Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 21 (22.5.1931)
- Date
- 1931-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Di« Wahrheit n Ersdieint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deufschösferreichisch er Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kulftisgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 22. Mai 1931 Nummer 21 Zum Tage unserer Gesetzgebung. Die erste Etappe unserer völkischen Entwicklung kennzeichnet Pessach, das Fest der Befreiung, die gottgewollte Revolution eines Sklavenvolkes, das aller Gefahren »spottend, die Ketten und Fesseln sprengt, nur ein Ziel vor Augen, nur einen Gedanken im Herzen, nur ein Sehnen in der Seele: Freiheit! Und welches Motiv der "Freiheit wird in dem Siegeslied besungen, das Führer und Volk in vollkommener Eintracht gemeinsam anstimmen: Mein Klang und Gesang ist Gott! Er ist mein Helfer. Er ist mein Herr. Ihn will ich erheben, meines Vaters Gottheit rühmend erhöhen . . . Der Ewige wird herrschen immerdar! . . . Auch in anderen unterdrückten Nationen lebte dieser Freiheitsdrang, doch der Umsturz und Umschwung war auch das Zeichen zum Abstreifen des religiösen Joches; und der Sturm der Freiheit machte nicht Halt vor den Hütern des Glaubens, oft nicht einmal vor dem Glauben selbst. Die zweite Etappe, die unser Volk zum Gottesvolk erhebt, die geschenkte Freiheit adelt, verewigt das W o c h e n f e s t als die Zeit der Gesetzgebung. Israel war berufen, als Verlebendigung dieser Gottesgesetze diesen Nationalbesitz durch Länder, Völker und Zeiten zu tragen, um dieses Panier zum Gemeingut der ganzen Menschheit zu erheben. Wie anders würde sich diese entwickelt haben, welch anderes Gepräge würde das Weltbild aufweisen, wenn dieses Gottesgeschenk weiser Gesetzgebung von allen Völkern erkannt und angenommen worden wäre! Wie oft, im Wandel der Zeit, hat man diese Gesetze, selbst im eigenen Lager, für veraltet und unzeitgemäß verschrien und verworfen. Die einen fanden die Bibel zu kapitalistisch, die anderen zu hart und unhaltbar für den Unternehmungsgeist, den Sabbat gut genug für Faulenzer und Müßiggänger, die Speisegesetze überholt durch die neuzeitliche Hygiene; und die moderne. Wirtschaft und der Daseinskampf schoben alle scheinbaren Hemmungen beiseite, um die neuen Theorien in der Praxis umzuwerten und auszuwerten. Und siehe da, plötzlich, im Jammertal einer trostlosen Gegenwart, erfüllt von maßlosem Materialismus, will die moderne Gesetzgebung humaner und sozialer sein als das göttliche Gesetz! Der Sabbat, die Perle der Schöpfung wurde entehrt und geschändet. Die höchste soziale Wohltat in ethischer und sittlicher Hinsicht, dieser Ruhetag der Arbeit und der Arbeitstag der Durchgeistigung und Verinnerlichung schien abgetan und an seine Stelle trat kein Tag des Herrn, sondern eine aufgedrungene und aufgezwungene eintägige Arbeitsunterbrechung. Den Sabbat zu heiligen, welch unzeitgemäßes Ansinnen, doch die Fünf-Tage- Woche ist plötzlich die scheinbar einzige Lösung, um Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen zu bannen. Mord und Totschlag sind Alltagsereignisse. Schon auf den ersten Blättern unserer heiligen Schrift steht es klar und deutlich: „Wer unschuldiges Blut vergießt, dessen Seele soll ausgerottet werden aus der menschlichen Gemeinschaft." Doch auch in dem ehernen Gesetz der Todesstrafe, wie viele mildernde Umstände für die Ausführung und Durchführung! Nicht auf Grund von Indizien kann das Todesurteil gefällt werden, der Täter muß vorher gewarnt worden sein, zwei Augenzeugen der Tat sind zur Verurteilung erforderlich, um einen Justizirrtum auszuschließen. Aber das Grundprinzip, das dem Genius der Menschheit Rechnung trägt, unschuldiges Blut zu sühnen, blieb aufrecht. Und dieses Mitleid, das so selten erwacht und noch seltener in Erscheinung tritt, wird jetzt für die Tierwelt geweckt und organisiert. In einer Zeit, in der Hetzjagd und Pferderennen zu den Lieblingssportfreuden einer Gesellschaft, die man gute nennt, gehören, wagt man es, erfolgreich für das Schlachtverbot einzutreten und es parlamentarisch durchzusetzen, ohne zu bedenken, daß die rituellen Vorschriften auf den tiefsten Grund wirklicher Humanität basieren! All diesem vergeblichen Suchen und Versuchen einer entgötterten Welt nach Lösung und Erlösung gilt die biblische Mahnung: „Nehmet nichts weg davon und füget nichts hinzu!" Das wollen wir auch den modernen Gesetzgebern empfehlen. „Unser Gesetz lasset stehen" . . . Wir aber wollen in diesen Schewuaustagen es als beseeligende Erkenntnis erfassen und bewahren, unser Gesetz ist der Weg zur Freiheit, unsere Freiheit der Weg zum Gesetz. 0. N. Zwei Jahre „Union"'Arbeit. 99 In der am 13. d. M. stattgehabten, sehr zahlreich besuchten Delegiertenversammlung der „Union" erstattete Sekretär Oskar H i r s c h f e 1 d den R echenschaftsbericht über die Tätigkeit der „Union" in den Jahren 1929 und 1930. Wir geben im folgenden einen gekürzten Auszug des umfangreichen Berichtes, der mit großem Beifall entgegengenommen wurde, wieder. D. Red. Als treue Wächterin der Interessen der österreichischen Judenschaft hat die „Union" auch in den beiden Berichtsjahren gemäß ihren Statuten die verfassungsmäßigen Rechte unserer Glaubensgenossen als vollberechtigten und gleichverpflichteten Bürger des Staates energisch verteidigt, zu allen das Judentum berührenden Angelegenheiten des öffentlichen Lebens Stellung genommen und alle Vorgänge im jüdischen Gemeindeleben sorgsam beobachtet. Unser Vaterland durchlebte gerade in dieser Periode schwere politische und wirtschaftliche Krisen. Wenn auch in letzter Zeit in politischer Hinsicht eine gewisse Beruhigung eingetreten ist, so darf uns diese Ruhe nicht die Tatsache verkennen lassen, daß die immer größer werdende Wirtschaftsnot eine Atmosphäre der Verzweiflung und Erbitterung mit sich bringt, die sich vielleicht zu irgend einem mehr oder minder nahen Zeitpunkt auf den bewährten jüdischen Prügelknaben entladen wird, obwohl wir Juden in Wirklichkeit infolge gewisser Umstände womöglich noch schwerer unter der Wirtschaftskrise leiden, als so manche Schichten der christlichen Mitbürger. Gerade dieses Gefahrenmoment hat die „Union" veranlaßt, ihre ernste Aufgabe mit verdoppelter Kraft und Energie zu erfüllen und überall dort zur Stelle zu sein, wo es galt, die österreichische Judenschaft vor Schädigung und Zurücksetzung zu bewahren. Aus dem reichen Betätigungsfeld der „Union" sei zunächst auf ihre erfolgreiche Bemühungen verwiesen, aus dem im Winter des Jahres 1929 im Nationalrate eingebrachten Verfassungsreformentwurf die Entfernung jener Bestimmungen zu erwirken, die für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der österreichischen Juden schwere Gefahren enthielten. Durch eindringliche Proteste und wiederholte Vorsprachen an den maßgebenden Stellen ist es der „Union" gelungen, diese Gefahren abzuwenden. Gegen die von Rassendünkel diktierte „Studentenordnung" an den Wiener Hochschulen hat die „Union" mit allem Nachdrucke bei den kompetenten Behörden Stellung genommen. Es hat ihr insbesondere zur Genugtuung gereicht, daß der bekannte Antrag des Herrn Landesgerichtsrats Dr. Powalatz an den Verfassungsgerichtshof, die „Studentenordnung" als verfassungswidrig aufzuheben, eindeutig feststellt, daß die „Studentenordnung" gegen Artikel 2 des Staatsgrundgesetzes über die Gleichberechtigung der Nationen und Konfessionen verstoße. Dieser Standpunkt ist auch in den wiederholten Eingaben, die die „Union" in dieser Angenttglieder und Freunde der „Union" überfragen Lebens- und FJementar- Yersidierungen der Siädlisdien Versicherungsanstalt