Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 22 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRREI1 Die Wirtschaftsnot Ein packendes Bild von der ungeheuren Wirtschaftsnot unter der Wiener Judenheit gibt ein AufrufderZentralkommissionfürsoziale Fürsorge der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, der u. a. lautet: „Erschütterade Dramen tiefsten menschlichen Leides spielen sich täglich in den Räumen der Wiener jüdischen Fürsorgezentrale ab. Menschen aus allen Schichten, in jedem Alter verlangen Hilfe, verzweifeln, wenn sie ihnen nicht gebracht werden kann. Tiefste Mutlosigkeit hat besonders jene Kreise erfaßt, die früher selbst Gebende waren. Denn zu dem allgemeinen Leid gesellt sich bei den Juden ein besonderes: jenes Leid, das aus der unverdienten Gehässigkeit entspringt, die uns fast überall entgegenstarrt, und unter deren Wucht ebenso die jüdischen Angehörigen der freien Berufe, der Industrie und des Handels, wie der jüdische Angestellte und Arbeiter und nicht zuletzt die jüdische Jugend zusammenzubrechen drohen. Diese besondere Not erfordert besondere Hilfe. Die Kultusgemeinde, die der Fürsorgezentrale zum allergrößten Teile die Mittel beistellt, hat die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit für Fürsorgezwecke überschritten. Die von der Bundesregierung wiederholt zugesicherten Zuschüsse aus Staatsmitteln, worauf die Judenschaft unleugbaren Anspruch hat, sind bisher ausgeblieben Staatspräsident Rubio hat in Beantwortung des ihm von den Vertretern der jüdischen Bevölkerung Mexikos übersandten Memorandums erklärt, die Ausweisung der jüdischen Händler aus den von ihnen bisher auf den öffentlichen Märkten Mexikos innegehabten Ständen sei erfolgt, weil sie „ihr Gewerbe unbefugt ausgeübt" hätten. Die ihm überreichte Petition habe er dem Innenministerium zur v/eiteren Prüfung zugewiesen. Der polnische Geschäftsträger in Mexico City, Merdingen erklärte in einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, er habe im mexikanischen Außenministerium interveniert, ohne allerdings vorläufig greifbare Resultate erzielt zu haben. Der polnische Geschäftsträger versprach, weitere Schritte zugunsten der jüdischen Händler zu unternehmen. Im amerikanischen State Department ist die Antwort des amerikanischen Gesandten in Mexiko auf die Anfrage, ob amerikanische Bürger von der Bewegung gegen die jüdischen Händler in Mexiko betroffen sind, eingelangt. Die Antwort des Gesandten wurde an den Präsidenten der Bnei Brith, Feuilleton Sami. Von Schalom Asch. Sami ist kein Phantasiename, und das, wovon ich erzählen will, ist keine Erfindung. Sami lebte in unserem Dorfe. Ein Junge von siebzehn Jahren — ein richtiger Dorfbursch. Er kam unter Bauern zur Welt und wuchs unter den Bauern auf; er sprach, er lebte, er dachte wie ein Bauer und war über alle bäuerlichen Angelegenheiten im Büde. Er wußte, was Iwan hat, was dem Iwan fehlt, was Iwan einmal haben und was er niemals erreichen wird. Weil aber Sami nicht der Sohn des Iwan, sondern des Naphtali war, konnte er lesen, jiddisch und russisch; er konnte beten. — Ja, weil er eben der Sohn des Naphtali und nicht der des Iwan war, las er sogar Zeitungen und wußte, was in ihnen steht: vom Krieg und vom Frieden, vom Streik, vom Aufruhr, von den Manifesten und den Pogromen. Und von allen jenen Vorkommnissen, an denen unser heiliges Rußland so überreich ist. „Ihr seid ganz ungebildet," sprach Sami oft zu den Bauern, „ihr wißt ja gar nicht, was in der Weu vorgeht Dumm seid ihr." „Ja, ja, so ist's," stimmten ihm die Bauern bei, „wir sind noch sehr dumm. Erzähle uns' doch mal was aus der Zeitung, was die gebildeten Herren da schreiben." und auch für dieses Jahr kann nicht mehr damit gerechnet werden. Die öffentliche Hilfe versagt bei zahlreichen jüdischen Familien, die trotz jahrzehntelangen Aufenthaltes in Wien die Heimatberechtigung noch nicht erlangen konnten. So gibt es denn keinen anderen Weg, als den Appell an die nie versagende Opferbereitschaft der Wiener jüdischen Bevölkerung. Denn wer von uns wird es zulassen, daß alte und kranke Menschen ohne Hilfe bleiben, ihres Ernährers beraubte Kinder dem Hunger preisgegeben werden, ganze Familien ihr Obdach verlieren? Wer wird untätig und kalten Blutes zusehen wollen, wie durch die katastrophale Wirtschaftslage jüdische Existenzen hoffnungslos und hilflos zugrunde gehen und wer vermag an der Not unserer Jugend teilnahmslos vorbeizugehen?" y »■■■■■■■■»■■■—■■■■■■■ )■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■•••■ j Behördl. autor. Häuseradministration ■ i ADOLF KRALL!! IV., Schleifmühlgasse 11! I Telephon B 29-1-46; | empfiehlt sich zur Ober- : : nähme von Verwaltungen [ j Erstklassige Referenzen : i ^■■■■■■■■«■■■■■■■■mitMUimmunrtwwMMiuMmiMHuiMii der das State Department um eine Intervention in Mexiko ersucht hatte, weitergeleitet. Wie der Präsident der Bnei Brith Alfred A. Cohen der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitteilt, wird in dem Bericht des amerikanischen Gesandten in Mexiko erklärt, daß die antisemitischen Zwischenfälle auf die" schwierige ökonomische Lage in Mexiko zurückzuführen seien und daß den Juden keine körperliche Unbill zugefügt wurde. Der Orden Bnei Brith' hat einen Sonderdelegierten zur Untersuchung der Vorfälle nach Mexiko entsandt. Die sephardischen Juden von Mexico City haben am 17. Mai einen Trauer-undFasttag wegen der Judenverfolgungen in Mexiko abgehalten. Die Synagogen waren überfüllt. Es wurden den ganzen Tag über Bittgebete um Beendigung der Judenverfolgungen und insbesondere um Wiederherstellung des Rechtes der Juden auf Beteiligung an den Märkten abgehalten. Der Tag war als „zweiter Jörn K i p p u r" proklamiert worden, in allen Synagogen wurde der Schofar geblasen. Und nicht bloß in dem Dorfe, wo Samis Eltern wohnten, war sein Name bekannt, in fünfzehn Dörfern ringsherum galt Sami als ein Gelehrter. Da ging einmal ein Gerede durch das Dorf, daß man in den Städten die Juden verprügele. Und es kamen Bauern aus den fünfzehn Dörfern zu Sami, mit der Bitte, er möge ihnen aus der Zeitung den Befehl des Zaren, vorlesen, in welchem stände, daß man die Juden schlagen solle, drei Tage lang. „Geht nach Hause," sagte ihnen Sami, „es gibt keinen solchen Befehl, daß man die Juden schlagen soll." Die Bauern ließen sich nicht gleich abweisen; es hat doch geheißen, daß ein Befehl ... Sie standen da, ließensich vom Sami nochmals alles erklären, standen herum und überlegten . . . Schließlich meinte einer von ihnen, Sami selbst brauche ja keine Angst zu haben — ihm würde bestimmt nichts geschehen. Aber Sami verstand mit ihnen zu reden. Sie begriffen endlich, daß es einen solchen Befehl nicht geben konnte, und sie gingen nach Hause. Und Sami wußte, daß er jetzt ruhig schlafen konnte, daß seine Bauern keinen Juden anrühren würden. Und wenn fremde Bauern kommen sollten, dann würden schon seins Bauern' denen heimleuchten. Und seine Bauern kamen wieder zu ihm, er möge doch einmal in der Zeitung nachschauen, was schon wieder im heiligen Rußland vorgehe; man rede von irgend einer Konstitution, und daß die Bauern Boden bekommen werden. Und wieder mußte ihnen Sami erklären, was es mit der Kon- Die sephardischen Markthändler haben in einer Arkade einen kooperativen Laden_ eröffnet; die aschkenasischen Händler hingegen, die nicht so gut organisiert sind wie die Sephardim, konnten die Mittel zu einem ähnlichen Unternehmen nicht aufbringen und befinden sich auch weiterhin in verzweifelter Lage. * Katastrophale Lage des mexikanischen Judentums. Die New Yorker jiddische Tageszeitung „D e r T o g" veröffentlicht einen Bericht ihres Korrespondenten aus Mexico City, aus dem hervorgeht, daß nicht nur die 500 jüdischen Markthändler, denen die weitere Ausübung ihres Gewerbes verboten wurde, unter dieser Maßnahme zu leiden haben, sondern daß durch sie auch Tausende andere Juden schwer betroffen sind. Schweren Schaden erleiden vor allem die Fabrikanten und Importeure, von denen die jüdischen Straßenhändler ihre Waren auf Kredit bezogen haben, indirekt betroffen sind aber auch die Angestellten der jüdischen Institutionen und Organisationen, die infolge der Wirtschaftskrise gezwungen sein werden, ihre Tätigkeit einzustellen. Es sei, wird in dem Artikel weiter ausgeführt, ganz wie ein Pogrom gewesen, als die jüdischen Markthändler am Morgen des 30. April von den mexikanischen Marktleuten, deren Stände festlich beflaggt waren, mit Hilfe eines starken Polizeiaufgebotes vertrieben wurden. Ein jüdischer Standbesitzer namens Israel Liebermann wurde, als er versuchte, seine Waren einzupacken, von der tobenden Menge solange geschlagen, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Der Sekretär der jüdischen Hilfsorganisation in Mexiko, Moses Glikowski, hat dem Korrespondenten des „Tog" gegenüber erklärt, er sehe keinen Ausweg aus den Schwierigkeiten. Die Mittel der Organisation seien erschöpft und jene Personen, auf die sich die Vereinigung bisher gestützt habe, seien nun selbst auf Hilfe angewiesen. DasganzejüdischeGemeindelebenin Mexiko mit all seinen in den letzten zehn Jahren von den jüdischen Emigranten mühsam aufgebauten Institutionen stehe vor der Gefahr des Zusammenbruch es. Die jüdische Hilfsorganisation besitze keinerlei Reserven mehr. Auch die jüdischen Kreditgenossenschaften und die anderen^ jüdischen Institutionen seien aller Mittel entblößt. Die einzige jüdische Schule in Mexiko werde geschlossen werden müssen, da diejenigen, die bisher für ihre Erhaltung sorgten, nicht in der Lage sind, weitere Zuwendungen zu gewähren. Im Hinblick auf die unter den vertriebenen jüdischen Marktleuten herrschende große Not wurde eine Konferenz von Vertretern aller jüdischen Vereinigungen von Mexico City einberufen, in der die Einleitung von Geldsammlungen zugunsten der notleidenden jüdischen Händler beschlossen wurde. stitution auf sich hatte. Die Bauern waren ihm dankbar, und sein Ansehen wuchs. „Ja, wenn wir Sami nicht hätten!" Da kam plötzlich ein „Vorsteher" aus der Stadt ins Dorf und mit ihm ein Unteroffizier. Er brachte mit sich das Manifest vom 17. Oktober. Der Unteroffizier trieb die Bauern aus den fünfzehn Dörfern zusammen und las ihnen das Manifest vor. Die Bauern horchten, was da vorgehen werde, dann ließen sie Sami kommen, damit er ihnen erkläre, was der da vorlas. Als er kam, stellten sie ihn auf ein Faß und baten ihn, er selbst möge ihnen das Papier vorlesen und es üinen erklären, denn sie glaubten niemandem, nur ihm. Der Unteroffizier war beleidigt und machte eine Anzeige bei seiner vorgesetzten Behörde. Es dauerte nicht lange, da kamen aus der Stadt zwei Gendarmen und forderten die Herausgabe dieses jüdischen Aufwieglers. Als das die Bauern hörten, benachrichtig en sie hiervon Sami, zogen ihm rasch Bauernkleider an und gingen mit ihm von Haus zu Haus, den jüdischen Aufwiegler suchen. Und seit dieser Zeit kommt jeden Montag ein Befehl aus der Stadt, man möge nicht aufhören, den jüdischen Aufwiegler Sami zu suchen. Manchmal kommen auch Geheimagenten und Kosaken, und man sucht bis heute Sami. Sami, den Aufwiegler. Und alle helfen mit; und sie finden ihn nicht. Denn was sollten die fünfzehn Dörfer ohne Sami? Die antisemitische Strömung m Mexiko.