Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 21 (22.5.1931)
- Date
- 1931-05-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEn legenheit an das Bundeskanzleramt gerichtet hat, jedesmal zum Ausdruck gekommen. Die Ansicht der „Union" wird also von einem maßgebenden Wiener Gerichte geteilt Die Reform des Preßgesetzes bot die willkommene Gelegenheit, neuerdings für jüdische Korporationen das gesetzliche Recht zu fordern, gegen die in der antisemitischen rietzpresse begangenen Verunglimpfungen des Judentums sowie gegen deren aufreizende Agitation eventuell mit Berichtigungsklage vorgehen zu können. Bundeskanzler Dr. S c h o b e r, bei dem ebenso wie in den vorhin erwähnten Angelegenheiten eine Deputation der „Union" vorsprach und dem sie eine vom Präsidenten Dr. Ornstein verfaßte, eingehend motivierte Eingabe überreichte, erklärte unsere in derselben niedergelegten Forderungen als durchaus berechtigt und der damalige Justizminister Dr. S1 a m a stellte unserer Deputation gegenüber eine Reform des Preßgesetzes im Sinne des von Dr. Ornstein ausgearbeiteten Gesetzentwurfes in Aussicht Ein besonderes Augenmerk wandte die „Union" wie bisher dem Sommerfrischenantisemitismus zu, in welcher Hinsicht eine gewisse Besserung der Verhältnisse zu verzeichnen ist Unser Einschreiten bei Bezirkshauptmannschaften, die für solche Orte zuständig sind, deren Gemeinderäte den Ausschluß von Juden beschlossen hatten, war fast durchwegs von Erfolg begleitet. Gerade jetzt sind wir im Einvernehmen mit unseren Vertrauensleuten in der Provinz beschäftigt auf Grund der Erfahrungen der letzten Jahre unsere Liste antisemitischer Sommerfrischen zu revidieren, damit sie demnächst in der „Wahrheit" veröffentlicht werde. Besonders verantwortungsvoll war die Abwehrtätigkeit der „Union" zur Zeit des Regimes Vaugoin—Starhemberg—Hueber. Trotz der exponierten Regierungsposten, die die letztgenannten Heimwehrführer bekleideten, konnten sie sich nicht enthalten, bei verschiedenen Gelegenheiten antisemitische Hetzreden zu halten, ja unverblümt zum Pogrom aufzufordern. In dieser kritischen Periode ist die „Union" auf dem Posten gewesen und hat so manches veranlaßt worüber noch nicht gesprochen werden soll. Die Haltung der „Union" im Wahlkampfe war im Wesen beeinflußt durch das antisemitische Regierungsregime und hat eine nachträgliche Rechtfertigung durch die Entwicklung erhalten, die der sogenannte Schober-Block genommen hat Neben den hier aus der großen Fülle unserer Abwehrarbeit besonders hervorgehobenen wichtigeren Aktionen hat die „Union" noch eine beträchtliche Zahl von Einzelfällen der Erledigung zugeführt. Wir bemühen uns insbesondere, durch unsere vor einiger Zeit reaktivierte Rechtsschutzstelle, die unter Leitung unseres Vorstandsmitgliedes, Herrn Dr. Karl Steiner, steht, allen Petenten, ohne Unterschied, die bei uns Schütz und Hilfe suchen, dienlich zu sein und ihren Wünschen gerecht zu werden. Wir müssen jedoch mit Bedauern feststellen, daß wir bei den angerufenen behördlichen Stellen nicht immer das entsprechende Entgegenkommen finden. Die „Union" wird sich aber auch in Zukunft durch solche Widerstände nicht abhalten lassen, gegen alle die Ehre, das Leben und die wirtschaftlichen Interessen gefährdenden Ausschreitungen des Antisemitismus die gesetzlichen Schritte zu unternehmen und die Oeffentlichkeit über die Schutzlosigkeit der Juden zu unterrichten. Nach wie vor steht die „Union" in denkbar bestem Einvernehmen zu ihrer deutschen Schwestervereinigung, dem „Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", dessen unübertroffene Energie und weitausgreifende Wirksamkeit uns in vieler Beziehung zum Vorbilde dienen. Die rege Zusammenarbeit mit dieser die gleichen Ziele verfolgenden großen Vereinigung kam auch in zwei Besuchen zum Ausdruck, die uns zwei hervorragende Führer dieser Organisation im vorigen Jahre abgestattet haben. Wir hatten in diesem Jahre das Vergnügen, Herrn Syndikus Dr. Alfred Wiener und Herrn Direktor Dr. Ludwig H o 11 ä n d e r bei uns als Gäste zu begrüßen. Was nun die innerjüdischen Verhältnisse anbelangt, so scheint es, als ob diesbezüglich eine gewisse Befriedigung eingetreten wäre. Dieser momentane Ruhezustand hat seine besonderen Gründe. Die Zionisten sind durch die bekannte Entwicklung des Palästina-Aufbaues in arge politische und finanzielle Schwierigkeiten geraten und es ist klar, daß unter solchen Umständen die so oft beobachtete Angriffslust der Jüdischnationalen jetzt weniger intensiv in Erscheinung tritt. Diese Zurückhaltung unserer innerjüdischen Gegner darf uns aber über die Gefährlichkeit ihrer politischen Aspirationen, an denen sie nach wie vor unbedingt festhalten, nicht hinwegtäuschen. Erst vor einiger Zeit haben die österreichischen Zionisten wieder bewiesen, daß sie nicht daran denken, ihre schon recht verbrauchten politischen Schlagworte aufzugeben. Ihr außerordentlicher Delegiertentag hat wohl gegen die Stimmen der Radikalen und Revisionisten festgestellt, daß die innerpolitische Betätigung nicht mehr Angelegenheit der zionistischen Organisation sei, die Zionisten haben aber damit auf etwas verzichtet wovon sie schon längst nicht mehr Gebrauch machen konnten. Die Erkenntnis, daß zum Beispiel eine jüdischnationale Nationalratskandidatur auf den entschiedenen Widerstand der überwiegenden Mehrheit der österreichischen jüdischen Bevölkerung stößt, und nicht zuletzt der Konflikt in der Seele vieler sozialistisch und zionistisch organisierten Juden haben die allgemeinen Zionisten zu dieser klaren Stellungnahme veranlaßt, nach der sie sich übrigens bei den letzten Nationalratswahlen bereits verhalten haben. Dagegen haben sie nach Aufgabe der innerpolitischen Betätigung beschlossen, „die Arbeit in der Kultusgemeinde als der eigentlichen Stätte der Interessenvertretung der Judenschaft intensiverzubetreiben". Man kann sich vorstellen, was unter einem solchen Beschlüsse zu verstehen ist. Die Zionisten werden wieder ihr Verlangen nach der Umwandlung der Kultusgemeinde in eine „Volksgemeinde" aufstellen und alle jetzt frei gewordenen Kräfte in den Dienst dieser Aktion stellen. Es ist Pflicht der österreichischen Judenschaft, diese bedrohliche Entwicklung der Dinge rechtzeitig zu erkennen und Maßnahmen zu treffen, damit unsere Kultusvorsteher, die auch in den abgelaufenen Jahren :hre Arbeit im Interesse der Wiener Judenschaft ersprießlich fortgesetzt haben, in der „Union" ein starkes Rückgrat finden. Die „Union" hatte in der Berichtsperiode Gelegenheit, ihr reges Interesse für einen rein kolonisatorischen Palästina-Aufbau tatkräftig zu bekunden. Die Frage des Eintrittes in die erweiterte Jewish Agency stellte die „Union" vor eine ernste Entscheidung. Es dürfte gerade gegenwärtig nicht unangebracht sein, aus jener Erklärung, mit der die „Union" als die Vereinigung der nichtnationalen und nichtzionistischen Juden Oesterreichs den Eintritt in die Jewish Agency begleitet hat, den wichtigen einleitenden Satz zu wiederholen, der wie folgt lautete: Dem Beispiele ihrer gleichgesinnten Glaubensbrüder in Amerika, England, Deutschland, Frankreich, Italien und 20 anderen Staaten folgend und getreu ihrer seit Jahrzehnten beobachteten Haltung, hat es die „Union deutschösterreichischer Juden" im Einvernehmen mit dem Klub der unionistischen Kultusvorsteher Wiens als ihre Pflicht erachtet, einer Organisation beizutreten, die, entsprechend dem Mandat des Völkerbundes, helfend und beratend dabei mitwirken soll, verfolgten, entrechteten, ihrer Heimat beraubten Juden eine neue, rechtlich gesicherte Heimstätte zu bieten. Die „Union deutschösterreichischer Juden" begrüßt die Zusammenarbeit der Glaubensbrüder so vieler Länder an diesem philanthropischen Kolonisationswerke, sie legt aber die schärfste Verwahrung gegen jeden, von welcher Seite immer kommenden Versuch ein, diese im Einklang mit dem Völkerbund und der englischen Regierung eingesetzte beratende Körperschaft als eine jüdischnationale oder als eine internationale jüdisch-politische Institution hinzustellen. Rückschauend dürfen wir heute — nach beinahe zwei Jahren — mit wehmütiger Genugtuung die Richtigkeit der in unserer Kundgebung zum Ausdrucke gelangten Einstellung konstatieren. Die erschütternden Ereignisse des August 1929 in Palästina, das englische Weißbuch vom Oktober 1930 und die noch immer nicht Erfolg versprechenden langwierigen Verhandlungen mit der englischen Regierung sind Meilensteine einer Entwicklung, die wir, oft geschmäht und verlästert, immer wieder vorausgesagt haben. Die Frage der Jewish Agency wird in kürzester Zeit unseren Zentralvorstand neuerdings beschäftigen, da bekanntlich im Juni d. J. die zweite Tagung des Councils der Agency einberufen wurde, aus dem unsere beiden bisherigen Vertreter seither ausgetreten sind. Die hier skizzierten Aktionen der „Union" fanden ihren Widerhall in einer Reihe von großen Versammlungen, die von der Zentrale der „Union" veranstaltet wurden. Daneben entfalteten unsere Bezirksorganisationen in der abgelaufenen Berichtsperiode fortlaufend eine überaus rege, in der heurigen Wintersaison aber besonders gesteigerte Versammlungstätigkeit. Aus der Unzahl der Themen und Probleme, die sich zumeist den aktuellen Erfordernissen anpaßten, seien hier angeführt: Ereignisse in Palästina (Referenten Baurat Kempler, Dr. Feldsberg); Preßreform (Dr. Lenk). Unsere Stellung zu den Verfassungskämpfen (Präsident Dr. Ornstein, Hofrat Löwy s. A., Dr. Feldsberg), Berichte über die Tätigkeit des Kultusvorstandes (Reg.-Rat Oppenheim, Baurat Kempler. Dr.Ticho), Ziel und Zweck der „Union" (Dr. Lenk), Kultus und Poliük (Dr. Feldsberg), Märchen von der Blutbeschuldigung (Doktor Steiner), Aufgabe der Wiener Kultusgemeinde (Präsident Dr. Ornstein), Gefahren der neuen „Studentenordnung" (Dr. Hein, Dr. Lenk), Politische Vertretung der Juden Oesterreichs (Dr. Lenk), Absage Weizmanns an den Judenstaat (Dr. Feldsberg). „Union" als Abwehr- und Gesinnungsverein (Dr. Steiner). Lehre der deutschen Wahlen (Dr. Lenk), Politische und wirtschaftliche Lage, der Juden in Oesterreich (Dr. Ornstein), Der Remarque-Film-Rummel (Dr. Feldsberg). Deutschland erwache — Juda verrecke! (Dr. Lenk), Soziale Lage der Ju - den in Oesterreich (Dr. Weiß), Psychologie des Nationalsozialismus (Frau Fischer-Treu), Zurück zur Religion (Dr. Ticho), Die Mission der jüdischen Frau (Dr. Steiner), Aufgaben und Ziele der deutsch-jüdischen Jugend (Carlebach Sekretär Hirschfeld), Psychologie des Antisemitismus (Taubes), Die Aufgaben der Kultusgemeinde (Dr. Feldsberg, Dr Lenk). Orientierung der österreichischjudischen Jugend (Max Mark). Wirtschaftskrise und Antisemitismus (Kettner), Ethik des Judentums (Margulies), Strafrecht der Bibel (Dr. Steiner), Der ethische Wert religiöser Erziehung (Prof.. Baumgarten), Philosemitismus und Antisemitismus (Ing. Lazarus), Die Ethik jüdischer Gebräuche (Dr. Feldsberg), Das jüdisch-christliche Problem (S. Taubes). Vor und während der Beratung des Voranschlages in der Kultusgemeinde wurden in einer Reihe von Bezirken Versammlungen über die Aufgaben der Kultusgemeinde abgehalten. Im allgemeinen kann gesagt werden, daß den ganzen Winter hindurch allwöchentlich mindestens in drei Bezirken Versammlungen abgehalten wurden, die einerseits den Zweck verfolgten, das Interesse unserer Mitglieder an den Vorgängen im jüdischen Leben Oesterreichs wachzuhalten und anderseits die Grundlage für den organisatorischen Aufbau der Bezirke zu bieten. Wenn auch in den einzelnen Bezirken Wiens Bezirksorganisationen unseres Vereines bestanden, so ergab sich denn doch die Notwendigkeit, die Führung in allen Bezirken den erhöhten Anforderungen anzupassen. Dieser Aufgabe hat sich das Sekretariat der „Union" seit August v. J. mit Energie und, wie wir heute mit Befriedigung feststellen können, mit großem Erfolg gewidmet. Besonderer Erwähnung verdient die Bezirksorganisation II, die durch die eifrige Mitarbeit neugeworbener Funktionäre einen besonderen Aufschwung zu verzeichnen hat Abgesehen von zahlreichen Ausschußsitzungen, in denen organisatorische sowie politische Fragen in vertraulicher Form zur Sprache gelangten, hat die Bezirksorganisation fast allwöchentlich eine Mitgliederversammlung abgehalten, die eine starke Anziehungskraft auf die Mitglieder anderer Bezirke ausübt. Die Bezirksorganisation II hat auch zu Chanukka 5690 eine besonders gelungene Chanukka-Feierundals Krönung ihrer gesellschaftlichen Veranstaltungen am 8. März d. J. im Hotel Continental eine Purim-Akadem i e veranstaltet, die als ein Höhepunkt der heuri- LEBENSVERS1CHERUNGS-GESELLSCHAFT PHÖNIX WIEN, 1. BEZIRK, RIEMERGASSE 2 Versich er ongsbestand per Mitte 1930......... . 2450 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 ......J25 , , Garantiemittel per Ende 1929 300 » „ Aaszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 301/, „ „