Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 24 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Wiener Kultusgemeinde. Montag, den 1. d. M., fand unter Vorsitz des Herrn Präsidenten Prot Dr. Alois Pick eine öffentliche Sitzung des Kutasvorstandes statt. Vor Eingang in die Tagesordnung teilte der Präsident mit, daß seit der letzten Plenarsitzung Kommerzialrat Bernhard Buchwaid seine Demission aus dem Kultusvorstande bekannt gesehen habe, dem er seit mehr als zehn Jahren als eifriges Mitglied angehört. Prof. Pick dankte ihm unter lebhafter Zustimmung alier Parteien auch öffentlich für die vielen Verdienste, die er sich im Vorstand und besonders durch seine rege Mitarbeit in verschiedenen Kommissionen erworben habe, und gleichzeitig für sein Anerbieten, der Gemeinde auch fernerhin zur Verfügung stehen zu wollen. An Stelle des Herrn Kommerzialrat B. Buchwald wurde auf der „Umon'-Liste Herr Grermakat Leopold Berger in den Kultusvorstand berufen, den der Präsident herzlich begitäßte. Nachdem noch Prof. Pick, während sich die Anwesenden von den Sitzen erhoben, des Hinscheidens der Mutter des KuMusvorstehers Dr. Körner und des Vaters des Kultusvorstehers Prof. Geiger in warmen Worten gedacht hatte, begrüßte er den nach längerer Krankheit wieder im Vorstand erschienenen Rat S. K a u d e r s und den von einer ruhmreichen wissenschaftlichen Tournee aus Amerika heimgekehrten Proi. Geiger. Diese Begrüßung wurde ebenso wie die Gratulation an Kultusvorsteher G. Moritz anläßlich seines 60. Geburtstages, und an Med.-Rat Dr. J. Deutsch anläßlich seiner Auszeichnung mit Beifall begleitet An größeren Zuwendungen sind in letzter Zeit flüssig geworden: Ein Legat des sei. Herrn Ignaz Gewitsch im Betrage von S 2000.—, ein Legat des sei. Herrn Moriz Adler im Betrage von S 3050.90 und die Spende eines Anonymus durch Reg.-Rat Dr. Oppenheim von S 1000.—. Diese Zuwendungen kommen Anstalten der Kultusgemeinde zugute. Vom Jugendreferate liegen folgende Berichte vor: a) Ueber die SederfeiernunddenPessachgottesdienstder Schuljugend. Die vom Kultusvorstande in Aussicht genommenen vier Sederfeste für jenen Teil der Schuljugend, der sonst keine Gelegenheit gehabt hätte, an einer solchen Feier telzunehmen, wurden programmgemäß und in sehr würdiger Weise abgehalten. Ab diesen Veranstaltungen haben 260 Kinder teilgenommen. Im XV. und XX. Bezirk wurden die Sederfeiern abends abgehalten, bei denen die Kinder ein komplettes Nachtmahl erhielten. Bei den Sederfeiern im I. und XVIII. Bezirke, die nachmittags stattfanden, harten sich Kinder aus den besten Kreisen dieser Stadtviertel in Begleitung ihrer Eltern eingefunden und erhielten im Rahmen der Feier eine Jause. Hier hatten Dame«, die sich freiwillig zur Mitarbeit gemeldet hatten, die Speisesäle mit Blumen und Reisig festücb geschmückt Als Mesader fungierten überall hiezu designierte Lehrkräfte (Emil Sprinzeles, Oskar Antscherl und Siegmund Marguües); im XX. Bezirk fand der Seder unter Vorsitz des Herrn Rabb. Dr. Murmetetein statt und in Währing beteiligte sich Herr Ratob. Dr. Feuchtwang an der Feier. Die Kinder, zum großen Teil mit der Liturgie und den traditionellen Melodien der Hagadah vertraut gemacht, folgten mit großem Interesse den Vorgängen bei der Sederfefer und auch die zur Begleitung erschienenen Mütter waren des Lobes und des Dankes voll ob der ihren Kindern und auch ihnen erwiesenen Freude. Die erschienenen Kinder und Erwachsenen waren namens des Kultusvorstandes begrüßt worden und in seinem Namen wurde ein Aippell an die Eltern gerichtet, die Kuliusgetneinde bei ihren Bemühungen um die jüdische Jugenderziehung zu unterstützen. Auch der am Sohabbes Chdt-Hamoed (4. Tag der Schulferien) abgehaltene Festgottesdienst für die Schuljugend des I. Bezirkes war sowohl von Kindern als auch von Eltern überaus gut besucht Es dürfte der überwiegende Teil der Schuljugend des I. Bezirkes erschienen sein. Zur Erinnerung an das Sederfest erhielten die Kinder ein diese Feier darstellendes Kunstblatt mit einer Widmung des Kuitusvorstandes. b) Festgottesdienste der Schuljugend am Schewuausfeste. Am 2. Schewuaustage wurde in allen Gotteshäusern, in denen der saJbbatäiche Gottesdienst stattfindet ein besonderer Festgottesdienst für die Schuljugend abgehalten. Aus diesem Anlasse erhielten die Kinder ein vom Kultusvorstande gewidmetes, auf das Schewuausfest bezugnehmendes, belehrendes GedenkWatt. In den 16 Synagogen, in denen diese Festgottesdienste abgehalten wurden, waren nach den vorliegenden Berichten mehr als 5000 Schulkinder erschienen. Ueberau hatten sich auch Eltern in sehr großer Zahl eingefunden und nahmen an den überaus würdig verlaufenden Gottesdiensten teil. Prachtvolle echte Perserteppiche durchwegs selten günstige Gelegenheitskäufe sowie elegante Möbel, wie Speise-, Schlaf- und Herrenzimmer werden zu ganz außerordentlich billigen Preisen abgegeben. Besichtigung ohne jeden Kaufzwang im WIEDNER MOBELHEIM INH. JULIUS GOTZL Hw&elager. beetd. Sacbv.n.ScUtcmeister iv.,schleifmOhlgassei. telephon b 24-1-63 Von der Pester israelitischen Religionsgemeinde ist ein Dankschreiben für die Beileidskundgebung eingelangt, welche der Kultusvorstand anläßlich des im Tempel dieser Gemeinde venübten Attentates abgeschickt hatte. Ein herzliches Dankschreiben ist ferner aus Budapest von der „Omike" (Abkürzung für Orszagos magyar izraelita közmüvdödesi egyesület) eingelangt, welche eine Studienreise nach Wien unternommen hatte und aus diesem Anlasse mir begrüßt wurde. Insp. Oe hl e r hat in dankenswerter Weise die Führung durch die jüdischen- Sehenswürdigkeiten übernommen und es wurde den Teilnehmern zum Andenken je ein Exemplar des GrunwaOdschen Buches „Geschichte der Juden Wiens" überreicht. Vom Matrikelamte der israelitischen Kultusgemeinde Wien liegen die statistischen Ausweise für die Monate Jänner, Feber, März und April vor. Dieselben weisen folgende Daten auf: Zahl der Trauungen............323 „ Scheidungen .......... 97 ., Geburten ...........365 davon männlich 191, werblich 174 .. Sterbefälle ...........1024 „ Austritte aus dem Judentume ... 244 „ „ Eintritte bzw. Rücktritte in das Judentum 113 Nach den Ausweisen des Steueramtes der israelitischen Kultusgemeinde Wien sind in der Zeit vom 21. Dezember 1930 bis 25. April 1931 unter den aus dem Judentum ausgetretenen Personen 95 Kultussteuerträger zu verzeichnen. Von diesen waren 32 Personen mit einer Kultussteuer von S 1.— bis S 10.—, 46 mit einer solchen von S 10.— bis S 50.— 8 Personen mit S 50.— bis S 100—, 2 Personen mit je S 600.— und 1 Person mit S 1000.— Kultussteuer bemessen. Von Mitgliedern der Gemeinde wurde darüber Beschwerde erhoben und auch in jüdischen Blättern besprochen, daß die Unterbringung von jüdischen "Leichen in den allgemeinen Leichenkammern der Krankenhäuser dem Religäonsgesetze nicht entspricht und die Erfüllung der religiösen Vorschriften, wie Leichenwache, Seelenlicht. Verrichtung von Seelengebeten. Einsargung der Leiche durch Glaubensgenossen, unmöglich mache. Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde hat sich veranlaßt gesehen, sowohl an das Bundesministerium für soziale Verwaltung als auch an die Direktionen aller Spitäler hierüber vorstellig zu werden. Angesichts der bestehenden räumlichen Schwierigkeiten konnte dem Ersuchen der Kultusgemeinde um die Beistellung eigener Beisetzräume für jüdische Leichen nicht willfahrt werden, doch ist seitens des Bundesministeriums für soziale Fürsorge eine Weisung an alle unterstehenden Krankenanstalten ergangen, Veranlassung zu treffen, daß der Abtransport jüdischer Leichen, soweit irgend tunlich, so rasch als möglich erfolge. Gleichzeitig wurden die Direktionen darauf verwiesen, daß Obduktionen, soferne nicht dieselben auf Grund' der gesetzlichen Voraussetzungen stattfinden müsseiCzu 'ärrfeYbeiben haben, wenn vom Verstorbenen der ausdrückliche Wunsch, daß von der Obduktion albgesehen, werde, geäußert oder dieses Ersuchen von seinen Angehörigen gestellt wurde. Auch von den privaten Krankenanstalten ist das weitestgehende Entgegenkommen in der Richtung zugesagt worden, daß die Erfüllung der religiösen Akte bei den dortselbst verstorbenen Juden möglich gemacht werde. Das Präsidium berichtet dem Plenum über den nunmehrigen Anfall der Markus Engels PauJinen- S tiftung, welche zufolge des Testamentes des am 17. April 1909 verstorbenen Herrn Markus Engel mit Rücksicht auf das am 24. Mai 1930 erfolgte Ableben des Frls. Pauline Engel jetzt rechtswirksam geworden ist Das Vermögen dieser Stiftung beläuft sich auf approximativ S 230.000.—. Die eine Hälfte der Stiftungserträgnisse fst zur Unterstözung von hüfsbedönftigen Nachkommen der Geschwister des Herrn Markus Engel bestimmt Aus der zweiten Hälfte der Strfrungserträgnisse ist das Familien-Mausoleumi des Herrn Markus Engel auf der israelitischen Abteilung des ZentraHriedhofes in gutem Zustande zu erhalten. Von den hiernach verbleibenden restlichen Stiftungserträgnissen sind V» zur Erteilung von Subventionen an zehn christlich-konfessionelle Wohltätigkeitsanstalten und 16/it zur Erteilung von Subventionen an jüdisch-konfessionelle Wohltätigkeits- und Armenanstalten in Wien zu verwenden. Das zur Verwaltung der Stiftung berufene Stäfrungskuratorium wird aus dem Präsidenten Professor Doktor Pick, dem Vize-Präsidenten Dr. Jakob Ornstein, dem Vorstandsmitglied Dr. Isidor K1 a b e r und zwei aus dem Verwandtenkreise des Stifters hiefür gewählten Mitgliedern (Dr. Philipp Alfred Kurt und Paul Peters) bestehen. Für den Stifter, dessen Frau und Tochter wurden Seelengedächtnäsandachten im Betsaale' des Spitales und der Versorgungsanstart der israel. Kultusgemeinde verfügt Reg.-Rat Guido Fuchsgelb, der auch den Einlauf und Präsidialbericht vorgetragen hatte, legte nun in Verhinderung des Obmannes der ErsparungskommSssion. Herrn Reg.-Rat Dr. H. Oppenheim den Bericht der Ersparungskommission vor. dem wir folgendes entnehmen': Die vom Plenum des Kultusvorstandes in seiner letzten Sitzung eingesetzte Ersparungskommission hat am 21. und 27. April; ferner am 7. und 20. Mai 1931 Sitzungen abgehalten. Jene Beschlüsse, welche mit Einhelligkeit und unter Zustimmung der Obmänner der zuständigen Kommissionen gefaßt wurden, sind, dem Regulativ entsprechend, sofort in Vollzug gesetzt worden. Eme Reihe von Anregungen, die im Rahmen der ErsoarungskommissSon gegeben wurden, befinden sich im Stadium dringlicher Behandlung. An Stelle des infolge Mandatsniederlegung auch aus dieser Kommission ausgeschiedenen Herrn Komm.-Rates Bernhard B u c h w a 1 d wurde vom Klub der Unionisten Eisschränke Marke „Frlgolor" eissparend, eigene Erzeugung, Zahlungserleichterung. „Elphora", 1., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 Kultusvorsteher Generaldirektor Isidor Pollak in die Kommission entsendet. Im Rahmen ihrer Arbeiten hat die Ersparungskommission es als dringend wünschenswert erachtet, daß in Fragen der Lieferungsvergebungen auch externe Fachmänner, welche in keinerlei' Kontrahenten-Verhältnis zur Gemeinde und deren Anstalten stehen, zu Rate gezogen werden, und es hat sich dieser Vorgang in verschiedenen Belangen bereits bestens bewährt. Einem Beschlüsse der Ersparungskommission entsprechend sollen — gleichwie es bereits in frtüheren Zeiten üblich war — auch externe Mitglieder in die Kommission für Bau- und technische Angelegenheiten berufen werden. Die von der Kommission hiefür in Antrag gebrachten Herren: Ing. Richard Kafka, In«. Eugen Schiller und Ing. Ignaz Olexinger haben bereitwilligst dieses Ehrenamt anzunehmen erklärt. Bie der Ueberprüfung des Tax- und Gebührenwesens hat die Ersparungskommission die Notwendigkeit erkannt, einige Ansätze des Tax- und Gebührentarifes, welche durch die Entwicklung der Verhältnisse längst!überholt sind, dahin abzuändern, daß die Maximal-Ansätze wie folgt erhöht werden: a) jährliche Beitrag9leistungen zu den Kosten der Beaufsichtigung ritueller Funktionen: nunmehriges Maximum.......S 3000.— b) Grabstätten I. Klasse: nunmehriges Maximum .............., 2500.— c) Zuweisung eines Grabes an bevorzugter Stelle des neuen Friedhofes: nunmehriges Maximum .............. 3500.— d) Leichenbegängnisse: nunmehriges Maximum „ 2500.— als neue Post wird in' den Tax- und Gebührentarif aufzunehmen sein: für die Verrichtung ritueller Funtionen anläßlich der Aufstellung von Grabdenkmälern: nunmehriges Maximum ........, 600.— Die Anwendung der Maximalsätze wird wie bisher nur in jenen Fällen zu erfolgen haben, in welchen die Umstände und die Vermögensverhätoisse der in Betracht kommenden Zahler dies rechtfertigen. Die in diesem Berichte enthaltenen Anträge wurden nach kurzer Debatte einstimmig angenommen. Nachdem die Geschäftseinteilung für die Sommermonate fixiert worden war, schloß der Vorsitzende die öffentliche Sitzung. Einwanderung und Reiseverkehr in Palästina im Jahre 1930. Lehrreiche Zahlen, Die finanzielle Depression in Europa u nd A m e r ika hat sich auch auf den palästinensischen Touristenverkehr ungünstig ausgewirkt Es kamen im vergangenen Jahre bloß 28 SchiffsreisegeseUschaften mit insgesamt 5817 Touristen in Palästina an gegenüber 33 Schiffsreisegesellscbaiten mit 7687 Passagieren im Jahre 1929. Die Einwanderungsbehörden unterscheiden zwischen „Reisenden" und „Touristen", wobei unter Touristen solche Personen verstanden werden, die sich bloß 2 bis 3 Tage lang im Lande aufhalten. Aus den Aufzeichnungen des Immigration Departement ist zu ersehen, daß im Jahre 1930 58.832 Reisende in Palästina angekommen sind und 56.450 Reisende das Land verlassen haben. Im Jahre 1929 sind 60.212 Reisende angekommen und 57.365 abgereist. Die Differenz zwischen den Em- und Ausreisezablen ist darauf zurückzuführen, daß Personen, die auf Grund von Touristenvisen ins Land gekommen sind, später die Bewilligung zum dauernden Aufenthalt erhalten haben. Das Immigration Department faßt einen solchen Vorgang in den meisten Fällen als Verletzung der gesetzlichen Bestimmungen auf, denen zufolge jeder Einwanderungswärter in eine der Immigrantenkategorien eingereiht werden muß, bevor er die Erlaubnis zur Niederlassung erhalten kann. Im Jahre 1930 wurden 6433 Personen, darunter 4944 Juden, zur Einwanderung nach Palästina zugelassen. In dieser Zahl sind 1306 Personen inbegriffen, die sich in Palästina „illegal" aufgehalten hatten, denen jedoch nachträglich die Erlaubnis, als Einwanderer im Lande zu bleiben, erteilt wurde. Zu dieser Zahl fügt das Einwanderungsdepartment weitere 3000 Personen hinzu, die entweder auf Grund von Touristenvisen oder durch Umgehung der Paßkontrolle nach Palästina gekommen sind. Von den Einwanderern des letzten Jahres sind 3563 oder 55,4 Prozent aus Osteuropa über Danzig und Triest gekommen, 1187 oder. 18,5 Prozent aus Nordafrika und Westasien, einschleßlich Irak, Persäen und Afghanistan, 411 aus Mitteleuropa, 286 aus den Vereinigten Staaten und 695, unter ihnen 404 britische Polizisten und sonstige Beamte, aus dem Britischen Reich. Infolge der von anderen Ländern, wegen der Wirtschaftskrise verfügten Einschränkung der Einwanderung ist die Auswanderung aus Palästina gesunken^ Einige südamerikanische Republiken sind gegenwärtig die einzigen Länder, die der Einwanderung von Palästinensern offen stehen.