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Die Wahrheit · 1931-06-05 · Heft 23 (5.6.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 23 (5.6.1931)
Date
1931-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ganda Einhalt zu tun, wird in Regierungskreisen behauptet, es bestehe kein Grund zu übertriebener Besorgnis seitens' der Juden. Es sei unwahrscheinlich, daß es zu Unruhen kommen werde; Störungen der öffentlichen Ordnung würden, falls sie sich doch ereignen sollten, von den Behörden mit aller Strenge unterdrückt werden. Dem JTA-Vertreter gegenüber wurde die Versicherung abgegeben, daß das mexikanische Volk nicht antisemitisch gesinnt sei und daß die antisemitische Kampagne ausschließlich auf ökonomische Ursachen ohne jeglichen religiösen oder kulturellen Hintergrund, zurückzuführen sei. Anderseits stehen die leitenden Beamten der antijüdischen Propaganda völlig passiv gegenüber und lehnen es strikte ab, das jüdische Problem und die Frage der behördlichen Duldung der judenfeindlichen Propaganda zu erörtern. Aus dem Heiligen Land. In orthodoxen Kreisen Jerusalems herrscht Empörung darüber, daß in letzter Zeit die Uebung, Fußballspiele anSabbath-Tagen zu veranstalten, wieder Platz gegriffen hat Eine Gruppe von 2500 Agudisten hat öffentlich gedroht, sie würde den Verkauf der Eintrittskarten zu "dem Wettspiel am nächsten Samstag auf dem Makkabiplatz in Jerusalem verhindern. Am letzten Sabbath ging der Kartenverkauf unter polizeilichem Schutz vor sich. Oberrabbiner Kook hat den Versuch unternommen, die jüdischen Fußballer zur Einhaltung ihres Versprechens, am Sabbath keine Wettspiele auszutragen, zu bewegen. Der Antisemitismus in den sowjetrussischen Fabriken. Angesichts der Verstärkung der antisemitischen Strömung in den sowjetrussischen Fabriken, die besonders darin zum Ausdruck kommt, daß immer häufiger Mitglieder der kommunistischen Partei oder der Jungkommunistenliga an antisemitischen Verfolgungen und Ausschreitungen teilnahmen, beginnen die jüdischen Arbeiter aus eigenem Abwehrmaßnahmen zu t r e f f e n. In vielen Fällen verlassensieihre Arbeitsplätze, um anderwärts Arbeit zu suchen. Damit wollen sie erreichen, daß eine Anklage wegen „industrieller Desertion" gegen sie erhoben wird und sie anläßlich des Prozesses Gelegenheit haben, öffentlich über die Gründe, die sie zum Verlassen ihrer Arbeitsstellen bewogen haben, zu sprechen und gegen die Fabriksbehörden Beschwerde zu führen. Diese Methode wurde z. B. von einer Reihe qualifizierter jüdischer Arbeiter der Polimia Revolutsii- Fabrik in Minsk angewandt Als die Fabriksleitung, die in letzter Zeit unverhüllt antisemitische Tendenzen an den Tag gelegt hatte, diese Arbeiter aus antisemitischen Motiven zu minder qualifizierten Arbeiten heranziehen wollte, verließen sie ihre Arbeitsplätze. In der daraufhin gegen die jüdischen Arbeiter eingeleiteten Untersuchung wurden die antisemitischen Vorgänge in der Fabrik in vollem Umfang aufgedeckt Die Situation der religiösen Funktionäre in Sowjetrußland. Eine soeben veröffentlichte Statistik stellt fest daß die Kampagne der jüdischen Apikorsim oder militanten Atheisten nicht ohne Wirkung auf die jüdische Bevölkerung der Sowjetunion geblieben ist. In letzter Zeit haben 16 Rabbiner ihre Funktionen niedergelegt, von denen einige den Austritt aus dem Rabbinat stillschweigend vollzogen haben, indem sie von ihren bisherigen Wohnorten fortzogen und anderwärts neue Beschäftigungen suchten, während andere öffentlich vor versammelter Gemeinde in der Synagoge ihren Entschluß bekanntgaben. Außerdem haben zahlreiche Schächter ihren Beruf aufgegeben und öffentlich erklärt, daß sie sich in vollkommener Uebereinstimmung mit den Richtlinien Lenins befinden, der die Anbringung des Karl Marx'schen Mottos „Religion ist Opium für das Volk" an den Kirchen der Sowjetunion angeordnet hat Auch bei anderen Konfessionen haben geistliche Funktionäre ihre völlige Abkehr von der Religion verkündet Der Zentraiverband der Atheisten veröffentlicht eine Statistik, derzufolge 854 Geistliche verschiedener Bekenntnisse der Sowjetunion in letzter Zeit ihren Glauben öffentlich abgeschworen habein. Darunter befinden sich drei Bischöfe und 49 führende Geistliche verschiedener christlicher Sekten. 38 mohammedanische Mullahs und 340 griechisch-orthodoxe Popen. Die ihren Ueberzeugungen treu gebliebenen orthodoxen Priester, Rabbiner und Mullahs verlegen vielfach den Gottesdienst aus den Kirchen. Synagogen und Moscheen aus Sparsamkeitsrücksichten in Privaträume. Dadurch erhalten die Gottesdienste immer mehr den Charakter von sektiererischen Versammlungen. Im Zusammenhang damit erlebt auch das wirkliche Sektierertum in Sowjetrußland eine neue Blüte. Nur kein Jüdisches Blut Der 1914 im Kyffhäuser-Verlag München erschienene Semi-Gotha hat auch eine Ahnentafel der Familie Bismarck aufgestellt aus der hervorgeht daß die 1851 zu Triest geborene Ehefrau des Grafen Georg Hoyos, Alice, geb. Whitehead, die Schwiegermutter des Fürsten Herbert Bismarck und mütterliche Großmutter des früheren deutschnationalen Abgeordneten und jetzigen Förderers der nationalsozialistischen Partei Fürsten Otto, der wegen seiner antistaatlichen Betätigung von seinem Posten als Landrat enthoben worden war, einer englischen Familie entstamme, „deren Chef Sir James Whitehead die Stelle eines Kultus-Vorstandes der israelitischen Gemeinde in London bekleidete". Auch von mütterlicher Seite floß der Gräfin Hoyos jüdisches Blut zu. Die Hitler-Presse und der von Dr. Goebbels redigierte „Angriff" nehmen nun gegen den Semi-Gotha Stellung und werfen ihm vor, daß er mehrere deutsche Adelsfamilien geschädigt habe, indem er ihnen nachsagt, daß jüdisches Blut in ihren Adern fließt Sie sprechen den Wunsch nach einer Neuredigierung des Semi-Gotha zu Gunsten vieler Adelsfamilien, die jetzt im Hitlerlager stehen oder die Hitlerbewegung unterstützen, aus. Der „Angriff" erklärt Sir James Whitehead sei nicht Jude gewesen, sondern er hatte infolge seiner Amtswürde als Lord Mayor von London (1888—1889) die gesetzliche Aufsicht über alle Religionsgesellschaften und ihre Einrichtungen, also auch alle Synagogen in London, inne. Fürst Otto Bismarck hätte also kein jüdisches Blut in den Adern. Er habe auf Grund genealogischer Nachweise unter schriftlicher Abgabe des Blutsbekenntnisses seine Eintragung in die zum Schutze des deutschen Adels gegen den Mißbrauch adeliger Namen, zur Wahrung altübernommener Rechte, zur Reinigung und Reinhaltung von fremdrassiger Blutmischung geschaffene, durch den Buchungsausschuß, bzw. die Buchungshauptstelle Berlin, als Arbeitsabteilung IV der deutschen Adelsgenossenschaft geführte fortlaufende Stammrolle „Eisernes Buch deutschen Adels deutscher Art" (abgekürzt „Edda") beantragt und nach Prüfung der Unterlagen auch erwirkt Es ist damit urkundlich und öffentlich nachgewiesen, daß in den heutigen Bismarcks kein Tropfen jüdischen Bluts fließt VonWodke zu Woetke Ein Zeichen der Zelt. Wie wir in der Nummer vom 22. Mai berichteten, fand am 10. Mai die diesjährige feierliche Preisverteilung der von Dr. George Alexander Kohut (New York) begründeten Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes-Stiftung statt. Die Höhe des Preises steht wahrlich in keinem Verhältnis zu der ausgezeichneten umfangreichen Preisschrift des Theologie-Kandidaten Israel Ii e i t n e r. Für die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen gegenwärtig auch die amerikanische Judenschaft leidet ist es nun bezeichnend, daß selbst dieser geringe Betrag nicht wie bisher in Amerika, sondern unter Wiener Freunden der israelitischen theologischen Lehranstalt durch die Bemühungen des Vorsitzenden des Kuratoriums, Herrn Vizepräsidenten Dr. J. O r n s t e i n aufgebracht wurde. Die Berliner Repräsentantenwahlen endlich bestätigt. Der Polizeipräsident von Berlin hat die am 30. November 1930, also vor einem halben Jahre, durchgeführten Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin, gegen die von zionistischer Seite Proteste erhoben wurden, endgültig bestätigt, nachdem bekanntlich der Wahlprüfungsausschuß die Beschwerden hinsichtlich der Beteiligung von Personen, die vorher nicht in die Wählerlisten aufgenommen worden waren, an der Abstimmung rektifiziert und geringeAbstrichebei allen zur Wahl gestandenen Listen vorgenommen hatte — eine Maßnahme, die an demErgebnis der Wahlen nichts geändert hat. Die anderen Beschwerdepunkte, so z. B. betreffend die Nichtaufnahme zahlreicher Wahlberechtigter in die Listen, die durch die allzu schnelle Zusammenstellung der Listen bedingt war, hat der Polizeipräsident offenbar nicht für schwerwiegend genug gehalten, um eine Rektifizierung des Wahlergebnisses oder gar Neuwahlen anzuordnen. Die neue Repräsentanten versamm- 1 u n g wird demnach in kurzerZeit zusammentreten, um sich zu konstituieren, einen neuenVorstandzu wählen, das Budget für das Jahr 1931 und die anderen laufenden Agenden der Gemeinde zu erledigen. Die neue Repräsentantenversammlung zählt 41 Mitglieder und keine Ersatzmitglieder, während die bisherigen Gemeindeparlamente 21 Mitglieder und eine entsprechende Zahl Ersatzmitglieder zu zählen pflegten. Während die bisherige Repräsentantenversammlung 10 Liberale, 7 Volksparteiler, 1 Poale Zion, 2 Mittelparteiler, 1 Konservativen zählte, verteilen sich die 41 Sitze der neuen Repräsentanz 1 UNION— 1 I FRÜMLINQSPEST I j SflttSTflG, DEN 20. JUNI 1931 | | IM RESERVIERTEN GARTEN DES f§ | CAFE-RESTAURANT || | „CONSTA NT IN HÜ GEL" | | (AKADEMIE, TANZ IM FREIEN, j | TOMBOLA, JUXZELTE ETC.) I H m | ENTREE S 3.— g E n Ü KAR TEN IM SEKRETARIAT DER .UNION". WIEN H j§ IX., BERGGASSE 4, TEL. A 19-2-77, ERHALTLICH M ■ DAS FEST WIRD BEI UNGÜNSTIGER B m WITTERUNG IM SAALE ABGEHALTEN B auf die einzelnen Parteien wie folgt: 24 Liberale, 14 Volksparteiler, Religiöse Mittelpartei, Poale Ziori und Ueberparteiliche Vereinigung je 1 Mandat. Jüdische Gemeindewahlen in Warschan. Schwere Niederlage der Zionisten. Die gegenwärtig in ganz Polen vor sich gehenden Wahlen in die Verwaltungskörperschaften der jüdischen Gemeinden nehmen das stärkste Interesse der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit in Anspruch. Das Hauptinteresse konzentrierte sich auf den Ausgang der am 27. v. M. durchgeführten Wahlen in die jüdische Gemeinde der polnischen Hauptstadt Warschau. Wider Erwarten war die Wahlbeteiligung in Warschau verhältnismäßig schwach. Nur 32 Prozent von der Gesamtheit der 69.431 Wahlberechtigten schritten zur Urne. Das Ergebnis der Wahl ist folgendes: Die Agudas Jisroel errang 19, die Zionisten erhielten 12, Misrachi 4, die Partei der Unparteiisch-Religiösen 3, die Polen mosaischer Konfession 2, die Demokraten 2, die Gruppe der Grodzisker Chassidim 2, die von Prilucki geführte Jüdische Volkspartei (Folkisten) 2 Mandate, die Linken Poale Zion, der Verein Chesed schel Emes, die Altstadtgruppe, die Gruppe der Hauswirte erhielten je 1 Mandat Die Agudas J i s r o e 1 hat gegen früher 2 Mandate gewonnen, die Zionisten haben 2 Mandate verloren. Ebenso verzeichnen Misrachi und Linke Poale Zion Verluste von je 1 Mandat Insgesamt gelangen 50 Mandate zur Verteilung. Nach dem jetzigen Wahlausgang verfügt keine Partei samt ihrem Splitteranhang über eine absolute Majorität, so daß verschiedene Kombinationen bezüglich der Bildung von Koalitionen; bestehen. Internationale Konferenz jüdischer Taubstummer. Vom 24. bis 26. Mai fand in Prag die erste Weltkonferenz der jüdischen Gehörlosen statt, an der sich Delegierte aus Belgien. Deutschland. Oesterreich, Ungarn. Polen und der Tschechoslowakei beteiligten. Die provisorische Leitung des 1930 in Krakau begründeten Bundes israelitischer Gehörloser in Europa legte dem Kongreß einen ausführlichen Tätigkeitsbericht vor hinsichtlich Stellenfürsorge. Erschließung neuer Arbeitsgebiete für Taubstumme. Schutz gegenfalsche Diagnosen, die zur Ueberführung Gehörloser in Geisteskrankenanstalten führen. Förderung von jüdischen Taubstummenheimen usw. Aus dem Tätigkeitsbericht den Erwin Kaiser. Berlin, erstattete, war zuersehen, daß die materiellen Lasten der Bundesarbeit fast ausschließlich von den Gehörlosen selbst getragenworden warein. Der Kongreß beschloß einstimmig die Gründung eines „Weltbundes jüdischer Gehörloser", dessen Ziel die Zusammenfassung jüdischer Gehörlosenverbände und Vereine in allen Ländern, gegenseitige Beratung und Austausch der Erfahrungen, Rechtsschutz, Wanderfürsorge und Heimfürsorge für alle Mitglieder ist. Zum Präsidenten des Weltbundes wurde Erwin Kaiser. Berlin, zum Ehrenpräsidenten Dr. Felix Reich, Berlin, Direktor der israelitischen Taubstummenanstalt Berlin-Weißensee. zu Vizepräsi- Gesundes hübsches Kind Mäderi, zwischen 4 und 8 Jahren, möglichst Doppelwaise, wird von kinderlosem, gutsituierten Ehepaar an Kindesstatt angenommen. Zuschriften unter „W. M. 1414" befördert Rudolf Mosse, Wien L, Seilerstätte 2.

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