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Die Wahrheit · 1931-05-29 · Heft 22 (29.5.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 22 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groseben Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI1. Jahrgang Wien, 29. Mai 1931 Nummer 22 Einigkeit macht stark. Oesterreich macht wieder einmal sehr schwere Zeiten durch. Politisch und wirtschaftlich können die Ereignisse der letzten Wochen zu argen Besorgnissen Anlaß geben, über die sogar der so oft bewährte österreichische Optimismus, entsprungen aus dem landesüblichen Wurstigkeitsstandpunkt, nicht hinweghilft. Es geht einfach nicht an, länger den Kopf in den Sand zu stecken und zu glauben, daß durch diese bedrohlichen Ereignisse nur gewisse Schichten der Bevölkerung betroffen werden. Diese Dinge gehen ganz Oesterreich an und auch das jüdische Element dieses Landes muß in geeigneter Weise zu diesen Erscheinungen Stellung nehmen. Wir reden mit dieser Mahnung keiner Ausnahmsposition der österreichischen Juden das Wort. Die österreichischen Juden tragen mit der übrigen Bevölkerung dieses Staates die Nöten unserer Zeit, sie leiden wie ihre andersgläubigen Mitbürger unter Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, sie müssen wie diese einen furchtbaren Rückgang des Geschäftslebens, ein beinahe vollkommenes Brachliegen der geistigen Berufe und eine katastrophale Einschränkung der Möglichkeit zur Ausübung manueller Berufe beklagen. In diesen Blättern wurde es oft genug ausgeführt, daß über diese Gemeinsamkeit des Leides mit der übrigen Bevölkerung hinaus der österreichische Jude ein besonders schweres Los zu tragen hat. Immer wieder betonten wir die Gefährlichkeit jener Bewegung, die es sich zum Ziele setzt, das angeblich zersetzende jüdische Element aus dem Wirtschaftsleben dieses Staates zu verdrängen. Diese wohl nicht offen organisierte, aber dennoch recht intensiv arbeitende Bewegung richtete sich natürlich vor allem gegen das Objekt des schwächsten Widerstandes, den Arbeiter und den Angestellten. Hier wurde rücksichtslos vorgegangen, hier fanden noch so gut Qualifizierte keine Beschäftigung, keine Arbeitsmöglichkeit. Not und Elend machen sich unter den jüdischen Angestellten und Arbeitern immer mehr breit, aber antisemitische Feindseligkeit zwingt zu Hartherzigkeit, die erbarmungslos den Juden verrecken läßt. Daß — nebenbei bemerkt — auch manchmal Juden die gleiche Hartherzigkeit bekunden, gehört zu den traurigsten Erscheinungen unserer trüben Tage. Der jüdische Angestellte und Arbeiter kämpft einen schweren Daseinskampf, der Antisemit und der Jude, der diesen Ehrennamen nicht verdient, geht über diese entsetzliche Situation gewfssenlos hinweg. Regt sich aber einmal bei diesen Herrschaften das Gewissen, dann finden sie auch rasch genug eine „Beruhigung": „Die reichen Juden". Das Märchen von dem gewaltigen Reichtum der Juden, die antisemitischen Kinder, sie hören (und glauben) es gar zu gern. Wo immer ein Gespräch über die sogenannte „Judenfrage" geführt wird, man kann gewiß sein, am Schlüsse endet es bei diesem Märchen. Es ist wohl nicht zu leugnen, daß die Juden im Wirtschaftsleben des Staates eine gewisse Rolle spielen, wohl nicht die übermächtige, die ihnen die Antisemiten zuschreiben, aber immerhin eine Rolle, die von einem recht großen Einfluß getragen ist. Es ist aber festzustellen, daß die Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit diesen Einfluß nie mißbraucht, im Gegenteil in einem für Staat und Wirtschaft wohltätigen Sinne angewandt haben. Unser Land verdankt dem emsigen Fleiße und der rastlosen Energie jüdischer Wirtschaftler unendlich viel, sie haben für dieses Land trotz aller Anleindungen Gewaltiges geleistet, das in der Geschichte Oesterreichs mit ehernen Lettern verzeichnet ist. „Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu zieh'n". Das Dichterwort, es wurde auch in diesem Falle zum Wahrwort. Unsere antisemitischen Gegner sahen nicht die Größe der Leistungen jüdischer Wirtschaftler im Interesse des Staates oder wollten sie nicht sehen, sondern sie sahen nur in scheeler Mißgunst die persönlichen Erfolge dieser Männer. Und so entwickelte sich auch in Oesterreich der Aberglaube vom Reichtum der Juden, wobei dieses Kollektiv für die wahrlich sehr vereinzelten Fälle verwendet wurde, und immer mehr schwand der Glaube an die Trostlosigkeit des jüdischen Masseneltends. Man sah nur den reichen Juden und hatte keinen Blick für den armen, der in die Vorstellungswelt unserer Antisemiten nicht recht hineinpaßte. An anderer Stelle unserer heutigen Nummer geben wir einen wahrhaft erschütternden Aufruf der Fürsorgezentrale der Kultusgemeinde wieder. Er mag denen, die an dieses furchtbare jüdische Massenelend nicht glauben, die ganze Tragik bekunden. Werden die Ereignisse der letzten Wochen diese Herrschaften eines Besseren belehrt haben? Werden auch sie es nun glauben, daß das Märchen vom jüdischen Reichtum heutzutage eben nur ein Märchen mehr ist. Jüdische Häuser, deren Bonität schon wegen ihres ehrwürdigen Alters unbestritten und anerkannt gewesen ist, fallen um, ihre Chefs greifen zu dem Ausweg, der in diesen düsteren Tagen so furchtbar vielen als der einzig mögliche erscheint, sie werfen dieses Leben, das ihnen nicht mehr lebenswert ist, weg ... Tief erschütternd sind diese Ereignisse, zu deren täglichen Chronik heute schon der Leitartikel jeder Tageszeitung geworden ist, tief erschütternd nicht nur vom menschlichen, sondern auch vom jüdischen Standpunkt. Leugnen wir es nicht, wir waren ohne jede Ueberheblichkeit stolz auf diese jüdischen Wirtschaftsführer, von denen gar manche auch ihre Zugehörigkeit zum Judentum in edler Weise manifestiert haben. Sie, die ehemals mit; vollen Händen gaben und den Hilfebedürftigen nicht erst nach seiner Konfession fragten, sie sind in eine Situation geraten, die selbst Erbarmen auslösen müßte. Ihre Namen aufzuzählen, ist überflüssig, ebenso überflüssig, wie im einzelnen Falle nach den Gründen des Sturzes aus stolzen Höhen zu forschen. Die Not der Zeit hat auch an diesen Pforten nicht Halt gemacht, die Not der Zeit, die auch nicht nach der Konfession fragt. Was aber gesagt werden muß und immer wieder gesagt werden muß, ist die Warnung, die Folgeerscheinungen dieser Ereignisse nicht rechtzeitig zu erkennen, und die Mahnung, einer Gefahr entgegenzutreten, die uns alle bedroht. Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung befindet sich heute angesichts der immer drückender werdenden Wirtschaftsnot und Arbeitslosigkeit in einer furchtbar depressiven Stimmung. Die jüdische Geschichte lehrt uns, daß in solchen Zeiten der Ausbruch einer plötzlichen Judenhetze fast immer zu gewärtigen ist. Gewiß, wir vertrauen auf den legalen Sinn unserer Regierung und aller österreichischen Behörden. Aber schon sind Hetzer am Werke, leuchten dem verbitterten Oesterreicher von allen Plakatwänden Affichen mit grellroten schreienden Buchstaben entgegen, in denen die Ereignisse der letzten Wochen in verleumderischer Weise gedeutet und aus ihnen antisemitische Konsequenzen gezogen werden. Wir kennen dieses Lied, wenn auch der Text sich nach den „Tagesansprüchen" ändert. Wir haben immer wieder unsere warnende Stimme dagegen erhoben, diese Erscheinungen zu neglegieren, sie als das Kesseltreiben einiger weniger Radaubrüder hinzustellen. Mit dieser Vogel-Strauß-Politik wird man auf die Dauer den Feind nicht bekämpfen können, der jetzt wieder gewaltig sein Haupt erhebt und dem Not und Elend nur Mittel für seine ruchlosen Zwecke sind. Da untätig zu bleiben, wäre eine Sünde an der Gemeinschaft, die jetzt gefährdeter denn je ist. Deshalb erheben wir in zwölfter Stunde nochmals den warnenden Ruf: Juden Oesterreichs, organisiert euch zu gemeinsamer Abwehr gegen einen Feind, der eure Ehre und eure Sicherheit gefährdet! Oskar Hirschfeld. Mitglieder and freunde der „Union" übertragen Lebensond Elementar- Versldierungen der Städüsdien Versldiernngsanstalt__

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