Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 24 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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CHE WAI S«tte a es und wissen es zu schätzen. Andere wissen es auch, wollen es aber nicht wahr haben. Vor allem aber ist er selbst zu bescheiden, sich nach Gebühr und Verdienst zu werten. Er ist nicht Schmalhans genug, um Prahlhans zu sein. Ihm das Rückgrat zu steifen, ihm öffentlich zu danken, den Freunden zur Freude, den Feinden zu Leide und Neid, dazu darf jeder Anlaß, auch der fünfzigste Geburtstag, willkommen sein. Zwei solchen Jubilaren gebührt ein Wort auf diesen Blättern, auf denen man ihrem Namen unter beachtenswerten Beiträgen oft genug begegnet ist, daß Gruß und Wunsch zu ihrem Fünfziger gerechtfertigt erscheinen. Der eine, Rabbiner Dr. Victor Kurrein in Linz, hat ihn jüngst überschritten, dem anderen, Chaim Bloch, steht er in Kürze bevor. Es ist jetzt üblich, das Preislied auf einen Rabbiner mit seinem Jichus, seiner Ahnenreihe zu eröffnen. Dr. K u r r e i n braucht sich seiner Herkunft nicht zu schämen. Seine Familiengeschichte ist mit den angesehenen jüdischen Gemeinden eng verwoben. Sie spielt in die eines Moses Montefiore hinein. Dieses Jichus' würdig zeigt er sich aber dadurch, daß er auf ein „Jichus azmau", auf eigene Leistungen hinweisen darf. In Wort und Schrift, in Rat und Tat hat er bewiesen, daß er, guten Geistern der Vergangenheit verständnisvoll lauschend, den Problemen der Gegenwart klar ins Auge blickt, daß er mit fein abwägendem Kopf und warmem Herzen gewillt und berufen ist, denen, die sich seiner Führung anvertrauen, gangbare Pfade in eine gedeihliche Zukunft zu weisen. Furchtlos und treu geht er seinen eigenen Weg, obwohl es der gerade ist und darum den anderer oft schneidet. Es gibt Zeiten, in denen Originale keinen Anwert haben, sondern nur Imitation, möglichst „echt imitierte" Marktware gehandelt wird. Unsere Zeit zeigt in manchen Bezirken diesen Ungeist der Dekadenz. Kurrein entzieht sich diesem Zuge der Zeit. Er bleibt echt. Zum Glück in einer Umgebung, die für solche Art Verständnis aufbringt, in der man etwas gilt, auch dann, wenn man etwas ist. Aus ganz anderem geistigen Revier kommt und aus ganz anderem Stoff gezimmert ist der andere unserer Dioskuren des gemeinsamen Geburtsjahres, Chaim Bloch. Sein Name bewegt sofort bei Jud wie Christ in weitem Umkreis Gedankenfäden, die zur Mystik der Kabbalisten und Chassidim, zum Geistesweben des Ostjudentums hinüberführen. Wie rasch hat er, zumal bei christlichen Lesern, Anklang gefunden, ja unter ihnen nahezu eine Gemeinde sich geschaffen. Er, der als gaMzischer Flüchtling, in den weitesten Kreisen unbekannt, hierher gekommen, hier in heißem Ringen um Bewilligung des Aufenthaltes und andere Lebensnotdurft zu kämpfen hatte, las eines Tages zu seinem eigenen größten Staunen seinen Namen in deutschen Tagesblättern ehrenvoll erwähnt. Ueber seinen „Golem" war er sozusagen in die deutsche Literatur hineingestolpert. In der Tiefe unserer Zeit mit ihrer vielgescholtenen Herzensöde vibriert ein Sehnen nach Labung des Gemütes aus dem Urquell religiöser Innigkeit, wie er auf jüdischem Boden aus den schlichten Offenbarungen chassidischen Gotterkennens und Volksempfindens sprudelt. Mit seinem, dem Stoff so angemessenen kindlich treuherzigen, anspruchslosen Wort hat diesen Schatz vielen Chaim Bloch erschlossen. Mancher seiner Leser, Leser der verschiedensten Schichten und Schattierung, führte der Wunsch, ihm mündlich zu danken, mit ihm zusammen. Zum Glück zählt er zu jenen, die durch persönlichen Eindruck den ihrer Feder nur verstärken und vertiefen. So dürfen unsere beiden Fünfziger, so verschieden auch ihr Weg und Wesen, hier auf einem Sockel stehen. Sie haben beide sich wertvolle Herzen zu Dank und Treue gewonnen. Das ist eine Gabe, die nicht aus dem Automaten fällt. Eine Anlage, die ihnen das Judentum in die Wiege gelegt hat. Was sie geworden sind, sind sie, trotz aller Unterschiede im einzelnen, als Juden geworden, in ihrem Grundstreben, jeder auf seiner Weise, rein und ganz Judentum zu leben und es dadurch in der Welt zu Ehren zu bringen. Und so danken wir ihnen beiden und wünschen wir ihnen Kraft und Freude zu weiterem Schaffen. Das uns geläufigste Kapitel des Psalters, unser „Aschre", „Glücklich sind", weist eine Lücke auf, die schon viel Deutungskunst und viele gelehrte Federn in Bewegung gesetzt hat. Alle Buchstaben des Alphabets finden wir darin Vers um Vers an erster Stelle. Nur einer fehlt an diesem Ehrenplatz: das Nun, die fünfzig. Weshalb wohl? Der „Fünfziger", sagt man, ist bei Männern das kritische Alter. In einem Sinne gewiß. Mit fünfzig hat der Charakter des Mannes sich so scharf geprägt und sollte die Leistungseines Lebens so weit ein in sich > geschlossenes Bild darbieten, daß die Kritik ein Gesamturteil über ihn zu fällen befugt ist. Unsere beiden Jubilare können vor dieser Kritik bestehen. „Aschre", „glücklich sind" sie an der Halbjahrhundertwende gelandet. Anerkennung und Freundschaft leuchten ihnen auf ihrem Wege. Im gleichen Zeichen möge ihre Zukunft stehen! Dr. Grunwald. litt FAMILIEN - PENSION iBntavBtfonJbffntait täglich 5-Uhr-Tee [SErlrlEIHMt TELEPHON 11 [Hochstrafie 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise. Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts flj Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser §in jedem Zimmer. Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer iMMM^ r^mwi^a^ ■ä^L.^ fw^m ' vj_fiwÄ!i!U-4=H:"a » Zedokoh". Aus dem Vortrage des Herrn Rabbiner Doktor T a g 1 i c h t anläßlich der Generalversammlung des Vereines zur Bekleidung und Unterstützung armer, alter Männer isr. Konfession am 18. Mai 1931. Die Armenhilfe beruht auf drei Grundgedanken: 1. Die Erde und alles was sie füllet, gehört Gott, der Mensch ist nur der Vertrauensmann. 2. Was Gott geschaffen — ist gut. Reichtum ist keine Sünde, Armut keine Tugend. 3. Gott ist der Vater aller Menschen. Es heißt, Dein Bruder soll mit Dir leben. Zedokoh heißt Gerechtigkeit und nicht Gnade. Die Juden waren früher nur Ackerbauer. Die Thora schreibt viele Gebote die Armen betreffend vor. Die Ecken des Feldes (Pea) gehörten den Armen, was beim Binden der Garben abfiel, durfte nicht aufgehoben werden, dies gehörte den Armen. Was auf dem Felde vergessen wurde, gehörte den Armen. Jedes 7. Jahr war ein Brachjahr. Ein Teil des Besitzes gehörte den Armen, also jeder Jude war ein Besitzer. Jedes 3. Jahr mußte ein Zehnteil den Armen und jedes Jahr ein Zehnteil den Leviten gegeben werden. In der Diaspora waren wieder andere Gesetze für die Armen. Dem Armen solle das gegeben werden, was er braucht. Je nachdem, in welchem Stande er verarmt ist. Es gab Leute, die nicht den zehnten Teil, sondern sogar den fünften Teil ihres Besitzes den Armen gaben. Ja man ging so weit, daß man solche Wohltäter, die mehr als den fünften Teil geben wollten, ermahnen mußte, auch an sich zu denken. Wenn ein Hungriger bittet, soll man ihm, ohne Erkundigung, etwas Nahrung geben. Kleider und andere Gegenstände immer nur nach Erkundigung, da schon im Talmud auf Betrügerei aufmerksam gemacht wird. Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt Wien zur Nachahmung empfohlen. Am 3. Juni fand im Hörsaal' der Berliner Universität die erste Veranstaltung der jiüidischen Stüdentenseelsorge statt Es hatten sich zu diesem Abend etwa 350 Studenten und Studentinnen versammelt. Einleitend wies Herr Rabbiner Dr. Prinz, der von der Gemeinde auf Grund vorhergegangener Beratungen mit dem Allgemeinen Deutschen Rabbinerverband und der ZentralwohWahrtsstelle der deutschen Juden zum Studentenseelsorger bestellt worden war. auf den Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Studentenseelsorge hin. Die jüdische Studentenseelsorge müsse zwar eine religiöse Aufgabe sein, aber sie könne sich nicht auf die religiöse Erfassung der Studenten beschränken, sondern müsse die Anteilnahme der gesamten jüdischen Studentenschaft an allen jüdischen' Fragen wecken. Allmonatüche größere Veranstaltungen sollen die Studentenschaft zusammenführen. Kleinere Debattenabende, Kurse, Aussprachen usw. werden sich anfügen. Allmonatlich einmal soll in den Räumen der Universität ein jüdischer Studentenabend stattfinden. Der nächste Abend, der Anfang Juli anberaumt werden wird, Htmomit Dimiier Nur Ia-Qualitäten nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt. ►ER-URIOl TeLBJ soll das Thema haben: „Der Gebildete und die religiöse Krisis der Gegenwart". Dr. Prinz schloß mit einem Aufruf an die Studentenschaft, ihm bei seiner Arbet zu helfen. Im Auftrage des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde ergriff sodann der Gemeindevorsitzende Direktor Georg Kareski das Wort und wies darauf hin. daß die Iniative für die Studentenseelsorge von der Gemeinde ergriffen worden sei. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Studentenseelorge den Weg von der Studentenschaft zur jüdischen Gemeinde und damit auch zum übrigen nichtakademischen Teil der Jüdischen Bevölkerung bahnen werde. Das Thema des Abends bildete ein Bericht über die Studentenkonferenz in Nyon. Es referierten die Herren Min.-Dir. Dr. Badt und Dr. Friedrich Brodnitz, recht ausführlich über die Vorgeschichte der Konferenz und über die dort gehaltenen Referate. In beide Referaten kam die Meinung zum Ausdruck, daß eine möglichst einhellige jüdische Meinung in der Frage der Haltung zu den in Nyon angeschnittenen Problemen erzielt werden müßte und daß die durch die Studentenseelsorge geschaffene akademische Trfljtöne einen Weg zur Klärung in diesen Dingen darstelle. Wegen der vorgerückten Stunde konnte eine fruchtbare Diskussion nicht mehr stattfinden. Es wurde deshalb beschlossen, in einem gesonderten Abend die Probleme, die sich an die Studentenkonferenz in Nyon anschließen, eingehender zu behandeln. Wie mitgeteilt wird, soll bereits in den nächsten Wochen ein kontradiktorischer Abend stattfinden, der diese Probleme vor einem größeren Kreise erörtert Dr. Prinz schloß die Versammlung und gab der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß der Studentenseelsorge eine ersprießliche Arbeit beschreden sein werde. Nichtjüdischen Armen soll man Speise und Kleidung nicht vorenthalten; einem Türbettler soll man eine kleine Spende geben und ihn nicht leer ausgehen lassen. Dem Wanderbettler mindest ein Laib Brot, eine Decke fürs Nachtlager, einen Polster, Oel und Hülsenfrüchte; für Schabbos sind besondere bessere Gaben vorgeschrieben. Man hat die Verpflichtung erstdieFamrlienarmen, dann die Armen der eigenen Stadt und dann erst die Armen ausder Fremde zu beschenken. Jede Stadt hatte bestimmte Männer zur Verteilung der Gaben und an jedem Freitag wurden die Gaben gleich einer Armensteuer sowie freiwillige Spenden in Geld und Naturalien — besonders Lebensmittel — gesammelt und verteilt. Den Armen soll man mit Zartgefühl und freundlich entgegenkommen. Die höchste Stufe der Wohltätigkeit ist, Daxlehen zu geben, Arbeit zu vermitteln, damit der Arme sich aufhelfe. Es wird gesagt, daß ein Gelehrter menschliche Hilfe nicht annehmen solle und lieber jede untergeordnete Arbeit ausführe. Das Geben ist eine Forderung der Gerechtigkeit, dies liegt in dem Worte Zedokoh. Der Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer, alter Männer Israel. Konfession, II, Ferdinandstraße 19, bittet um möglichste Hilfeleistung, damit er seinen Verpflichtungen nachkommen kann; nebst Spenden in Geld werden Kleider und Wäsche erbeten.!W;'**C'Ä2iiu-_ .