Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 24 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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kunft, nicht nur in der liberalen und sozialdemokratischen Presse. Dr. Felix Goldmann schreibt mit Recht: per Jude im deutschen Kulturkreis, Berlin 1930):. ~i,Denn sehr viele Talente sind zur Zeiftuigsschreiberei geflüchtet nachdem ihnen der Antisemitismus den Weg zum Erfolg auf wissenschaftlichem oder politischem Gebiete versperrt hatte, und es gibt manchen jüdischen Journalisten, der für eine Professur oder ein Ministerium sich weit besser geeignet hätte als für den Redaktionsstuhl." Durch ihre Tätigkeit auf der Bühne -haben jüdische Künstler das deutsche Theater auf eine ungeahnte Höhe gebracht. Wer kennt nicht Otto Brahm, „den Diener am Geiste", den „Hohepriester Ibsens"? Wer kennt nicht die Namen von Max Reinhardt, Leopold Jess ne r und Viktor Barnowsky? Juden sind Deutschlands hervorragendste Theaterkritiker, wie Alfred Kerr und Siegfried Jakobsohn. Juden sind endlich so bedeutende Dramatiker, wie Richard Beer-Hoffmann, Karl Sternheim, Arthur Schnitzler. Und Juden sind berühmte deutsche Schauspieler, wie der verstorbene Rudolf Schildkraut, Fritz Kortner. Ernst Deutsch, Max Pallenberg, Irene Triesch, Elisabeth Bergner und Fritzy Massary. Mit Recht schreibt Kultusminister H a e n i s c h in seiner Arbeit „Staat und Hochschule": „Man denke sich aus der deutschen Theaterwelt Otto Brahm und Max Reinhardt, aus der Publizistik Theodor Wolff und Georg Bernhard, aus der deutschen Pofitik Lassalle, Lasker, Bamberger und Eduard Bernstein fort, und sofort wird man begreifen, wie viel ärmer unsere : nationale Kultur ohne die Juden wäre." Diese Namen, aus verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, Literatur und Kultur willkürlich herausgegriffen, geben nur ein verschwommenes Bild der befruchtenden und schöpferischen Wirkung jü-' dischen Geistes auf und für das Deutschtum. Deswegen — nicht umsonst — schrieb Wilhelm Schaefer „Der deutsche Gott — Fünf Briefe an mein Volk": „Die Wahrheit ist die, daß die deutschen Juden sichtbar geholfen haben, den Lebensboden der Bildung überhaupt zu lockern. Ohne sie hätten wir anfangs des 20. Jahrhunderts kaum noch von einem geistigen Leben in Deutschland sprechen können." Im Schlußteil des ausgezeichneten und im Abwehrkampf notwendigen Buches gibt Dr. Fritz Marburg eine erschütternde Darstellung der Gewaltmethoden des Hakenkreuzlertums, das mehr als hundert Friedhofschänduhgen und Synagogenentweihungen buchen kann. HMMMMMMMHa» BehOrdl. autor. Hauseradministration ADOLF KRALL IV., Schleifmühlgasse 11 Telephon B 29-1-48 empfiehlt sich zur Übernahme von Verwaltungen Erstklassige Referenzen Das Ergebnis der rumänischen Wahlen. (Bericht unseres Korrespondenten.) Die Wahlen für das rumänische Parlament sind vorüber. Sie haben für die Regierung J o r g a einen durchschlagenden Erfolg gezeitigt Wenn auch ein Sieg Professor Jorgas in Anbetracht des Vertrauens, welches dem berühmten Gelehrten entgegen gebracht wird, ganz zweifellos war, in dem Umfange wurde er doch nicht erwartet Es besteht daher begründete Hoffnung, daß sich dieses Ergebnis der Wahlen für unser Land auch äußerst günstig auswirken wird. Was das Verhältnis der Jorga-Regierung zu den Juden betrifft darüber kann vorläufig nicht viel gesagt werden. Das eine steht fest, daß die Juden etwa einen achtzehnten Teil der Bevölkerung Großrumäniens bilden und daß, so bedauerlich und unwahrscheinlich es auch klingen mag, diese Volksmasse, abgesehen von den vier Mandaten des Reichsblocks, ohne die ihr nach der Bevölkerungszahl und Steuerleistung gebührende offizielle Vertretung im Parlamente geblieben ist. Worin die Ursache liegt? Wer kann in der Politik die Wahrheit erfahren? Zunächst hieß es, die Regierung habe mit der Union rumänischer Juden (U. E. R.) unter Führung des hervorragenden jüdischen Politikers, Dr. Filderman, einen Wahlpakt geschlossen. Später erfuhr man, daß dieser Wahlpakt in Brüche gegangen ist. Nachher wurde dieser Bruch dementiert. Und zuletzt bleiben die Juden nur mit vier Vertretern im Parlament. Die gewählten Juden auf den Listen der verschiedenen Parteien sind auf das Parteiprogramm eingeschworen und kommen als Juden nur in letzer Linie in Betracht. Und nun wollen wir aus der Tatsache den logischen Schluß ziehen: Für die rumänischen Regierungen ist die U. E. R. die offizielle Repräsentanz der Juden Rumäniens. Dieser Umstand erleidet keine Aenderung, auch wenn die Regierungen mit den Zionisten oder anderen lokalen jüdischen Organisationen zeitweilig Wahlkartelle eingehen. Denn die U. E. R. bildet die offizielle Vereinigung der bodenständigen Juden Rumäniens, welche seit Jahrhunderten in Leiden und Freuden das Schicksal des rumänischen Volkes teilen. Es ist also naheliegend, daß auch die gegenwärtige Regierung bestrebt war, sich in erster Linie die Mitarbeit der U. E. R. zu sichern, mit welcher ein WahlkartelJ abgeschlossen wurde. Mittlerweile wurde aber ein unabhängiger jüdischer Reichsblock gebildet dessen Vertreter, abgesondert von der U. E. R., sich an die Regierung wegen eines Wahlkartells gewendet haben sollen. Um mehr Vorteile dabei zu erlangen, wurde der Regierung versichert die jüdischen Wählermassen stünden hinter diesem Reichsblock, so daß die Situation der U. E. R. dadurch eine Erschütterung erlitten hat. Die Rivalität zwischen Reichsblock und U. E. R. dürfte der Regierung im Stillen Freude bereitet haben, denn, wo zwei miteinander streiten, freut sich der Dritte. Und es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Dritte aus der Situation des Wettbewerbes für sich Kapital schlagen wollte. Darin hat aber die U. E. R. in konsequenter Weise eine Verletzung ihrer Rechte erblickt und sah sich daher veranlaßt, auf die ihr zugewiesenen Mandate zu verzichten. Ob diese Taktik den Juden in Rumänien zum Nutzen gereichen wird, muß der Zukunft überlassen werden. Eine, andere Frage ist es, ob es zweckmäßig erscheint, daß sich die Juden gerade in Rumänien in ein Ghetto abschließen und sich als Reichsblock der Regierung entgegenstellen. Die erste Frucht dieser Politik hat sich schon gezeigt. Im Parlament werden die Cuzisten in verhältnismäßig großer Anzahl, die Juden hingegen nur sehr schwach vertreten sein. Doch; der Name des berühmten Umversitätsprofessors Jorga, der die Geschicke ■ unseres Vaterlandes leitet ist die sicherste Gewähr, daß die Rechte der jüdischen Bevölkerung! welche von patriotischen Gefühlen stets beseelt ist, in keiner Weise geschmälert werden. . Interessant ist, was Dr. Mayer Ebner in den Czernowitzer Blättern über den Reichsblock ausführte: „Es muß noch ein Menschenalter dauern, bis unsere Rechte als Menschen, Bürger und als Volk annähernd erfüllt sein werden ... Das politische Rezept Dr. FUdermans,. uns ausschließlich den Regierungsparteien anzugliedern, raubt uns jede politische Bewegungsfreiheit ... . Wir volksbewußten Nationaljuden mögen' "nicht ~J die Rolle eines ethnischen Nachläufers . . . und ziehen es vor, ethische Minderheit zu sein. Man wird uns achten und höher werten, genau so wie die an Zahl geringeren Deutschen eine politisch viel festere Position haben . . . Der tiefere Sinn der jüdischen Reichsliste ist sonach nicht so sehr die Absicht, eine eigene Verretung im Parlament zu erlangen, als der Gedanke, so rasch und so gründlich als möglich mit einer politischen Tradition zu brechen, welche uns entwürdigt . . ." Es würde eine sehr dankbare Aufgabe sein, die Ansichten des Herrn Dr. Ebner einer eingehenden Erörterung zu unterziehen, allein der beschränkte Raum einer Korrespondenz läßt es nicht zu. Was aber betont werden muß, ist: Herr Dr. Ebner in seiner volksbewußten nationalen Gesinnung hat es übersehen, daß es sich um jüdische Politik handelt, daß unsere Glaubensr genossen aus naheliegenden Gründen fast allen politischen Parteien Helfersdienste leisten. Auch der Vergleich mit der deutschen Minderheit ist sehr gewagt. Bei den Deutschen handelt es sich um eine ethnische Minderheit, welche gut organisiert und wohldiszipliniert ist, um eine völkische Einheit, die infolge ihrer produktiven Erwerbsquellen und ihres Glaubens wegen dem rumänischen Volke näher steht als die jüdische Minderheit, gegen welche übrigens auch noch das Vorurteil der Minderwertigkeit herrscht Ueberdies gehört die deutsche Minderheit jener achtunggebietenden Nation an, die im Deutschen'Reiche ihre Heimat, im deutschen Volke ihr Rückgrat hat. Und schließlich: was ist das für eine Politik, die keine Vertretung im Parlamente anstrebt? Oder hat der kluge Politiker den Ereignissen vorgreifen wollen? Der Erfolg heiligt die Mittel, sagt man. Und da die Juden wunderbarerweise dennoch vier Mandate errungen, wollen wir uns zu diesem bescheidenen Erfolge Glück wünschen. Allerdings bleibt noch abzuwarten, was die Zeit bringen wird. Es wäre nur zu wünschen, daß endlich wahre „Liebe, Brüderlichkeit, Friede und Freundschaft" unter unserem Volke herrschen mögen. Bernhard R i p p e 1, Czernowitz. Zwei Fünfziger. Man feiert heute gern. Fast wül es scheinen, zu viel. Umnebelt vom Weihrauch begeisterungsglühender Festartikel, möchte man so gern nach einer „Feier-Wehr" rufen. So ist es jetzt auch Mode, den neugebackenen Fünfziger zu feiern. Wer, belastet mit mehr oder minder denk- und dankeswürdigen Verdiensten, diese Paßhöhe erklommen hat muß sich lobhudeln lassen. Einst wartete man damit bis zum Siebziger. „Auf die Posrille gebückt", hockt er behn guten alten Voss. Und wenn auch mancher, mit S t o r m zu reden, „läßt die Siebzig nah'n, nicht gebückt auf die Postille, aufrecht wie wir stets ihn sah'n, wandelt er in Lebensfülle", der siebzigste Geburtstag ist doch nicht ohne Wehmut zu genießen. Bei uns Juden, so spröde wir auch sonst gegen Geburtstagsfeiern, als Personenkult waren, beging man wenigstens den Sechziger. Man gab ein „Schischim-Mahl". Gelten doch bei uns die Sechzig als die Schwelle zur letzten Periode unserer Erdentage, der „Sikno", der Herbstreife des Lebens. Wenn man will: als Aussichtswarte für die zurückgelegte Strecke. Also immerhin .bei vielen ein Anlaß zur Freude, wie das Behagen an abendlicher Brise nach heißem Tage. Aber Hymnen an den Fünfziger? Sollten sie etwa auch ein Zeichen der „Verjudung" unserer Kultur sein? Einfluß des biblischen Jobeljahres? Oder spricht daraus die Raschlebigkeit unserer Zeit und die Kurzlebigkeit des modernen Lorbeers? Mit fünfzig gefeiert, mit sechzig oft vergessen? Will man damit „zum Augenblicke sagen: verweile doeh, du bist so schön?" Weil man dem mißtraut, was nachher kommt? Wird es nicht nur „Mühe und Misere" sein? Oder bei günstigerem Lose —, wird man es zu empfinden und auszukosten nach fünfzig noch so fähig sein, wie bis dahin? „Mit fünftig reif zum R a t" lehren die „Sprüche der Väter". Ist es nicht wirklich das Stadium, in dem z. B. der Arzt in der Regel vom „Medizinal- R a t" ereilt wird? Sollte es nicht doch die Pforte bilden, an die, wenn auch zunächst ganz leise, die ersten Alterserscheinungen, Mahnungen an den Abstieg pochen? - Doch gibt es Jubiläen, die nicht vom Kalender, .sondern vom Herzen diktiert werden. Man hat einen-Freund. Er hat etwas geleistet. Viele wissen