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Die Wahrheit · 1931-05-29 · Heft 22 (29.5.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 22 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAMRHE11 Das jüdische Amerika. Herbert Philippsthal schreibt in der Berliner „Jüdisch-liberalen Zeitung": Es ist durchaus wertvoll, den Blick einmal auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu werfen, die außerhalb der nationalen Grenzen liegen. Für die Europäer der Nachkriegszeit erregt immer wieder das gepriesene Land der „unbegrenzten Möglichkeiten" seine Bewunderung: Durch seinen Reichtum und seine Organisationen. Mag sein, daß das Fiuidum, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika bisher umschwebte, eine Minderung durch die Weitwirtschaftskrise, die nunmehr auch die Union ergriffen, erfahren hat Dies hindert uns aber nicht, das vorbildliche Organisationswesen der amerikanischen Judenheit nach Harry S. Lionfield einer Betrachtung zu unterziehen. Im Jahre 1927 lebten in den Vereinigten Staaten von Nordamerika 4,228.000 Juden, zerstreut über den gesamten riesigen Länderkomplex. In New York 1,765.000 Seelen. 151.000 Juden zählte man in Gemeinden ohne jede innere Verbindung, alle übrigen bilden größere und kleinere Gemeinden mit zum Teil sehr lebhaftem Gemeindeleben, mit zahlreichen Organisationen der verschiedensten Art. Es existieren insgesamt 175.000 Organisationen, die 4,225.000 jüdische Menschen umfassen und ergreifen: Die jüdischen Gemeinden machen 18 Prozent aus, andere lokale Organisationen, die mit den Gemeinden eng verbunden sind, 41 Prozent, 39 Prozent lokale unabhängige Organisationen, jüdisch-nationale Vereinigungen im ganzen 1 Prozent. Die wichtigste jüdische Organisation stellt die Gemeinde (congregation) dar. In New York allein gibt es 1044 an Zahl. Es folgen Chikago und Philadelphia, die auch die zwei größten jüdischen Siedlungen der Union nach New York sind. Die Feststellung ist recht interessant, daß die 3118 Gemeinden 33,391.295 Dollar für ihre Synagogen, Rabbinergehälter usw. aufbringen. 75 Prozent besitzen eigene Tempel, der Rest muß in sonstigen Räumlichkeiten den Gottesdienst begehen. Eine beschränkte Anzahl jüdischer Gemeinden — 72 — besitzt eigene Amtsgebäude für die Rabbiner. Daß wohl jede jüdische Gemeinde sich einen Rabbiner leisten kann, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Immerhin könnten in 56 Prozent aller Gemeinden Rabbiner ihre Funktion ausüben: ein viel höherer Prozentsatz als beispielsweise in Deutschland. Diese Rabbiner haben sich in 5 Vereinigungen zusammengeschlossen (926 Rabbiner). Die amerikanischen Juden besitzen zahlreiche Unterrichtsstätten. Insbesondere Elementarschulen, einige höhere Schulen, Einrichtungen für die kommerzielle und technische Erziehung, für Rabbinervorbereitung und Wohlfahrtspflege und eine Schule, die den Doktorgrad verleihen kann. Es gibt nur drei Schulen in der Union, in denen das jüdisch-religiöse Moment im Mittelpunkt des Unterrichts steht. Eine jüdische Landwirtschaftsschule wird mit 165 Schülern in Pennsylvanien unterhalten. Die Jugendorganisationen sind stark verbreitet. Von den 912 sind 44 Prozent eng den jüdischen Gemeinden angeschlossen. Von dem Rest sind 84 Prozent zionistisch eingestellt. Die Studenten haben sich in zahlreichen Verbindungen der verschiedensten Parteirichtungen zusammengeschlossen. Auf 139 Universitäten zählt man 502 Verbindungen. Die Rabbiner finden ihre Ausbildung in 5 Schulen mit 575 Studierenden im Jahre 1927. Jährlich werden etwa 29 Rabbiner ausgebildet, eine Zahl, die für das riesige Amerika nicht allzu groß ist. Es mutet eigenartig an, daß man für die Ausbreitung der jüdischen Literatur nicht sehr viel übrig liat. Es besteht nur eine einzige derartige Organisation (the Jewish Publication Society of America). Wichtig ist hierfür auch das Dropsie College. Die Mitgliederzahl von the Jewish Publication Society of America beträgt 8995. Im Jahre 1927 gab man 4 neue jüdische Werke heraus und setzte insgesamt 50.000 Bücher um. The Publication Society veröffentlicht auch das bekannte amerikanische jüdische Jahrbuch, das auch außerhalb Amerikas geschätzt wird. Das jüdische Pressewesen nimmt eine wichtige Stelle im amerikanisch-jüdischen Leben ein. Es setzt sich zusammen aus 111 periodischen Schriften: 9Tageszeitungen, 68 Wochenschriften, 18 Monatsschriften, 5 Zweimonatsschriften, 8 Dreimonatsschriften und 3 Jahrbüchern. 65 Schriften erscheinen in englischer Sprache (58,5 Prozent), 3 in Hebräisch, 41 in jiddischer Sprache (36,9 Prozent) und zwei in anderer Sprache. Die amerikanischen und auch die übrigen jüdischen Zeitungen werden teilweise von der jüdischen Telegraphen-Agentur mit Lesestoff versehen, die im Jahre 1920 gegründet wurde und außer in der Union in den Ländern England, Frankreich, Deutschland, Polen, Palästina und Aegypten eigene Niederlassungen besitzt. Ferner 146 Korrespondenten in den wichtigsten Städten der Erde als Berichterstatter über jüdische Vorgänge beschäftigt Noch viel des Erwähnenswerten läßt sich über die 24 jüdischen Theater in New York, Chikago und Philadelphia berichten. Ueber die bedeutsame hebräische Lehrstätte, das Dropsie College for Hebrew und das Cognate Learning in Philadelphia, über the American Academy for Jewish Research, organisiert im Jahre 1920, über die jüdische Akademie für Kunst und Wissenschaften, über the American Jewish Historial Society, eine Gesellschaft, die bis zum Jahre 1927 30 historische Werke herausgegeben hat. Auch auf die vielen philanthropischen Organisationen muß hingewiesen werden. Auf die Landsmannschaften und die jüdischen Klubs. Auf den Orden B'nai B'rith mit 11.100 Mitgliedern. Sehr wichtig ist die Hias Organisation, die sich der Einwanderer annimmt. Für die kranken und gebrechlichen Juden wird viel getan. 61 Hospitäler und Sanatorien stehen ihnen zur Verfügung. 44 Organisationen bemühen sich um die Waisen. Insgesamt zählt man 1020 Vereinigungen für Kranke, Hilflose, Sieche usw. Nicht vergessen dürfen wir the American Jewish Joint Distribution Committee (J. D. C.) mit seinen unschätzbaren Verdiensten um die notleidenden Juden Europas. Das jüdische Erziehungswesen in der Türkei. Von einer vor kurzem aus der Türkei eingetroffenen Persönlichkeit, die mit den dortigen Verhältnissen intim vertraut ist. gehen der Jüdischen Telegraphen-Agentur folgenden Informationen zu: Mit Beginn des neuen Schuljahres werden die jüdischen Schulen der Türkei sich Beschränkungen bei der Eröffnung von Klassenzügen und Einstellung von Lehrkräften auferlegen müssen, die beinahe gleichbedeutend sind mit einer Einstellung der gesamten Erziehungsarbeit größeren Stils, die seit Jahren von den Gemeinden geleistet wurde. In den 23 jüdischen Schulen von Konstantinopel wurden in normalen Zeiten, nach der letzten Zählung, 7300 Kinder unterrichtet. In diesem Schuljahr beträgt ihre Gesamtzahl in nunmehr 10 Schulen 2800. Die neunklassige sogenannte Goldschmidtschule, ein Erziehungsinstitut mit deutschem Einschlag, die beiden großen Knaben- und Mädchenschulen der Alliance Israelite Universelle, die bisher ebenfalls neunklassig waren, werden in diesem Schuljahr nur noch je fünf Klassenzüge haben. In den vier Vorstädten Ortaköy, Haidar Pascha, Kuskundjuk und Hasköy, wo die jüdischen Schulen fünfklassig waren, werden sie jetzt nur noch je drei Klassen einrichten können. Aber auch die Oberrealschule Jabne, die mit Hilfe der U.O.B.B.¬ Logen und des Hilfsvereins der deutschen Juden gegründet und bis vor 16 Jahren auch von ihnen unterstützt wurde, sieht sich zum erstenmal seit ihrem Bestehen vor unüberbrückbare Schwierigkeiten gestellt. Sie ist zwar die einzige Privatanstalt der Stadt überhaupt die sämtliche Rechte einer staatlichen Vollschule übertragen bekommen hat — es studieren gegenwärtig etwa vierzig ihrer Schüler an der Stambuler Universität — aber der ökonomische Niedergang der türkischen Judenheit und die Türkisierungsmaßnahmen der Regierung ergreifen jetzt auch diejenigen Kreise und Institutionen, die bisher von ihnen nicht direkt berührt worden waren. Aehnlich wie in Konstantinopel liegen auch die Verhältnisse in der Provinz. Die Alliance-Schule in Adrianopel, die vorher 1200 Zöglinge hatte, unterrichtet Streng orthodoxes Erholungsheim für Kinder Arzt im Hause Pädagog. Leitung: staatlich gepr. Lehrer GEBIET Auskunft Lehrer Jakob Eieenberg, ff, Ma'jg. 16 Anf nähme beschrlakt Vom t./VI. bii 15./IX. 1931 nur noch 320. Weil sie sich den Maßnahmen der Türkisierung widersetzte, war diese Anstalt sogar ein volles Jahr geschlossen. Selbst die Schulen in Smyrna, die bisher, dank der guten Beziehungen zwischen Juden und Behörden, von den Türkisierungsmaßnahmen verschont geblieben sind und die nach wie vor an der französischen Unterrichtssprache festhielten, werden jetzt drangsaliert. Es ist ihnen neuerdings verboten werden, aus den biblischen Prophetenbüchern zu unterrichten. Diese Verordnung trifft auch die große Talmud- Thora-Schule von Smyrna. Noch immer verweigert die Regierung den jüdischen Schulen das Recht der freien Lehrerwahl, sie zwingt sie. von ihr bestimmte muselmanische Halbintellektuelle zu den doppelten als den festgesetzten Tarifen zu beschäftigen, und hat den jüdischen Schulen nicht einen einzigen seminaristisch gebildeten Lehrer zugewiesen. Sie duldet auch den Unterricht von Fremdsprachen nicht und gestattet nur zwei Wcchenstunden jüdischen Unterrichts. Dem geistigen Niedergang, den so die jüdischen Schulen erleiden mußten, ist es zuzuschreiben, daß die jüdischen Schüler einer nach dem anderen in die öffentlichen Schulen überwechseltea In den meisten Städten der Türkei, in denen es früher jüdische Zöglinge nichtjüdischer Schulen überhaupt nicht gab, besuchen jetzt, nach der eben beendeten Zählung, mindestens ebensoviele jüdische Kinder die fremden wie die jüdischen Schulen. Da aber in der ganzen Türkei die Erziehungsanstalten der Regierung eine systematische Hetze gegen die Minderheiten treiben, führt das Eindringen der jüdischen Schüler in diese nationalistisch eingestellten Anstalten zu immer häufigeren Zusammenstößen. Ein zweiter Grund für den Niedergang des jüdischen Erziehungswesens ist die zunehmende Abwanderung der Juden aus dem Lande. Nach zuverlässigen Schätzungen darf angenommen werden, daß die jüdische Bevölkerung in der Türkei während der letzten zehn Jahre von 140.000 auf 80.000 gesunken ist Den türkischen Juden, die seit langer Zeit unter behördlicher Unduldsamkeit und wirtschaftlichen Nöten sehr zu leiden haben, stehen jetzt gar keine Mittel zur Verfügung, mit denen sie von innen heraus - dem absoluten Verfall ihres Erziehungswesens entgegentreten könnten. nÜMLRflb MERREN/nODE WIEN II., FRflTERSTR. TELEFON R 49-4-99 39 Das neue jüdische Gemeindegesetz in Italien. Eine Deputation von Vertretern der italienischen Judenheit, bestehend aus dem Oberrabbiner von Rom, Prof. Angeio Sacerdoti, dem Regierungskommissär des neuen Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens, Feiice Ravenna, dem Regierungskommissär der jüdischen Gemeinde Rom, Advokat Pio Tagliacozzo, dem ehemaligen Präsidenten der jüdischen Gemeinde Rom, Advokat Angeio Sereni, dem Regierungskommissär der jüdischen Gemeinde Mailand, Commendore Jarach und dem Sekretär der zionistischen Föderation Italiens, Dr. Umberto Nahon, wurde vom König Viktor E m a n u e 1 im Quirinal in Audienz empfangen. Die Deputation dankte dem König namens der italienischen Judenheit für die Erlassung des neuen jüdischen Gemeindegesetzes und überreichte ihm zur Erinnerung an diesen Gesetzesakt eine von dem berühmten italienisch-jüdischen Bildhauer Arigo M i n e r v i entworfene goldene Medaille. Auf der Vorderseite weist die Erinnerungsmünze Abbildungen der Gesetzestafeln und eine Menorah, sowie folgenden hebräischen Satz aus dem Talmud auf: „Wäre die Thora nicht gegeben worden, so gäbe es weder Himmel noch Erde." Die Rückseite der Medaille zeigt einen Mögen Dovid sowie die Widmung: „Dem König Viktor Emanuel III. — Dem Regierungschef Benito Mussolini. — Die jüdischen Gemeinden Italiens zum Andenken an das Gesetz vom 30. Oktober 1930." Die Audienz währte % Stunden und trug einen sehr herzlichen Charakter. Der König erkundigte sich eingehend nach den einzelnen Bestimmungen des Gesetzes und fragte, inwieweit sie den Forderungen und Wünschen der italienischen Juden entsprechen. Der König, der bei verschiedenen Gelegenheiten seinen besonderen Sympathien für jüdische Persönlichkeiten und Einrichtungen Ausdruck gegeben hatte, zeigte sich sehr erfreut über den Ausdruck der Dankbarkeit seitens der italienischen Judenheit und äußerte seine Bewunderung für die künstlerische Ausführung der ihm überreichten Denkmünze. Nach der Audienz beim König sprach die Delegation beim Ministerpräsidenten Mussolini und beim Minister für Justiz und Kultus, Alfredo Rocco, vor, denen ebenfalls Erinnerungsmedaillen überreicht wurden. Abends fand im großen Saal des jüdischen Gemeindehauses zu Rom ein feierlicher Empfang zu Ehren Senator Berios, des Vorsitzenden der Regierungskommission, die das neue jüdische Gemeindegesetz ausgearbeitet hat, und der übrigen Kommissionsmitglieder statt. Zum Zeichen der Dankbarkeit der jüdischen Bevölkerung Italiens wurden auch den Mitgliedern der Kommission goldene Erinnerungsmedaillen überreicht. In einer Begrüßungsansprache hob der Regierungskcmmissär für die jüdische Gemeinde Rom, Advokat Pio Tagliacozzo, die Bedeutung des neuen Gesetzes für die italienische Judenheit und die Tatsache heirvor, daß die italienische Regierung das italienische Judentum als integralen schaffenden Teil des italienischen Volkes anerkannt hat. Bei der Formulierung des neuen Gesetzes habe die Regierung den religiösen und kulturellen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung Italiens sorgfältig Rechnung getragen. Namens des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens sprach Regierungskommissär Advokat Feiice Ravenna. Er erklärte, das Gemeindegesetz bedeute den Beginn einer neuen Epoche im Leben der jüdischen Gemeinden Italiens. Eine ergreifende Ansprache hielt Advokat Angeio Sereni, der 35 Jahre lang an der Spitze der jüdischen Gemeinde Rom stand. Advokat Sereni hat an der Ausarbeitung des neuen Gesetzes hervorragenden Anteil genommen und sich große Verdienste um das italienische Judentum erworben. Die Versammlung, an der sich die hervorragendsten Vertreter des italienischen Judentums beteiligten, brachte Advokat Sereni lebhafte Ovationen dar. Es sprachen noch der Vorsitzende der Regierungskemmission Senator Berio sowie der Oberrabbiner von Rom. Prof. Angeio Sacerdoti, der die Bedeutung des neuen Gesetzes für das religiöse und geistige Leben des italienischen Judentums hervorhob. Nachdem den Mitgliedern der Regierungskommission die Erinnerungsmedaillen überreicht worden waren, wurden die zahlreichen Begrüßungstelegramme verlesen, die von allen größeren jüdischen Gemeinden Italiens, vom Chief Rabbi von England, Dr. Hertz, vom Grand Pabbin von Frankreich, Sylvain Levi, u. v. a. eingelangt waren. TaSesüelmslätle im Strandf«- Schulkinder, bad „hloslerneoborr Sff235£ Während der Ferien ganztägig, wird beste und billigste Erholung geboten. Schulnachhilte, Sport und Spiel unter pädagogischer Antsicht — 1 Schilling pro Tag 1 — Unter,Beite Referenzen*. Eisschränke Marke «Frlgofor" eissparend, eigene Erzeugung, Zahlungserleichterung. „Elphora", I., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16

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