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Die Wahrheit · 1931-06-05 · Heft 23 (5.6.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 23 (5.6.1931)
Date
1931-06-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT TTJTüi fessorenkolbsium, welches dem barbarischen Unfug des Duellwesens zu steuern außerstande ist; ich rede auch nicht von den Aeltesten, von den Vertretern der Stadt Freiburg, denen weder das Recht zustellt, noch die Pflicht obliegt, der studierenden Jugend den rechten und richtigen Begriff echter Mannesehre beizubringen; nein, ich meine und verstehe unter den Aeltesten AHjene, welche als die Wächter und die Hüter der gesellschaftlichen Ordnung sich betrachten, ich meine und verstehe unter den Aeltesten, die ein Sühnopfer darzubringen hätten, AHjene, welche es ruhig mitangesehen und eben deshalb es mit verschuldet haben, daß unter der deutschen Jugend im Allgemeinen und unter der studierenden insbesondere eine solche Verrohung eingetreten, eine solch schreckliche Verwirrung der Ideen und Begriffe und eine solch maßlose Verwilderung der Gefühle und Empfindungen Platz gegriffen. Ich frage hier vor Gottes heiligem Angesicht, ob sie nicht Alle, welche das Gift des Rassenhasses in das jugendliche Herz unserer Gymnasiasten schon geträufelt, ob sie nicht Alle ihren Anteil haben an dem hier vergossenen Blut, ob sie nicht die Verführer dessen waren, welcher diesem nun Entseelten ein als Beschimpfung geltendes Wort ins Gesicht geschleudert, das, nach den nun einmal herrschenden Begriffen nur mit Blut aHein wettgemacht werden konnte. Haben Jene, welche seit länger denn einem Jahrzehnt den Feuerbrand in Wort und Schrift genährt und geschürt, haben sie es in Wirklichkeit nicht im Voraus gesehen, daß dieses, die Barbarei des Mittelalters in Schatten stellende Treiben zum Vergießen unschuldigen Blutes führen wird und führen muß. Oder wird es vielleicht Jemand wagen, die Tatsache in Abrede zu stellen, daß hier unschuldiges Blut vergossen wurde? Kann denn ein Deutscher, der mit dem Wort Ehre kein frevelhaftes Spiel treibt, der die eigene Mannesehre als etwas Heiliges und Unantastbares hoch hält, kann ein Deutscher auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß einem anderen Deutschen, weil er zufällig der Abstammung und dem Glauben nach ein Jude ist, die eigene persönliche und die Ehre seiner Stammes- und Glaubensgenossen weniger hoch und heilig gilt? Nein und tausendmal nein, wer von der Ehre seines unbescholtenen Nebenmenschen niedrig denkt, der kann unmöglich die eigene Ehre im rechten und wahren Lichte schauen, ebensowenig wie Derjenige im Besitze der wahren und echten Freiheit sein kann, welcher die Freiheit eines Anderen mißachtet und schnöde mit Füßen tritt Einen Judenjungen, du Verklärter, hat man dich geschimpft Schmach über eine aufgeklärte Zeit, die ein solches Wort als Schimpf betrachtei; Schmach über ein Zeitalter, das so verblendet und £o verkehrt ist einem Sohne Israels, obgleich er von Kindheit auf seinen Geist mit den erquickenden Säften der deutschen Literatur und mit den reifen Früchten deutscher Forschung genährt, obgleich er seinen Wissendurst an den sprudelnden Quellen deutscüer Wissenschaft gestillt, die Abstammung von jüdischen Eltern vorzuwerfen, die auf europäischem Uoden ganz gewiß, und vielleicht auch auf deutschem Boden, viel früher gelebt als die germanischen Stämme, die im Teutoburger Wald gekämpft und gestntten. Ich, du Verklärter, ich rufe es dir als ehrende und auszeichnende Anerkennung ins Grab nach, daß du nicht als Jude ein Junge, wohl aber als Junne schon ein Jude, daß du ein jüdischer Sohn, daß du ein deutscher Student und doch zugleich ein jädischer Mann gewesen, der bereit war, mit seinem ebenen Leben es zu bezeugen, daß in unserer Brust das Ehrgefühl nicht weniger wach und rege, nicht weniger tief und mächtig ist, als in der Brust Jener, welche als die Wächter deutscher Ehre und als die Pächter deutscher Vaterlandsliebe sich betrachten. Auf deinen Höhen bist du gefallen, im Kampf um die Ehre deines Glaubens ist die Waffe deiner Hand entfallen, und doch hast du mit deinem Tode Viele entwaffnet; denn dein Hintritt ist wohlgeeignet den mit geistiger Blindheit Geschlagenen den Star zu stechen, den Verblendeten die Augen zu öffnen, damit sie es endlich einsehen und erkennen, daß von den Parteiführern und Fahnenträgern, von den Parteigängern und Anhängern des Antisemitismus ganz und voll geltendie Worte der Schrift: „Vom Weinstück Sodoms ist ihr Weinstock und den Fluren Amoras, ihre Trauben Wermutstrauben, giftige Beeren tragen sie, Drachengeifer ist ihr Wein, tödlich Gift der Nattern." Du bist nicht durch eine unbekannte Hand, du bist als LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHÖNIX WIEN, 1. BEZIRK, RIEMERGASSE 2 Versicherungsbestand per Mitte '930 ,^2.450. Millienen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 ...... 125 „ . Garantiemittel per Ende 1929 300 . „ Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 301/, „ „ EisschränSse Marke »Frlgofor" eissparend, eigene Erzeugung, Zahlungserleichterung. „Elphora", i., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 Opfer des Rassenhasses und der politischen Parteileidenschaft gefallen. Wohl hat sich auch da wieder in erhebender Weise gezeigt, daß die Menschenliebe noch nicht aus jeder Brust entflohen ist; wohl haben dich deine Professoren, deine Lehrer und Kollegen mit aufopfernder Hingebung gehegt und gepflegt, wohl haben sie alles aufgeboten, um dich noch zu retten, aber das ist bloß ein Trost für deine tiefgebeugte Mutter, für deine schmerzerfüllten Geschwister, das ist ein Trost auch für uns, aber das ist keine Sühne; gesühnt wird dein Tod erst dadurch werden, daß die Hartherzigen wieder menschlich fühlen lernen, daß die haßerfüllten Seelen wieder für wahre Nächstenliebe empfänglich gemacht werden, daß wir alle aus der Tiefe der Barbarei uns emporraffen. Darum richte ich nicht bloß an Euch, Ihr Freunde und Kollegen des Entschlafenen, sondern an Euch Alle, Ihr Studierenden der Universität Freiburg, die Ihr hier versammelt seid, mein Wort. Besinnet Euch auf Euch selber; bringet es Euch heute zum klaren Bewußtsein, daß der Schild der deutschen Studentenehre unmöglich blank bleiben kann, wenn das Duell zum Meuchelmorde ausartet; besinnet Euch auf Euch selber, strecket an dieser Bahre hier in Wirklichkeit Eure Waffen und reichet Euch im Geiste die Bruderhand! 0, daß sie doch durch deinen traurigen Fall aufgerüttelt, an allen deutschen Universitäten dies endlich täten, dann wärest du wenigstens nicht umsonst so früh, in deinem 26. Lebensjahre, gefallen. Nun, früher oder später werden sie es tun, werden sie es tun müssen; dann wird aus deiner Gruft der Geist der Versöhnung emporsteigen, um die einst feindlichen Brüder noch näher aneinander zu bringen, dann wirst auch du das deine dazu beigetragen haben, den Frieden anzubahnen, welchen endlich herbeizuführen jeder Deutsche als heilige Pflicht, als nationale Ehrensache betrachten muß. Feuilleton Haben wir Geld? Von Luise Fischer-Treu. Eine neue Mode ist ausgebrochen, die ihrer großen praktischen Vorzüge, ihrer Anwendbarkeit und Bequem, licbkeit halber von Mann wie Weib mit Vorliebe getragen wird: es ist die Mode des Kein-Geld-Habens. des Stier-Seins, um es gut wienerisch auszudrücken. — Wie, bitte? — Ja. so habe ich gesagt: die Mode des Stier- Seins, lind nun, bitte, glauben Sie nicht, ich wäre so erpicht auf Geistreichelei. daß ich nur um der Verblüffung halber alle Tatsachen des heutigen Wirtschaftslebens übersehe, die in dem Wort vom Stier-Sein eine kurze Formel gefunden haben. Ich weiß, daß sich eine Parallele zwischen unserer Zeit und dem welterschütternden Zeitalter der ersten Maschinen ziehen läßt denn ich habe das auch in der Zeätung gelesen. Ich weiß, daß sich Schwierigkeiten türmen, wo man früher aufs selbstverständlichste geradeaus ging: daß der Verpflichtungen viele sind und des Geldes wenig, denn ich habe das auch an der eigenen Person erfahren. Aber wenn ich an früher, an die „guten alten Zeiten" zurückdenke, dann kann ich mich deutlich entsinnen, daß auch damals die Kaufleufe, wenn sie so gepflegt und scheinbar sorglos mit ihren Frauen in Gesellschaft oder im Theater saßen, oft heimlich bei sich die Frage erwogen, ob der fällige Wechsel ihnen prolongiert werden würde; daß auch damals die sorglich gekleidete Beamtenfrau gegen Ende des Monats den Küchenzettel beschnitt, und es gar manche Rechtsanwälte und Aerzte gab, d5e aus nicht ganz freiem Willen die bilügsten Speisen für ihre Gustogerichte erklärten. Sagen wir es ehrlich: wir trugen auch früher schon das Zeichen des Stiers, nur nicht so öffentlich, sozusagen salonfähig, wie heute. Ist es uns jemals so gut gegangen, daß wir nicht noch berechtigte Wünsche gehabt hätten, die wir uns versagen mußten? Und, — geht es uns jetzt so schlecht daß wir uns nicht hoch manches erlauben könnten, was uns freut? Freilich gibt es Leute, die ganz am Rand angelangt sind; auch das weiß ich, denn es ist mir bekannt in wie mannigfachen Formen wirklicher Jammer, wirkliche Verzweiflung bei der Israelitischen Kultusgemeinde: um Hilfe flehen. Aber gestehen wir es doch zu, daß sieb auch noch manches Restchen von Behagen und Wohlleben in diese schlechteste aller Zeiten hinübergerettet hat. Daß noch mancher Groschen nicht nur, sondern auch noch mancher Schilling, — nun, sagen wir es ruhig, auch noch mancher 50-Schilling-Schein (und darf man nicht noch höher hinaufgehen?) für eine Liebhaberei geopfert werden. Was dagegen einzuwenden ist? Nichts, gar nichts, oder vielmehr: es ist das erfreulich. <3eld kommt so unter die Leute, denen, nach ihrer eigenen Aussage, weiter nichts fehlt als Geld. Und meistens sind es ja nicht einmal eigene Liebhabereien, sondern die anderer Leute, denen man dieses Geld opfert Der Mann, die Frau, das Kind, der Onkel, der Freund, die Großmama: sie alle haben Wünsche, und wenn man sie erfüllen kann, so fühlt man sich ein kleiner König. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen, daß ein Mensch, der eine Gabe in der Tasche trägt, stets ein freudliches, ja beglücktes Gesicht macht? Was uns fehlt, ist rächt Geld. Was uns fehlt, äst Phantasie. Nur ein klein wenig Phantasie. Dieser Mangel hindert uns, durch die Mauern unseres eigenen Hauses hindurchzusehen. Aus einer gänzlich leeren Tasche zaubern wir große Summen, sobald uns wirkliche Not packt: aber sie packt uns nur wirklich, wenn diese Not einen uns persönlich nahestehenden Menschen betrifft. Und was ist „Not?" Not ist Krankheit, verschärft bei einem Menschen, der arbeiten müßte, um andere zu erhalten. Not ist ein Winterrock bei Sonnenglut auf einem verhungernden Körper: Not ist UmheTstreifen in langen Nächten, Sn Angst vor dem Wachmann — Obdachlosigkeit: Not sind hustende, zerfallende Kinder: es gibt tausende von ebenso krassen oder nur scheinbar milderen Formen der Not, von denen allen unser gesegnetes Haus doch noch verschont ist. Und bis zu den Menschen, die in solcher Not leben, dringt unsere Phantasie nicht, — das ist das ganze Unglück. Noch einmal: ich kenne das furchtbare Gesicht unserer ZeM. Ich weiß, daß man nachts schlaflos vor Geldsorgen sein kann, auch wenn man bei Tag einen erstklassigen Maßanzug trägt. Aber ich bleibe dabei. Denn, nicht wahr: Den großen Geschäftsmann, der heute in Ausgleich gehen muß, haben nicht die hundert, die tausend Schilling meinetwegen, ruiniert die er für die Not anderer Menschen übrig hatte? Dem zweiten fehlen 100 Schilling für eine dringende Schuld, — nicht die 50 Schilling, die er bestenfalls weggibt. Neue Garderobe wäre nötig, wenn die Praxis florierte wie früher — aber 10 Schilling, 5 SchiUing mehr oder weniger spielen dabei keine Rolle. Es ist Mangel an Phantasie, es ist eine schlechte Mode, sich damit retten zu wollen. Es ist fast, als fürchtete man sich, die Oeffentlichkeit könnte nicht merken, daß man nicht mehr solvent ist wie einstmals. Die Kinderrettungswoche, die vor kurzem stattfand, hatte bekanntlich ein erstaunliches und vielsagendes Ergebnis. In den Proletarierbezirken war es nicht nur relativ, sondern sogar absolut besser als in den bürgerlichen, obwohl sich nicht leugnen läßt, daß die Ungunst der Verhältnisse den Proletarier, der keine Reserven hat, sofort aufs Existenzminimum und darunter wirft Man denkt unwillkürlich an die Zeiten, in denen sich das Bürgertum aus seiner gedrückten, dienerhaften Stellung gegenüber dem Adel emporrang. Wodurch? Durch die anständigen Instinkte, durch den selbstlosen, idealistischen Schwung, der sich in ihm verkörperte. Es ist die geschichtliche Rolle, die Tradition und die Ehre des Bürgertums, diese „Bürgertugenden" zu verkörpern. Will es selbst beweisen, daß es sie ausgespielt hat? Sich hinter den Stier verstecken und mit zugeknöpften Taschen zugrunde gehen? * i£ Dies schrieb ich aus einem winzigen Anlaß. Nach einem zufälligen Gespräch in größerer Gesellschaft über die wahrscheinlichen Erfolge der großen Haussammelaktiön, welche die Israelitische Kultusgemeinde für die anwachsenden und dringenden Aufgaben ihrer Fürsorgezentrale, der die regelmäßigen Einnahmen nicht mehr ausreichen wollen, in der Zeit vom 15. Mai bis 15. Juni veranstaltet. Da erzählte jemand aus altjüdischen Leben die Episode, wie ein reicher Mann unrettbar verarmt; so sehr verarmt daß er nichts zum Seder hat und die Pessachspende selbst empfangen müßte, die er bisher in einem feststehenden, sehr reichlichen Ausmaß gegeben hat. Die ganze Gemeinde weiß das. Man zerbricht sich den Kopf, wie man ihm geben kann, ohne ihn zu verletzen. Während man darüber spricht kommt der Mann zur Tür herein. Er hat die letzten Ueberbleibsel des Schmuckes seiner Frau, die silbernen Sabbathleuchter noch obendrein verkauft — und bringt jetzt die gewohnte Pessachspende für die Armen. „Pure Eitelkeit", sagte einer aus der Gesellschaft. „Eitelkeit wie jede andere auch." Dagegen mußte ich protestieren. „Eitelkeit — zugegeben," meinte ich. „Vielleicht Eitelkeit; man braucht nicht darüber zu streiten. Denn keine Eitelkeit wie jede andere. Eine Eitelkeit, die die Welt erretten und neu aufbauen könnte, wenn sie allgemein geübt würde. Eine Eitelkeit, die Nachahmung verdient" Was meinen die Leser?

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