auch gar nicht notwendig, es zu leugnen. Nehmen Sie nur das TelephonBuch in die Hand und sehen Sie, wieviel Sie in ihm Abonnenten mit Familiennamen wie Pewsner, Lewin, Rabmovitsch *) Vor der Revolution gab es dort zirka 30.000 Juden. J. L. Mitglieder und Freunde der „Union" Übertragen Lebens- und Elcmcnfor- VeMcherungen der Städtischen Versicherungsanstalt

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