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Die Wahrheit · 1931-05-29 · Heft 22 (29.5.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 22 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Sfeifo S Jüdische Bauern in der argentinischen Pampa. Von Ing. Felix Kaminka. Der Verfasser ist kürzlich von fünfjährigem Aufenthalt im Inneren Argentiniens zurückgekehrt. Während über die jüdische Siedlungsarbeit in Palästina öfters berichtet wird, gelangen über die jüdischen Kolonien im Innern Argentiniens nur ganz spärliche Nachrichten in die Oeffentlichkeit Und doch zählen die argentinischen Kolonien nicht viel weniger Einwohner als die palästinensischen! Auch vom ethnographischen und kulturgeographischen Standpunkt aus verdienen sie gewiß einiges Interesse; hat sich doch dort der merkwürdige Typ des „jüdischen Gaucho" entwickelt; das Produkt der Anpassung des eingewanderten Ostjuden an das Milieu der Pampa . . . („H Gaucho Judio" ist der Titel eines bekannten Bandes mit kurzen Erzählungen in spanischer Sprache aus dem Leben der jüdischen Kolonisten.) Die Gesamtfläche der argentinischen Kolonien der „Jewish Colonization Association" betrug Anfang 1930 586.000 Hektar, das ist etwa so viel wie der vierte Teil von Niederösterreich; die Zahl der jüdischen Siedler betrug über 3000, die der gesamten jüdischen Einwohnerschaft, einschließlich der Handwerker, Kaufleute, Arbeiter usw.. über 30.000 Seelen. Die „Jewish Colonization Association" (..J. C. A.") ist eine im Jahre 1891 von dem jüdischen Millionär und Philanthropen Baron Hirsch gegründete humanitäre (nicht auf Gewinn arbeitende) Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe macht, die Auswanderung der Juden aus Ländern, wo sie ihres Judentums wegen nicht gleichberechtigt sind, sowie ihre Ansiedlung in der neuen Welt zu fördern. Auf den Landesreserven, die die Gesellschaft in Argentinien besitzt, können noch über tausend Familien angesiedelt werden und vor nicht langem hörte man von neuen Bodenkäufen. Nach einer gewissen Reihe von Jahren, wenn der Kolonist seine Eignung für den landwirtschaftlichen Beruf erwiesen hat, kann er den Boden von der „J. C. A." als Eigentümer erwerben und frei darüber verfügen. Kollektive Ansiedlungsform, Erbpacht, Obereigentum am Boden u. dgl. wie in den zionistischen Siedlungen Palästinas, all das gibt es in Argentinien nicht. Der fundamentale Unterschied zwischen der jüdischen Kolonisation in Palästina und der in Südamerika dürfte folgender sein: Während beim palästinensischen Siedler ideelle Beweggründe — nationaler, religiöser, ethischer Art usw. — vorwiegen, sind beim argentinischen Kolonisten (beim Juden nicht anders als beim Italiener, Slawen oder Deutschrussen) die materiellen Momente maßgebend. Gewiß spielt auch dort, besonders bei einem Teil der Jugend, das Ideal der „Produktivierung", die Hochschätzung des Berufes des Ackerbauers eine gewisse Rolle, aber in der Hauptsache ist doch immer das Streben nach materiellem Aufstieg entscheidend, und nur weil die Bearbeitung des Bodens tatsächlich die Möglichkeit zu diesem Aufstieg geboten hat — wenigstens bis vor kurzem hat sie das —. nur aus diesem Grunde haben sich die Kolonien so gut entwickeln können. Die Zahl der „emanzipierten", das heißt von der „J. C. A." unabhängig gewordenen Kolonisten, betrug Ende 1929 1255, etwa 40 Prozent der Gesamtzahl. Es ist gewiß kennzeichnend für die bisherigen, Eigenart, und auch aus unmittelbaren psychologischen Gründen (zur Erleichterung der Eingewöhnung der Einwanderer) eine Zentralisierung des Siedlungswerkes erwünscht war. mußte die .,J. C. A." aus „Staatsräson" ihre Kolonien auf die argentinischen Provinzen und Territorien verteilen. In einem Reisebericht des Landwirtschaftsministers der Provinz Entre Rios. Ing. Conrado Martin Uzal, der ein einziges Loblied! auf die technischen, zivilisatorischen und kulturellen Leistungen der Jüdischen Kolonisationsarbeit ist, findet sich am Schluß folgender charakteristischer Satz: „Die Juden haben, wie alle Rassen, ihre Tugenden und ihre Fehler. Wenn einmal ihre Vermischung mit den andern Rassen oder den Eingeborenen durchgeführt sein wird, werden die Widerstände und Vorurteile, denen heute das Werk des großen Philanthropen Baron Hirsch begegnet, vollständig verschwunden sein . . ." Damit ist auf das angespielt, was vom argentinischen Standpunkt aus bisweilen als wunder Punkt in der sonst so hocherfreulichen Erscheinung der jüdischen Kolonisationsbewegung bezeichnet wird: die vorläufig noch geringe Häufigkeit von Mischehen zwischen Juden und anderen Nationalitäten. Natürlich kann aber in Wirklichkeit in den jüdischen Kolonien Argentiniens, zum Unterschied von Palästina, keine Rede davon sein, nationale oder kulturelle Autonomie bewahren, oder sich überhaupt auf die Dauer abgeschlossen halten zu wollen, wie dies zum Beispie] früher die schwäbischen Bauern in Rußland, oder die Sachsen in Siebenbürgen taten. Das ist möglich bei rückständiger Abgeschlossenheit vom Verkehr, nicht aber im „Schmelztiegel" Amerika. In Südbrasilien gibt es zahlreiche deutsche Siedlungen und geschlossene deutsche Siedlungsgebiete. Zu Beginn des Weltkrieges gab es dort nationale Kundgebungen, man schwärmte vom „Anschluß an Deutschland", bis die Regierung eingriff und die umwohnende brasilianische Bevölkerung durch pogromartige Ueberfälle den Deutschen in Erinnerung brachte, daß sie doch nur eine winzige Minderheit auf fremdem Boden sind. Dies alles war möglich, weil die brasilianische Regierung es bis dahin verabsäumt hatte, durch Gründung portugiesischer Volksschulen, durch Militärpflicht usw. auf die Assimilierung der Koloniejugend hinzuwirken. Diese Assimilierung ist aber nur eine Frage der Zeit. Die erste Kolonie in der argentinischen Provinz Santa F6. ,-Esperanza", wurde um 1856 von deutsch-schweizerischen Familien gegründet: vergebens horcht man aber heute dort auf deutsche Laute, nur manche Dorfnamen, wie Colonia Alpina, Grütly. Matilde, Helvecia usw.. erinnern heute an die Nationalität der ersten Siedler. Auch die Kinder der Italiener, die das stärkste Kontingent der argentinischen Bauern liefern, werden gute Argentinier, und es kann kein Zweifel sein, daß auch die Kinder, spätestens die Enkel unserer Tiroler Bauern, die etwa in Paraguay ansässig werden sollten, allen andern Vorsätzen zum Trotz, gute Paraguayer sein werden . . . Das Schulwesen in den jüdischen Kolonien wurde von der J. C. A. gegründet und lange Zeit auch unterhalten, seit dem Kriege aber ist es im Betriebe der Regierung. Diese sendet in die in den Kolonien gelege- P VORNEHME FAMILIEN-PENSION lHBstaapatioB,HaffBBiiais | täglich 5-Uhr-Tee SEPIflCKlN« TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans B Mäßige Preise. Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts §§ Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser H in jedem Zimmer. Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer nen Volksschulen prinzipiell nichtjüdische Lehrer, um so den Argentinisierungsprozeß zu beschleunigen. Die in den Kolonien aufgewachsenen jungen Leute unterscheiden sich im allgemeinen sehr wesentlich von ihren erst in vorgerücktem Alter eingewanderten Altersgenossen. Während letztere durch die traditionelle Ghettoschule (Cheder), durch Krieg, Revolution, Krisen, politische Vereine usw., hindurchgegangen und beeinflußt sind, blicken erstere ziemlich unbeschwert durch Bildung, und unbeschwert durch alle Problematik in die Welt... Diese größere Natürlichkeit ist gewiß eine restlos sympathische Erscheinung, soweit sie nicht in völlige Verrohung ausartet, ein Extrem, das leider häufig vorkommt. Man kann im Wirtshaus von Moisesville, im der Provinz Santa F6, junge Burschen in Landestracht, gleich den Gauchos das Messer im Gürtel und die Reitpeitsche neben sich, trinken und Karten spielen sehen, und außer vielleicht am Gesicht, würde man an nichts den Abkömmling des russischen Juden erkennen. Und doch wird keiner von ihnen den Juden verleugnen: wenn jemand vor einem von ihnen auf die Juden schimpfte, wtürde so ein Bursche möglicherweise nur schlecht mit Argumenten zu diskutieren wissen, vielleicht aber.den Beleidiger mit dem Messer niederstechen . . . Im allgemeinen sind die jungen Leute ileißig und gleich den Einheimischen mit den landwirtschaftlichen und viehzüchterischen Arbeiten wohl vertraut. Viele kennen kein schöneres Ziel, als auf dem väterlichen Boden, oder in seiner Nähe, einen selbständigen Hausstand zu gründen, mehr Vieh und bessere Geräte zu besitzen, ihr Anwesen zu verschönern; kurz das Ideal des richtigen Bauern. Soweit sie aber auf dem väterlichen Gut, oder auf dem Lande überhaupt, nicht bleiben können, oder nicht bleiben wollen, stehen ihnen als Landeskinder die reichen Möglichkeiten des argentinischen Wirtschaftslebens offen. Und da zeigt sich oft der gesunde Auftrieb der jüdischen Familie: viele Kolonistensöhne gehen in Fachschulen, in höhere Schulen und sogar auf die Universitäten. Wenn diese damit nun auch für die Kolonisten verloren sind, so ist das Endziel Baron Hirsch' und der „Jewish Colonization Association" dennoch auch bei ihnen zweifellos erreicht: Aus Händlern und ..Luftmenschen" sind schaffende, nützliche Mitglieder der Gesellschaft, aus Staatsbürgern „zweiter Klasse", die ihre Väter in Osteuropa waren, sind gleichberechtigte Bürger eines freien Staates geworden. Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Stadtischen Versicherungsanstalt Spanien. relativ günstigen Rentabilitätsverhältnisse der südamerikanischen Landwirtschaft, daß Leute, die mit zumeist sehr 'geringen eigenem Vermögen anfingen, im Laufe von 15 bis 25 Jahren der Kolonisationsgesellschaft nicht nur die Zinsen des vorgeschossenen Kapitals (Boden, Haus, Inventar, Saatgut usw.) bezahlen konnten (seit Kriegsbeginn werden 5 Prozent vom Bodenwert, 6 Prozent für die sonstigen Vorschüsse berechnet), sondern in der Lage waren, auch das Kapitalselbst zu amortisieren, das heißt Grundeigentümer zu werden. Die mit soviel Opfermut und Begeisterung betriebene Siedlung in Palästina wäre sicherlich heute unvergleichlich weiter gediehen, wären hier die natürlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen nur zu einem Bruchteil so günstig gewesen wie auf den unermeßlichen Ebenen Argentiniens! Nicht so eindeutig ist der Vergleich zwischen Palästina und Argentinien vom jüdischen, national-kulturellen Standpunkt aus betrachtet. Voraussetzung der einwanderungsfreundlichen Haltung Argentiniens ist, daß die Menschen, die auf seinem Boden eine neue Heimat suchen, mit seinen anderen Bewohnern verschmelzen und die künftige große argentinische Nation bilden wollen, in der sich auf romanischer Grundlage, mit starkem Einschlag von Eingeborenen (Indios), germanische, slawische, jüdische und selbst arabische Elemente verbinden werden. Während im Interesse der Erhalter der jüdischen Tradition und b II Herrenand Dieieider ■I Nur Ia-Qualitäten nach Maß und fertig iH lagernd, eventuelle Zahlungserleichtqrungen bis zu 1 Jahr werden gewahrt. ^fa|KLEIDElTÜNlÖß TeLB202-U Die antisemitische Presse hat neuen Stoff, mit dem sie ihre sensationshungrigen Leser füttert! Die Wirren in Spanien, Revolution, Neubildung der Regierung, Plünderung und Zerstörung kirchlichen Besitzes füllen seit Beginn der Unruhen die Spalten vieler nationalsozialistischer Zeitungen. Alle Artikel und Berichte, die sich mit diesen Vorgängen befassen, haben, was uns nicht so sehr verwundert, eine ausgesprochen scharfe Spitze, — die natürlich gegen die Juden gerichtet ist; sie sollen an der Entstehung der Revolution schuld sein, sollen den maßgebenden Einfluß in dem neugebildeten spanischen Kabinett besitzen und sollen sogar die Zerstörung kirchlichen Eigentums zu ver-. antworten haben. Spanien ist ein judenarmes Land. Erst in der neuesten Zeit haben sich kleine jüdische Gemeinden in den größeren Städten gebildet. Unter den Marrannen-Abkömmlingen befinden sich bekanntlich einige unter den spanischen Ministern, — und was macht das Grazer nationalsozialistische Wochenblatt „Der Kampf" daraus? 'Es schreibt in seiner Ausgabe vom 28. Mai unter anderem: „Wir erkennen, wie in Spanien der international« Jude sich an die Macht gesetzt hat und es nun versteht, alles in den Dienst des überstaatlichen Kapitals zu stellen. Die revolutionären Arbeitermassen werden den Würgegriff bald zu spüren bekommen." wobei er auf den Präsidenten der Republik, Zamora, den Innen- und den Justizminister anspielt. Daß die völkische Presse sich wieder in den üblichen Verallgemeinerungen ergeht und trotzdem kein Zusammenhang mit dem Judentum besteht, aus den drei Marrannen „Alljuda" macht, entspricht ihrer Gewohnheit. Wer die Stürme auf die Klöster, die jeder Kulturmensch, gleich welcher Religion und welcher Nationalität, mit tiefster Empörung vei folgt hat, inszeniert hat, wissen wir nicht. Es ist eine Frage, die uns in diesen Blättern nichts angeht. Was wir mit Empörung zurückweisen müssen, ist die Behauptung des „Kampf", daß der sagenhafte „internationale Jude" da seine Hand im Spiel gehabt habe. Keine Religion bat so unter Verfolgung ihrer Anbänger und ihrer Einrichtungen zu leiden wie das Judentum. Niemand kann und wird daher die Verfolgung anderer Religionen mit stärkerem Bedauern mitfühlen als die .luden. An dieser Tatsache werden auch die Verleumdungen und Hetzereien der völkischen Presse nichts ändern. In Deutschland ausgebildete staatlich anerkannte Säuglingsand Kielnhlntfer-Hraakensdmesler mit guten Zeugnissen sucht per bald passende Stellung. Angebote unter „L 367" an Rudolf Mosse, Liegnitz.

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