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Die Wahrheit · 1931-06-05 · Heft 23 (5.6.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 23 (5.6.1931)
Date
1931-06-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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-J . Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische IDodicnsdirift mit den Veroffentfidrangen der „Union deiifschösteireicbischer Joden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Ersdbeint jeden Freitag Israelitischen Ktütusgemeinde Wien Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 5. Juni 1931 Nummer 23 Der Kongreß des Mißtrauens. Der XVII. Zionistenkongreß und die Tagung der Jewish Agency sind für Ende Juni, bzw. Mitte Juli, nach Basel einberufen. Diesen Tagungen kommt auch vom nichtnationalen Standpunkt eine große Bedeutung zu. Es verlohnt sich also, einen Rückblick auf die innerzionistischen Wandlungen seit den Züricher Tagungen zu werfen. Die inneren Verhältnisse der zionistischen Organisation haben sich seit der Züricher Gründung der erweiterten Jewish Agency wesentlich verschoben. Bis Zürich war die Haltung gegenüber dem Agency-Problem das Schibbolet für die innerzionistische Gruppierung, hinter dem alle Fragen zurücktraten. In den letzten zwei Jahren aber ist' vor allem die Politik in den Vordergrund getreten. Wir erlebten eine Krise des politischen Systems des Zionismus. Das Vertrauen zur Mandatarmacht wurde erschüttert und die Vorstellung, die man bisher von der englischen Palästinapolitik hatte, geriet ins Wanken. Dabei ist die sozial-psychologisch überaus interessante Tatsache zu vermerken, daß man sich in zionistischen Kreisen eine Vorstellung der englischen Politik gemacht hatte, die mehr einem zionistischen Wunschbild als den vorliegenden Dokumenten und eindeutigen englischen Erklärungen entsprach. Seit 1921 hat sich die englische Politik, die im Weißbuch von 1922 formuliert wurde, nicht wesentlich geändert. In zionistischen Kreisen aber glaubte man, dieses Weißbuch als eine Art taktische Nebensächlichkeit bagatellisieren zu können, und hielt es für möglich, die Engländer darüber zu belehren, welches ihre „wahre" Palästinapolitik sei. So kam es, daß die Engländer immer deutlicher wurden und daß nach den Unruhen vom August 1929 jene Vorstellung, die man sich zurechtgelegt hatte, einen schweren Schlag erlitt. Nunmehr wandte sich wieder der Unwille gegen die zionistische Führung. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, diese Führung in Schutz zu nehmen. Sie konnte sich offenbar in der ersten Zeit nach den Unruhen dem ihr drohenden Sturm der Opposition nur dadurch entziehen, daß sie selbst sozusagen in die Ideologie der Opposition einschwenkte. Auf diese Weise wurde Ende 1929 der Eindruck erzeugt, als ob die große Mehrheit aller Zionisten jetzt hinter dem kampflustig gewordenen Dr. Weizmann stünde. Im Verlaufe der weiteren praktischen Politik mußte sich diese Konstellation wieder ändern. Denn jede praktische Politik, die mit Realitäten rechnet, führt zu Kompromissen und Konzessionen, und der Führer, der diese Lage übersieht, ist gezwungen, im Interesse der von ihm vertretenen Sache Kpnzessionen zu machen, die den auf eine einseitige Ideologie gedrillten Anhängern oft unbegreiflich scheinen. Darum hat der Führer so oft das Schicksal, in den Augen seiner Anhänger zum „Verräter" zu werden. Herzl ist noch im richtigen Moment gestorben, um von der zionistischen Bewegung heroisiert zu werden, obwohl er kurz vor seinem Tode hart daran war, als Verräter stigmatisiert zu bleiben. In seinen kürzlich erschienenen „Erinnerungen eines Lebens" (Verlag Paul Liszt, Leipzig) knüpft Franz Blei an das Schicksal Lenins einige richtige Bemerkungen, die man leicht auf Führer anderer Bewegungen übertragen kann; er sagt, Lenin sei so glücklich gewesen, zu sterben, bevor er zum Verräter hätte werden müssen, denn solcher Verrat ist das notwendige Merkmal der Verwirklichung jeder nur in. der Abstraktion hundertprozentig konsequenten Idee. Innerhalb des Zionismus hat die Diffamierung von größeren und kleineren Führern, die von der Schablone abweichen, als „Verräter", in den letzten Jahren beängstigende Dimensionen angenommen, die ein Zeichen der gefährlichen Massenhysterie sind. Jedenfalls ist die heutige innerzionistische Lage charakterisiert durch ein allgemeines Mißtrauen, dem schwer zu begegnen ist. Diese Atmosphäre haben sich die verschiedensten Elemente zunutze gemacht, um unkontrollierbares Gift zu verspritzen; überall werden Nachrichten erfunden, die auch dann, wenn sie später dementiert werden, Spuren zurücklassen. Alle Handlungen Dr. Weizmanns und anderer Personen werden verdächtigt, alle möglichen Körperschaften fühlen sich berufen, Kontrolle und Einfluß zu fordern, kurz das Mißtrauen erweist seine zersetzende Wirkung. Dies geht so weit, daß selbst Personen, die früher der Opposition angehört haben, aber durch ihre — zunächst als Kontrolle der Führung gedachte — Mitarbeit an den praktischen Aufgaben den Dingen etwas näher gekommen sind, selbst schon als kompromittiert erscheinen und bald auch den Titel des Verräters bekommen werden. Unter diesen Umständen wird die Frage der Umgruppierung und der Führerwahl vielleicht die wichtigste Frage des kommenden Kongresses. Freilich scheinen sich viele die letzten Konsequenzen nicht klarzumachen. Wie in früheren Jahren findet man auch jetzt im Zionismus die Meinung verbreitet, daß die Opposition gegen Weizmann sich austoben und er selbst auch demissionieren wird, daß aber im letzten Moment infolge der entstandenen Verlegenheit doch wieder irgendein Ausweg sich finden wird, wobei Weizmann als Führer wiedergewählt werden kann. Wir glauben, daß dieser Ausweg diesmal nicht möglich ist. Diejenigen Kreise, die jetzt seit Monaten ihre Kampagne führen, werden bei dem Kongreß sehen, was sie angerichtet haben, und werden einen anderen Ausweg finden müssen. Wir glauben nicht, daß die Freunde Dr. Weizmanns, unter denen es eigentlich nur eine geschlossene Gruppe gibt, nämlich die Arbeiterschaft, es auf sich nehmen können, Weizmann wiederzuwählen und ihm zuzumuten, in derselben Weise weiterzuarbeiten wie bisher. Man muß der Tatsache ins Auge sehen, daß Weizmann diesmal endgültig zurücktritt, womit nicht gesagt ist, daß er nicht in der Zukunft wieder einmal eine Rolle in der Bewegung spielen wird. Nun gilt es, auf dem Kongreß eine Umgestaltung zu vollziehen. Dann wird wohl der Weg zu einer neuen Koalition auf breiter Grundlage frei. In welcher Weise der nächste Kongreß dies zustande bringt, wird auch für die Nichtzionisten von nicht geringer Bedeutung sein. Das Gift des Rassenhasses. Ueber ein Vierteljahr ist nun Rektor Hofrat Dr. Adolf Schwarz schon tot Sein Andenken aber ist in dieser Stadt noch immer lebendig, wie es ewig währen wird als Gedenken an einen der Besten unseres jüdischen Wien. Durch freundliche Vermittlung der Tochter des Verewigten, Fräulein Rosa Rahel Schwarz, erhielten wir folgende ergreifende Grabrede zum auszugsweisen Nachdruck, die Dr. Adolf Schwarz s. A. als Stadt- und Conferenz- Rabbiner in Karlsruhe an der Bahre des im Duell gefallenen Medizinstudenten Eduard Sa lern ori am 12. Februar 1890 gehalten hat. Die erschütternden Worte, die Dr. Adolf Schwarz am Grabe dieses im Kampfe für die Ehre des Judentums getöteten jüdischen Jünglings gesprochen, sind auch beute noch — nach über vierzig Jahren — nur zu aktuell: seine Hoffnung auf den Geist der Versöhnung ist leider noch nicht in Erfüllung gegangen. Wir stehen hier an der Bahre eines jungen Mannes, an dem leider buchstäblich zur Wahrheit geworden das Wort der Schrift, „daß Jemand an seinem Nächsten frevelt, um ihn mit List zu ermorden"; der Richter kennt Denjenigen, welcher zur Rechenschaft gezogen werden muß, und doch will es mir bedünken, daß, wenn irgendwo, so in diesem durch seine Ursachen und durch seine Folgen doppelt und dreifach traurigen Falle den Aeltesten die Pflicht erwächst, sich ernstlich zu fragen, ob sie über dem Opfer, das hier eingesargt vor uns ruht, ihre Hände in Unschuld waschen, ob sie mit reinem und ruhigem Gewissen sagen können, unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen und unsere Augen haben es nicht gesehen. Und von welchen Aeltesten ich rede, fraget Ihr? Nun, ich rede nicht vom Senat der hiesigen Universität, deren akademischer Bürger der entseelt vor uns Liegende gewesen, nicht von dem Pro- Mitglieder und Freunde der „Union" überfragen Lebens- und Elemenior- VersknerungenMar SfiWtlsdicn Vcrsldicronösanstall

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